Estomihi (07. Februar 2016)

Autorin / Autor:
Prälatin Gabriele Arnold, Stuttgart [praelatur.stuttgart@elk-wue.de]

1. Korinther 13, 1-13

Die LiebeAuf jeden Fall ist sie immer ein Wunder. Die Liebe. Wie unbegreiflich ist das. Eben noch war man sich fremd und auf einmal blitzt etwas auf, wächst und macht uns glücklich und lebendig. Und wenn es gut geht, bleibt diese Liebe, wird stark und sicher und geht mit zwei Menschen durch Dick und Dünn.

Wie unbegreiflich ist das. Ein schreiendes Baby, das uns den Schlaf raubt, uns Tag und Nacht mit Beschlag belegt, unser Leben komplett durcheinanderbringt. Doch für dieses Menschenkind würden wir uns in Stücke reißen lassen, ja auch dann noch wenn das Baby Pickel bekommt und stur wird, oder wenn es erwachsen ist und schon längst aus dem Haus.

Liebe ist ein unordentliches Gefühl, vom Verstand nicht beherrschbar. Sie macht uns zu Liebenden und zu Müttern und Vätern.
Sie lässt uns singen und dichten, sie macht uns schön und leicht. Sie lässt uns schlimme Situationen ertragen, sie macht uns bärenstark und schwach zugleich, sie liefert uns aus. Sie macht uns empfindsam und verletzlich. Sie kribbelt auf der Haut und macht Schmetterlinge im Bauch.
Die Liebe schafft Lust und Begehren und schenkt uns Erfüllung.

Und wenn sie geht, macht sie uns traurig und sehr unglücklich.

Und dann gibt es neben der großen erotischen Liebe und der bärenstarken Elternliebe ja auch noch so viele andere Spielarten der Liebe. Die Liebe zu meinen Freundinnen, meinen Geschwistern, meinen Neffen und Nichten, meinen alten Eltern und an wen Sie immer denken möchten. Das kribbelt zwar nicht auf der Haut, aber wie viel Herzblut gibt es da, wie viel Nähe und Freundschaft, Achtung und Fürsorge.

Die geschändete LiebeUnd wie geschändet ist die Liebe. Wie oft wird sie im Munde geführt um Menschen einzulullen, um sie zu verführen, um sie schutz- und wehrlos zu machen. Ich denke da an Zuhälter, die junge Mädchen mit dem Versprechen der Liebe in der Disco anmachen und letztendlich in die Sexsklaverei hineinreden. Oder an Trick-Betrüger, die die Liebe der Großeltern ausnutzen, um alten Menschen Geld zu rauben.

Oder auch das. Kennen Sie noch das Wort Vaterlandsliebe? Mit diesem Wort wurden Millionen Menschen in den Krieg gehetzt, und noch heute lesen wir auf vielen Gedenksteinen für die gefallenen Soldaten der beiden großen Weltkriege bei uns, in England, in Frankreich und in den USA das Jesus-Wort von der Liebe. „Niemand hat größere Liebe denn der, der sein Leben lässt für seine Freunde.“
Ja, so ist das mit der Liebe. Unser Glück ist sie und unser Leid, heilig ist sie und groß und in den Dreck gezogen und mit Blut besudelt.

Paulus und die KorintherUnd all diese Liebe, von der wir eben gesprochen haben, hat Paulus im Blick, wenn er an die Korinther schreibt?
Ehrlich gesagt, glaube ich das nicht. Ich denke, wir wissen viel zu wenig davon, wie sich vor bald 2000 Jahren Beziehungen gestaltetet haben und wie Eltern ihren Kindern gegenüber empfanden. Paulus hatte die Gemeinde in Korinth vor Augen. Es ging ihm nicht um persönliche Liebesgeschichten. Es ging ihm um den Zusammenhalt der Gemeinde.

Er kannte sie alle gut, seine Korinther. Das war eine sehr überschaubare Zahl der Christen. Man konnte sich noch bequem in den Häusern der reicheren Mitglieder treffen. Die korinthischen Christen brauchten noch keine Kirchen und Gemeindeversammlungen. Jeder kannte jeden. Anderthalb Jahre war Paulus in Korinth gewesen. Dort hat Paulus eine Gemeinde gegründet und aufgebaut. Und die war sicher genauso bunt zusammengewürfelt wie die restlichen Einwohner der Stadt auch. Griechen und Juden, Menschen aus aller Herren Länder, geschäftstüchtige Banker und ehemalige Sklaven, arme Witwen und reiche Handelsherrinnen. Viel Liebe hat Paulus hier gelassen. Und als er weitergezogen war, drohte ganz schnell auseinanderzubrechen, was er mit seiner Person, mit seinen Worten zusammengehalten hatte. Es gab Streit. Wie bei uns manchmal auch in unseren Gemeinden und Familien oder unter guten Freunden. Deshalb beschwört Paulus die Einheit der Gemeinschaft und schreibt ihnen, was sie wirklich brauchen, um gut miteinander klar zu kommen in all ihrer Verschiedenheit: die Liebe.

Und heute?Ja, und das hat sich nun bis heute nicht geändert. Was wir brauchen, um gut miteinander klar zu kommen in der Familie, mit unserem Liebsten, in der Gemeinde, im Freundeskreis, im Beruf, ist die Liebe. Und deswegen dürfen wir die Worte des Paulus ja auch so hören, als seien sie für uns geschrieben. Die Worte der Bibel meinen immer uns, uns in unserer Zeit. Und wir müssen versuchen, sie für uns zu verstehen, sie in unser Leben zu integrieren. Manchmal geht das nicht, weil die Verhältnisse und die Erkenntnisse von damals und heute viel zu weit auseinander liegen. Oder wer wollte heute noch im Ernst behaupten, die Frauen sollten im Gottesdienst einen Schleier tragen, so wie Paulus das auch an die Korinther geschrieben hat. Aber mit der Liebe, da hat Paulus heute immer noch recht.

