Exaudi (21. Mai 2023)

Autorin / Autor:
Pfarrerin Dr. Friederike Portenhauser, Tübingen [friederike.portenhauser@uni-tuebingen.de]

1. Samuel 3,1–10

IntentionDie Predigt regt an, das Hören zu üben – auf sich selbst, auf andere Menschen und auf Gott, der uns zuerst hört.

EinstiegWas haben Sie heute Morgen schon alles gehört? Den Wecker, Vogelgezwitscher, die Stimmen Ihrer Lieben, Musik aus dem Radio, und dann hier in der Kirche die Orgel, die Band, Ihre eigene Stimme beim Singen? Jeden Tag hören wir unzählige Geräusche, bewusst und unbewusst. Für die meisten von uns ist Hören so selbstverständlich wie Atmen. Und doch ist es manchmal gar nicht so einfach. Hören wir auf den Predigttext aus dem 1. Buch Samuel im 3. Kapitel in der Übersetzung der BasisBibel.

Lesung des Predigttextes 1Sam 3,1–10 mit verteilten Rollen
Erz: Erzähler:in
S: Samuel
Eli: Eli
G: Gott

Erz: 1 Der junge Samuel tat Dienst für den Herrn unter der Aufsicht des Priesters Eli. Zu dieser Zeit kam es nur noch selten vor, dass der Herr ein Wort mitteilte. Weit und breit gab es auch keine Vision mehr.
2 Eines Tages geschah Folgendes: Eli war bereits zu Bett gegangen. Seine Augen waren im Alter schwach geworden, sodass er kaum noch etwas sehen konnte. 3 Samuel aber legte sich im Tempel des Herrn hin, wo die Lade Gottes stand. Die Lampe Gottes brannte noch. 4 Da rief der Herr den Samuel. Der antwortete:

S: »Hier bin ich!«

Erz: 5 Schnell lief er zu Eli hinüber und sagte:

S: »Ja, hier bin ich, du hast mich gerufen.«

Erz: Eli erwiderte:

Eli: »Nein, ich habe dich nicht gerufen. Zurück ins Bett!«

Erz: Da ging er zurück und legte sich schlafen. 6 Doch der Herr rief noch einmal:

G: »Samuel!«

Erz: Wieder stand Samuel auf, lief zu Eli und sagte:

S: »Ja, hier bin ich, du hast mich gerufen.«

Erz: Er antwortete:

Eli: »Nein, ich habe dich nicht gerufen. Zurück ins Bett, mein Sohn!«

Erz: 7 Samuel aber erkannte nicht, dass der Herr ihn gerufen hatte. Denn er hatte noch nie ein Wort des Herrn erhalten. 8 Der Herr rief den Samuel ein drittes Mal. Wieder stand er auf, ging zu Eli und sagte:

S: »Ja, hier bin ich, du hast mich doch gerufen.«

Erz: Da merkte Eli, dass der Herr den Jungen rief. 9 Eli sagte zu Samuel:

Eli: »Leg dich wieder hin! Und wenn er dich nochmals ruft, dann antworte: Rede, Herr, dein Knecht hört!«

Erz: Samuel legte sich wieder hin an seinen Platz. 10 Da kam der Herr und trat zu ihm hin. Er rief wie die anderen Male:

G: »Samuel, Samuel!«

Erz: Und Samuel antwortete:

S: »Rede, dein Knecht hört!«


Drei Personen sind aufgetreten in dieser Hörerzählung: Eli, Samuel und Gott. Beginnen wir bei Eli.

Eli: Dem Neuen vertrauenEli ist Priester. Jahrzehntelang war Eli sozusagen Gottes engster Vertrauter im Tempel von Schilo und weit darüber hinaus. Aber jetzt spricht Gott nicht mehr mit ihm. Er spricht nur noch mit Samuel. Aber Eli ist nicht beleidigt, dass Gott nicht mehr mit ihm spricht. Eli sieht von sich ab und lehrt aus seiner Erfahrung heraus den jungen Samuel, die Stimme, die er hört, als Gottes Stimme zu deuten und ihr zu antworten. Stark, wie würdevoll dieser alte Mann abtritt und dem Neuen nicht nur Platz macht, sondern den Weg bereitet.
Eli ist für mich ein Vorbild für die Gestaltung von Übergängen. Er vertraut darauf: Gott schafft Neues und weist ihm, Eli, einen bescheidenen, aber verantwortungsvollen Platz in der Wegbereitung dieses Neuen zu. Wie nötig brauchen wir Menschen wie Eli! So viele Übergänge gilt es für uns zu bewältigen. Da sind die Übergänge von einer Generation zur nächsten. Da sind die Krisen, die uns eine nach der anderen zeigen, dass so vieles in unserer bisherigen Weltordnung nicht mehr rund läuft. Es knirscht und holpert in so vielen Systemen. Wir brauchen einen neuen Umgang mit unseren Lebensgrundlagen, mit unserer Natur, mit unserer Weltgemeinschaft, mit unseren Arbeitskräften. Wie blicken wir auf das Neue, das noch nicht da ist, aber kommen muss? Erwarten wir, dass Gott Neues entstehen lässt?

