Invocavit / 1. Sonntag der Passionszeit (14. Februar 2016)

Autor/in: Pfarrer i.R. Günter Knoll, Herrenberg [pfarrer-knoll@t-online.de ]

Hebräer 4, 14 -16

Unser Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Hebräerbrief. Der Verfasser dieses Briefes schreibt an einen nicht näher bestimmten Kreis von Menschen, die sich – herkommend aus dem jüdischen Volk – zu Jesus bekennen als dem verheißenen Messias und Sohn Gottes. Wie kaum ein anderer biblischer Autor bezieht sich der Schreiber des Hebräerbriefs beinahe Vers für Vers auf die Heilige Schrift, vor allem auf die fünf Bücher Mose, auf die Psalmen und auf ausgewählte Stellen aus den Prophetenbüchern Jesaja und Jeremia. Sie sind ihm allesamt Belegstellen, Schriftbeweise dafür, dass Jesus wirklich und wahrhaftig derjenige ist, zu dem sich die Briefempfänger bekennen, nämlich der Sohn Gottes.
Sind sich die „Hebräer“ – nennen wir die im Brief Angesprochenen so – denn darin unsicher? Sind sie schwankend in ihrem Bekenntnis zu Jesus Christus? Ist er ihnen zu fern gerückt? Verstehen sie womöglich gar nicht mehr so recht, warum sie sich auf den Glauben an Jesus eingelassen haben?
Hören Sie, was der seelsorgerlich lehrende und ermahnende Briefschreiber den Hebräern zuspricht – Hebräer 4, 14-16:

„Weil wir nun einen großen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, so lasst uns fest halten am Bekenntnis.
Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mitleiden mit unseren Schwachheiten, sondern einen, der versucht worden ist in allem auf gleiche Weise wie wir, jedoch ohne Sünde.
Lasst uns also hinzutreten mit Zuversicht zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden und uns so geholfen werde zur rechten Zeit.“

Der Herr segne sein Wort an unseren Herzen.

Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder!
So ganz anders als heute scheint die Situation der Christen damals, zur Zeit des Hebräerbriefs, nicht gewesen zu sein. Auch wenn die Angesprochenen zu einer jungen Gemeinde gehörten, vielleicht haben sie sich erst vor kurzem den Jesus-Leuten angeschlossen, so sind sie doch bereits ziemlich verunsichert. Was haben wir uns da eingehandelt mit unserem Bekenntnis zu Jesus Christus? Vorher, als wir zum Mainstream des Judentums gehört haben, da war doch alles wohlgeordnet: Wo auch immer wir gelebt haben, im Land Israel oder in der Diaspora rund ums Mittelmeer herum im ganzen Römischen Reich, wir wussten: In Jerusalem ist der Tempel, unser Glaubenszentrum, und dort wird unsere Religion gepflegt, und da sind die liturgischen Abläufe festgefügt, und da gibt es die Opfer und die Feste und die Pilger-Wallfahrten, und da tun die Priester ihren Dienst, und vor allem der Hohepriester macht den jährlichen Gang ins Allerheiligste und vollzieht das notwendige Sühnopfer für uns vor dem Angesicht Gottes. Auch wenn wir nicht so viel damit zu tun hatten, mit dem Religiösen, es war da, es wurde gepflegt und vollzogen von dem damit beauftragten Personal, und wir waren darin gut aufgehoben. Es war eine Ordnung da, auf die wir uns irgendwie verlassen konnten.
Und jetzt? Durch Jesus ist da so vieles anders geworden; die alte Ordnung ist dahin. Zwar hat uns dieser Jesus mit seiner frohen Botschaft mitgerissen, ins Offene sozusagen und heraus aus dem Altvertrauten, das wir aber eigentlich gar nicht mehr ganz ernst genommen haben, aber wo ist jetzt unsere Sicherheit, die mit dem Altvertrauten verbunden war? Wo ist die religiöse Wärme, die uns das Leben erträglich gemacht hat und die wir, zwar nicht häufig, aber doch regelmäßig in größeren Abständen gesucht haben?
Kein Hohepriester mehr, der uns vertritt vor dem Angesicht Gottes, keiner, der uns versöhnt mit Gott, keiner, der uns die Sünden vergibt, dass wir entlastet weiterleben können!
Wirklich kein Hohepriester mehr? In diese elementare Verunsicherung hinein sprechen die Verse unseres Predigttextes.

Bestens vertreten bei GottWenn ihr meint, mit dem Glauben an Jesus Christus, der euch die Freiheit der Kinder Gottes gebracht hat, sei alles Bergende und Stabilisierende und Rettende und Hilfreiche des alten Mose-Glaubens dahin, dann täuscht ihr euch gewaltig. Wir haben einen Hohepriester, einen großen sogar. Er selber, Jesus, ist unser Hohepriester, und er ist noch näher an dem Vater im Himmel dran, noch näher bei Gott, als ein Hohepriester im Jerusalemer Tempel es jemals sein kann.
Jesus hat bei seinem Gang ins Allerheiligste nicht nur die heiligen Räume des Jerusalemer Tempelbezirks durchschritten, wie es ein irdischer Hohepriester tut, sondern er, Jesus, hat die Himmelsräume durchschritten und ist an der Seite Gottes, und zwar ewig zur Rechten des Vaters.
Was haben wir Christen doch für einen Hohepriester! Wie sind wir doch gut, ja bestens aufgehoben und vertreten bei Gott! Warum sollten wir da unsicher sein und verzagen und an unserem Bekenntnis zu Jesus zweifeln? Er hebt den Glauben, in dem wir aufgewachsen sind und der uns irgendwie liebgeworden und vertraut ist, nicht auf, er überbietet ihn vielmehr. Er stärkt unser Gottvertrauen, er macht unsere Hoffnung zur Gewissheit, und mit dem Heiligen Geist, den er uns vom Vater gesandt hat, befeuert er unsere Liebe.

