Gründonnerstag (24. März 2016)

Autorin / Autor: Pfarrer Dr. Karl Hardecker, Stuttgart [Karl.Hardecker@elkw.de]

1. Korinther 11, 17 -29

Liebe Gemeinde,
es tut gut, heute inne zu halten. Es tut gut, durchzuatmen und aufzuschauen. Es tut gut, über das Ende hinauszusehen. Denn dieser Leidensweg ist bedrückend, und er zieht uns zu Boden und macht unser Herz traurig und schwer. Da tut diese Pause gut, diese Rast auf dem Kreuzweg, wie es die alten Meister, etwa Holbein d. Ä. in seiner Grauen Passion als Bildtafel zeigen. Aufatmen, aufschauen, Erleichterung verspüren: Das gehört zu diesem Tag heute, dem Gedächtnis der Einsetzung des Mahles durch unseren Herrn.

Die Farbe WeißUnd es gehört die Farbe Weiß dazu, die Christusfarbe, die Osterfarbe, die uns über den Tod hinausblicken lässt. Die Farbe Weiß, die alle anderen Farben integriert, die deshalb alle Stationen des Leidens durchlaufen hat und aus all diesen Nöten und Engpässen wieder herausfand. Die Farbe Weiß, die ein neues Leben symbolisiert, eines, das Tod und Gewalt überwunden hat, ein neues Leben jenseits von Krieg und von Leid, ein neues Leben, das aus der Versöhnung leben kann und sich nicht mit Vergeltung und Rachegedanken tragen muss, ein neues Leben, das sich an Jesus, dem Christus, orientiert, der auch unter Gewalt seinen Peinigern vergibt. Dieses neue Leben allein überwindet Spaltungen, die unter uns sind, in unseren Gemeinden, zwischen den Völkern, in unserer friedlosen Welt. Insofern macht es Sinn, dass Paulus, bevor er die Einsetzungsworte wiedergibt, an die Spaltungen in der Gemeinde in Korinth erinnert und daran, dass dieses Erinnerungsmahl die Enge und den Egoismus unserer sonstigen Mahlzeiten hinter sich lässt.

Eine neue WeltDieses Mahl ist ein Hoffnungszeichen in einer zerstrittenen egoistischen Welt. Es ist ein Hoffnungszeichen, das sich in unser Gedächtnis einprägt und das uns an Jesus erinnert, an seine Gegenwart und an die Kraft, die von ihm und diesem Mahl ausgeht. In der Kraft seiner Gegenwart, in der Kraft dieses Mahls liegt der Beginn einer neuen Welt beschlossen. Und wer ersehnte sich nicht diese neue Welt im immerwährenden Konflikt zwischen Kurden und Türken, zwischen Palästinensern und Israelis, Konflikte, die schon brillante Diplomaten an den Rand ihres Verstandes brachten und Außenminister, die an ihrer Mission hier verzweifelt sind. Wer ersehnte sich nicht diese neue Welt in den nie endenden Familienstreitigkeiten, die sich über Jahre und Jahrzehnte hinziehen, die kein Ende kennen und nicht einmal am offenen Grab zu einer Versöhnung finden.
Wenn wir dieses Mahl feiern, ermutigen wir uns, dass es noch etwas Anderes gibt als diese alte Welt, die ohne Hoffnung und Perspektive ist, die nur sich selber kennt und die eigenen Vorteile sucht, dass es Neuanfänge gibt und dass wir diese gemeinsam schaffen können.

Zur Hoffnung für diese Welt wird dieses Mahl nur, wenn aus seiner Kraft Bedrückte neben uns aufatmen können und Verängstigte eine Zuflucht finden. Andernfalls bliebe alles beim Alten. Wenn wir diesem Mahl und unserem Herrn, der dieses Mahl gestiftet hat, nicht mehr zutrauen als uns, ist das zu wenig. Denn dann bleibt alles beim Alten und unsere Welt versinkt vollends in Unrecht und Menschenhass.

Die Kraft der LiebeDiese alte Welt kann nur die Liebe überwinden. Nur die Liebe hat die Kraft, uns vom Boden zu erheben. Nur die Liebe hat die Kraft, die Trauer zu verwandeln in Freude. Nur die Liebe Gottes hatte die Kraft, Jesus vom Tode aufzuerwecken. Nur die Liebe stiftet dieses Gedächtnis, das dem Tode die Stirn bietet. Ohne die Kraft der Liebe versänke alles im Nichts und alles wäre vergessen. Aber die Liebe erweckt Totes zum Leben. Nur die Liebe schafft ein Gedächtnis, das bleibt und das lebt und das dem Toten neuen Lebensatem einhaucht.

