Exaudi (13. Mai 2018)

Autor/in: Pfarrer Dr. Alexander Fischer, Stuttgart [fischer@dbg.de]

Jeremia 31, 31 -34

Liebe Gemeinde!
Von einem Bund zwischen Gott und Israel ist hier die Rede. Ein neuer Bund soll an die Stelle des alten treten. Denn der alte Bund ist zerbrochen, Vertrauen ist zerstört, kein Weg führt zurück! Und wir brauchen in unseren eigenen Lebensgeschichten nicht lange zu suchen, um solche Situationen, solche Sackgassen aufzufinden. Wir haben uns verfehlt, wir haben Gott verfehlt. Kein Weg führt zurück! Wir stehen vor einem Scherbenhaufen. Woran können wir uns halten? Das ist die Frage, die auch das Volk Israel umgetrieben hat. Machen wir eine Zeitreise, werfen wir einen Blick in die Geschichte unseres Predigttextes, damit wir sehen, spüren und erfahren, was uns da angekündigt wird.

Jerusalem in TrümmernWir sehen Jerusalem, den Zion, die Stadt Gottes. Doch Breschen sind in die Mauern geschlagen, die Tore der Stadt eingerissen und der Tempel, die Wohnung Gottes, bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Der Tempel: nur noch ein Trümmerhaufen. Wir schreiben das Jahr 587 v. Chr. Die Babylonier haben Jerusalem zerstört, Gefangene gebunden und an langen Seilen weggeführt. Was wir sehen, ist ein Scherbenhaufen der Geschichte Israels und seiner Beziehung mit Gott.
Wir entdecken einen Mann. Er sitzt im Staub. Es könnte der Prophet Jeremia sein, wir wissen es nicht. Jedenfalls ist es ein Jude. Er sitzt dort über den Bruchstücken der Geschichte, über der Geschichte seines Volkes. Und er sieht Gespenster. Es sind die Gespenster der Schuld, die in dunklen Ecken hausen. Nur noch die Schuld ist geblieben. Denn das Volk hatte Gott schon lange verlassen. Im Tempel hatte damals noch reges Treiben und religiöse Betriebsamkeit geherrscht. Doch keiner, der dort ein- und ausging, wollte Gott wirklich suchen und finden und sein Leben ändern. Deshalb ging zuletzt auch Gott. Er verließ sein Volk. Was hätte er sonst tun sollen? Seine Liebe zu Israel, sein Bund mit Israel war gescheitert. Und der Trümmerberg Jerusalem, den wir sehen, ist nur ein sichtbarer Ausdruck davon.
Unser Mann sitzt noch immer im Staub. Bedrängt von der Schuld um ihn herum. Seine Hand fährt unruhig durch die Asche am Boden. Da berührt sie etwas. Es ist eine Scherbe aus Ton, nicht größer als seine Handfläche. Er greift sie gedankenlos und merkt nicht: auf dieser Scherbe ist etwas eingeritzt, steht etwas geschrieben. (So wie auf dieser Scherbe hier). Und wir müssen dazu wissen: Das ist nichts Ungewöhnliches im alten Israel. Tonscherben sind Schriftträger, es gab ja damals noch kaum Papier. Man benutzte darum Scherben, um Briefe zu schreiben, um Botschaften zu schicken. Diese Scherbe nun liegt in der Handfläche unseres Mannes. Und wir werden noch erfahren, was auf der Scherbe geschrieben steht. Wir wollen sie darum nicht vergessen.
Vorerst aber ist sie für uns nur eine einfache Scherbe, ein Zeichen und Symbol für den Scherbenhaufen des Bundes, den Israel zerschlagen hat. Unser Mann hält sie in seiner Hand und spürt ihre Kanten, gedankenversunken. Er blickt zurück auf das, was gewesen ist. Es ist wie ein Film, der vor seinen beiden Augen abläuft. Der Beginn der Liebe Gottes zu Israel, die Knechtschaft in Ägypten, die Befreiung durch Mose, der Durchzug durch das Schilfmeer und schließlich die Ankunft am Gottesberg in der Wüste. Dort, wo einst Gott mit Israel seinen Bund geschlossen hat, am Berg Sinai.

