Altjahresabend (31. Dezember 2025)
Pfarrer i.R. Dr. Gerhard Schäberle-Koenigs, Bad Teinach-Zavelstein [gerhard.schaeberle-koenigs@web.de]
Hebräer 13,8.9b
Intention
Die Predigt legt ihren Schwerpunkt auf das „feste Herz“. Den rasanten Veränderungen in allen Lebensbereichen, wie wir sie gerade erleben, setze ich die Kirchenglocken entgegen, insbesondere die Glocke, die die vollen Stunden anzeigt.
Liebe Gemeinde,
an diesem Abend, bevor das alte Jahr zu Ende geht und das neue beginnt, hören wir auf ein Wort aus dem Hebräerbrief, im 13. Kapitel:
„Jesus Christus ist derselbe –gestern und heute und für immer.
Lasst euch nicht irreführen durch vielfältige fremde Lehren. Denn es ist gut, dass euer Herz durch Gottes Gnade gefestigt wird – und nicht durch Speisevorschriften. Die haben noch niemandem genützt, der sie befolgt.“
Ein festes Herz wäre ein köstlich Ding
Liebe Gemeinde, ein festes Herz ist ein köstlich Ding. Das können vor allem diejenigen sagen, die schon einmal erlebt haben, dass ihr Herz angefangen hat zu flattern oder deren Herz wie verletzt war, weil ihnen Schlimmes zugestoßen ist; eine Krankheit, ein Unfall, ein beruflicher Absturz. Oder sie haben einen lieben Menschen an ihrer Seite verloren, auf den sie sich immer verlassen konnten. Jetzt ist er oder sie nicht mehr da. Wie soll das Leben weitergehen? Es ist nicht wieder ungeschehen zu machen. Aber wenigstens wieder Halt fürs Herz zu finden, das wäre doch schon köstlich. Ein Herz, das nicht mehr flattert, sondern ruhig und stetig seinen Dienst tut.
Ein festes Herz, das wäre doch ein köstlich Ding. So viele Menschen sehnen sich danach.
Ein festes Herz ist kein Dickkopf. Ein festes Herz verleitet mich nicht dazu, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, sondern es öffnet mir die Augen für das, was jetzt trotz allem möglich ist und was jetzt zu tun ist. Und auch für das, was ich lassen kann. Ein festes Herz jagt nicht jeder Mode nach. Ein festes Herz lässt sich nicht durch erfundene oder gelogene Behauptungen verunsichern. Ein festes Herz gibt mir Stärke.
Angst ging um bei den ersten Christengemeinden
Ein festes Herz brauchten auch diejenigen Christen, für die der Hebräerbrief geschrieben wurde.
Sie lebten weit verstreut, manche fern Ihrer Heimat. Sie stützten sich gegenseitig in den jungen christlichen Gemeinden. Sie kamen zusammen zu ihren gottesdienstlichen Feiern. Sie waren fest überzeugt: Christus, der von den Toten auferstanden ist, hat auch uns den Weg in ein neues Leben gebahnt.
Das Leben, das sie in ihrem Glauben zu bewältigen hatten, war mühsam. Sie erlebten viel Feindschaft. Sie wurden verlacht, verspottet, gedemütigt und immer wieder wurden sie Opfer von Gewalt, sei es von staatlichen Stellen oder von übermütigen Schwächlingen, die es sich selbst und anderen zeigen wollten, wie mächtig sie sind.
Angst ging um. Und immer wieder stand die Frage im Raum: Werden wir zusammenbleiben können? Werden wir vertrieben? Werden unsere Häuser niedergebrannt, unsere Kinder weggenommen? All das Schreckliche, was Gewaltmenschen heute andern antun, das kannten sie auch. Dem Lehrer der frühen Kirche, der den Hebräerbrief schrieb, lag es am Herzen, ihnen gut zuzureden. „Stärkt die müden Hände und die wankenden Knie und macht sichere Schritte mit euren Füssen, damit nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde.“
Dazu braucht es ein festes Herz.
Wie wird ein Herz fest?
Wie kann das gelingen? Wenn Sie sich umhören in Ihrem Bekanntenkreis, hören Sie viele Tipps und Ratschläge: „Achte auf einen geregelten Tagesablauf. Wenn du auf einem Bahnhof oder im Kaufhaus bist, benütze keine Rolltreppe. Geh zu Fuß die Treppen hoch. Schenk dir jeden Tag eine halbe Stunde Spaziergang im Wald. Beweg dich. Komm mit Menschen zusammen, die dir guttun.“
Das sind gute Ratschläge. Wer sie befolgen kann, tut seinem Herzen, seinem Körper und seiner Seele einen guten Dienst.
Doch jener Lehrer der frühen Kirche lenkt unsere Sinne in eine ganz andere Richtung. Er stellt in den Raum: „Jesus Christus gestern, heute und in Ewigkeit.“
Er weiß, unser Leben wird vergehen. Wir selbst verändern uns im Lauf unseres Lebens. Vieles, das vielleicht in der Mitte des Lebens ganz wichtig war, verliert mit zunehmendem Alter an Bedeutung. Wir lernen andere Menschen kennen. Freundschaften schlafen ein. Neue Beziehungen entstehen.
Die Welt um uns verändert sich. So schnell, dass wir gar nicht hinterherkommen.
Alles, was besteht, wird vergehen. Sogar Himmel und Erde werden vergehen.
Doch er ist sich sicher: Einer bleibt: Jesus Christus, Gottes Sohn, ist heute derselbe wie gestern. Und er wird, auch wenn alles vergeht, noch in Ewigkeit derselbe sein – ob wir’s glauben oder nicht.
