Buß- und Bettag (18. November 2026)
Jesaja 1,10–18
IntentionNicht Frömmigkeit an sich prangert Jesaja im Namen Gottes an, sondern Frömmigkeit ohne Mitmenschlichkeit. Gottes Gnade und Vergebung schenken Freiheit zu entschlossenem mitmenschlichem Handeln.
Jesajas GerichtsredeIm 8. Jahrhundert vor Christus, zur Zeit des Propheten Jesaja, war das Reich Juda in einer verzweifelten Lage. Die Großmächte klirrten mit den Waffen. Die Assyrer hatten Juda überfallen, viele Dörfer und Städte verwüstet. Allein Jerusalem war bisher verschont geblieben. Unter dem Eindruck der bedrohlichen Lage wird ein Buß- und Bettag ausgerufen. Man will Gott dazu bringen, das drohende Schicksal, die Eroberung Jerusalems, abzuwenden Doch diese Hoffnung der Gottesdienstbesucher wird jäh zerstört. Sie bekommen nicht die tröstlichen Worte des Priesters zu hören, sondern eine schonungslose Gerichtsrede des Propheten Jesaja:
„Höret des HERRN Wort, ihr Herren von Sodom! Nimm zu Ohren die Weisung unsres Gottes, du Volk von Gomorra! Was soll mir die Menge eurer Opfer?, spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke. Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor meinem Angesicht – wer fordert denn von euch, dass ihr meine Vorhöfe zertretet? Bringt nicht mehr das so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel! Am Neumond und Sabbat ruft ihr Zusammenkünfte aus, ich halte Frevel und Festlichkeit nicht aus! Eure Neumondfeste und eure Festversammlungen sind mir (in tiefster Seele) verhasst; sie sind mir eine Last, ich bin’s müde, sie zu tragen. Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut. Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen. Lasst ab vom Bösen, lernt Gutes tun! Trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache. ‚So kommt denn und lasst uns miteinander rechten‘, spricht der HERR. Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Purpur, soll sie doch wie Wolle werden.“
Die Mahnung des Jesaja„Fürsten von Sodom“, „Volk von Gomorra“ nennt Jesaja die Gottesdienstbesucher, und damit bringt er zum Ausdruck: Die Herrschenden und das Volk verhalten sich ebenso frevelhaft wie jene Bewohner der Städte Sodom und Gomorra. Und: Die Verheerungen beider Städte waren zu jener Zeit schon so bekannt, dass diese Anspielung genügte, um das Ende Jerusalems unmissverständlich ins Bewusstsein zu rufen. Jesaja greift mit seiner Anklage die für Regierung, Verwaltung und Recht Verantwortlichen ebenso heftig an wie jene aus dem Volk, die durch Opfer jeglicher Art und durch das Halten von Festtagen nichts anderes erreichen wollen als das Vertuschen ihrer Machenschaften außerhalb der Höfe und Vorhöfe des Tempels. Die Tieropfer dienten der Verschleierung der Menschenopfer.
Der Buß- und Bettag heuteUm den Umgang von Menschen mit Menschen ging es damals und geht es am Buß- und Bettag in heutiger Zeit. Die evangelische Kirche hat 1995 den Buß- und Bettag geopfert, damit der Arbeitgeberanteil an der neu geschaffenen sozialen Pflegeversicherung ausgeglichen werden konnte. Ich erinnere mich an den März 1995, als im Landtag von Baden-Württemberg – ich war zu jener Zeit Abgeordnete – die Entscheidung fiel, dass der Buß- und Bettag nicht mehr ein gesetzlicher Feiertag sein wird, sondern ein besonders geschützter kirchlicher Feiertag. Dem waren Debatten vorausgegangen, denn auch der Pfingstmontag stand zur Disposition. Gut, dass der Buß- und Bettag als besonders geschützter kirchlicher Feiertag immer noch begangen und gefeiert wird mit Gottesdiensten, zunehmend auch in geschwisterlich-ökumenischer Verbundenheit. Niemand lebt so, dass er oder sie keinen Anlass zur Umkehr hätte. Wir alle sind hineinverwoben in eine Menschenwelt, die uns täglich vor Augen führt: Von gerechten Strukturen – hier bei uns und weltweit – sind wir noch weit entfernt. Gut, dass die Buße unser Thema ist und nicht das Gericht. Gut, dass wir nicht auf ewig festlegt sind auf unser Verhalten – und gut, dass wir umkehren können. Genau darum geht es am Buß- und Bettag: Der Buß- und Bettag ist ein Tag der Besinnung. Es tut gut, einen Tag zu haben, an dem man bei sich bleiben und über sich nachdenken darf. Der Buß- und Bettag ist ein Tag der Umkehr, der Neuorientierung. Er dient auch dem Nachdenken über gesellschaftliche Irrtümer wie Ausländerfeindlichkeit, Umweltzerstörung und soziale Ausgrenzung. Wahrer Gottesdienst bedeutet: Lernt Gutes tun – trachtet nach Recht und Gerechtigkeit – helft den Unterdrückten – solidarisiert euch mit den Waisen – streitet für die Witwen. Gott ist ein Schützer und Hüter des Lebens, ein Anwalt für die Schwachen. Gott will keine schönen spirituellen Gottesdienste als Selbstzweck, und daneben verelenden die Armen.
