Drittletzter Sonntag des Kirchenjahrs (08. November 2015)

Autorin / Autor: Pfarrerin Dr. Antje Fetzer, Waiblingen [antje.fetzer@ev-michaelskirche.de]

Lukas 17, 20-24

Liebe Gemeinde,
was ist das Reich Gottes? Was dürfen wir uns davon versprechen? Welche Wirkung wird es auf uns haben?
Sie merken schon: So wie ich frage, klingt es nicht so, als sei es schon angebrochen.
So viele Kriege in dieser Welt, so viele Menschen auf der Flucht vor dem Terror im Nahen Osten, vor der Armut im fernen Süden. So viele Krankheiten, die schon Kinder zum Tod verurteilen. So viel himmelschreiende Ungerechtigkeiten, die niemand ahndet, die Edward Snowdons dieser Welt geächtet, statt der Spione. – Das Reich Gottes kann noch nicht da sein, oder?

Versprochen hier und jetztUnd doch: Jesus selbst hat uns das Reich Gottes, diesen großen Fluchtpunkt unserer Sehnsucht nach Frieden und der Aufhebung allen Leids, versprochen, und zwar hier und jetzt. „Das Reich Gottes ist mitten unter euch!“, hat er seinen Jüngern gesagt.
Wenn Menschen gefragt werden, was ihnen als erstes einfällt, wenn sie an Jesus denken, dann kommen trotzdem ganz andere Ideen: dass Jesus in Bethlehem geboren und am Kreuz gestorben ist. Dass er Wunder getan und viele Menschen geheilt hat. Dass er keine Angst hatte, sich im Kontakt mit Zöllnern und Prostituierten die Hände schmutzig zu machen.
Wo kommt hier das Reich Gottes vor? Immerhin war es laut Matthäus das erste, was Jesus öffentlich verkündigt hat: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“ (Matthäus 4,17).

Wie der erste Windstoß, der einen Sturm ankündigtJedenfalls liegt es nahe, dass zwischen Jesus und dem Reich Gottes eine enge Beziehung besteht. Als Jesus von Johannes dem Täufer gefragt wird, ob er der sei, der da kommen soll, antwortet er: „Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündigt“ (Matthäus 11,5).
Jesus interpretiert hier selbst seine Heilungen. Wie der erste Windstoß, der das Aufkommen eines Sturmes ankündigt, wird Jesu Wundertätigkeit als Anfang einer neuen Zeit sichtbar. Dieser Sturm wird die Welt, wie wir sie kennen, wegfegen. Er wird eine neue Ordnung an ihre Stelle setzen, in der Leid und Tod keine Macht mehr haben. Die Erzählungen von Jesus zeigen nur auf den ersten Blick den Wunderheiler und Menschenfreund. Hier ist noch etwas anderes im Gange, das so groß ist, dass wir es vielleicht lieber ausblenden möchten. Denn: Was wird das Ende der Welt, wie wir sie kennen, für uns bedeuten?
„Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf.“ Jesus stellt die Aufhebung aller Krankheiten und Behinderungen in Aussicht. Die Blinden würden endlich vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft sein, die vormals Lahmen endlich mit den anderen Schritt halten können. Die Aussätzigen müssten nicht mehr in Sondergemeinschaften weit vor den Toren der Stadt leben, die Tauben würden hören, was es Wichtiges gab. Alle, die wie tot waren, würden ins Leben hereingeholt werden. Und sogar die Toten würden auferstehen.
Jesus präsentiert in dieser Aufzählung eine unerhörte Entmachtung: die Entmachtung der Angst. Und so, wie er die Elemente anordnet, ergibt sich eine Steigerung der Wunder: Da wird zuerst die Schädigung der Augen überwunden, dann die der Beine, der Haut und des Gehörs, dann folgt die Auferweckung vom Tod. Die Aufzählung endet hier aber nicht. Denn das größte und wichtigste Zeichen, das Jesus tut, scheint für ihn das letzte zu sein: dass die Armen die gute Nachricht hören.
Und wirklich. Wenn wir unsere heutige Welt anschauen, die so viele Fortschritte gebracht hat gegenüber biblischen Zeiten, dann ist es uns Menschen tatsächlich gelungen, viele Krankheiten und Behinderungen zu heilen oder zumindest zu lindern. Aber der Armut ist niemand je Herr geworden.

