Ewigkeitssonntag / Totensonntag (25. November 2018)

Autor/in: Pfarrer Gerd Ziegler, Backnang [gerd-walter.ziegler@elkw.de]

Jesaja 65, 17 -25

Liebe Gemeinde!

Ist es bald soweit? Brauchen wir einen neuen Planeten? Der weltweite Erdüberlastungstag für 2018 war am 1. August. An diesem Tag hat die Weltbevölkerung rechnerisch alles aufgebraucht, was ihr für das ganze Jahr zusteht. Wälder, Ackerland, Fischgründe und weitere natürliche Rohstoffe lassen sich für den Rest des Jahres nicht mehr nachhaltig erneuern. Für Deutschland allein liegt dieser Tag schon Anfang Mai. Würden alle Menschen leben wie wir in Deutschland, bräuchten wir drei Erden, um den Bedarf nachhaltig zu decken. Wir haben nur diese eine Erde. Wer sieht das anders?
Der Ewigkeitssonntag bietet die Gelegenheit, uns zu besinnen. Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wo sind unsere Verstorbenen jetzt? In welcher Welt sind all diejenigen, die vor uns gelebt haben und gestorben sind? „Wie sieht der Ort aus, an dem ihre Seelen jetzt sind?“ Das fragen mich Menschen in Trauer um geliebte Angehörige. Das fragen sich Menschen, die im Herzen verbunden sind mit ihrer verstorbenen Partnerin, ihren Eltern, ihrem entrissenen Kind. Wie dieser Ort aussieht, weiß ich nicht. Worte der Heiligen Schrift wecken Vorstellungen in mir. Sie nähren meine Hoffnung auf einen neuen Lebensraum. Für meine Augen ist dieser Raum unsichtbar. Doch er umgibt uns. Eine Kraft geht von ihm aus. Sie zieht mich an.

Verheißung des Neuen„Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.“
Der Prophet Jesaja spricht dieses Wort zu Menschen, die großes Leid erfahren haben. Aus der babylonischen Gefangenschaft sind Frauen, Männer und Kinder zurückgekehrt in die alte Heimat. Sie haben dort ein Trümmerfeld vorgefunden. Zerstörte Häuser und verwüstetes Land vor Augen fragen sie: Wie sollen wir das schaffen? Woher nehmen wir die Kraft, um unsere Städte und Dörfer wieder bewohnbar zu machen? Haben wir den Mut, das Land wiederaufzubauen? Den trauernden und ratlosen Exilanten verheißt Jesaja: Gott steht euch bei. Ihr seid nicht allein. Er wird euch neuen Lebensraum schaffen.
Denkt Jesaja an einen neuen Planeten? Der neue Himmel und die neue Erde erinnern an die Schöpfung im Anfang. Gott nannte seine Schöpfung gut. Vor diesem Hintergrund beschreibt Jesaja eine Welt, wie sie im Anfang von Gott gedacht war. Doch mit der Existenz der Menschen kam auch der Riss in unsere Welt. Im Sinnbild der Schlange, dem „alten Drachen“, bemächtigte sich das Böse der Herzen der Menschen. Der neue Himmel und die neue Erde verwandeln die Welt so, wie sie von Gott ursprünglich gedacht war. Jesaja umreißt diese Verwandlung: Freude und Fröhlichkeit herrschen in jener Welt. Weinen und Klagen wird es nicht geben. Kinder wachsen heran zu Frauen und Männern, die einmal alt und lebenssatt sterben dürfen. Es gibt Wohnungen für alle und genug zu essen und zu trinken. In der heilen Schöpfung dienen Früchte des Feldes und der Weinberge zur veganen Ernährung. Alle Kreaturen haben teil daran. Der Wolf weidet wie das Lamm auf grüner Wiese, der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Ausgenommen ist die Schlange, die Erde fressen muss. Wird das Böse in der neuen Welt damit in Schach gehalten? Jedenfalls wird man nicht mehr an die Zustände der alten Welt denken und sie nicht mehr im Herzen tragen. Gott ist mit seinen Menschen verbunden. Er hört sie und redet mit ihnen.

Schöne bedrohte WeltWie ein Kommentar dazu klingt die Einsicht des Psalmbeters: „HERR, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter“ (Psalm 104,24). Dieser Einsicht hat sich ein Sohn aus der schwäbischen Heimat verschrieben. Im Jahr 1571 in Weil der Stadt geboren, machte Johannes Kepler daraus seinen Beruf. Die Eltern und Lehrer haben die außerordentliche Begabung ihres Kindes Johannes bemerkt und ihn trotz wirtschaftlich schwieriger Umstände gefördert. Der berühmte Gelehrte studierte am Evangelischen Stift in Tübingen neben Naturwissenschaften auch Theologie. Der begabte Mann besaß einen weiten Horizont. Er blickte über die Erde hinaus und wandte sich dem Weltraum zu. In Graz hatte Kepler eine Professur für Mathematik inne. Der tief gläubige Christ entdeckte wissenschaftliche Gesetze, die nach ihm benannt sind. Eines lautet: die Planeten bewegen sich auf Bahnen einer Ellipse um die Sonne, die in einem ihrer Brennpunkte steht.
Die Werke des Herrn sind gigantisch und weise geordnet, so der Psalmbeter. Ihm war gewiss, dass die Erde voll seiner Güter ist. Müssen wir heute sagen: Die Erde war voll seiner Güter? Allmählich verschwinden die Güter der Erde. Sie verbrauchen sich keineswegs von selbst. Der Mensch greift danach. Vom Bösen ergriffen, greift der Mensch ohne Maß auf die Ressourcen der Erde zu. Unsere Gier, der Hang zur Gewalt und zur Unterdrückung anderer Mitgeschöpfe, bilden den zweiten Hintergrund der Botschaft Jesajas. Gott schaut auf die Geschichte der Menschen. Er sieht deren Entwicklung. Die Zerstörung der Güter und Grundlagen des Lebens sind ein Teil davon. Gott widerspricht nicht der Einsicht des Psalmbeters. Er will einen Neuanfang.