Die Würde des Menschen ist unantastbarEin Satz aus der kirchlichen Dogmatik Karl Barths drückt dies in überzeugendster Weise aus: „Der Mitmensch in seiner Bedrängnis, Schande und Qual stellt uns vor die Armut und Heimatlosigkeit, vor die Wundmale, vor den Leichnam, an das Grab Jesu Christi.“ Er findet in weltlichen Kategorien übertragen seinen Ausdruck in Artikel 1 unseres Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Er beinhaltet auch die Erkenntnis, dass die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus die Trennung von sakralen und profanen Bereichen endgültig durchbrochen hat.
Buß- und Bettag – ein Tag der politischen Einmischung der KirchenDie Kirche hat die Welt, die stets in Gefahr ist, die Gebote Gottes zu vergessen, zu erinnern, dass auch das staatliche Leben in der Verantwortung vor Gott steht. Es entspricht dem Willen Gottes, wenn Sünde Sünde genannt wird. Die Kirche kann und muss Stellung beziehen und handeln: wenn zum Beispiel die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander geht. Wenn die Politik an denen spart, die wenig Fürsprecher haben: bei Alleinerziehenden, Kindern, Kranken, Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen. Wenn Menschen auf der Flucht auch in unserem Land bedroht und missachtet werden. Wenn die Lebensgrundlagen unserer Erde zerstört werden. Wenn Krieg wieder zum Mittel der Auseinandersetzung zwischen den Völkern wird. Wenn unsere Demokratie mit rechten Parolen und Verachtung beschädigt wird. Und auch heute braucht es Mut, sich Herrschern entgegenzustellen. So geschehen am 21. Januar 2025 bei der Amtseinführung von Präsident Donald Trump.
Die anglikanische Bischöfin Mariann Edgar Budde stand nur wenige Meter vom Präsidenten entfernt, als sie das Wort ergriff. Sie schaute Trump direkt an und mahnte den Mann, der sich tags zuvor bei seiner Rede zur Amtseinführung als Auserwählter Gottes inszeniert hatte:
„Im Namen Gottes bitte ich Sie, haben Sie Erbarmen mit den Menschen in unserem Land, die jetzt Angst haben. Die große Mehrheit der Einwanderer sind keine Kriminellen. Sie zahlen Steuern und sind gute Nachbarn.“ Nachdrücklich verwies sie auf die „Menschen, die unsere Ernte einbringen, unsere Bürogebäude reinigen, in Geflügelfarmen und Fleischfabriken arbeiten, die nachts in Krankenhäusern Dienst tun“. Besonders eindringlich war ihr Appell für die „Kinder, die fürchten müssen, dass ihre Eltern weggebracht werden“.
Lehrmeister für unseren WegGott lässt die oftmals geäußerte Ausrede, allein könne man ja doch nichts ändern, nicht gelten. Wir leben schließlich in seiner Gemeinde. Der sonntägliche Gottesdienst muss zum Gottesdienst im Alltag werden. Und sind wir nicht in der glücklichen Lage, einen Lehrmeister für unseren Weg zu haben? Einen Lehrmeister, der unsere Herzen öffnen, der den Horizont für unsere Augen weitet? Der selbst diesen Weg gegangen ist mit allen Konsequenzen bis zum Kreuz? Jesus Christus hat sich gerade denen zugewandt, die zu den Opfern gehören: Aussätzigen und Kranken, Kindern und Alten, Verlorenen und Geächteten. Das Leben und Sterben Jesu zeigt uns, wo wir zu gehen haben, weist und als Christen und Christinnen – als Kirche – auf die Seite der Opfer, gerade weil in unserer Zeit das Einsetzen für Opfer mehr als nötig ist. Dazu bedarf es oft nur kleine Schritte.
Und wir sind auch als Ökumene nicht allein. Dazu eine kleine Geschichte aus dem Islam. Sie ist einem Buch von Navid Kermani entnommen:
„Als Scheich Abu Said, einer der berühmtesten Mystiker des elften Jahrhunderts nach Tus kam, einer Stadt im Nordosten des heutigen Iran, strömten in Erwartung seiner Predigt so viele Gläubige in die Moschee, dass kein Platz mehr blieb. ‚Gott möge mir vergeben‘, rief der Platzanweiser: ‚Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näherkommen.‘ Da schloss der Scheich die Versammlung, bevor sie begonnen hatte. ‚Alles, was ich sagen wollte und sämtliche Propheten gesagt haben, hat der Platzanweiser bereits gesagt‘, gab er zur Erklärung, bevor er sich umwandte und die Stadt verließ.“
‚Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näherkommen.“ Diesen Schritt wünsche ich uns allen am Buß- und Bettag 2026 mit Gottes Gnade und Segen. Amen.
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