Christi Himmelfahrt (05. Mai 2016)

Autor/in: Pfarrer Albrecht Nuding, Schönaich [Albrecht.Nuding@elkw.de]

Apostelgeschichte 1, 1 -11

Liebe Gemeinde,
der Bericht des Lukas von der Himmelfahrt Christi aus dem 1.Kapitel der Apostelgeschichte ist heute unser Predigttext. Ich lese die Verse 1 bis 11.

Sie hatten ihr geregeltes Leben aufgegeben: die Jünger und mit ihnen zahlreiche andere, darunter auch eine Gruppe Frauen. Sie waren mit Jesus durch die Lande gezogen und hatten viel mit ihm erlebt und noch viel mehr von ihm gehört. Sie waren völlig zerstört und verzweifelt gewesen nach seinem Tod. Die Nachrichten von der Auferstehung hatten sie zunächst kaum glauben können. Aber der Gekreuzigte lebte, und sie sahen alles, was er auf Erden gesagt und getan hatte, nach und nach in einem neuen Licht. Aber nun gingen die sichtbaren und die im wahrsten Sinne des Wortes begreifbaren Begegnungen mit dem Auferstandenen zu Ende. Der auferstandene Jesus wurde vor ihren Augen entrückt. Angst kam auf, Jesus könnte nun nicht nur ihren Blicken, sondern auch ihren Herzen und ihrem Verstand erneut entgleiten.

Christi Gegenwart nach der Himmelfahrt„Da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern. Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel?“
Mich würde es ja interessieren, was die Apostel sahen, als sie gen Himmel schauten. Es kann nicht nur ein wolkenverhangener, alltäglich enttäuschender Himmel gewesen sein. Die Jünger waren nach Christi Himmelfahrt anders als nach seiner Kreuzigung nicht völlig mutlos und verlassen. Wie heißt es am Ende des Lukasevangeliums nach der Schilderung der Himmelfahrt dort? „Sie kehrten nach Jerusalem zurück mit großer Freude und waren alle Zeit im Tempel und priesen Gott.“ Sie trauerten offensichtlich Jesus nicht mutlos hinterher und warteten auch nicht auf eine neue Himmelserscheinung.

Deutlich ist auch: Lukas will uns nicht vor allem erzählen, wie wundersam das zuging, als Jesus verschwand. Lukas will vielmehr erzählen, weshalb die sichtbaren Erscheinungen des Auferstandenen aufhörten. Und er wollte deutlich machen, dass Christus in seiner Gemeinde gegenwärtig blieb und nicht einfach nur in die unerreichbare himmlische Weite verschwand.

Deshalb wählte er das Bild von der Wolke, in die Jesus aufgehoben wird. Denn die Wolke war schon beim Auszug der Israeliten aus Ägypten das Zeichen für die Gegenwart Gottes bei seinem Volk gewesen. Bei Tag ist Gott den Israeliten durch die Wüste in einer Wolke vorangezogen. So war Gott bei seinem Volk und half ihm. Die Wolke ist das Zeichen für Gottes Gegenwart bei den Menschen, und zum anderen zeigt sie, dass Christus durch die Himmelfahrt nun ganz bei Gott ist und Gott in ihm. Man kann es auch so beschreiben: „… aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten Gottes. Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.“

Mit seiner Himmelfahrt ist Christus als göttlicher Herrscher über die ganze Welt eingesetzt worden. Er ist Himmelskönig und Weltenherrscher, und er bleibt den Menschen gleichzeitig nahe. Das ist es, worauf es Lukas in seinem Bericht ankommt und nicht darauf, wie Jesus verschwand.

Der offene HimmelDeshalb will diese Frage der Engel: „Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“ die Jünger nicht vor einer großen Enttäuschung bewahren, dass am Himmel nach der Himmelfahrt nichts mehr zu beobachten ist. Im Gegenteil – ich glaube sogar: Die Zeugen der Himmelfahrt schauten nicht vergeblich zum Himmel. Sie haben den offenen Himmel gesehen.

Jesus Christus hat durch seinen Tod, seine Auferstehung und seine Himmelfahrt, den Himmel auf-geschlossen, den Zugang zu Gott aufgestoßen. Der Himmel steht uns Menschen durch Jesus Christus weit offen. Wer ihm vertraut, den nimmt Christus zum Vater mit. Er will alle zu sich ziehen. Das ist den Jüngern klar geworden durch Christi Himmelfahrt. Deshalb konnten sie den Blick nicht mehr losreißen vom Himmel, von der Aussicht auf ewiges Heil.

„Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“ Die Frage der beiden Weißgekleideten warnt also nicht vor vergeblichem Warten, sondern vielmehr vor der Versuchung, aus lauter Sehnsucht nach dem Himmel, aus lauter Sehnsucht nach Geborgenheit bei Gott, den Blick auf die Erde zu vergessen.
Schaut nicht nur auf den Himmel, schaut auch auf die Erde, auf der ihr mit beiden Beinen steht. Dazu fordern die Männer in weißen Gewändern auf. Der Blick in den Himmel, der offensteht, ist für uns Menschen notwendig. Wir brauchen Erbauung und Gottesdienste, herrliche Musik und erhabene Gotteshäuser, um uns immer wieder zusprechen zu lassen, dass Er uns erlöst hat. Aber genauso nötig haben wir den Blick auf die Welt um uns herum, in die uns Gott gestellt hat.

