Gründonnerstag (02. April 2026)
2. Mose 12, 1-14
Intention
Die Predigt will zu Aufbruch und Erneuerung ermutigen. In vielen Kirchengemeinden sind große strukturelle Veränderungen zu bewältigen. Als aktiv gestaltende Person erlebe ich dabei vieles positiv. Gleichzeitig merke ich, dass viele Menschen sich sehr schwertun und stark an Altem festhalten, z.B. an eigentlich nicht mehr singfähigen Kirchenchören. Die Rückbindung an den Auszug aus Ägypten soll zeigen, dass Gottes Zuwendung mit den Aufbrechenden ist, und soll dazu ermutigen, sich im Vertrauen auf Gottes Mitgehen selbst auf den Weg zu machen.
Aufbruch/Aufbrechen
Liebe Gemeinde, vor einiger Zeit habe ich auf einer alten Urkunde ein interessantes Bild entdeckt Dieses Bild fand ich wegen seines Motivs sehr ungewöhnlich. Es zeigt Jesus und die elf Jünger (Judas hat sich schon davongemacht), wie sie nach dem Abendmahl hinausgehen. In Grüppchen, sich miteinander unterhaltend, mit sehr ernsten Gesichtern bewegen sie sich langsam in Richtung des dunklen Gartens. Zurück bleibt der fast abgeräumte Tisch. Ein paar Teller und Becher, Reste von Brot und ein Krug sind noch zu sehen. Der Raum ist kathedralenartig mit einem hohen Gewölbe gemalt, aber ansonsten völlig schmucklos. „Aufbruch vom Abendmahl“ lautet der Titel des Bildes, und es stammt von Wilhelm Steinhausen, einem Maler des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. In Künstlerkreisen wurden seine Werke nicht recht ernstgenommen. Für seine Interpretationen religiöser Motive erntete er zunächst nur Spott und Kritik. Dennoch machte er sich nach und nach einen Namen als religiöser Maler. Er bekam einige große Aufträge, unter anderem gestaltete er zwei große Wandgemälde in der Stuttgarter Hospitalkirche. Er illustrierte Bibeln und Gesangbücher, und außerdem wurden seine Bilder sehr gerne als christliche Lesezeichen oder eben für Konfirmationsurkunden verwendet.
Das Motiv des Aufbruchs vom Abendmahl wird äußerst selten abgebildet. Ich erinnere mich jedenfalls nicht daran, es schon einmal als Gemälde oder Zeichnung gesehen zu haben. Wir kennen Darstellungen von Jesus und den Zwölfen am Abendmahlstisch, wir kennen Abbildungen vom betenden Jesus und den schlafenden Jüngern im Garten Gethsemane. Aber hier wird ein Dazwischen abgebildet: das Passalamm ist gegessen, der Abend mit seinen von alters her festgelegten Ritualen, besonderen Speisen und Texten ist zu Ende gegangen. Nun gehen sie hinaus, die Gewänder hochgerafft, die Mäntel umgelegt. Durch das offene Tor ist schemenhaft der dunkle Garten zu erkennen, die Sterne funkeln am Nachthimmel. Gehen sie in gespannter Erwartung, mit bösen Vorahnungen oder mit dem schlichten Vertrauen, dass schon alles gut werden wird?
Unser Abendmahl war zur Zeit Jesu das Passamahl. Sie haben es gefeiert in Erinnerung an die letzte Mahlzeit vor dem Aufbruch aus der ägyptischen Sklaverei.
Wie sind sie damals aufgebrochen aus Ägypten, die Israeliten, mit Kind und Kegel, was haben sie eingepackt, was zurückgelassen? Haben sie nochmal zurück geblickt auf ihr altes Leben? Oder war der Blick nur nach vorne gerichtet, in gespannter Erwartung dessen, was kommen würde?
Der Aufbruch ist ein entscheidender Moment. Es darf nichts schiefgehen. Für den letzten Abend, die letzte Nacht werden genaue Anweisungen erteilt.
Predigttext: 2. Mose 12, 1-14
"Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland:
Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen. Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus. Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er's mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können. Ihr sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Versammlung der Gemeinde Israel schlachten gegen Abend.
Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und den Türsturz damit bestreichen an den Häusern, in denen sie's essen, und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren Kräutern essen. Und ihr sollt nichts davon übrig lassen bis zum Morgen; wenn aber etwas übrig bleibt bis zum Morgen, sollt ihr's mit Feuer verbrennen.
So sollt ihr's aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es in Eile essen; es ist des HERRN Passa. Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter. Ich bin der HERR. Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage. Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung."
So viel Blut – muss das sein?
Liebe Gemeinde, wenn ich die Geschichte vom Auszug aus Ägypten im Religionsunterricht behandle, dann fällt mir diese Passage besonders schwer. So viel Blut! Wie grausam ist die Tötung aller Erstgeborenen! Für die Kinder noch schlimmer ist wahrscheinlich, dass so viele süße Lämmer geschlachtet werden. Das Blut auf die Türpfosten streichen, damit der Tod vorübergeht. Das Blut als Zeichen der Verschonung. Eine harte, eine grausame Geschichte! Und unser Gründonnerstag? Die Nacht, als Jesus mit seinen Freunden und Freundinnen zum Fest zusammenkam, war auch die Nacht, in der einer dieser Freunde ihn verriet, die Nacht, als sein Leiden und Sterben begann. „Das ist mein Blut, vergossen für viele zur Vergebung der Sünden.“ Das Blut als Zeichen der Versöhnung. Eine harte, eine grausame Geschichte!