Blick in die VergangenheitGeschichten und Bilder kommen dem Mann in den Sinn, er kennt sie aus der Heiligen Schrift: Er sieht Mose, wie er herabsteigt vom Gottesberg, in seinen Händen die zwei steinernen Tafeln mit den Zehn Geboten. Mose hat sie aufgeschrieben, und das heißt: Er hat sie gemeißelt, die Buchstaben eingetieft, in den Stein eingraviert. Bleibend und für immer: die Zehn Gebote. Sie sind der Inhalt des Bundes zwischen Gott und Israel. Es sind nur Zehn Gebote, doch mehr braucht es nicht, um in Freiheit zu leben und dem andern seine Freiheit zu erhalten. Und ganz oben auf der einen Tafel das erste Gebot: Ich bin der HERR, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben. So kommt Mose herab vom Berg, und da sieht er es blinken und glitzern im Tal. Das Volk tanzt und jauchzt. Und Sie wissen oder ahnen schon, was kommt.
Das Volk tanzt um das Goldene Kalb. Es hat sich seinen eigenen Gott geschaffen. Einen Gott zum Anfassen, den man auf einen Sockel stellen kann. Der Gott aber, der Israel aus Ägypten in die Freiheit führte, ist schon vergessen. Wie schnell das geht! Man braucht ihn nicht mehr. Der Bund Gottes – kaum ist er geschlossen, schon wird er verlassen. Wie schwer ist es doch, nur dieses erste Gebot zu halten: Ich bin der HERR, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Goldene Kälber gibt es inzwischen viele! Und Tänzer ebenfalls. Woran wir uns binden, das sind unsere Götter. Und vieles in unserem Alltag bindet uns. Aber die Freiheit, die uns Gott schenkt, ist rasch vergessen. Wie schnell das geht! Wie oft, so frage ich mich selbst, schiebe ich eigentlich Gott auf die Seite, wenn es mir gut geht – wenn ich denke, ich brauche ihn nicht. Dabei steht er doch an meiner Seite, gerade auch in guten Tagen, und ich merke es nicht – denke vielmehr, es läuft doch auch ganz gut ohne Gott. Ja, an manchen Tagen bin ich eben auch so ein Tänzer um das Goldene Kalb, der Gott einfach auf die Seite schiebt. Wie schwer ist es doch, nur dieses erste Gebot zu halten: Ich bin der HERR, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Ist das uns Menschen zu schwer? Sind wir damit überfordert? Können wir das überhaupt leisten und schaffen?

Blick in die ZukunftWir kehren auf unserer Zeitreise nochmals nach Jerusalem zurück und zwar in eine kleine Schreiberstube am zweiten Tempel. Dort sitzt ein Lehrer der Heiligen Schrift, es ist Abend, er hat eine Lampe angezündet. Jahrhunderte sind inzwischen vergangen. Der Tempel liegt nicht mehr in Trümmern. Man hat ihn längst wieder aufgebaut. Die Gespenster der Schuld sind angeblich verschwunden, die Gefangenen aus Babylon zurückgekehrt, und ihre Kinder leben in Jerusalem, nun schon in der vierten Generation. Die Zehn Gebote, die gibt es noch, sie werden auch noch buchstabiert. Aber werden sie auch gehalten? Die Frage bleibt: Ist das uns Menschen zu schwer? Überfordert es uns? Können wir das überhaupt?
Unser Lehrer der Heiligen Schrift sitzt bei seiner Lampe. Auf dem Tisch liegt eine alte Schriftrolle. Er ist dabei, sie abzuschreiben. Es ist die Schriftrolle des Propheten Jeremia, und unser Schreiber ist schon bis über die Hälfte hinaus gekommen. Jetzt stockt er und denkt nach. Warum brechen die Menschen den Bund mit Gott? Immer und immer wieder? Warum halten sie nicht seine Gebote? Braucht es denn mehr? Seine Stirn legt sich in Falten und unwillkürlich greift er zu einem Gegenstand, der neben seiner Schriftrolle liegt. Es ist jene Scherbe aus dem Tempel, aus dem Scherbenhaufen der Geschichte, die wir nicht vergessen haben.
Er betrachtet sie. Ein Satz ist in die Scherbe eingeritzt, kunstvoll graviert und mit Tinte ausgemalt. Die Tinte ist inzwischen verblasst. Doch die eingeritzten Linien sind klar und deutlich zu erkennen. Er kann sie fühlen mit seinem Finger. Und er liest langsam und noch einmal: Ich bin der HERR, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Das erste Gebot, es steht auf der Scherbe. Und da durchzuckt ihn ein Geistesblitz. So müsste es sein, so sollte es sein wie mit dieser Scherbe. Dass uns Menschen das erste Gebot eingeritzt würde in unsere Herzen, so wie in diese Tonscherbe. Dass wir es fühlen können in unserem Inneren und dass wir es befolgen durch unseren Willen, aus Freiheit und nicht aus Pflicht. So müsste es sein, dass wir uns nicht länger biegen und winden im Gehorsam gegenüber Gott, sondern dass wir das erste Gebot in unseren Herzen tragen und aus freien Stücken befolgen. Und jetzt ist er sich gewiss: Gott wird das tun, damit wir ihn wirklich erkennen und unsere Schuld bekennen und unser Leben ändern.
In dieser Nacht hat unser Lehrer der Heiligen Schrift eine Hoffnung gefunden und eine Verheißung Gottes gefunden. Mit zitternder Hand trägt er seinen Gedanken in die Schriftrolle des Jeremia ein. Das ist es, was wir Menschen brauchen: Es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben. Dann wird keiner mehr den andern belehren und sagen: Erkennt den HERRN! Sondern sie alle werden mich erkennen, Klein und Groß. Es ist eine ausgesprochen kühne Ankündigung. Denn Gott selbst wird seinen Bund von neuem begründen. Nicht dadurch, dass er seine Zehn Gebote ändert, sie abmildert oder erleichtert, sondern dadurch, dass er den Menschen selbst ändert, radikal ändert. Das ist sein neuer Bund. Der Inhalt bleibt. Die Zehn Gebote bleiben. Wir brauchen sie zum Leben. Aber alles steht jetzt unter seiner Verheißung, dass wir seine Gebote in unseren Herzen tragen werden.

