Erntedank (04. Oktober 2015)

Autorin / Autor: Dekan Otto Friedrich, Heilbronn [okfriedr@aol.com]

Lukas 12, 13 -21

Liebe Gemeinde,

heute feiern wir eines der schönsten und fröhlichsten Feste im Kirchenjahr – das Erntedankfest.
Schon wenn man in die wunderschön geschmückte Kirche hereinkommt, merkt man: Heute ist ein ganz besonderer Festtag, es riecht schon ganz anders als sonst, der Duft der Erntegaben mischt sich mit den gewohnten Gerüchen.
Altarstufen und Altar sind festlich geschmückt mit Früchten, mit Trauben, mit Ähren und Blumen. Ein wunderbarer Anblick, diese reiche Vielfalt, die sich da unseren Augen bietet.

Vor uns liegt das, was Menschen gesät und geerntet haben. Ein Zeichen, auch für die Früchte unserer sonstigen Arbeit, für das, was wir auch in anderen Bereichen produzieren oder an Dienstleistungen erbringen. Die Ernte eines Jahres also, für die wir heute am Erntedankfest danken wollen.

Die aktuelle SituationDie Fülle dessen, was wir sehen, lässt aber auch den Wert der einzelnen Frucht geringer werden. Im Alltag ist ja das Angebot an Obst, Früchten, Gemüse und Blumen noch viel größer, in unseren Supermärkten und Discountern bekommen wir ja fast alles und zu jeder Jahreszeit.

Das Angebot ist in den letzten Jahren immer größer, die Welt scheinbar kleiner geworden. Vor allem Kinder wissen ja heute oft gar nicht mehr, was tatsächlich ganz in ihrer Nähe angebaut wird, und wie schwer es ist und mit wie viel Arbeit es verbunden ist, unser tägliches Brot zu erzeugen. Dazu brauchen wir ja schon Tage der „Gläsernen Produktion“.

Viele kennen den Geschmack reifer Tomaten aus dem Garten mit ihrem ganz typischen, intensiven Duft gar nicht mehr und können oft den Wert von Nahrungsmitteln gar nicht mehr ermessen, wenn dann auch noch tropische Früchte oder Äpfel aus fernen Ländern billiger sind als unsere heimischen Produkte. Der Wert der Ernte gerät uns immer mehr aus dem Blick:

Die ProblemeWir haben so viel Getreide, dass fast 20% der angebotenen Backwaren als nicht verkaufter Überschuss täglich abends vernichtet werden. Und weil es in der EU eine riesige Überproduktion von billigen Tafelweinen gibt, steht jetzt der Vorschlag im Raum, per Verordnung, quasi im „Rasenmäherverfahren“, Weinrodungen vornehmen zu wollen. Und das auch in Anbaugebieten wie unserem Württembergischen, in dem vorwiegend Qualitätsweine hergestellt werden und keine Billigweine zur Versprittung.

In diesen Zusammenhang gehört sicher auch die Diskussion um „Heizen mit Weizen“, die nun auch wieder neu angestoßen wird – ebenso wie die Frage nach der Energiegewinnung aus nachwachsenden Rohstoffen.
In der „ZEIT“ war in einem Leitartikel zu lesen: „Kein Brot für Öl“! Dort wird die Meinung vertreten, dass man mit Biosprit ja schon etwas tun könnte für den Klimaschutz, dass es aber insgesamt als unethisch zu bewerten sei, denn: Der Mais für eine Tankfüllung reicht aus, einen Menschen ein Jahr lang satt zu machen.“

Clemens Dirschl, der Referent des kirchlichen Bauernwerkes, schreibt dazu in einer Kolumne zu Erntedank:
„Einst war das Essen bei uns eine Kostbarkeit. Aber offenbar ist es so, dass je mehr standardisierte Massenware produziert und das, was im Neuhochdeutschen ‚Convenience Food‘ verkauft wird, desto achtloser und abwertender gehen wir damit um.“

Immer noch hungern Menschen weltweit und sehnen sich nach den Schätzen, die wir aus dem Blick verloren haben, weil sie uns selbstverständlich sind. Diese Frage bleibt, auch heute an diesem Erntedankfest: Warum müssen so viele Menschen auf der Welt immer noch hungern? Hängt dies an der ungerechten Verteilung oder ist unser Wunsch nach billigen Nahrungsmitteln nicht auch ein Grund dafür?

Nicht nur unsere Landwirte erzielen keine angemessenen Preise für ihre Erzeugnisse, was sich zurzeit im Milchpreis widerspiegelt. Wenn wir all diese Frage- und Problemstellungen vor Augen haben, kann man schon den Eindruck gewinnen, dass sich auch am Erntedankfest wieder die Probleme und unsere nicht zu bestreitende Verwicklung in die ungerechten Verhältnisse von globalen Weltmärkten in den Vordergrund schieben. Und wo bleiben da der Dank und das Fest?

Der PredigttextAls Predigttext ist heute dran, was offensichtlich am Erntedanksonntag nahe liegt: Jesus spricht von der Landwirtschaft und von einer überreichen Ernte, von einem Bauern, der geschafft hat, worauf alle in der Landwirtschaft hoffen: auf eine reiche Ernte und auf zum Platzen gefüllte Scheunen (Lukas 12, 13-21).

Die SpannungLiebe Gemeinde, diesen Text an Erntedank zu predigen, ihn mit dem Kasus des Sonntags zu verbinden, ist durchaus spannungsreich. Das eigentliche Thema ist ja nicht Erntedank, sondern ein ganz anderes: „Sehet zu und hütet euch vor aller Habgier, denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat“ (V. 15).
„Warnung vor Habsucht“ ist dieser Textabschnitt in der Luther-Bibel überschrieben. Das mit dem fröhlichen und positiv besetzten Anlass zusammenzubringen, ergibt einfach eine gewaltige Spannung. Und doch bleibt die Aufgabe, beides zusammen zu sehen.