Die erlösungsbedürftige WeltWenn wir auf die Erde schauen und auf die Klimaexperten hören, dann werden wir feststellen, dass der Klimawandel und die sich daraus ergebenden Umweltprobleme in den nächsten Jahren immer größer werden und für viele Millionen neue Menschen Grund sein werden, sich auf die Flucht begeben zu müssen, um überleben zu können. Was steht ihr tatenlos da?

Wir brauchen das Innehalten und zur Ruhe kommen als Menschen – zur Ruhe kommen auch vor Gott. Zu erkennen, dass uns der Himmel offensteht durch Christus, gibt uns Hoffnung und Kraft. Wir brauchen aber auch aktives Eintreten für Gerechtigkeit, um anderen Menschen Hoffnung zu geben. Wir brauchen ein nachhaltiges Bekämpfen von Fluchtursachen und nach der Klimakonferenz von Paris ein konsequentes Umsetzen der vereinbarten Umweltziele, um die Klimaerwärmung wirklich eindämmen zu können. Was steht ihr nur da und schaut zum Himmel?

An Christi Himmelfahrt steht der Himmel offen. Christi Himmelfahrt hilft Grenzen überwinden. Aus der kleinen Schar von Jesu Anhängern damals in Galiläa wuchs bis heute die weltweite Kirche. Der Glaube, der in Jerusalem erstmals Gestalt gewann, breitete sich in wenigen Jahren über Judäa und Samaria bis an die Enden der damals bekannten Welt aus. Gleich hier am Anfang der Apostelgeschichte wird das Thema angesprochen: Das Evangelium wird Grenzen überspringen. Die Kirche wird sich ausbreiten.

Heute gibt es keinen Erdteil und kein Land, wahrscheinlich keine Stadt mehr auf der Welt, in der nicht Christen leben. So ist der himmlische Christus auf der Erde gegenwärtig. In der christlichen Gemeinde sollen Herkunft und Geschlecht, Arm oder Reich, Jung oder Alt keine Rolle spielen. „Wir sind alle eins in Christus.“ Das gelingt in der Kirche nicht immer, aber da wo die Botschaft vom Retter und Erlöser hilft, Grenzen zu überwinden, da wird die Kraft des Heiligen Geistes spürbar.

Eindrücklich hat mir das vor vielen Jahren einmal ein indischer Bischof erzählt, der selbst aus der untersten Kaste, aus der Kaste der Kastenlosen, der Unberührbaren, der Dalit stammte. In der christlichen Gemeinde in Indien konnte selbst er, ein Unberührbarer, Bischof werden. „Die Mächtigen stößt er vom Thron. Die Niedrigen erhöht er.“ So hilft das Evangelium nicht nur in Indien, sondern an vielen Orten der Welt, Grenzen zu überwinden. An vielen Orten in unserem Lande sind in den letzten Monaten Begegnungscafés zwischen Flüchtlingen und Einheimischen entstanden. Gehen Sie hin, suchen Sie die Begegnung mit anderen Menschen aus anderen Kulturen. Es wird Sie bereichern und Ihren Horizont weiten.

Kirche in der Kraft des Geistes„Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“ Ihr Christen, schaut euch auf der Erde um. Bleibt nicht passiv, werdet aktiv im Dienst an den Mitmenschen, im Eintreten für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Als letztes Wort des Auferstandenen vor der Himmelfahrt gibt unser Text das Versprechen Christi wieder: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein.“

„Ihr werdet …“ das heißt: Es geht hier nicht um einen Auftrag, um eine Aufgabe, die den Christen übertragen wird. Es geht um eine Gabe: Ihr werdet den Heiligen Geist empfangen. Ihr werdet meine Zeugen sein. Nicht: „Ihr sollt …“, „ihr müsst …“, „Strengt euch gefälligst an!“ Nicht wir werden von Christus als Missionare eingesetzt, um seine Botschaft zu verbreiten und seine Herrschaft in Gerechtigkeit und Frieden zu erweitern. Der Heilige Geist selbst ist der Missionar. Er ist aktiv. Durch ihn bewirkt Gott, dass den Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Der Heilige Geist ist der aktive Missionar, und die Christen sind die Plattform für sein Wirken, die Kirche ist der Ort, an dem er wirkt. Die Christen bezeugen nur, was ein anderer, was Gottes Geist bewirkt – manchmal durch uns.

Wer für beides einen Blick hat: für den offenen Himmel und für die erlösungsbedürftige Erde mit ihren vielen Grenzen und ihrem Leiden, wird Zeichen für die anbrechende, aber noch nicht vollendete Gottesherrschaft auf dieser Erde entdecken.

Es braucht den Anstoß zu beiden Sichtweisen: „Was steht ihr da und seht zum Himmel?“ Christus ist auf der Erde gegenwärtig und will, dass sein Wort zur Tat wird. Die andere Frage ist aber auch wichtig: Was steht ihr da und schaut nur auf das Elend dieser Erde? Wir sind auch auf die himmlische Perspektive angewiesen und brauchen immer wieder die Vergewisserung, dass uns der Himmel offensteht, um nicht in Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung zu versinken.

Der, der zur Rechten Gottes sitzt, ist gleichzeitig durch seinen Geist auf Erden gegenwärtig. Durch die Kraft des Heiligen Geistes werden im Namen Christi bis heute immer wieder soziale, nationale, kulturelle und andere Grenzen zwischen Menschen überwunden. Menschen werden so miteinander versöhnt. Jesus Christus ist heute schon der Himmelskönig und durch seinen Geist in unserer Welt präsent. Ihm gehört die Zukunft.
Amen.


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