Hört auf die Glocken
Wir gehen wohl mit gemischten Gefühlen dem Neuen Jahr entgegen. Mit Hoffnungen, mit Vorfreude, aber auch mit Sorgen und Ängsten: Was wird werden mit dieser Welt? Wird es weitergehen, dass machtgierige Herrscher Menschenleben zerstören, Häuser zerbomben, ganze Städte und Länder verwüsten? Und: Wird es uns auch noch treffen?
Doch wer Ohren hat zu hören, der hört noch ganz andere Töne außer den Fortschrittsprophezeihungen oder den düsteren Katastrophenvorhersagen.
Ich meine die Glockentöne aus unseren Kirchtürmen.
In vielen Kirchtürmen hängen drei Glocken. Sie haben unterschiedliche Tonhöhen und unterschiedliche Aufgaben. Die Kleinste mit dem höchsten Ton ist meistens die Taufglocke. Die größte mit dem tiefsten Ton schlägt die vollen Stunden, die mittlere zählt die Viertelstunden. Und alle zusammen läuten zu Beginn des Gottesdienstes.
Die Glockengießer haben meistens den Glocken Inschriften mitgegeben. Manchmal wurde der großen Glocke eingegossen: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Damit schickt diese Glocke zusätzlich zu ihrer vordergründigen Botschaft – wieder ist eine Stunde deines Lebens verstrichen – noch eine ganz andere, untergründige Botschaft den Menschen, die hören können:
Wenn auch alles fließt und nichts bleibt, wie es war, einer bleibt sich treu: Der Anfänger und Vollender unseres Glaubens.
Menschen verlassen dich, oder wie es heißt: Sie segnen das Zeitliche. Du musst dein Leben neu einrichten, Vertrautes sein lassen, neue, ungeahnte Wege gehen. Und doch: Einer bleibt dir treu. Es ist der, der von sich sagt: „Ich werde bei euch sein alle Tage bis an der Welt Ende.“
Ein neuer Mensch tritt in dein Leben, ein Kind wird geboren, oder die Liebe zu einem Menschen erwacht. Alles wird anders. Du bist selig vor Glück. Und in allem, was sich nun ändern wird, bleibt eins gleich. Es ist Gottes Versprechen: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“
Dein Leib zeigt Spuren der Zeit. Eine Krankheit taucht auf und plagt dich, macht dir Angst, du musst dein Leben darauf einstellen. Vieles geht nicht mehr, was früher selbstverständlich war. Die Zukunft erscheint schwarz. Aber der Eine bleibt, der von sich sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben.“
Hören wir noch einmal auf die große Glocke. Sie hat einen tiefen vollen Ton. Sie zeigt unüberhörbar das Vergehen der Zeit an. Und sie trägt womöglich in sich diese gleichbleibende Wahrheit: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“. Und wenn sie zusammen mit den anderen Glocken läutet zu Beginn des Gottesdienstes oder heute Nacht zu Beginn des Neuen Jahres, dann baut sich auf ihrem tiefen vollen Ton die Harmonie des Geläuts auf.
Es mag in unserem Leben jede Menge Dissonanzen geben. Entwicklungen und Veränderungen, die so weh tun, dass man sich am liebsten die Ohren zustopfen möchte und nichts mehr davon hören. So vieles tritt gleichzeitig an uns heran und fordert: Du musst neues lernen. Du musst dich umstellen. Du musst besser werden. Es mag sein, dass jemand voller Sorge und mit Ängsten geplagt ins neue Jahr geht, oder aber draufgängerisch und mutig sich alles einverleiben will, was kommen wird an neuen Erfahrungen, an neuen Einsichten und neuen Erkenntnissen.
Doch wenn wir in dem Lärm der Welt unseren Weg gehen wollen, dann werden wir immer wieder versuchen, den Grundton herauszuhören und uns an ihm zu orientieren. Damit wir nicht durch allerhand schrilles Geschrei mal hierhin und mal dorthin getrieben werden oder immer atemloser dem allerletzten Schrei nachjagen.
Der Grundton unseres Glaubens
Der Grundton unseres Glaubens ist der: Gott hat sich durch seinen Sohn Jesus Christus auf unsere Seite gestellt. Er begleitet unser Leben. Er bleibt dabei durch alle Veränderungen hindurch, durchs Dunkle und durchs strahlend Helle. Auf den schönen, erfolgreichen Wegen und auch durch Misserfolge hindurch.
Wir können nicht stehen bleiben, nicht an Vergangenem hängen bleiben. Die große Glocke mit ihren Stundenschlägen zeigt uns, dass nichts für immer bleiben kann, wie es mal war. Doch wenn sie schwingt, wenn sie klingt beim Läuten, dann heißt das: Innehalten. Achthaben. Verbindung suchen mit dem, der bleibt, gestern, heute und in Ewigkeit. Verbindung suchen mit den einfachen Worten, die er gesagt hat, mit dem Vater-Unser. Verbindung suchen im Stillesein auf der Kirchenbank. Oder bereit werden, die Hand hinzuhalten, um zu empfangen, was er gibt, nur Er: Brot und Wein, himmlische Gaben, für mich zum Heil.
Denn in aller Unruhe der Zeit mit ihm in Verbindung zu kommen, das macht, dass das Herz fest wird. Dass es gefasst wird und nicht verlorengehen kann auf den unübersichtlichen Wegen, die vor uns liegen. Ein festes Herz ist ein köstlich Ding. Amen.
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