Drittletzter Sonntag des Kirchenjahrs (06. November 2016)

Autor/in: Dekanin Dr. Edda Weise, Würzburg [edda.weise@elkb.de]

Römer 14, 7 -9

Liebe Gemeinde!
Der traurige Monat November ist herbeigekommen. Die Tage sind kurz geworden und die Nächte lang. Nebel steigt von den Flüssen auf, und es dauert seine Zeit, bis die Sonne Kraft entwickelt und durch den Dunst dringt.
Im November gedenken wir der Verstorbenen, und die Vergänglichkeit schleicht sich in unsere Gefühle und Gedanken ein. Da berühren uns die Worte aus dem Römerbrief in besonderer Weise. Gehören sie doch auch zu den klassischen Texten, die bei einer Beerdigung als Trostworte vorgelesen werden.

Paulus schlichtet einen StreitDabei geht es Paulus erst einmal gar nicht um einen Blick auf das Ende. Vielmehr geht es um das Essen, genauer gesagt um einen Streit um Essensfragen und um Feiertage. Offensichtlich gab es in der Gemeinde von Rom eine Gruppe von Gläubigen, die kein Fleisch verzehrt hat, weil dieses damals in heidnischen Tempeln geschlachtet wurde und ihnen als unrein galt. Die gleiche Gruppe von Gläubigen hielt auch noch zusätzliche Feiertage ein, wahrscheinlich den jüdischen Sabbat. Dieses Verhalten erschien den anderen Gemeindemitgliedern nicht richtig zu sein. Waren doch für sie die Speisegebote hinfällig und auch Sabbattage keine für sie bedeutenden Tage mehr. Mit Christus gibt es keine unreinen Dinge, Menschen oder Speisen mehr. Alles, wofür gedankt werden kann, ist rein und kann ohne schlechtes Gewissen verzehrt werden. Christus ist am Morgen des Tages nach dem Sabbat auferstanden, damit hat sich der Blick auf den Sabbat geändert.
Wir mögen denken, dass das eine seltsame Auseinandersetzung ist. Fremd ist sie uns überhaupt nicht. Gerade in den letzten Jahren haben Ernährungsfragen nahezu Heilscharakter angenommen. Es ist überhaupt nicht mehr egal, wie ich mich ernähre. Schweinebraten mit Knödeln, das reinste Gift. Lieber bewusst und vegan, wenigstens vegetarisch. Wenn schon Fleisch, dann nur von ökologisch korrekt gehaltenen Tieren und Eier nur von freilaufenden Hühnern. Schon bei Kindergeburtstagen gilt es, die einander entgegengesetzten familiären Ernährungsgewohnheiten im Blick zu behalten.
Der Streit zwischen Veganern und Fleischessern hat nur nahezu Heilscharakter, der eine oder andere Schnitzelesser oder Liebhaber grüner Smoothies ist dann doch noch zu Selbstironie und Toleranz fähig. Die beiden Gemeindegruppen damals stritten in der Meinung, um das Heil zu ringen. „Richtige Christen müssen diese Speisegebote einhalten“, sagten die einen. „Christliche Freiheit verbietet uns, irgendwelche Speisegebote einzuhalten“, sagten die anderen. Jede Gruppe meinte: Nur so ist das richtig. Es gab einen großen Streit. Die eine Gruppe versuchte, sich gegen die andere durchzusetzen. Lieblos wurde über einander geurteilt. Es bilden sich Parteien, und viel Energie fließt in den Streit. So viel, dass Paulus ihn in seinem Brief erwähnt und er bis auf uns gekommen ist.

Auseinandersetzungen sind uns nicht fremdDas ist uns und unseren Gemeinden nicht fremd. Auch dort gibt es Streit. Sollen Kinder zum Abendmahl zugelassen werden oder soll das erst bei der Konfirmation seinen Platz haben? Dürfen an Feiertagen Familiengottesdienste gefeiert werden oder ist das für die Gottesdienstgemeinde nicht zumutbar? Wollen wir in unserer Kirche vor allem große Konzerte und Festgottesdienste feiern oder wollen wir eher Platz für Gruppen und Kreise schaffen? Auch hier bilden sich oft Parteien, Risse gehen mitten durch die Gemeinde. Wenn es mehrere Pfarrer in einer Gemeinde gibt, verteilen sich die verschiedenen Ansichten auf die Anhängerinnen und Anhänger der jeweiligen Geistlichen, und es kann erbitterte Streitigkeiten geben. Jeder sagt über den anderen, wie wenig er oder sie der Gemeinde nützt, was er oder sie alles falsch macht. Viel Energie fließt in einen solchen Streit, Energie, die dann nicht mehr dafür zur Verfügung steht, das Evangelium zu verkünden.

