Altjahresabend (31. Dezember 2015)

Römer 8, 31 -39

Liebe Gemeinde,
„Wird’s besser? Wird’s schlimmer? fragt man alljährlich.
Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.“
Von Erich Kästner stammen diese Verse – „Zum Neuen Jahr“, so ihr Titel. Scheinbar leichtfüßig kommen diese Worte daher, aber leichtfertig sind sie nicht gemeint. Sie scheinen jedenfalls zu relativieren, warum wir heute zusammenkommen, um Gottesdienst zu feiern und einem alten Jahr den Abschied zu geben. Es gibt ja in der Tat keinen triftigen Grund, gerade an diesem Abend den Jahreswechsel zu begehen. Die große Wende der Zeiten haben wir mit dem Christfest gefeiert. Und die natürliche Kehre, die Wintersonnwende, ist auch schon vorüber. Und tatsächlich wüssten wir ja auch keine gute Geschichte zu erzählen auf die Frage des Kindes zum jüdischen Passahfest: „Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen?“ Keine Befreiungsgeschichte lässt sich heute Abend erzählen, wie die vom Auszug aus der Sklaverei in Ägypten oder von der Geburt des Heils der ganzen Welt. Dass dieser Silvesterabend nach einem Papst benannt ist und dass ein anderer Papst erst im 16. Jahrhundert beschloss, den Neujahrstag auf den 1. Januar zu verlegen – das sind Kalendergeschichten von der Art, die uns nicht wirklich im Innersten betreffen. Schließlich: Dass wir versuchen, unser Leben zu meistern, so gut es eben geht, dass es uns, so Gott will, gelingt, immer wieder die Schwelle zu überschreiten vom Zaudern zur Zuversicht, von der Selbstsucht zum Mitempfinden, von der Trägheit zur Entschlusskraft, vom inneren Verzagen zu neuem Mut – auch das hängt nicht an einer Datumsgrenze.

Wir sind nicht ungefährdet!Es gibt freilich auch keinen Grund, mit dieser „Lebensgefährlichkeit“ zu kokettieren! Der heiter-ironische Tonfall Kästners trübt uns den Blick nicht für das, was war in diesem zu Ende gehenden Jahr. „Leben ist immer lebensgefährlich.“ Diejenigen, die in diesem Jahr einen Vertrauten verloren haben, werden es heute schmerzlich empfinden. Menschen haben uns verlassen, nach einer langen Phase des Abschiednehmens oder ganz plötzlich und unerwartet. Auf einmal wird uns dann bewusst: Wir sind nicht ungefährdet. Unsere Kräfte sind nicht unerschöpflich, unsere Tage nicht ohne Grenze. Manche haben das in diesem Jahr mit Schrecken erfahren. Andere wieder erinnern sich vielleicht auch mit Dankbarkeit, dass sie in einer Zeit der Verunsicherung und Gefährdung am Ende doch bewahrt geblieben sind.
Und im Großen hat uns alle in diesem Jahr ein Thema beschäftigt, dass uns auch im nächsten und vielen weiteren Jahren beschäftigen wird: Menschen sind zu uns gekommen, zu Tausenden. Menschen, die vor der Lebensgefahr in ihren Ländern geflohen sind und deren Fluchtwege wiederum lebensgefährlich waren. Menschen kamen, die bei uns Schutz und Perspektiven suchen. Die Gefährdung für Leib und Leben, mit der so viele auf dieser Welt tagtäglich zu ringen haben, sie ist uns – das ist wohl die deutlichste Signatur dieses Jahres 2015 – auf eine Weise nahe gerückt, die uns beschäftigen wird und auch ängstigen kann. Viele von uns werden die Frage „Wird’s besser – wird’s schlimmer?“ diesmal mit besonderer Dringlichkeit stellen.

Zuversicht, die durchträgtJa, dieser Wechsel von einem Jahr ins andere ist ein Anlass, sich der Kräfte zu vergewissern, die uns tragen und leiten. Die uns hoffen lassen und aus der bangen Frage „Schaffen wir das?“ ein nüchternes und dennoch zuversichtliches „Wir schaffen das!“ werden lassen.
"Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist!" – Biblische Worte hören wir heute, strahlend-hell und von einer überwältigenden Zuversicht. Worte, die auch durch all die Anfechtungen und Gefährdungen, die Paulus hier aufzählt, nicht eingetrübt werden können: „Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert“– wir können davon ausgehen: Der Apostel weiß, wovon er hier spricht. Dass Leben „immer lebensgefährlich“ ist, darauf kann er als Botschafter des Evangeliums sich seinen eigenen Reim machen. Aber nun und dennoch: All das, schreibt Paulus nach Rom, stehen wir durch. All das werden wir überwinden. Bei weitem. Denn da ist eine Kraft, die uns durchträgt. Geliebt sind wir nämlich, von jeher. Gott ist da und für uns, in Zeit und Ewigkeit. Wie sollte er uns mit Christus nicht alles schenken? Wie sollte er uns nicht in die Lage versetzen, das Dunkel zu bestehen, das uns bezwingen will?

Er lebt, der alles überwunden hatWie kommt einer dazu, so zu reden? Wo holt er das her, diese Zuversicht? Denn das hier ist erkennbar etwas anderes als volltönender Brachialoptimismus, deutlich hörbar eine andere Tonlage als das schulterklopfende „Komm schon, lass dich nicht hängen!“ Das hier ist keine Findigkeit, die für jedes Problem auch schon die Lösung kennt, hier spricht nicht Bob der Baumeister und sein ärmelkrempelndes „Jau, wir schaffen das!“ Das hier ist eine Gewissheit, die der letzten Einsamkeit und Verzweiflung abgerungen ist, die um die äußeren Gefährdungen, aber auch um die innere Seelennot von Menschen weiß, aber eben auch um das, was einzig durchträgt, wenn zwischen Mächten und Gewalten, zwischen Gegenwärtigem und Zukünftigen scheinbar kein noch so kleiner Spalt mehr ist, um zu entrinnen. Paulus hat beides erfahren, die äußeren und die inneren Gefährdungen des Lebens. Aber in ihm lebt, der alles überwunden hat. Christus ist mein Leben, schreibt er anderswo. Das ist es, was ihn jubeln lässt.

