Exaudi (02. Juni 2019)

Autorin / Autor: Studienleiter Dr. Michael Gese, Stuttgart [michael.gese@elk-wue.de ]

Epheser 3, 14-21

IntentionEs gibt Situationen, da scheint Gott weit weg. Dann breiten sich Ängste, Einsamkeit und Depressionen aus. Die Predigt soll dagegen die Erfahrung des Paulus für die Gegenwart auslegen: Im Gebet ist Gott uns nahe. Er stärkt uns und will uns erfüllen.

Liebe Gemeinde!

Gott ist ein
Gebet weit
von uns entfernt.
(Nelly Sachs, EG-Zwischentext S. 969)

Die jüdische Dichterin Nelly Sachs hat diese Erfahrung in einem Gedicht beschrieben. Ein Gebet weit entfernt – eine eigentümliche Entfernungsangabe. Und doch, wie treffend! Gott ist um uns, auch wenn wir es nicht wissen. Er ist näher als wir uns selbst, innerlicher als unser Innerstes. Im Beten wird es uns bewusst.
Gott ist da. Und die Grenze zwischen ihm und den Menschen: das Gebet. Gesprochene Worte, vielleicht leise gemurmelt, auf Zettel geschrieben oder nur still mit dem Herzen vollzogen. Worte, die die jenseitige Welt öffnen, die deutlich machen, dass wir mit allem, was wir sind, bereits mitten in Gott sind, von ihm umgeben, umhüllt und erfüllt. Wo jemand an die Grenze kommt mit seinen unbeholfenen Worten, da kommt Gott ihm schon entgegen, empfängt ihn und nimmt ihn mit Freuden auf.
„Gott ist nur ein Gebet weit entfernt“, so mag es auch Paulus erfahren haben als er im Gefängnis lag. Von seinem Gebet berichtet der Epheserbrief. Ergreifende Worte sind das. Hören Sie selbst:

Epheser 3,14-21
14 Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, 15 von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat, 16 dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, 17 dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne. Und ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet, 18 damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, 19 auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt.
20 Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, 21 dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus durch alle Geschlechter von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Beten schenkt Freiheit – die Erfahrung des PaulusEinsam, in einem dunklen, modrigen Verließ, gefesselt womöglich – so stelle ich mir die Situation des Paulus vor. Aber mitten in der Finsternis, mitten in der Enge der Zelle leuchtet die Weite des Himmels. In der Dunkelheit des Kerkers strahlt der Glanz Gottes auf. Voller Licht ist, was Paulus betet: „Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat.“

Es mag sein, dass seine Worte zunächst an den Wänden abgeprallt sind. Vielleicht haben die Mauern ein dumpfes Echo geworfen. Aber das, was die Worte sagen, lässt sich nicht von Steinquadern abschirmen. Das Gebet übersteigt Mauern, Klagemauern und Gefängnismauern. Es überwindet Schloss und Riegel. Die Worte öffnen Weite. Alles Enge, Dumpfe und Modrige des Kerkers lassen sie hinter sich. Sie atmen Freiheit, Licht und Fülle.
Paulus betet zum Vater, zum Vater Jesu Christi. Der darum auch sein Vater ist, ja unser aller Vater, weil er der rechte Vater ist, „von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat“. Vom Kerkerloch bis zum Vater im Himmel ist es nur ein Gebet weit. Die Entfernungsangabe stimmt!

Beten macht stark – die Bitte des PaulusSie stimmt aber auch in anderer Richtung: Paulus betet für seine Gemeinden. Bis zu ihnen ist es auch nur ein Gebet weit. Er kann seinen Gemeinden ganz nahe sein – über Raum und Zeit hinweg. Mit seinen Worten betet Paulus sogar für uns heute: „dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid“.

Vom Stark werden an dem inwendigen Menschen spricht Paulus. Wer wollte es nicht: stark werden. Die Fitness-Studios verdienen mit diesem Wunsch ihr Geld. Aber dieses Starkwerden hat nichts mit Muskelpaketen zu tun. Es stellt sich vielmehr gerade da ein, wo wir schwach sind. Wo wir nicht weiterwissen. Wo wir uns öffnen und auf Christus einlassen: „dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne“. Das Gebet kann unser Herz weit machen, so weit, dass der Himmel darin Platz hat. So weit, dass die Größe und Herrlichkeit Gottes einzieht, dass Christus kommt und Wohnung nimmt. Und darum heißt Beten: die Weite Gottes atmen. Immer wieder kann man das erleben, diese Weite Gottes, die ein Herz frei und froh macht – auch in bedrängender Situation.

