Epiphanias (06. Januar 2016)

Autorin / Autor: Prälatin Gabriele Wulz, Ulm [praelatur.ulm@elk-wue.de]

Epheser 3, 2 -6

„… und viele Völker werden hingehen…“ (Jesaja 2, 3)Die Magier aus dem Osten, liebe Gemeinde, gehören ganz ohne Zweifel zu den attraktivsten Gestalten der Weihnachtsgeschichte.
Fremd und exotisch wie sie nun mal sind, bringen sie im Kontrast zu den bodenständigen Hirten weltläufiges Flair in jede Krippenlandschaft.

Dass sie Sterndeuter sind, solche, die sich mit Planetenkonstellationen und -konjunktionen auskennen und offensichtlich auch noch einen neuen Stern entdeckt haben, macht sie einerseits verdächtig, andererseits aber auch sehr menschlich. Wer riskiert nicht ab und zu einen Blick an den Himmel oder ins Horoskop? Gerade am Beginn eines neuen Jahres?

Die Magier aus dem Osten haben schon immer die Phantasie beflügelt.
Dass sie drei Generationen angehören, die drei Lebensalter symbolisch abbilden, steht zwar nirgends, ist aber ein schöner Gedanke.
Dass sie die drei Kontinente repräsentieren, ist dem biblischen Text genauso wenig zu entnehmen, ist aber inzwischen zu einer solchen Selbstverständlichkeit geworden, dass alle schwören würden, dass ein Schwarzer beim Jesuskind in Bethlehem aufgetaucht ist.
Und schließlich „weiß“ doch jedes Kind, dass die drei Caspar, Melchior und Balthasar hießen. Die drei Anfangsbuchstaben ihrer Namen (C-M-B) ergeben doch den Segensgruß, den Sternsinger an Haustüren anbringen – den Menschen zur Freude und den armen Kindern in der Welt zum Wohl.

Aber zurück zu den Fakten: Von all dem weiß Matthäus nichts, und nicht einmal die Zahl drei ist im Matthäusevangelium ausdrücklich genannt. Es heißt einfach nur, dass „Weise aus dem Morgenland“ zu Herodes nach Jerusalem gekommen waren, um sich nach dem neugeborenen König zu erkundigen.
Für den Evangelisten Matthäus ist das das erste Zeichen, dass die Heiden, die Nichtjuden, nach Jerusalem kommen, um nach Jesus zu suchen, um nach Jesus zu fragen.

Nur ihre Geschenke sind verbürgt. Gold, Weihrauch und Myrrhe brachten sie dem Kind.
Und wir lassen uns in dieser Beschreibung des Matthäus an die Königin von Saba erinnern, die Salomo die gleichen kostbaren Geschenke brachte.

Aber Matthäus geht es um mehr als um eine farbenprächtige, exotische Szenerie. Mit seiner Darstellung will er das Unerhörte zum Ausdruck bringen: dass Heiden zum Gottesvolk hinzutreten.
Und dass solche, die nicht zu Israel gehören, mit Jesus in Berührung kommen.
So wird wahr, was der Prophet Jesaja verheißen hat: dass die Völker sich aufmachen und zum Zion eilen. Denn vom Zion geht Weisung aus, und Licht von Jerusalem.

Beim Apostel Paulus hört sich das etwas nüchterner an. Paulus hat einige Jahrzehnte vor der Abfassung des Matthäusevangeliums seinen Dienst ganz bewusst in die Bewegung hin zu den Völkern gestellt, hat sich selbst als den Apostel bezeichnet, der zu den Völkern gesandt ist.
Für Paulus ist das das sichtbare Zeichen dafür, dass Gott in Christus Frieden gemacht hat und dass bei Gott kein Ansehen der Person gilt.
Juden gilt Gottes Friedenswort in Christus genauso wie den Völkern. Denn Gott macht alle Menschen gerecht – allein aus Glauben.
Und deshalb können sie, die getrennt waren, an einem Tisch sitzen, miteinander essen und trinken. In einem Geist können sie Gott loben und singen, vereint in dem Namen, der über allen Namen ist.

