1. Weihnachtsfeiertag (25. Dezember 2017)

Autorin / Autor: Pfarrerin Claudia Kook, Nürtingen [claudia.kook@elkw.de]

1. Johannes 3, 1-6

Liebe Gemeinde,
Weihnachten hat mit einem großen Geheimnis zu tun. Ein Geheimnis, das offenbar wird und dennoch geheimnisvoll bleibt, wundervoll, berührend. Das Geheimnis des Kindes, das für uns geboren wird. Ein Geheimnis, das uns daran erinnert, wer wir sind: Kinder Gottes.

Im Predigttext aus dem 1. Johannesbrief Kapitel 3 heißt es:
„Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt.
Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“

Liebe Gemeinde,
Ich möchte Ihnen von drei Personen erzählen, die dieses Weihnachtsgeheimnis in besonderer Weise erfahren haben.

Gotteskindschaft: unzerbrochen und aufrechtAm Morgen des Heiligen Abends holt Eberhard, 52 Jahre alt, die Krippenfiguren aus dem Schrank. Wie jedes Jahr hört er dabei die Schallplatten seiner bewegten Jugendzeit. Im Moment singt Joan Baez (1) ihr Lied für die Kinder dieser Welt: „Sind so kleine Hände, winz’ge Finger dran. Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann.“ Eberhard stellt die Figuren auf, die Hirten, Maria und Josef, das Jesuskind. „Sind so kleine Münder, sprechen alles aus, darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus“ singt Joan Baez weiter. In die Mitte stellt er die Krippe, legt duftendes Heu hinein, damit das Jesuskind weich liegt. „Ist so’n kleines Rückgrat, sieht man fast noch nicht. Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht.“ Eberhard hält inne, wiegt die kleine Jesusfigur in der Hand, dann bettet er das kleine Kind vorsichtig in dem Heu. Währenddessen singt er die letzte Strophe laut mit: „Grade klare Menschen wär’n ein schönes Ziel. Leute ohne Rückgrat, hab’n wir schon zu viel.“
Eberhard betrachtet das Ensemble, die Figuren um die Krippe herum, das Jesuskind in Windeln gewickelt. Er stellt eine Kerze dazu und zündet sie an. Darum geht es, denkt er. Um dieses Kind. Dass wir uns wiederfinden in diesem Kind. Gotteskinder sind wir.
So sieht die Gotteskindschaft aus: dass wir unzerbrochen sind, heil, mit geradem und aufrechten Rückgrat. Die Erfahrung steht oft dagegen. Aber eine Ahnung können wir gewinnen, wenn wir Weihnachten feiern. Das Geheimnis der Gotteskinder leuchtet in diesem Kind in der Krippe auf.

Lied EG 27, 1-2 Lobt Gott ihr Christen alle gleich…

Gotteskindschaft – verletzlich und kostbarGertrud, 63 Jahre, sitzt zu Hause in ihrer leeren Wohnung. Das Herz ist ihr schwer. Die Glieder sind wie Blei. Doch sie rafft sich auf. Sie will wenigstens die Christvesper ihrer Kirchengemeinde besuchen. „Ich habe es doch immer allen recht gemacht. Uns ging es doch gut. Warum bricht alles auseinander? Gerade jetzt vor Weihnachten?“ murmelt sie vor sich hin. Weihnachten war ihr immer das wichtigste Fest gewesen. Als kleines Mädchen hatte sie eifrig die längsten Krippenspieltexte auswendiggelernt und fehlerfrei aufgesagt. Später hatte sie das ganze Haus in wundervollem Glanz erstrahlen lassen. Nicht nur, weil man das so macht, sondern weil es ihr wichtig war. Weil sie dachte, der Herr Jesus soll sich wohlfühlen, wenn er kommt. Sie hatte sich Mühe gegeben, ein besserer Mensch zu werden. Ihr Leben lang. Ein bisschen dem Herrn Jesus ähnlich. Und jetzt ist alles auseinandergebrochen. Warum?! Ihr Mann hatte gesagt, er halte es mit ihrem Perfektionismus nicht mehr aus. Wie ein Messer bohrt sich dieser Satz in ihr Innerstes. Und die beiden Kinder wollten dieses Jahr lieber mit ihren Freunden feiern, sie wollten nicht nach Hause kommen, in ein Zuhause, das sich so sehr verändert hatte. Vor ein paar Tagen hatte sie eine Panikattacke, weil ihr die Vorstellung, Heiligabend alleine zu sein, große Angst machte. Eine Freundin lud sie ein. Aber dann lehnte Gertrud doch ab. Sie richtete zu Hause alles so schön her wie immer, und jetzt sitzt sie hier und nimmt ihre letzte Kraft zusammen, um in die Kirche zu gehen.

Im Gottesdienst taucht sie in die Atmosphäre ein. Sie singt die Lieder mit. Sie saugt die Worte in sich auf. Sie bewundert die sorgsam aufgebaute Krippe. Das kleine zarte Jesuskind. Und irgendwie macht es „klick“. Plötzlich ist ihr klar: Es geht gar nicht darum, ein immer besserer Mensch zu werden, es geht nicht darum, gottgleich zu werden. Das ist gar nicht nötig. Sondern Gott wird Mensch. Es ist ganz und gar umgekehrt. Während ich mich bemüht habe, über mich hinauszuwachsen, mein Menschsein hinter mir zu lassen, wird Gott Mensch .(2) Gott wird wie ich. Wie ich in meiner Traurigkeit. In meinem Schmerz. Gott wird Mensch und zeigt mir, wer ich bin. Menschlich, zerbrechlich, und kostbar. Das vor allem: unendlich kostbar. Ein Kind Gottes. Die Pfarrerin sagt es in ihrer Predigt: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!“
Endlich kann ich Mensch werden. Endlich kann ich der Mensch werden, der ich bin.
Es fällt eine Zentnerlast von ihr ab. Und als die Orgel wieder einsetzt, kommen ihr die Tränen.