Samuel: HörenSamuel verkörpert das Neue. Er ist mir sympathisch. Sein Missverstehen entspricht viel mehr meiner Lebenswirklichkeit als die vielen biblischen Gestalten, die scheinbar keine Mühe haben, Gottes Stimme zu erkennen.
Ich tue mich schwer mit dem Hören. In einer Zeit, in der vor allem Bilder unseren Alltag bestimmen, bin ich im Hören weniger geübt. Bewusst und ausschließlich zuzuhören, fällt mir oft nicht leicht. Meinem Mann, meinen Kindern, meinen Eltern, meinen Freunden – werde ich ihnen gerecht in der Weise, wie ich ihnen zuhöre? Dabei entfaltet Zuhören eine verändernde, heilende Kraft. Das erlebe ich selbst so, wenn jemand mir zugewandt und aufmerksam zuhört. Wenn ich einen Raum habe, in dem ich wahrgenommen, angenommen bin und in dem ich aussprechen kann, was in mir ist, dann finde ich oft selbst, was ich für den nächsten Schritt brauche, ohne dass ich noch um Rat fragen müsste. Können wir einander so zuhören, dass wir einander einen Raum eröffnen? Wir können es üben. Samuel lernt und übt das Hören. Das finde ich entlastend: dass niemand von mir verlangt, schon die perfekte Zuhörerin zu sein, sondern dass ich es immer wieder neu versuchen und mehr und mehr lernen kann – in meinen privaten und beruflichen Beziehungen genauso wie in meiner Beziehung zu Gott. Denn auch das Hören auf Gottes Ruf will geübt sein.
Aber wie geht das, das Hören auf Gott üben? Der erste Schritt könnte sein, die vielen Stimmen, die von außen und von innen auf mich einreden, bewusst wahrzunehmen. Kann ich sie unterscheiden? Auf welche davon will ich hören, auf welche nicht? Welche drängen sich laut in den Vordergrund, welche sind so leise, dass ich sie erst in der Stille höre? Höre ich auf mich selbst, meine Bedürfnisse, meine Sehnsucht? Und höre ich Gottes Stimme, die sich oft erst zeigt, wenn die lauten Stimmen zur Ruhe kommen. Vielleicht ist das Hören auf meine eigene Stimme und auf Gottes Stimme nicht so sehr ein Hören im akustischen Sinn, sondern ein Wahrnehmen, ein Spüren von etwas, das in mir aufsteigt, wenn ich in die Stille höre.
Hören als Wahrnehmen. Wo nehme ich Gott wahr? In seinem Wort, in seiner Schöpfung, in einer Begegnung, einem Gespräch oder Blick, im Rückblick auf Abschnitte meines Lebens? Ich muss es nicht allein schaffen, dieses Hören oder Wahrnehmen Gottes. Ich kann mir einen „Eli“ suchen, der mir mit seiner Erfahrung oder einfach seiner anderen Perspektive helfen kann, Gottes Spuren in meinem Leben und in dieser Welt zu entdecken. Ist Ihnen so ein „Eli“ schon einmal begegnet? Hören wir von einem „Eli“-Erlebnis.
[Es folgt eine kurze persönliche Erzählung aus der Gemeinde.]

Gott hört zuerstNeben Eli und Samuel kommt noch eine weitere Person in unserer Geschichte vor: Gott. Es ist Gott, der ruft und sich zu erkennen gibt, Gott, der ganz Andere.
Und es ist Gott, der im Hintergrund alle Fäden spinnt und alles zusammenhält. Der nicht aufgibt und geduldig immer wieder ruft, bis Samuel und Eli schließlich gemeinsam dem Geheimnis auf die Spur kommen. So ist Gott. Gott hat mehr Geduld mit mir, als ich selbst oft habe. Gott gibt nicht auf. Er ruft so lange, bis ich diese Stimme als seine Stimme erkenne. Ich staune, wie klein sich dieser große Gott macht, wie er sich hineinbegibt in Samuels Leben und in mein Leben, wie beharrlich er sich immer und immer wieder zuwendet – Samuel und mir. Hören wir auch dazu eine persönliche Geschichte.
[Es folgt eine kurze persönliche Erzählung aus der Gemeinde.]

Und diese Zuwendung Gottes, die hat schon viel früher begonnen. Gott ist nämlich nicht nur der, der Menschen ruft und ihnen den Auftrag gibt zu hören. Gott hört auch, und zwar schon lange, bevor er ruft. „Gott hat erhört“ – das steht als Überschrift über Samuels Leben. Gott hat erhört, so haben ihn seine dankbaren Eltern genannt. Am Anfang steht nicht Gottes Forderung, dass wir hören sollen. Am Anfang neigt Gott sein Ohr und hört uns zu. Glauben heißt Aufeinanderhören: Gott hört uns zu, und im Reden mit ihm lernen wir, immer mehr auf ihn zu hören.

Und ich?Das Ende unseres Predigttextes ist offen. Der Text ist regelrecht abgeschnitten. Damit ist das Ende auch offen für uns. Wie geht es für uns weiter? Mit jeder und jedem von uns hat Gott seine ganz eigene Geschichte des Rufens. Wo hat Gott mich gerufen? Wo erlebe ich das jetzt? Wie klingt meine Antwort?
Samuel stellt sich Gott zur Verfügung, er übt sich im Hören – und gehorcht. Wie mit dem Hören, tue ich mich auch mit dem Gehorchen schwer. Zu sehr hat es für mich den Beigeschmack von dumpfem Sichunterwerfen des Untertanen unter seinen Herrscher. Wenn ich aber begreife, dass Ge-hor-sam von Hören kommt, erhält er für mich einen neuen Klang. Das, was mich anspricht, was ich von Gott her als für mich bedeutsam vernommen habe, nehme ich in mich auf. Von innen her lasse ich das Gehörte dann in meinem Leben wirksam werden. So könnte Gehorsam gehen. Wer hörende Ohren hat, kann ein hörendes Herz entwickeln. Ein Herz, das zu neuem Tun anregt.
Mir gefällt dieses Bild vom hörenden Herzen. Darum bitte ich Gott. Amen
Um Ihren und meinen Gedanken Raum zu geben, hören wir jetzt zunächst die Orgel.

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