Streitfragen werden ins Licht der Erkenntnis Christi gestelltDas weiß offensichtlich auch Paulus. Deswegen greift er diese Streitfragen auf, macht sie deutlich und stellt sie in das Licht der Erkenntnis Christi: „Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum, wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.“
Er stellt fest, worauf es wirklich ankommt: Wir gehören zu Christus, dem menschgewordenen Gott, der sich für uns hingegeben hat. Alles, was wir sind und tun, ist darum auf ihn bezogen, soll in seinem Sinne geschehen.
Paulus weist angesichts eines bitteren Konfliktes auf die grundlegende Spielregel einer Gemeinde hin: In allem, was geschieht, in allem, wie Menschen miteinander umgehen, geht es darum, mit dem Herrn, mit Christus verbunden zu bleiben. Seine Liebe und Hingabe in der Gemeinde wirklich werden zu lassen. Es geht darum, immer daran zu denken, dass eine christliche Gemeinde eine Gemeinde der Menschen ist, die zu Christus gehören, die seine Liebe untereinander teilen. Das ist der Maßstab, den Paulus den zerstrittenen Gruppen vor Augen stellt.

Streitet nicht über Meinungen. Orientiert euch an Christus!Angesichts dieses Maßstabs ermahnt er: Streitet nicht über Meinungen! Orientiert euch an Christus.
Das ist nicht so einfach. Denn bei so einem Streit sagt jede Partei: Wir machen es richtig, so muss Kirche, so muss Gemeinde sein. Obwohl sie vielleicht bei sich denken: „So haben wir es immer gemacht, etwas anderes ist für uns ungewohnt und würde uns stören.“ Oder: „Die anderen sind einfach alt und staubig, wir bringen wenigstens frischen Wind.“
Es ist also gar nicht einfach, in die Wirklichkeit eines Gemeindelebens umzusetzen, was es bedeutet: „Keiner lebt sich selber und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn.“
Wie können wir herausfinden, wie ein Streit, eine Meinungsverschiedenheit, eine Spaltung in einer Gemeinde dadurch überwunden werden kann?
Paulus weiß das auch. Deswegen stellt er der Gemeinde in Rom erst einmal Christus vor Augen, dessen Liebe das Fundament der Gemeinde bildet: Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.
Dann zeigt er, was das im Streit der Meinungen bedeutet: den Blick abwenden von der anderen Gruppe und deren Meinung und auch von der eigenen Meinung. Nicht mehr bitter fragen, wer denn nun Recht hat, sondern den Blick auf Christus ausrichten: Jeder von uns muss selber vor Gott Rechenschaft geben. Deswegen sollen wir nicht einer den anderen verurteilen. Vielmehr sollen wir darum bemüht sein, den anderen nicht zu betrüben, ihn nicht zu kränken oder zu vergraulen. Einer soll den anderen achten. Denn Jesus Christus hat sich für einen jeden, der zur Gemeinde gehört, hingegeben, ist für ihn oder sie gestorben, hat ihn oder sie kostbar gemacht. Das verbindet. Einen solchen Menschen will ich nicht hinausekeln. Es gilt hier ein anderer Maßstab: „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist.“
Deswegen sollen wir dem nachstreben, was zum Frieden dient und nicht wegen einer Essensfrage Gottes Werk zerstören.
Achtung also will gelebt werden, Achtung vor dem anderen, dessen Leben und christlicher Glaube genauso kostbar ist wie mein eigener.

Ein Blickwechsel ist notwendig und ermöglicht Wege aus dem Streit herausDas ist nicht einfach. Denn es erfordert einen Blickwechsel. Weg von der Durchsetzung der Interessen einer Gruppe hin zu Christus, der eben auch für die anderen gestorben und auferstanden ist. Und von Christus hin zu den anderen, die seine Brüder und Schwestern sind.
Konkret mag das dann so aussehen, dass die Befürworter des Familiengottesdienstes zum Gemeindefest und die Gruppe, die einen klassischen Gottesdienst mit Chorgesang haben wollen, einmal ernsthaft darüber reden, wie denn das Evangelium an diesem einen Tag für die alten Menschen wir für die Kindergarteneltern am besten zur Sprache kommt. Was entspricht wohl am besten der Liebe Christi. Wie kann die andere Seite mitgenommen werden? Was verbindet uns und macht uns gemeinsam Freude? Wo sind wir miteinander nachsichtig und ein wenig geduldig? Das ist nicht einfach, aber jeder Mühe wert. „Denn das Reich Gottes ist Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist“ (Römer 14, 17).
Wenn wir diesen Weg in unseren Gemeinden miteinander gehen, dann entsprechen wir dem, was Christus für uns getan hat. Dann sind unsere Gemeinden auch in diesen dunklen Novembertagen Orte der wärmenden Liebe, des Beistands und Trostes für Menschen, die traurig sind oder einen Verlust tragen müssen. Da wo gemeinsam Freude und aufmerksame Gemeinschaft gelebt werden, finden sich Trost und lebensfreundliche Begleitung,
Amen.

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