Anschließend geht sie doch nicht nach Hause, sondern sie läutet bei der Freundin. Die ist etwas erstaunt, dass Gertrud nun doch vor der Türe steht, umarmt sie dann aber herzlich und nimmt sie mit ins Haus.

Lied EG 27, 3-4 Er äußert sich all seiner G‘walt…

Gotteskindschaft – verborgen im Hier und JetztMarvin, 14 Jahre, sitzt vorne in der ersten Reihe. Die Kirche ist bis auf den letzten Platz belegt. Gleich ist er dran. Die Konfirmanden gestalten das Krippenspiel an Heiligabend. Das ist in dieser Gemeinde so üblich. Gleich wird Marvin aufstehen und seinen Satz sagen: „Euch ist heute der Heiland geboren!“ Im Konfi-Unterricht haben sie darüber gesprochen. Marvin hatte gesagt: „Was bringt es denn den Hirten, wenn sie wissen, dass da der Heiland ist. Davon können sie sich auch nichts kaufen. Oder macht sie das reicher? Angesehener? Wohl kaum.“ Der Pfarrer hatte versucht zu erklären, dass es schon etwas verändert, wenn die Menschen wissen, dass sie Gottes geliebte Kinder sind. Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit hatte Marvin aufbrausend reagiert: „Wenn das nur Gott weiß und sonst keiner, bringt mir das gar nichts!“

Beim Hinausgehen hatte der Pfarrer Marvin aufgehalten und gefragt, was los ist. Nach einigem Hin und Her erzählte Marvin, wie er in der Schule gemobbt wird. Und auch von den anderen Konfis, wenn es der Pfarrer gerade nicht sieht. Und dass das Leben für ihn deswegen die Hölle ist. Der Pfarrer war sehr betroffen. Sie haben noch lange geredet. Darüber, dass der Wert eines Menschen nicht an dem hängt, was andere sagen. Das hier ist nur das „Hier und Jetzt“. Aber es gibt noch mehr. Es gibt noch eine tiefere Wahrheit. „Dein Wert als Mensch hängt an Gott“, sagte der Pfarrer. „Weil du ein von Gott geliebtes Kind bist, bist du der wertvollste Mensch auf der Welt. Wie jeder andere Mensch im Übrigen auch.“ Aber das ist manchmal noch nicht sichtbar, hatte der Pfarrer erklärt. „Wir sind schon Gottes Kinder, es ist aber noch nicht offenbar geworden.“ Das heißt so viel wie: kann sein, dass es noch keiner merkt. Aber trotzdem ist es so. Trotzdem ist es wahr. Auch jetzt schon. Und irgendwann wird es für alle sichtbar sein, wer wir sind. Bis es soweit ist, weißt du aber schon jetzt, dass Gott dir ins Herz schaut und dich liebt. Und das verändert sehr wohl etwas. „Probiere es mal aus!“ hatte der Pfarrer gesagt.

Marvin hatte es ausprobiert. Am nächsten Tag sagte er sich immer wieder: „Ihr habt alle keine Ahnung. Ihr liegt falsch. Gott steht auf meiner Seite. Das ist die Wahrheit.“ Und tatsächlich: Marvin spürt etwas in sich: eine Kraft. Ein Trotz. Was die anderen sagen, macht ihm nicht mehr ganz so viel aus. Und dadurch wird es für die anderen langweilig. Das ist das Beste daran.

All das geht Marvin durch den Kopf, wie er da im Weihnachtsgottesdienst in der ersten Reihe sitzt und auf seinen Auftritt wartet. Diese neue Erfahrung fühlt sich gut an. Und als er dann endlich mit seinem Text dran ist, kann er es gar nicht erwarten, diese wichtigen Worte so laut und eindringlich wie nur irgend möglich zu rufen: „Euch ist heute der Heiland geboren!“

Lied EG 27, 5-6 Er wird ein Knecht und ich ein Herr…

Anmerkungen:
1 Bekannt geworden durch Joan Baez, aber eigentlich von Bettina Wegner, 1978: „Sind so kleine Hände…“
2 Dietrich Bonhoeffer: „Während wir uns bemühen, über unser Menschsein hinauszuwachsen, den Menschen hinter uns zu lassen, wird Gott Mensch und wir müssen erkennen, dass Gott will, dass auch wir Menschen, wirkliche Menschen seien.“


Mein Weg zur Predigt:
Ich habe mir die Freiheit genommen, nur die ersten zwei Verse der für das Christfest vorgesehenen Perikope herauszugreifen. Meiner Meinung nach lenken die weiteren Verse mit ihrem schwierigen Thema zu sehr von dem eigentlichen Schwerpunkt, der verborgenen Gotteskindschaft, ab. Und gerade am Christfest möchte ich die Gemeinde nicht mit zu vielen theologischen Erklärungen und Klimmzügen irritieren, sondern die Gotteskindschaft auch in ihrer Verborgenheit verlockend und tröstlich vor Augen führen. Dies tue ich in drei in sich geschlossenen Predigtabschnitten. Es bietet sich an, diese Predigtabschnitte jeweils mit einem Lied (mein Vorschlag wäre EG 27) oder mit meditativer Musik abzuschließen.


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