Der biblische Kehrvers: „Fürchtet euch nicht!“Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen? Nichts, scheinbar, Leben ist immer lebensgefährlich. „Wird’s besser, wird’s schlimmer?“, fragen wir ständig, und wissen doch um die Fruchtlosigkeit solchen Fragens. Aber fragen wir anders: Warum sollten wir‘s nicht tun, heute, gleichsam auf halber Strecke in dieser jahresdunklen und doch lichtgetränkten Zeit, in der Mitte in etwa zwischen den staunenden Hirten und den anbetenden Weisen, warum sollten wir‘s heute nicht wieder und noch einmal hören, in diesen Worten des Apostels: Das Echo der Engelsbotschaft, dieses große „Fürchtet euch nicht!“, diesen Kehrvers der Bibel gegen und über alles, was uns bedrängen will?! Warum sollten wir heute, da wir nach üblichem Brauch scheiden von einem alten Jahr, uns nicht erinnern lassen an das, was bleibt in allen Umbrüchen, allen Zerwürfnissen und Zerrissenheiten: Von Gott kann uns nichts scheiden! Seine Liebe kam zur Welt, um nach uns zu suchen, mit uns zu gehen und uns über kurz oder lang nach Haus zu bringen. Davon kann niemand und nichts uns fortreißen. Und umgekehrt ist es an uns, nicht loszulassen und uns nicht loszusagen von dieser Liebe, die kein Verstoßen kennt und kein Verlorengehen.
Diese Zeit, die vor uns liegt, dieses Jahr, das vor der Tür steht, wird uns fordern. Wir werden, als Christen, als Kirche Jesu Christi, diese Liebe Gottes zu bezeugen haben, die allen Menschen gilt und die uns zu den Ärmsten und Geringsten weist. Wir werden jenen Mächten und Gewalten standhalten und ins Angesicht widerstehen müssen, die mit der Furcht der Menschen spielen, die den Hass auf Fremde schüren und ihnen sogar nach dem Leben trachten. Und ja, auch das: Wir werden auch den Kräften widerstehen müssen, die ihre Religion zur grausamen Fratze entstellt haben. Die Terror verbreiten und deren Anschläge unsere Gesellschaft und ihre Werte bedrohen.

Kraft und Liebe – und Besonnenheit!Die Anschläge, die vor wenigen Wochen erst unser Nachbarland erschüttert haben, sind uns noch in Erinnerung. Mit allen, die aus der Barmherzigkeit ihres Gottes leben, werden wir denen entgegentreten müssen, die gegen diese Barmherzigkeit freveln, schändlicherweise im Namen Gottes. Selten, liebe Gemeinde, war für mein Empfinden die Dreiheit der Geistesgaben so wichtig, an die uns der 2. Timotheusbrief erinnert, wonach Gott uns „nicht den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ gegeben hat. Solche Gaben werden wir brauchen. Denn sie tragen weiter als eine kurze sommerliche Begeisterungswelle des Willkommens, der nun die vielen Mühen der Ebene folgen werden.
So viel zum großen Ganzen. Auch für sich persönlich mag jeder und jede in dieser Stunde bedenken, was da alles war im alten Jahr, und was ein Neues mit sich bringen mag. „Wird’s besser, wird’s schlimmer?“ – im Letzten ist nicht entscheidend, was kommen wird. Wir können diese Frage ohnehin nicht beantworten. Auch darauf kommt es nicht an, dass diese Nacht im Grunde sich nicht unterscheidet von anderen Nächten und Tagen unseres Lebens. Zuerst und zuletzt ist entscheidend, was uns tragen kann und gewiss werden lässt, an jedem neuen Tag und in jeder neuen Lebenskehre.

Übungsstunde in Abschied und AufbruchNehmen wir also dieses einigermaßen willkürliche Datum eines Jahreswechsels, um uns zu üben in dem, was jederzeit und alle Jahre wieder Kennzeichen und Herausforderung unseres Lebens ist: Abschied zu nehmen und aufzubrechen, Altes loszulassen und Neues willkommen zu heißen, Rückschau zu halten – prüfend, kritisch, versöhnlich und dankbar – und nach vorne zu schauen, sich auszurichten auf das unbekannte Land, das vor uns liegt. Und in all dem vertrauen zu können, getrost zu sein, sich getragen zu wissen und gewiss zu werden, dass wir nicht ohne Weggeleit und Hoffnung sind.
Wie kommen wir dazu? Wo holen wir sie her, diese Zuversicht? Die Wende aller Zeiten haben wir gefeiert. Davon kommen wir her in diesen Tagen. Gott wurde Mensch, eingeboren in den Riss der Welt, um ihre Bedürftigkeit und Verletzlichkeit am eigenen Leib zu tragen. So sehr hat er die Welt und alle Kreatur geliebt, dass er sein Erstes, Liebstes gab, damit wir alle aus der Liebe leben könnten. Wir wurden reich beschenkt in diesen Tagen. Wie sollte also Gott in Christus uns nicht alles schenken, was wir brauchen, um unser Leben zu bestehen, auch in einem neuen Jahr?
Amen.

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