Jubilate (17. April 2016)

Autorin / Autor: Pfarrerin Dr. Susanne Edel, Kirchentellinsfurt [Susanne.Edel@elkw.de]

1. Johannes 5, 1-4

Osterjubel auf dem Grabstein„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Johann Hinrich Wichern ließ das Wort 1881 auf seinen Grabstein setzen. Aus der Kraft seines Glaubens setzte er sich unermüdlich dafür ein, Not zu lindern. Ganz klar war seine Vorstellung davon, was die Welt des gleichgültigen Schulterzuckens überwindet: die Liebe, die zum Glauben gehört. Er hat die diakonische Hilfe, die Menschen in Not verlässlich brauchen, fest in der Kirche verankert. Eine große Bewegung ist daraus entstanden, die bis in die diakonischen Einrichtungen unserer Tage reicht. Halleluja!

Die Liebe siegt! Das ist der Kern des Osterjubels. Diese Hoffnung hat Wichern in die Tat umgesetzt. Klein hat er angefangen: ein Haus für Kinder gegründet, um die sich niemand gekümmert hat. Allerorten gab es Widerstand. In Berlin hat er sich die Zähne ausgebissen am Versuch, das Gefängniswesen in Preußen zu reformieren – vergeblich. Die Welt liebt die Liebe nicht – denn man weiß nicht, was passiert, wenn sie wirkt.

Vertrauen siegt„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Für mein kleines Leben erscheint mir dieser Satz zu groß.
Das griechische Wort für „Glauben“ kann ich auch übersetzen mit „Vertrauen“. Geht’s mir damit besser? „Das ist schon der Sieg über die Welt – unser Vertrauen!“ So übersetzt die Bibel in Gerechter Sprache. Was machst du dir für einen Kopf, wie groß oder klein dein Leben ist? Das ist doch schon der Sieg – wenn du vertraust, dass dir in allem, was die Zukunft bringen mag, Christus entgegenkommt. Dass die Zukunft in Gottes Hand liegt.
Doch Vertrauen – das fällt mir gar nicht so leicht. Immer wieder überfällt mich Angst. Ich schlage die Zeitung auf und lese Artikel, wie Politiker ringen um Wege in der so genannten Flüchtlingskrise – und manchmal möchte ich schreien: „Was ist eigentlich los? Was für Beschimpfungen werden denn plötzlich salonfähig? Ist denn noch klar, wie kostbar unsere Kultur ist: miteinander offen reden, streiten, ringen – aber dabei das Gegenüber als (von Gott geliebten) Menschen respektieren?“
Angst und Misstrauen gehen Hand in Hand. Wie soll ich ins Vertrauen finden?
Frère Roger konnte in Taizé vielen jungen Menschen den Weg zum Vertrauen weisen. Er sagte: „Der Glaube, das Vertrauen auf Gott, ist etwas ganz Einfaches. So einfach, dass alle ihn annehmen können. Es ist wie ein Schritt, den wir tausendfach von Neuem tun, ein Leben lang, bis zum letzten Atemzug.“
Vertrauen ebnet den Weg der Liebe

Tiefes Vertrauen ist mir neulich bei einem Taufgespräch begegnet. „Wir können Laura nicht beschützen! Bei dem, was in der Welt los ist!“ sagen die Eltern und deuten zur Zeitung drüben auf dem Couchtisch. „Aber wir wissen, wem wir unser Liebstes anvertrauen können!“
Wer sein Kind so in Gottes Hand legen kann, kann es auch anderen Menschen anvertrauen. Mein Blick fällt auf ein Bild, auf dem die Großmutter Laura glücklich im Arm hält. Daneben ein Foto von Laura mit der Tagesmutter. Bald wird sie ins Kinderhaus gehen.
Ich glaube, dieses Elternpaar achtet genau darauf, was der Tagesmutter und dann bald den Erzieherinnen im Kinderhaus wichtig ist. Welche Regeln dort gelten. Von welchen „Geboten“ sie sich leiten lassen.

„Gebote“ sind, was dort gelten soll, wo unser Liebstes ist. Ob die Menschen im Kinderhaus sehen können, dass Laura ein Geschenk Gottes ist. Ob das auch dann noch gilt, wenn sie nervt. Ob sie ehrlich sind und Respekt voreinander haben. Ob sie verzeihen können, wenn sie verletzt worden sind. Ob sie wissen, wem sie sich und andere anvertrauen können.
„Gottes Gebote sind nicht schwer.“ Wenn wir an das denken, was unsere Liebsten brauchen – dann verstehen sich die Gebote wie von selbst. Nur dass ich sie auch dort gelten lassen soll, wo mir Missachtung begegnet – das fällt schwer. Ach ja, und auch in der Kirche geht es nicht automatisch liebevoll zu. Schon in den ersten christlichen Gemeinden mussten die Gebote der Liebe in Erinnerung gerufen werden.

Lauras Eltern haben mich angesteckt. Ich merke: ja, auch ich weiß, dass ich Gott meine Liebsten anvertrauen kann. Und auch die, die mir das Leben schwer machen. Die andere bedrohen. Tausendfach von neuem, ein Leben lang kann ich diesen Schritt tun. Mir wird leichter. Leise meldet sich Osterjubel im Herzen.