Die gute Nachricht: Das Ende der BenachteiligungDie Armen müssen in der Welt, wie sie ist, viele Einschränkungen hinnehmen. Sie erkranken öfter, sterben früher, bleiben rechtlos, weil sie sich keinen Rechtsbeistand leisten können oder vor Gericht nicht ernst genommen werden, ihnen wird die gute Nachricht gebracht. Und diese Nachricht lautet: „Diese Benachteiligung hat nun bald ein Ende. Das Reich Gottes ist nahe herbei gekommen.“
Das sollten wir mithören, wenn wir uns mit dem heutigen Predigttext beschäftigen. Ich lese aus Lukas 17, die Verse 20 bis 24:

Vom Kommen des Gottesreiches (Luther 1984)

"Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann;
man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es! Oder: da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch (Luther: inwendig in euch).
Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und ihr werdet ihn nicht sehen.
Und sie werden zu euch sagen: Siehe da! Oder: siehe hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach!
Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein."

Das Reich Gottes – nicht fassbar für die WissenschaftDie Pharisäer haben anscheinend ein ganz ähnliches Problem mit dem Reich Gottes wie wir. Sie sehen es nicht. Und folgerichtig fragen sie Jesus, der nicht müde wird, es anzukündigen, wann es denn nun komme.
Jesus spürt deutlich die Provokation hinter dieser Frage. „Sag uns doch, wann das Reich Gottes beginnt, du sprichst doch ständig davon! Überzeuge uns!“ Die Pharisäer wollen Zahlen und Fakten.
Doch Jesus wehrt ihre Frage ab. Sie geht in die falsche Richtung. Man kann das Reich Gottes eben nicht beobachten wie einen Nachthimmel oder einen physikalischen Versuch. Das Wort „paratéresis“, das Jesus hier für „Beobachtung“ verwendet, meint diese genaue, hoch kultivierte Betrachtungsweise. Das Reich Gottes ist kein Forschungsgegenstand, und das ist auch logisch; denn wenn es die Welt, wie wir sie kennen, revolutioniert, entzieht es sich natürlich ihren althergebrachten Methoden.
Wie aber kann man es dann wahrnehmen und begreifen? Jesus weicht der Frage nicht aus, aber er gibt eine rätselhafte, oder besser: eine geheimnisvolle Antwort:
„Man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist [das Reich Gottes]! Oder: da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“
Hier sind wir beim Kern der Geschichte. Wie meint Jesus das?

Mitten unter uns!Ist das Reich Gottes in ihm, Jesus, präsent, und deshalb mitten unter den Zuhörern?
Ist es längst angebrochen, aber in einer Art Parallelkosmos, der nur für die geistlich Eingeweihten sichtbar ist?
Oder ist es, wie Martin Luther übersetzt, in unserer Seele gegenwärtig, inwendig in uns?
Alle drei Möglichkeiten berühren das Geheimnis. Welche trifft?
Jesus gibt den entscheidenden Hinweis, indem er davor warnt, nun der Spekulation zu verfallen und irgendwelchen Gurus zu erliegen:
„Und sie werden zu euch sagen: Siehe da! Oder: siehe hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach!“
Wer solchen Gurus nachläuft, hat Jesu Botschaft nicht verstanden. Denn sie kommt nicht zum Ziel, indem wir irgendeine Wahrheit intellektuell verarbeiten. Sie kommt einzig und allein zum Ziel, wenn die Welt neu wird.
„Blinde sehen, Lahme gehen, … Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium gepredigt.“
Wo geschieht das bei uns, in uns? Wo wird sichtbar, dass die Ausgrenzung aufhört? Wann hört die Beschämung auf, mit der arme Menschen immer wieder gezeigt bekommen, dass sie doch letztlich selbst an ihrer Lage Schuld hätten? Wie können wir das Reich Gottes in uns zur Wirkung kommen lassen?