Leben unter der Verheißung des neuen BundesIst diese Verheißung Gottes aus dem Jeremiabuch inzwischen erfüllt? Wir schauen uns um in der Welt und stellen fest: Vieles hat sich seit dieser Zeit geändert, aber die Menschen, sie haben sich nicht geändert. Sie tun sich noch immer schwer, mit Gott und seinen Geboten. Die Verheißung, dass die Zeit kommt, in der Gottes Wille in unsere Herzen eingeschrieben ist, die ist noch nicht erfüllt. Damals nicht und heute nicht. Diese Verheißung aus dem Alten Testament, sie weist weit über uns hinaus. Allerdings: Wir leben schon heute unter dieser Verheißung, wir brauchen sie, weil sie uns die Richtung weist: Wir leben schon heute auf Gottes Zukunft hin, dass wir neue Menschen werden und das tun, was uns und anderen hilft. Ja, wir können diese Verheißung spüren, wir können Gottes Lebenskraft in unserem Innern spüren, an guten und an schlechten Tagen, in unserem Alltag, heute und gerade auch in diesem Moment. Gott steht mitten im Leben, Gott steht fest an unserer Seite. Seine Gebote sind keine Stolpersteine, über die wir in unserem täglichen Hin und Her stolpern oder über die wir einfach nur hinweggehen. Seine Gebote sind Meilensteine auf dem Weg zu Gottes Reich, zu einer gerechteren und sozialeren Welt. Diese große Verheißung unseres Predigttextes, vielleicht darf ich sie auch ganz schlicht als eine Ermutigung lesen: Lass deinen Scherbenhaufen zurück! Atme durch! Geh deinen Weg, folge deinem Inneren! Gott ist mit dir und macht dich frei. Das ist der neue Bund.
Was hindert uns dann noch, unter dieser Verheißung zu leben? Nichts hindert uns daran: Denn, so spricht der HERR, ich will ihnen ihre Schuld vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken. Amen.

Hinweis zu Bibeltext und Predigt:
Der Predigttext Jeremia 31,31-34 gehört nach der gegenwärtigen Forschung zu einer kleinen Sammlung nachexilischer Heilsworte, die nicht vom Propheten Jeremia stammen, sondern zur Fortschreibung seines Buches gehören. Die Predigt unternimmt den Versuch, diesen redaktionsgeschichtlichen Befund einmal narrativ umzusetzen und seine Zukunftsperspektive zu entfalten. Lied nach der Predigt: EG 665,1-4 »Gelobt sei deine Treu«.


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