So viel Blut – muss das sein? – Es müsste nicht sein. Der Pharao hätte die Israeliten auch einfach gehen lassen können. Spätestens nach der neunten Plage hätte er die Kurve kriegen können. Aber nein, als gottgleicher König kann man nicht klein beigeben. Die Geschichte ist immer ähnlich: der Statthalter des römischen Kaisers kann einen Aufrührer nicht begnadigen, die Führer eines Gottesstaates können nicht gelten lassen, dass das Volk sie nicht mehr will. Die Macht der Wenigen kann nur durch Unterdrückung der Vielen erhalten werden. Die Freiheit zum Leben bricht sich Bahn mitten durch die Härte und Grausamkeit hindurch.
Aber wir vergessen nicht, was die Freiheit gekostet hat. Jüdinnen und Juden essen bittere Kräuter am Vorabend des Passafestes, zum Gedenken an die bittere Zeit der Knechtschaft des Volkes Israel in Ägypten.
Wenn wir heute beim Abendmahl das Brot brechen und den Wein trinken, denken wir an das bittere Leiden Christi.
Gedenken an den Aufbruch
„Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.“ – Es ist ein großes Gedenken, das nicht nur einen Tag, sondern eine ganze Festwoche umfasst: Sieben Tage lang wird ungesäuertes Brot, werden Mazzen gegessen, am siebten Tag findet eine Versammlung statt, der Höhepunkt aber ist der Seder-Abend, der in jeder jüdischen Familie begangen wird, jener Abend, den auch Jesus mit seiner Familie, also mit denen, die sich ihm angeschlossen hatten, verbracht hat. An jedem Abend wird nach einer genau festgelegten Ordnung die alte Geschichte vom Auszug aus Ägypten erzählt und vergegenwärtigt. Die Nacherzählung dieses Geschehens verbindet jede neue Generation mit ihrer zentralen Befreiungserfahrung. Und auch wir Christinnen und Christen sind über Jesus mit diesem Urdatum verbunden. Der Anfang der Geschichte Gottes mit den Menschen ist der Aufbruch in die Freiheit. Der Anfang ist nicht das Bleiben, nicht das Beharren, nicht das Ewige und Unveränderliche, der Anfang ist der Aufbruch.
Vielleicht hat mich deshalb auch das Bild auf der alten Urkunde so angesprochen. Es zeigt eben nicht das Sitzen am Tisch, sondern den Moment des Aufstehens und Aufbrechens.
Liebe Gemeinde, Aufbrüche schmecken uns oft nicht; es wäre doch so schön gewesen, noch ein wenig zu bleiben. Aufbrüche sind mit Abschieden verbunden, wir müssen etwas zurücklassen. Aufbrüche sind unbequem und anstrengend. Veränderungen können uns verunsichern oder Angst machen. Wie gehen wir damit um? Welche Strategie wählen wir: Wehren wir uns dagegen, dass etwas zu Ende geht, ignorieren wir die Notwendigkeit zur Veränderung, machen wir uns steif, stellen wir uns tot, suchen wir Schuldige? – Die Geschichte vom Aufbruch aus Ägypten empfiehlt eine andere Strategie:
Bereit sein
„Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand.“
Bereit sein – für die Israeliten bedeutete das: bereit zum Aufbruch, das lange Gewand hochgebunden, damit es beim Wandern nicht hindert und im Staub hängt, die Schuhe nicht erst suchen und anziehen müssen, schnell essen, damit man gestärkt ist für den weiten Weg.
Bereit sein – für uns heißt das, uns nicht gegen notwendige Veränderungen zu stemmen, sondern sie aktiv mitzugestalten. Nicht krampfhaft am Bestehenden festhalten, wenn es längst nicht mehr taugt, sondern gute Wege für Neuerungen suchen. Abschiede können schmerzhaft sein und Aufbrüche Angst machen. Es wird nicht versprochen, dass es leicht ist zu gehen, es wird nicht versprochen, dass keine Gefahren lauern. Aber es wird versprochen, dass Gott mit denen ist, die losgehen. Die Plage trifft die, die bleiben.
Gottes Gnade ist über denen, die aufbrechen. Gott ist mit uns unterwegs, und das bedeutet: Gottes Worte und Gottes Ordnungen gehen mit. Gottes Worte, die Gerechtigkeit, Frieden und Teilhabe verheißen. Gottes Ordnungen, die einen Platz für jede und jeden vorsehen: heute und hier, wenn wir am Abendmahl teilnehmen, und dereinst, wenn für uns ein Platz am Tisch des Herrn vorbereitet sein wird. Amen.
Das Bild von Wilhelm Steinhausen ist zu finden unter:
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:WST_Abendmahl.jpg
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