Sehnsucht nach LebensraumEinen ähnlichen Beruf wie Johannes Kepler ihn hatte, übt Lisa aus. Sie ist eine bemerkenswerte Frau. Ihren Tatendrang und ihre Zielstrebigkeit bewundere ich. Lisa Kaltenegger, geboren 1977 bei Salzburg, war wie Johannes schon als Kind hochbegabt. Sie hat Physik und Astronomie, Betriebswirtschaft und Japanisch studiert. Die Österreicherin ist vielseitig interessiert und sehr musikalisch. Verheiratet ist sie mit einem portugiesischen Weltraumtechniker. Das Paar hat eine Tochter. Die Astronomin Lisa Kaltenegger widmet sich einer besonderen Aufgabe. Darüber hat sie vor einigen Jahren auch ihre Doktorarbeit in Graz verfasst. Sie sucht nach außerirdischen Planeten. Genauer: sie erforscht Exoplaneten, Exomonde und Supererden. Frau Kaltenegger modelliert die Atmosphären von erdähnlichen Planeten und beschreibt sie. Dazu analysiert sie das reflektierte Licht, das von diesen Planeten zu uns kommt. Ich erinnere mich an ihre Worte aus einem Rundfunk-Beitrag: „Ich bin fasziniert von der Suche und Bestimmung von Planeten außerhalb unseres Sonnensystems. Das erste Mal in der Geschichte der Menschheit verfügen wir über die Technologie, nicht nur Kontinente, sondern völlig neue Welten zu entdecken und zu bestimmen. Und dabei ist so viel zu lernen…“

Die Sehnsucht nach neuen Lebensräumen ist uns in die Wiege gelegt. Mit dem Riss in der Schöpfung, dem Bösen, das sich unserer Herzen bemächtigt, existieren wir. Doch haben wir noch immer die Wahl. Folgen wir dem Auftrag, diese Erde zu bewahren? Von anderen Planeten können wir träumen. Zur Verfügung stehen sie uns nicht.

Reise zum anderen OrtDer Science-Fiktion-Film „Passengers“ von Morton Tyldum veranschaulicht unsere Sehnsucht nach neuen Lebensräumen. Jim und Aurora sind Passagiere an Bord eines Raumschiffs. Es soll sie zusammen mit einigen Hundert anderen Menschen zu einem entfernten Planeten bringen. Dort wartet ein neues, ganz anderes Leben auf die auserwählten Passagiere. Wegen der großen Entfernung dauert die Reise im All viel länger als ein Menschenleben. Die Reisenden liegen einzeln in Schlafkapseln, die wie gläserne Särge aussehen. Sie schlafen tief und wirken wie eingefroren. Durch einen Defekt an seiner Kapsel wird Jim aufgeweckt: 90 Jahre vor der geplanten Landung. Die Kabine lässt sich nicht reparieren. Lebensmittel gibt es genug auf dem Raumschiff. Jims Problem ist die Einsamkeit. Oft geht er zur Schlafkapsel von Aurora. Über ein Jahr ringt er mit sich, ob er sie wecken soll. Er sehnt sich nach Nähe und Zuwendung. Er wünscht sich eine menschliche Partnerin, die Roboter und Maschinen nicht ersetzen können. Jim liebt Aurora. Schließlich trifft er eine Entscheidung. Er öffnet die Kabine von Aurora und weckt sie. Darauf erleben die beiden eine Achterbahnfahrt der Gefühle im Glück und in Schmerzen. Doch werden sie am Ende ein liebendes Paar. Das ursprüngliche Ziel, den neuen Planeten, erreichen sie nicht lebend. Das wissen sie. Aber sie pflanzen Bäume mitten im Raumschiff. Seine Vorratskammern hielten Samen, Erde und Dünger bereit. Die beiden Aufgewachten finden ihr Glück mitten auf der Reise.

Der Film erhellt den Zwiespalt unserer Existenz. Gefangen im Zustand der Welt – wofür wir mitverantwortlich sind –, streben wir nach Erneuerung unserer Welt. In der Galaxis entdecken wir neue Planeten schon heute. Einen neuen Himmel und eine neue Erde schafft Gott. Bis dahin genügt unser Planet. Bis dahin sind wir beauftragt, ihn zu bebauen und zu bewahren. Seine Passagiere sind wir. Vertrauen wir darauf, dass der andere Ort, der neue Lebensraum, jener ist, an dem Gott selbst bei uns ist und alle unsere Tränen abwischt (Offenbarung 21,3f).
Amen.

Anregungen durch den Film „Passengers“ von Morton Tyldum, USA, 2016, mit Jennifer Lawrence und Chris Pratt.