Erfahrung von Gnade braucht innere BeteiligungUnd was ist mit unseren Schwachheiten, mit unserem Versagen, mit unserem Kleinglauben, mit unserem Unglauben, der immer wieder die Oberhand gewinnt und uns von Gott wegbringt? Dafür waren doch die Priester in Jerusalem und besonders der Hohepriester da, dass sie uns durch die Opfer, die sie darbringen, Sühne verschaffen für unsere Sünden, dass wir rein dastehen bei Gott, auch wenn wir über und über mit Unrecht und Schuld beladen sind. Das war doch das Bergende und Rettende unseres alten Glaubens, dass wir wussten, es gibt da einen Kult, der alles wieder ins Lot bringt, auch ohne unser Dazutun, gewissermaßen automatisch. So haben wir Gottes Gnade und Barmherzigkeit erfahren im Tempelkult, auch wenn er sich noch so weit weg von uns abgespielt hat.
War das wirklich Gottes Gnade und Barmherzigkeit, die ihr da gleichsam aus der Ferne erlebt habt? Gibt es das überhaupt: die Erfahrung von Gnade und Barmherzigkeit ohne innere Beteiligung, ohne eine Verbindung zwischen dem, der auf Gnade und Barmherzigkeit angewiesen ist und Gott, der ihm diese gewährt?

Ein Hohepriester, der mitleidetDas war doch gerade das Problem in der Zeit vor eurer Zugehörigkeit zu Jesus Christus: das Fehlen dieser unmittelbaren Gottesbeziehung, das Angewiesen-sein auf einen Hohepriester als Vermittler, der ein Kultbeamter war. Wo blieb da eure Herzensbeteiligung, euer persönlicher Glaube? Darauf aber kommt es doch an, nicht auf einen funktionierenden religiösen Apparat, sondern auf einen lebendigen Glauben in gegenseitiger unmittelbarer Anteilnahme.
Das aber, genau das habt ihr bekommen durch Jesus Christus, an den wir Christen glauben und zu dem wir uns bekennen. Er ist kein Kultbeamter wie der Jerusalemer Hohepriester, dem wir im Grunde genommen gleichgültig sind. Nein, der „große“ Hohepriester Jesus ist einer, der von Herzen Anteil nimmt an jedem von uns. Er ist einer, der mit-leidet mit uns, und zwar gerade an den Stellen, wo es am meisten weh tut, an unseren Schwachstellen, dort, wo wir versagen.
Wohl ist er jetzt bei Gott, aufgefahren in den Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, wie wir es in unserem Bekenntnis aussprechen, aber er hat sein irdisches Leben als Mensch unter Menschen, als unser Bruder nicht einfach hinter sich gelassen, sondern seine Sympathie, sein Mit-Leiden gilt nach wie vor uns. Er weiß doch, was Versuchung heißt, er weiß doch, wie es einen wegzieht von Gott, wenn das Schicksal zuschlägt, wenn die Prüfungen zu schwer werden und der Versucher einen hinters Licht führt. Er ist doch selber versucht worden, genauso wie wir – und zwar in jeder Hinsicht – freilich: Er blieb ohne Sünde. Er hat Gott, dem Vater vertraut, auch im Leiden; auch in der Todesnot noch blieb er gehorsam, und darum hat ihn Gott erhöht und zu sich genommen.
Ein Hohepriester, der ganz bei Gott ist und doch mit uns Menschen mitleidet, das ist Jesus, den wir als unseren Herrn bekennen. Lasst uns an diesem Bekenntnis festhalten, gerade wenn so vieles ins Wanken kommt, wenn wir verunsichert sind und nicht wissen, wie es weitergehen soll.

Zuversicht ist angesagtZuversicht ist angesagt, Zuversicht, dass Jesus beim Vater im Himmel für uns eintritt; Zuversicht, dass wir Gnade finden bei Gott, auch wenn wir vieles verkehrt machen, schuldig werden, versagen, vom Bösen übermannt werden immer wieder; Zuversicht, dass uns geholfen wird zur rechten Zeit, dass sich eine Tür auftut, wo scheinbar alle Türen verschlossen sind; Zuversicht, dass keiner verloren geht, wenn er sich diesem Jesus anvertraut. Keinem von uns ist Gott fern. Vertraut seinem Sohn Jesus Christus und dessen froher Botschaft! Haltet fest am Bekenntnis und tretet nah heran. Ihr findet Gnade, nichts als Gnade.
Amen.

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