Ewigkeitssonntag / Totensonntag (20. November 2016)

Autor/in: Pfarrer Harry Waßmann, Tübingen [Harry.Wassmann@t-online.de]

  1. Wo ist der Trost in dieser Vision des Johannes?

    Was tröstet uns?
    Wo ist der Trost in dieser Vision des Johannes?
    Als erstes hören wir von der neuen Welt:

    a. Das Meer ist nicht mehr.

    Das Mittelmeer – das Meer des Südens – einst von den Römern beherrscht, die ihre Herrschaft über alle Völker und Länder am Meer ausgedehnt haben. „Mare nostrum“ – „unser Meer“ – konnten sie stolz und auch drohend behaupten. Diese Bedrohung ist passé, vergangen, überwunden.
    Das Meer wird nicht mehr sein.

    Und heute?: Dieses Meer – eine Bedrohung – eine Todesfalle.
    Für alle, die mit dem letzten Geld für ihre Flucht vor Krieg und Verfolgung zahlen. Missbraucht von Schlepperbanden – die sie eiskalt der Todesgefahr aussetzen. Das Meer wird nicht mehr sein. Ein Trostbild für alle, die hinüber wollen.

    Tröstet u n s das? Oder haben wir Angst, dass noch mehr kommen, Fremde, die ihr Leben hierher retten? Was tröstet uns? Wo ist der Trost? Die Vision eines Gefangenen auf Patmos? Der da auf der Gefangeneninsel hockt und gequält wird – um seines Glaubens willen?

    b. Johannes´ Trostort – das neue Jerusalem

    Tröstet uns Johannes´ Vision von einem neuen Jerusalem – einem „Jeruschalajim“ – einer „Schau des Friedens“?

    Die Stadt wie eine Braut – schmuck – schön, prächtig – sie kommt vom Himmel herab. Ohne irgendein menschliches Zutun. Ohne, dass Bauplätze, Investitionen und Renditen und Hypozinsen eine Rolle spielen. Sie kommt – die Stadt für die Menschen – als Braut.
    So: Vom Himmel hoch, da komm ich her! Einfach so.

    Die Hütte Gottes – eine megagroßen Stadt ! Wenn man weiter liest – ich habe nachgerechnet – 2.200 km lang und 2.200 km breit – da hätten die damals bekannten Städte alle Platz. Wohlgemerkt: die große neue Stadt nicht als Riesenpalast. Nein, mit dieser riesigen Hütte – siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen – mit ihr wird alles neu. Wörtlich, buchstäblich: Siehe da, das Zelt Gottes bei den Menschen.“

    Gott zeltet – wie einst in der Bundeshütte, im Stiftszelt – bei der Wüstenwanderung Israels. So wie später: Gott im Stall, in der Krippe bei den Menschen.
    Und heute? Wenn wir an die riesigen Zeltstädte denken – in Jordanien – in der Türkei – und die vergleichsweise kleinen, die bei uns entstehen...
    Jerusalem, die riesige Hütte, schmuck wie eine Braut, Von Oben – von Gott her – als Geschenk: So der Anbeginn einer neuen Zeit.

    Liebe Gemeinde,

    diese Vision der neuen Stadt verbindet sich mit dem Beginn der biblischen Hoffnungsgeschichten.
    Am Anfang ein Garten – der Garten Eden – ein Ort der Ruhe und des Friedens für alle Kreaturen.
    Und am Ende: Die Stadt für die Menschen.
    Der Ort der Erlösung – der Ort erlösten Lebens.
    Eine Stadt ohne Tempel, wie wir hören.
    Ohne Religionsbetrieb.
    Ohne religiöse Zwischenwirte.
    Gott bei den Menschen – direkt – unmittelbar.
    Auch ohne Konsumtempel – jener neuzeitlichen, unser Leben so durchwirkenden Religion.
    Die Stadt – so heißt es ausdrücklich: ohne Tore.
    Die neue Stadt ist die offene Stadt,
    ohne Pass und Grenzkontrollen.
    Ohne Geschrei – ohne Gewalt.
    Und: es ist die helle Stadt – Tag und Nacht.
    Vertrieben sind die Mächte der Nacht – der Finsternis.

    Hier ist ein „Schauen des Friedens“ – hier wird Gott jede einzelne (!) Träne abwischen! Gott bei den Menschen – die Menschen bei Gott.

    Doch tröstet uns das? Sehen wir etwas davon?
    Haben wir etwas davon vor Augen? Nein – vor Augen haben wir es nicht.
    Haben wir nicht vielmehr andere Städte vor Augen, die sich in unser Blickfeld drängen. Städte, in denen Gewalt, Geschrei und Terror grausame Spuren der Verwüstung hinterlassen? Gemessen an dem, was wir vor Augen haben, mag manchem diese Vision der Friedensstadt zu wuchtig sein. Doch: Es geht nicht um das Format. Darum geht es – um das Eine:

  2. Mit dieser Vision entsteht ein Ort erlösten Lebens – in uns

    Wenn alles zu Ende zu sein scheint,
    wenn Hoffnung und Freude begraben sind,
    wenn äußerste Hoffnungslosigkeit sich breit macht,
    dann steht diese äußerst-gesteigerte Hoffnung dagegen
    und will uns ein Licht anzünden – das leuchtet –
    und nicht verzehrt werden kann.