Für Paulus, der die junge Gemeinde zunächst verfolgte, eine Erkenntnis, die ihn aus der Bahn geworfen hat und die ihn dann mit aller Leidenschaft auf einen neuen Weg gebracht hat: hin zu den Völkern und dennoch bleibend verbunden mit Jerusalem.
Die Kollekte für Jerusalem ist das sprechende Zeichen, dass alle Mission an den Ursprung zurückgebunden bleibt. Damit wir, Christen aus den Völkern, nicht meinen „klug für uns selbst zu sein“ und stolz und hochmütig zu werden und uns von der Wurzel abzuschneiden …

Ein Schüler des Paulus, einer der in seinem Namen schreibt, hat diesen Gedanken aufgegriffen und vertieft.
Wir hören seine Auslegung heute als Predigttext für das Erscheinungsfest. Ich lese aus dem 3. Kapitel des Epheserbriefs die Verse 2 bis 6.

Die Geschenke des GlaubensGold, Weihrauch und Myrrhe haben die Magier, die Sterndeuter aus dem Osten, dem Kind in der Krippe dargebracht.

Und wir, liebe Gemeinde, wir werden, wenn wir dem Verfasser des Epheserbriefs Glauben schenken, ebenfalls in dreifacher Weise beschenkt. Denn das wird uns zugesagt:
Wir, die Heiden, die Menschen aus den Völkern, sind Miterben.
Wir gehören zu seinem Leib.
Und schließlich sind wir „Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus“ durch das Evangelium.

Das war nicht von Anfang an so. Das ist erst geworden.
Es ist eben so, wie Franz Rosenzweig einmal sagte: „Christ ist man nicht von Geburt. Christ wird man.“

Das Christsein ist kein natürlicher Zustand. Es ist uns nicht angeboren. Es ist uns nicht eingepflanzt.
Es ist kein inneres Herzensbedürfnis.
Es ist eine durch und durch unglaubliche, unerhörte und umstürzende Tatsache. Eine Veränderung, die alles neu, alles anders macht. Der Glaube ist das Geschenk, das Gott uns macht. In dreifacher Weise nimmt dieses Geschenk Gestalt an.

Zum Ersten: Wir sind Miterben. Das heißt genauer: Wir sind Miterben des Bundes, den Gott mit Israel geschlossen hat. Wir sind eingestiftet in diesen Bund.

Paulus benutzt dafür das Bild von Zweigen, die eingepfropft werden in den Stamm. Durch Jesus Christus gehören wir hinein in die Bundesgeschichte Israels, die mit Abraham beginnt und die am Sinai bestätigt wird.
Miterben sind Bundesgenossen. Sie sind verpflichtet zu einem bestimmten Leben. Auch zu einem bestimmten Lebensstil. Respekt und Achtung vor dem Leben gehört dazu. Ein Wandeln in den Geboten und mit den Weisungen Gottes ebenso. Dass wir die Gebote Gottes, seine Weisungen nicht als Zwangsgesetz hören, sondern als Ermöglichung von Leben – das ist keineswegs selbstverständlich, sondern Geschenk, Gnade, die den Miterben zuteilwird.
Die Zehn Gebote als Weg in die Freiheit verstehen, das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe als Inbegriff des Gesetzes Christi verstehen und beherzigen – das ist nur freien Menschenkindern möglich. Solchen, die nicht länger das Joch der Knechtschaft tragen, sondern die durch Christus befreit sind.

Zum Zweiten: Dass wir zu seinem Leib gehören, ist Geschenk. Wir sind nicht einsame, irrlichternde Wesen, sondern eingestiftet in die neue Gemeinschaft, die in Jesus Christus begründet ist und Gestalt gewinnt.

Dietrich Bonhoeffer hat einmal davon gesprochen, dass Christus als Gemeinde existiert. In der Gemeinde, in jeder konkreten Versammlung von Glaubenden ist er gegenwärtig. Konkret wird das im Gottesdienst, im vorfindlichen, nicht spektakulären, ereignis- und erlebnisarmen Gottesdienst, in dem die unterschiedlichsten Menschen zusammenkommen und Gemeinschaft erfahren. Da ist Christus gegenwärtig, da wird er als Gegenwärtiger bekannt und geglaubt.
So erfahren wir uns als seine Gemeinde. So sind wir untereinander verbunden.
So spüren wir: Wir gehören dazu, weil wir ihm gehören.