Die Hoffnung nicht aufgebenSchon jetzt und noch nicht. Mit Jesus ist etwas in die Welt gekommen, das uns Hoffnung macht. Doch es ist noch Samen, keine reife Frucht.
Nicht umsonst ist unser Predigttext im Lukasevangelium gerahmt von zwei Hoffnungsgeschichten: von der Heilung der zehn Aussätzigen und von der bittenden Witwe, die ihrem ungerechten Richter durch Beharrlichkeit ihr Recht abringt.
Unsere Sehnsucht nach Gerechtigkeit ist der Same für die Gerechtigkeit, die Wirklichkeit wird.
Unsere Sehnsucht nach Frieden ist der Same für die Völkerverständigung, ohne die ein Leben auf dieser Welt immer schwieriger wird.
Unsere Sehnsucht nach Liebe lässt uns selbst weich und nahbar werden.
Unsere Sehnsucht ist es, die bereits mitten unter uns ist. Gottes Reich als Same. Gottes Reich als Ansporn. Was kann sich nicht alles ändern, wenn wir uns nicht nur vor uns hin sehnsüchteln, sondern bereit sind, der Sehnsucht zu folgen!
Unübertroffen schmerzlich hat Dorothee Sölle diese so kostbare Sehnsucht in ihrem Gebet nach 1. Johannes 3,2 lebendig gemacht. Ihr Gebet möchte ich zum Schluss als Angeld auf Gottes Reich lesen, das uns wach halten soll:

Und ist noch nicht erschienen. Ein Gebet nach dem 1. Johannesbrief 3,2Und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden
o Gott, der du auftust und offenbar machst
wann wird es soweit sein?
wann werden wir sichtbar?
wann wird die Wahrheit an uns sichtbar?
wann wird man an unseren Städten sehen:
hier wohnen die Söhne und Töchter Gottes
die Schwarze nicht von Weißen apart halten
und Türken nicht von Deutschen separieren
und Frauen nicht von der Wahrheitsfindung ausschließen
wann werden wir sichtbar, Gott,
als deine Töchter und Söhne?

Und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden
O Gott, wie du Leben hervorbringst und Lachen
wann wird es soweit sein?
wann werden wir offenbar?
wann wird die Wahrheit an uns sichtbar?
wann wird man an unserem Fernsehprogramm erkennen:
hier wohnen die Freunde Gottes
sie schrecken niemanden ab, sie laden ein
sie spielen Handball mit denen
die sie früher Feinde nannten
und trauen ihnen, die deine Kinder sind wie wir
wann werden wir sichtbar, Gott,
als deine Töchter und Söhne?

Und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden
o Gott, die du uns besser kennst als wir uns selber kennen
wann müssen wir unser Gesicht nicht mehr verstecken
vor den Verhungernden?
wann werden wir sichtbar?
wann wird die Wahrheit durch uns hindurchleuchten?
wann wird man an unseren Handelsbeziehungen sehen:
hier wohnen die neuen Menschen, die schwesterlichen
wann wird die Sonne der Gerechtigkeit über uns aufgehen
und die Ausplünderungsnacht zu Ende gehen?
wann werden wir sichtbar, Gott,
Söhne und Töchter in deinem Reich?

Und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden
o Gott, der du alles geschaffen hast
wann wird es soweit sein
dass wir es sehr gut nennen wie du
wann werden wir sichtbar?
wann wird die Wahrheit scheinen?
wann wird man an unseren Gärten und Feldern sehen:
hier wohnen die sanften Kinder der Erde
die das Vergewaltigen nicht gelernt haben
und das Plündern verlernten
hier wohnen kleine Menschen
die die Türme nicht in den Himmel bauen
und die Tiere nicht zu Tode testen
Gott, Freundin der Menschen, Freund der Erde,
komm bald
maranatha beeil dich
mach uns sichtbar
Töchter und Söhne
in deinem Reich.

Dorothee Sölle
Amen.

Literaturangaben:
Exegetische Anregungen sind entnommen: Monika Renner, „Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres (8. November); Lukas 17, 20-24 (25-30)“, in: a&b 19 (1. Oktober 2015), S. 3-7. Das Gebet ist zitiert nach: Dorothee Sölle: Und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Gesammelte Werke, Bd. 2, Kreuz Verlag, 2006.

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