    Nein, erleben tun wir es nicht.
    Aber: Mit dieser Vision entsteht ein Raum des Hoffens.
    In uns. Ein vorgestellter Ort erlösten Lebens. Ein himmlisches Jerusalem.
    Dafür sieht und hört und schreibt „Jochanan“ – der Gefangene des Messias Jesus – auf Patmos – der Gefangeneninsel.

    Entscheidend ist das Wort – die Stimme – die Johannes hört, und aufschreiben soll.
    Schreib auf!
    Ja, Gott diktiert es Johannes förmlich in die Feder.
    Damit es zum Trost festgehalten – behalten, bewahrt – weitergegeben wird – von Generation zu Generation: Gottes Zuspruch, seine Zusage:
    Die Stimme von dem Thron her, die sprach:
    Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen!
    Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen,
    und der Tod wird nicht mehr sein,
    noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein;


    Wo ist der Trost?
    Wir erleben doch immer wieder das Andere:
    Die Tränen bleiben hier Tränen.
    Das Unabgegoltene, das im Leben nicht zur Geltung gekommen ist, bleibt unabgegolten. Das Verbockte und Versäumte,
    alles Unerfüllte – bleibt verbockt, versäumt und unerfüllt.
    Was tröstet uns dann? Dieses eine Wort:

    Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende.
    Diese Gewissheit ist es.
    ICH bin dein – ICH bin euer A und O !
    Nicht , dass wir es immer erleben.
    Aber – wir können in der Trauer, im Schmerz, unter Tränen gewiss sein:
    in Wirklichkeit bin ich – sind meine Lieben auch jetzt in Gottes Händen geborgen.
    Im Leben – im Sterben und über den Tod hinaus.,
    Nichts kann mich – kann uns – von seiner Liebe trennen.

    Das, liebe Gemeinde, ist sein Trost für uns.
    Darum geht es: Die bösen Gewalten – die uns trennen wollen – untereinander und von Gott – und der Tod ist die letzte mächtige Gegengewalt – der letzte Feind, wie Paulus einmal sagt – diese Mächte in uns WeghoffenWegglauben – darum geht es. So Entbergen – so Offenbaren – so „die Decke wegziehen“ (≈ apo-kalüpsis)
    dass da noch etwas anderes darunter ist – unter dem Schmerz, unter der Trauer – und nicht Nichts ist – sondern Gottes Hände, die uns halten. Dich und mich und die ganze Welt.

    Am Ende siegen nicht die Mächte des Todes,
    siegen nicht Terror und Erniedrigung.
    So wie es eine junge Frau nach den Terroranschlägen in Paris auf das Straßenpflaster mit Zeichen und Worten gemalt hat:
    Oben: ein Peacezeichen – dann ein Gewehr und ein Herz.
    Und daneben die Worte: Façe à la barbarie (Gewehr) – la vie (Herz) – continue.
    (Im Angesicht / entgegen der Barbarei – das Leben – geht weiter!)

    Ja, wir vertrauen darauf:
    dass das Ende – dass der Tod – noch nicht das Ende ist,
    sondern: ein gutes Ende wartet auf uns alle.

    Weil der Anfang gut ist.
    Weil Gott gut ist.
    GOTT am Anfang und am Ende.
    GOTT hat das erste und das letzte Wort:

    Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende.
    Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.
    Wer überwindet, der wird es alles ererben,
    und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.


    Und dieser Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft – bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserm Herrn.

    Amen.


    Hinführung
    Das Buch der Offenbarung ist auf eine Weise ein Hoffnungstext für verfolgte, verzweifelte, geschundene und ermordete Christen. Sie können und sollen am Totensonntag einen Ort in der Fürbitte haben.
    Für die Predigt kommt es darauf an, den Hoffnungskern von Offb 21 für die Trauernden in unserer Lebenssituation zu erschließen.
    Im Eingangsteil des Gottesdienstes kann die seelsorgerlich individuelle Dimension von Schmerz und Trauer betont und ausführlich Raum und Gewicht bekommen, im Psalm, im Gebet, in einem Kerzenritual.
    Psalm 63 artikuliert den Durst unserer Seele nach Gott.
    Kerzen auf dem Altar – je eine an der Osterkerze für die Verstorbenen entzündet, – machen sichtbar: in Christus – in der Hoffnung auf Auferstehung – bleiben wir verbunden. So treu ist Gott. Lied 533 – Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand – kann so ein Kerzenritual gut beschließen.
    Eine Schriftlesung – z.B. aus Römer 8, wie im Gesangbuch unter der Nr. 762 zu finden – kann dieses Vertrauen bekräftigen.
    So können die Ohren frei werden, um auch die gesellschaftlichen Dimensionen von Trauer und Hoffnung auf Auferstehung aus Offenbarung 21 auf sich wirken zu lassen.


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