Beten heuteViele Menschen haben Angst, sie könnten das Leben versäumen, sie könnten etwas verpassen. Sie könnten nicht genug abbekommen vom Leben. Immer mehr wollen sie haben. Aber damit laufen sie oft vor dem Entscheidenden davon: vor dem, was ihrem Leben Sinn und Erfüllung schenkt.
Denn wo Gott in den Herzen der Menschen wohnt, da kann der Mensch nichts verpassen. Mit einem Mal gilt nur noch dies Eine: die Gegenwart Christi im Herzen, alles andere ist zweitrangig. Wo Christus einzieht, da ist der Mensch befreit von der Angst zu versäumen. Befreit davon, dem Leben hinterherjagen zu müssen. Plötzlich muss sich nicht mehr alles um das eigene Ego drehen. Gottes Gegenwart schenkt dem Leben Gewicht. Gott macht ein Leben frei und unabhängig, sogar mitten in äußerer Gefangenschaft. Wo ein Mensch das erleben darf, gibt es nichts mehr, was ihn bedrängen kann: Sicher, die Gefängnismauern sind noch da. Die Fesseln können noch schmerzen. Der Gefängnisaufseher kann noch herumkommandieren. Aber dem Paulus kann die innere Freiheit nicht genommen werden. In ihm wohnt Christus. Das öffnet ihm Freiheit.

Manche Menschen werden von Ängsten niedergedrückt, von Depressionen und Schwermut gefangen genommen. Sie haben das Gefühl, in ein Kerkerloch zu fallen. Wo aber der innere Mensch wachsen darf, weil Christus im Herzen wohnt, da ist es, wie wenn eine Hand von unten die Seele auffängt. Die Hand trägt und führt empor: auf einmal ist da kein Fallen mehr, das Loch nicht mehr bodenlos, und die Schwärze der Tage lichtet sich.

Ja, selbst am Sterbebett gilt das. Vor vielen Jahren begleitete ich eine Patientin auf ihrem Leidensweg bis zum Sterben, Stationen zwischen Hoffen und Bangen. Spürbar ließen ihre Kräfte nach. Man konnte erkennen, wie die Krankheit immer mehr die Herrschaft übernahm.
Doch eines Tages sagte sie zu mir: „Gott ist nur ein Gebet weit entfernt.“ Ich wusste zunächst gar nicht, woher sie diesen Satz eigentlich hatte. Erst später entdeckte ich, dass diese Worte aus dem Gedicht von Nelly Sachs stammen. Doch diese Worte gaben ihr unendlich viel Kraft. Sie hat sie immer wieder gesagt – für sich und für die anderen, die bei ihr waren. Und dieser Satz gab ihr Halt. Der Atem wurde leichter, die Schmerzen traten zurück und die Gesichtszüge entspannten sich.

Ich muss sagen: Auch mir gab dieser Satz unendlich viel Kraft – gerade in der Begleitung dieser Frau. Denn mit jedem Besuch musste ich deutlicher erkennen, wie sehr sie von der Krankheit gezeichnet war, wie sich die Gesichtszüge veränderten und in den letzten Wochen der Tod aus ihren Augen sah.
In dieser Situation für sie da zu sein und das Leiden mit auszuhalten, da hat ihr Satz auch mir geholfen: „Gott ist nur ein Gebet weit entfernt.“
Ich staunte, dass man mit so wenigen Worten so viel sagen kann. Und ich spürte, wie wahr dieser Satz ist und dass in ihm eigentlich alles steckt.
Mitten in dem Leiden dieser Patientin, mitten in der vom Tod gezeichneten Welt, leuchtete plötzlich etwas auf, was mich aufs Tiefste beglückte. Und seitdem sind mir diese Worte zu einem Schatz geworden: „Gott ist nur ein Gebet weit entfernt.“
Von diesem Schatz spricht auch Paulus. Offenbar will er das in seinem Gebet den Gemeinden ans Herz legen: „damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt.“
Wer sich im Gebet für Gott öffnet, wird erleben, dass Gott nur ein Gebet weit entfernt ist. Denn im Gebet werden wir erfüllt werden mit der Fülle Gottes: Das ist das Ziel, das letzte und größte, wohin das Gebet führt: Die Liebe Christi will sich in die Herzen ergießen, will die Menschen erfüllen. Kaum zu glauben ist das und übertrifft alle Erkenntnis. Nach Größerem könnte das Herz nicht verlangen. Am heutigen Sonntag Exaudi, dem Sonntag vor Pfingsten, warten wir auf die Fülle Gottes. Dass sie unser Leben weit macht und unser Herz erfüllt: „Gott ist ein Gebet weit von uns entfernt.“ Amen.

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