Der reiche Kornbauer und wirZunächst fällt ja auf, dass der reiche Kornbauer offenbar doppelt gesegnet war mit reichlich Feldern und hohem Ertrag. Er hatte alles richtig gemacht, hat die Äcker gut bestellt. Sonne und Regen haben dazu beigetragen, dass die Ernte alle Scheunen sprengte. Er war ein routinierter, erfolgsorientierter und erfolgreicher Landwirt. Denn offensichtlich war ihm dieses Ergebnis nicht zum ersten Mal gelungen, er war ja damit reich geworden. Seine Leistung hatte sich gelohnt. Dagegen kann man doch nichts sagen oder haben, und auch Jesus dürfte grundsätzlich nichts gegen einen erfolgreichen und deshalb auch wohlhabenden Bauern gehabt haben.

Das Gleichnis aber ist hier nicht zu Ende. Der reiche Kornbauer denkt daran zu vergrößern, die kleinen Scheunen abzubrechen und größere zu bauen. Expansion und Wachstum sollen ihm eine sorgenfreie Zukunft sichern. Er sieht die Hängematte des Ruhestands schon förmlich vor sich. „Du hast einen großen Vorrat auf viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut“ (V. 19).

Dieses Verhalten aber hätte im Kontext des damaligen römischen Reiches eine Provokation bedeutet. Denn der Getreideanbau war der erträglichste Zweig der Landwirtschaft. EU-Richtlinien und Subventionsgesetze zur Eindämmung der Überproduktion gab es noch nicht. Das Getreide wurde dringend gebraucht – Erzeugnisse nicht auf den Markt zu bringen, hätte eine Verknappung des ohnehin nicht reichen Angebotes bedeutet. Auf Kosten anderer hätte er, der Kornbauer, sich Ruhe verschaffen wollen. Wenn aber manche Scheunen oder Bankkonten zu groß werden und dadurch nicht mehr alle Menschen satt und grundversorgt sind, dann läuft doch etwas falsch. Wenn die noch so klug und erfolgreich umgesetzte Habsucht der einen, den Hunger der anderen bedeutet, dann stimmt etwas nicht.

Martin Luther King hat in einer Rede so über den Kornbauer nachgedacht: „Könnte dieser reiche Mann nicht einfach stellvertretend für die westliche Zivilisation in dieser Geschichte stehen? An Gütern und materiellen Erfolgen sind wir reich. Die Mittel, durch die wir leben, sind in der Tat wunderbar. Und doch fehlt was. Wir haben gelernt, wie die Vögel zu fliegen und wie die Fische zu schwimmen. Aber wir haben die einfache Kunst nicht gelernt, als Geschwister zu leben. Unser Überfluss hat uns weder Friede noch Zufriedenheit gebracht.“

Gott gibt seinen Segen, damit wir damit sozial handeln und sozial wirtschaften – und zwar auf allen Ebenen. Keiner darf zu kurz kommen. Es ist Gottes Wille, dass wir so leben, dass Gottes Segen für alle da ist. Und da stehen alle in der Pflicht.

Falsche SicherheitenVorzusorgen und den Ruhestand wirtschaftlich abzusichern, ist sicher nicht falsch. Aber es kann dazu verführen, sich in falschen Sicherheiten zu wiegen, das Herz zu sehr an das zu hängen, was ich „auf die Seite lege“. Mit einem drastischen Bild warnt uns die Geschichte vor falschem Vertrauen auf Sicherheit, die nicht wirkliche Sicherheiten sind. Es passiert, was jedem von uns als schreckliches Schicksal bekannt ist: Da steht eine Person unerwartet und plötzlich auf Gottes Terminkalender. „Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern“ (V. 20).

„So endet, wer Schätze aufhäuft und in Wirklichkeit arm bleibt, weil er den Reichtum nicht sucht, den Gott ihm geben will“ (V. 21 nach Jörg Zink).

Da hat einer seine Pläne ohne Gott gemacht, hat nicht daran gedacht, wie bruchstückhaft und vergänglich es ist und wie ein plötzlicher Tod einen treffen kann.


Das Ende nicht verdrängenDiese banale Weisheit, dass das letzte Hemd keine Taschen hat, wird hier drastisch inszeniert, gedacht als Aufruf, ein Leben bewusst zu führen und das Ende dabei nicht zu verdrängen.
Ein Ausleger spricht dabei sogar von Lebenskunst, „die mir sortieren hilft in das, was wirklich wichtig ist und was weniger wichtig ist, was zum Letzten gehört und was zum Vorletzten…. Die Kunst zu leben dadurch zu entdecken, dass ich von der Kunst zu sterben etwas ahne.“
Am Ende zählen eben nicht die Reichtümer, die einer angesammelt hat, sondern das Reichsein bei Gott (V. 21).

In der jüdischen Tradition werden zum Erntefest Sukkot kleine Laubhütten errichtet, in denen während der Festtage gewohnt wird. Eine Laubhütte mit einem durchlässigen Dach, das genaue Gegenteil einer Scheune. Keine Sicherheit, kein Schutz vor der Witterung, aber offen zum Himmel. Darin wohnen und nicht in Scheunen. Bereit zu gehen, weil wir hier nicht bleiben können.

Amen.

Literaturangaben:
Neben der üblichen exegetischen Literatur verdanke ich besondere Anregungen:
Pastoralblätter 10/2009; Gottesdienstpraxis Serie B, Erntedank 2014 und
Werkstatt für Liturgie und Predigt 8/2015.


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