Gelebte Liebe und Gottes LiebeDie Liebe, das ist nichts, was man nur sagt. Liebe tut man. Liebe will gelebt sein. Und so zählt Paulus auf, was die Liebe macht.
Die Liebe prahlt nicht und gibt nicht an,
sie verzeiht und trägt nicht nach, jedenfalls nicht lange.
Sie sieht immer noch einen Weg,
und sie ist parteilich und zugleich wahr und rechtschaffen.
Die Liebe ist viel größer, viel mehr, viel echter als wir sie zu leben vermögen. All unsere menschliche Liebe, und sei sie noch so tief und so wahr, ist menschlich und bleibt es auch. Und damit sehr unvollkommen. Wir prahlen manchmal, und wir verletzen den anderen unabsichtlich, und manchmal wissen wir genau, was wir tun und schießen den Pfeil trotzdem ab. Weil wir Menschen sind. Die Liebe aber ist göttlich. Und deswegen so groß und so heilig.
Deshalb sagt die Bibel ja auch: Gott ist die Liebe. In Vollkommenheit. Weil sie von Gott kommt, ist die Liebe ansteckend.

Und in all unsrer Menschenliebe blüht etwas von Gott auf. In all unserer Unzulänglichkeit, in all unserer Erbärmlichkeit. Und deswegen, weil die Liebe göttlich ist, ist sie auch so wunderbar. Und so stark. Und bleibt. Für immer.
Die Liebe, die von Gott ist, kommt nicht allein. Hoffnung und Glaube nennt Paulus, auch die kommen von Gott. Ein Dreigestirn.

Die HoffnungHoffnung, damit meint Paulus nicht dieses banale Verslein: „Ist der Weg auch noch so schwer, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“
Hoffnung, das ist wie die Liebe nicht nur ein schönes Gefühl. Hoffnung, das ist Kraft und Stärke. Hoffnung, das heißt, nicht aufzugeben, an Veränderung zu glauben, dafür zu leben und zu kämpfen. Und Veränderung hat diese Erde weiß Gott not. Und wir Christen sind Hoffnungsleute, aufgerufen, Hoffnung zu leben.

Wie das geht? Wir machen es doch schon. Wir sammeln mit „Brot für die Welt“ Geld für Ziegen in Afrika und für Bäume in Brasilien. Wir arbeiten ehrenamtlich in Asylkreisen und Umweltgruppen. Wir pflegen unsere Alten und erzählen unseren Sterbenden vom ewigen Leben. Wir singen das größte aller Hoffnungslieder gegen den Tod, wenn auch unter Tränen: Christ ist erstanden.

All das wurzelt in der Hoffnung, dass nichts so bleiben muss, wie es ist – und auch Gott mit seinem lieben blauen Erdenball noch längst nicht am Ende ist. Dafür braucht er uns und wir wollen uns brauchen lassen – nicht nur einzeln, sondern auch als Gemeinde. Gemeinsam sind wir mit vielen anderen unterwegs und lassen uns die Hoffnung nicht nehmen. Und den Glauben auch nicht.

Der GlaubeÜber Glauben zu reden, fällt vielen schwer. Ganz anders als über die Liebe. Denn, was ist das denn: Glauben? Muss ich an die Jungfrauengeburt glauben, um ein guter Christ zu sein? Muss ich glauben, dass Gott die Welt in sieben Tagen erschaffen hat? Nein! Glauben meint etwas anderes. Eine Herzenshaltung, eine Kraft, so wie die Liebe und die Hoffnung.

Eigentlich ist Glauben einfach zu erklären, wenn wir uns daran halten, was Jesus sagt, und die Kinder anschauen. Kinder verlassen sich darauf, dass Vater und Mutter da sind, dass ihnen nichts passiert und dass sie wichtig und bedeutend sind. Genau die umgekehrte Haltung von uns Erwachsenen: Wir halten uns meist für unbedeutend und unternehmen deshalb alle möglichen Versuche, bedeutend zu scheinen: Geld, Beruf, Status. Und wir haben kein Vertrauen zu Gott. Wir denken, wir müssten für uns selber sorgen. So sichern wir uns ab: Sparbücher, Renten, Unfall- und Krankenversicherung, Häusle und vieles mehr. Dagegen ist ja nichts zu sagen, wenn wir wissen, dass das nur unser Äußeres erhält.

Glaube heißt, darauf zu vertrauen, dass Gott unseren inneren Menschen erhält, trägt und bewahrt. Glauben heißt, davon überzeugt sein, dass Gott da ist und ich fürchterlich wichtig und bedeutend für ihn bin. Dass er mich sieht, immer und überall. Auch dann, wenn ich meine, allein im Schatten des Todes zu sitzen und mich fühle, als wäre ich zerschlagen. Glauben heißt, darauf zu vertrauen, dass Gott es schon gut meint und gut macht mit mir, mit denen, die ich liebe und auch mit denen, die ich nicht liebe, und dass sich am Ende, ganz am Ende, alles in Gott findet. Oder in der Liebe, was genau genommen das Gleiche ist.
Amen.

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