Das Gedächtnis, das Jesus mit diesem Mahl stiftet, ist auf Wiederholung angelegt. Es ist ein lebendiges Gedächtnis. Es erinnert sich nicht an Altes, Vergangenes, das endgültig vorbei ist und damit Geschichte, sondern daran, dass diese Geschichte Gottes auf Wiederholung angelegt ist und dass sie darin erst ihre Kraft entfaltet. Denn wenn wir dieses Mahl gemeinsam feiern, dann wiederholen wir das versöhnende Handeln Jesu, das darin liegt; dann wiederholen wir seinen Tod und seine Auferstehung, wohl wissend, dass er lebt und dass er als der Auferstandene gegenwärtig ist in diesem Mahl.

Dieses Gedächtnis hat Jesus selber gestiftet und der Apostel gibt es weiter, damit es erhalten bleibt und weitergegeben werden kann von Generation zu Generation, und damit immer wieder aufs Neue seine Kraft sich entfalten kann und in dieser Kraft unsere Welt neu macht, ja sie gewissermaßen neu erschafft.

Ein prägendes BildDiese Erinnerung prägt sich uns ein. Sie prägt sich tief in unser Gedächtnis. Sie wird dort zum Bild, das wir in uns tragen. Es ist das Bild unseres Herrn; es ist das Bild seiner Gegenwart, es ist das Bild der Gemeinschaft mit seinen Jüngern; es ist das Bild der Versöhnung. Es prägt sich uns tief ein, und wir leben aus diesem Bild. Es ist so stark wie dieses andere, das wir auch in uns tragen: das Bild von Christus als dem guten Hirten. Auch dies ist ein Bild, das dem auferstandenen Christus zukommt und das uns nährt und das uns trägt durch unser Leben.

Das Gedächtnis des letzten Mahles prägt uns ganz. Wir tragen es in uns. Es prägt unser Selbstverständnis. Ohne dieses Gedächtnis, ohne dieses Bild in unserem Herzen und in unserem Inneren würde uns viel fehlen. Wir wären nicht dieselben. So gehört es zu uns.

Alte und neue MusterSo ermahnt es uns, wo wir zurückfallen möchten in die Muster, die wir ebenfalls kennen und ebenfalls in uns tragen, die Muster der alten Welt, die Muster von Rache und Vergeltung, die Muster von Minderwertigkeit und von Neid, die Muster, dem anderen und uns selbst nichts zuzutrauen. Es sind Muster der alten Welt, Muster von Kain und Abel, Muster aus Nabots Weinberg, Muster der ehebrüchigen Frau, die dafür büßen soll und die Jesus mit dem Satz bewahrt: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“

Wir kennen diese Muster. Sie sind manches Mal stark. Aber wir kennen auch diese anderen Muster, die uns unser Glaube schenkt. Dazu gehört das Gedächtnis des letzten Mahles Jesu mit seinen Freunden. Der Herr selbst hat es gestiftet. Es hat ihn selbst hindurchgetragen durch das, was dann kam, durch Verrat und Verleugnung, durch Prozess und Verhöhnung, durch Angst und durch Schmerzen. Er hat selbst darin die Kraft Gottes gespürt und darauf gehofft, dass am Ende der Tag und das Licht und nicht die Finsternis steht, das Leben und nicht der Tod.

EmmausAls Gott ihn dann auferweckt hat von den Toten, da feiert er noch einmal das Mahl vor den Toren Jerusalems, in der Nähe von Emmaus. Und wie er das Brot bricht und wie er den Kelch reicht, erkennen sie, dass es der auferstandene Herr ist, und sie sagen dann: Brannte nicht unser Herz in uns, als wir unterwegs waren mit ihm?

Ja, ein brennendes Herz schenkt Christus uns in diesem Mahl, ein brennendes Herz, das der Gleichgültigkeit wehrt und der Lieblosigkeit und dem Hass. Ein brennendes Herz schenkt er uns heute noch, und wir halten inne und brechen neu auf und sehen am Horizont schon das Osterlicht leuchten. Es taucht diese gefallene Schöpfung, diese leidzerrissene Erde in ein neues Licht. Es heilt und versöhnt; es hebt traurige Herzen empor. Dankbar und freudigen Herzens gehen wir unseren Weg in der Gewissheit: Der Herr ist nicht tot; er ist auferstanden; er lebt!
Amen.

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