Und damit gehören wir hinein in die große Geschichte, die mit unserer Taufe begonnen hat und die mit unserem Tod noch lange nicht zu Ende ist.
Wir gehören hinein in den Leib Christi und sind damit Teil eines großen Organismus, der vor uns war und nach uns sein wird.
Das gibt Gewissheit, macht aber auch bescheiden. Denn nicht mit uns steht und fällt das Christentum oder die Kirche.

Und schließlich zum Dritten: Wir sind Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus.
Da kommt nun ein kämpferischer, ja fast ein trotziger Ton ins Spiel.
Wenn das, was ist, nicht alles ist, dann kann man, ja, dann muss man anders in die Welt schauen.
Dann kann man hoffen und das, was ist, nicht für unabänderlich und nicht für immer gegeben nehmen.

Wer Mitgenosse der Verheißungen Gottes ist, der hofft auf einen neuen Himmel, eine neue Erde ohne Leid, ohne Tränen, ohne Geschrei. Der vertraut auf den, der den Tod besiegt hat und der die Dämonen bezwungen hat.
Wer Mitgenosse der Verheißungen Gottes ist, der darf hoffen – auch in dieser Welt, die sich nach Erlösung, nach Befreiung sehnt und stöhnt und schreit, und der wird dieses Schreien und Stöhnen und Sehnen unterstützen mit allen Hoffnungskräften, denn er weiß ja Gott selbst auf seiner Seite und alle Verheißungen dazu.

Als Beschenkte lebenLiebe Gemeinde, am Erscheinungsfest besingen wir den hellen Morgenstern, der aufgegangen ist in unserer Finsternis.
Wir singen davon, dass wir nicht in Trübsal und Jammer versinken müssen.
Wir singen davon, dass wir reich beschenkt worden sind.
Nicht wie das Jesuskind mit Gold, Myrrhe und Weihrauch.

Aber – um den Verfasser des Epheserbriefs noch einmal aufzunehmen – mit Geschenken, die viel kostbarer sind, auch wenn sie nicht mit Händen zu greifen sind.
Wir sind reich beschenkt worden. Auch wir im hohen Norden, von denen in Bethlehem und Jerusalem niemand von ferne nur auch etwas geahnt hat.

Wir sind beschenkt worden mit dem Bund und der Bundestreue Gottes und mit der Verantwortung gegenüber dem Leben, die daraus erwächst.

Wir sind beschenkt worden mit der Gemeinschaft der Heiligen im Glauben. Mit der Verbindung untereinander, die uns trägt und hält – auch in den Durststrecken, auch wenn es öde und schwer wird, auch wenn wir Mühe miteinander haben und wir uns in unserer Unterschiedlichkeit nur schwer aushalten. So wissen wir doch: Der Herr hat uns aneinander gewiesen, dass wir einander nicht aufgeben, sondern aushalten.

Und schließlich sind wir beschenkt worden mit Hoffnung. Dass wir hoffen dürfen ist der stärkste Erweis unseres Glaubens. Dass wir nicht dem Zynismus, der Trägheit, der Resignation verfallen, sondern immer wieder aufstehen – all Morgen frisch und neu – und diese Welt nicht verloren geben, sondern sie und unser Leben als Geschenk Gottes dankbar empfangen, das ist Gnade und ein Wunder dazu.

Liebe Gemeinde, drei Weihnachtsgeschenke sind das, die keinen Verfallswert haben, sondern unbeschränkt frisch und neu sind und sich über Jahrtausende gehalten haben.
Mögen Sie viel Freude damit haben.
Vor allem: Probieren Sie sie aus.
Fangen Sie damit etwas an und machen Sie Ihre Erfahrungen damit.
Heute und in der nächsten Woche. Und im ganzen Jahr 2016.
Amen.

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