Vertrauen-Können ist ein WunderVertrauen kann ich nicht machen. „Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, ist aus Gott geboren.“ Damit steht ja tatsächlich im Bibeltext: dass ich den Glauben nicht machen kann! Geboren werde ich einfach so. Dazu kann ich gar nichts tun. Und eigentlich auch nicht dazu, dass ich laufen lerne. Als gesunder Mensch werde ich wie von selbst irgendwann meine ersten Schritte gehen. Einfach so. Ich nehme mir nicht vor, das zu tun. Ich brauche keine Belehrungen, um mich aufzurichten. Es ergibt sich von alleine. Wunder-voll!

Immerfort empfange ich mich aus Deiner Hand, Gott.
Das ist meine Wahrheit und meine Freude.
Immerfort blickt mich Dein Auge voll Liebe an,
und ich lebe aus Deinem Blick, Du mein Schöpfer und mein Heil.
Lehre mich, in der Stille Deiner Gegenwart das Geheimnis zu verstehen, dass ich bin.
Und dass ich bin durch Dich und vor Dir und für Dich.

Ich bin aus Gott geboren. Ich empfange das Vertrauen aus Gottes Hand. Ja, ich empfange mich ganz und gar aus Gottes Hand. Ich habe mein Leben nicht im Griff. Nicht erst dann, wenn Katastrophen hereinbrechen. Von Anfang bis Ende ist jeder Lebenstag ein Geschenk. Staunend empfange ich mich samt meinem Glauben Tag für Tag. Und der Blick, unter dem ich das tue, ist umwerfend: Gott schaut mich liebevoll an. Punkt. Kein Vorwurf. Kein Vergleichen: „Könntest du nicht wie der….“ Er sieht ja, was ich brauche. Und wie ich wieder und wieder versuche, mit tragischen Strategien zu dem zu kommen, was ich brauche – vergeblich. Liebevoll sieht er das. Sein freundschaftlicher Blick ruht auf mir.
Auch wenn ich mein Leben als Zumutung empfinde, wenn mir ein lieber Mensch an der Seite fehlt, wenn ich die Fassung verliere: Gott hält mich liebevoll im Arm und zählt meine Tränen
(Ps 56, 9).
Unmerklich weitet sich mein Blick. Wie von selbst setze ich einen Fuß vor den anderen. Die Angst weicht. Wie das? Ich kann es gar nicht richtig sagen. Ich merke nur: unter diesem Blick bin ich ins Vertrauen gekommen.
Machthaber aller Zeiten haben Menschen gefürchtet, die so ins Vertrauen gekommen waren. Sie waren unbesiegbar. „Wer aus Gott geboren ist, überwindet die Welt.“

Jesus – der ChristusEs erscheint ver-rückt, so zu vertrauen. Ausgehend von einem Menschen, der am Ostermorgen dem Grab entstiegen ist. Lebenslang hat er erzählt, dass Gottes liebevoller Blick auf jedem Menschen ruht. Nicht auszulöschen war diese Botschaft. Durch die Nacht des Verrats und Blutvergießens hindurch hat sie Bestand. Durch die Hölle von Folter und Tod.
Wie groß die Kraft dieses Glaubens ist, das bemerken Fremde manchmal besser und kommen darüber nicht mehr aus dem Staunen heraus. So wie Navid Kermani, der Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Staunend stand er vor vielen Christus-Darstellungen in der Kunst und besuchte christliche Klöster mit ihren Ordensgemeinschaften. In seinem Buch „Ungläubiges Staunen“ schreibt er, der Muslim: „Wenn ich den Gedanken der Inkarnation in nur einem Menschen nicht für grundverkehrt hielte..., womöglich hätte ich mich den christlichen Praktiken angeschlossen.“

Gott kommt in einem Menschen zur Welt – wahrlich, das klingt verrückt. Allerdings: damit verbunden ist, dass er sich in jedem Menschen zeigt. Und dass er den Weg geht, auf dem die Liebe das letzte Wort hat. Ein Weg des Respekts vor allem, was lebt. Hier begegne ich Kermani wieder. Und lasse mich beschenken von seiner eindrücklichen Rede zur Preisverleihung. Oder von der, die er am 23.4.2014 zur Feierstunde „65 Jahre Grundgesetz“ vor dem Deutschen Bundestag gehalten hat. Er, dessen Familie als Fremde nach Deutschland kam, öffnet mir die Augen, wie ich als Bürgerin dieses Landes im Geist der Liebe beitragen kann zu einer guten Zukunft. Auch das ist ver-rückt.

Und es ist wunderbar. Er fasziniert, der Geist der Liebe aus Glauben. Auch wenn die Welt die Liebe nicht liebt. Sie ist nicht totzukriegen. Das wissen wir seit Ostern. Grund genug, auch an diesem Sonntag österlich weiterzujubeln.
Amen.

Wichtige Anregungen für die Predigt sind entnommen aus:
Regine Kuntz-Veit (Hg), Frère Roger – Die Güte des Herzens: Begegnungen der Versöhnung durch die Gemeinschaft von Taizé, August 2005.
Das Gebet: „Immerfort empfange ich mich aus deiner Hand“ wird Romano Guardini zugeschrieben.
Navid Kermani, Ungläubiges Staunen, München 2015, S.10. Seine Rede im Deutschen Bundestag kann nachgehört werden unter https://www.youtube.com/watch?v=hj_7dZO3pSs


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