Jubilate (26. April 2026)

Autorin / Autor:
Pfarrerin Anja Forberg, Rottweil [Anja.Forberg@elkw.de]

Johannes 15,1–11

Intention
Wie Jesus mit dem Bild vom Weinstock und den Reben will die Predigt dafür werben, das Bleiben neu zu entdecken. Kirche wird so zu einer Gemeinschaft von Menschen, die tief verwurzelt sind in Gott und die daraus Kraft schöpfen. Dieses Fundament gibt die Freiheit, Neues wachsen zu lassen. Und vielleicht kann Kirche so wieder neu zur Heimat werden für Menschen, die sich nach Verwurzelung sehnen. Dieses Bleiben wird in Vers 9 bis 11 durch die Liebe und die Freude näher charakterisiert. Deswegen empfiehlt es sich, diese Verse zum Perikopentext hinzuzunehmen.

Knorrige Stöcke und zarte Triebe
Kahl reihen sich die alten Weinstöcke auf dem Weinberg aneinander. Knorrig winden sie sich in die Höhe. Der Frühling ist angebrochen. Erwartung liegt in der Luft. Erste Knospen lassen sich erahnen. Noch ist es kaum zu sehen, das zarte Grün, das im Morgenlicht frisch leuchtet, sich der wärmenden Sonne entgegenstreckt. Mit freudigen Schritten läuft der Weingärtner durch die Reihen, prüft die zarten Triebe. Im Herbst werden sie schwer und voll sein. Verheißungsvoll liegt der Geschmack der Früchte schon auf der Zunge.

Predigttext: Johannes 15,1–11
"Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt.
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.
Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, bleibt ihr in meiner Liebe, so wie ich meines Vaters Gebote gehalten habe und bleibe in seiner Liebe. Das habe ich euch gesagt, auf dass meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde."

Gehen oder bleiben?
„Bleibt in mir und ich in euch.“ Dieser Satz hallt in mir nach, und ich höre all die Namen der Ausgetretenen, die im Kirchengemeinderat vorgelesen werden, in die erstarrte und hilflose Stimmung hinein. „Bleibt in mir und ich in euch.“ „Für meinen Glauben brauche ich die Kirche nicht“, höre ich die Menschen sagen und kämpfe mit dem schalen Geschmack auf der Zunge, den das bei mir hinterlässt. Natürlich stimmt das, die Institution Kirche braucht niemand, um an Gott zu glauben. Aber was ist Glaube ohne die Verwurzelung in einer Gemeinschaft? „Bleibt in mir und ich in euch.“ Haben sich Menschen von der Kirche entfremdet, weil wir zwar über Mitgliedschaft und Kirchensteuer Verbindlichkeit einfordern, ein Gefühl der Verbundenheit aber gleichzeitig für viele in unseren Räumen nicht mehr spürbar wird? Kirche ist für immer mehr Menschen keine Heimat mehr.

Zwischen Freiheitsdrang und Verwurzelung
„Bleibt in mir und ich in euch“, höre ich die Stimme Jesu, werbend, drängend, fast flehend. Er schwört seine Jüngerinnen und Jünger auf seine Abwesenheit ein. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ Schief ist das Bild, denke ich, weil doch keine Rebe freiwillig den Weinstock verlässt. Nährt er sie doch, gibt ihr Wasser, streckt sie der Sonne entgegen. Ohne Weinstock keine Frucht. Aber dann denke ich daran, dass ich oft selbst vor allzu großen Verbindlichkeiten fliehe, vielleicht aus Erschöpfung, vielleicht aus einem Freiheitsdrang heraus. Mit einem Bild ausgedrückt: Am Pilates-Kurs teilnehmen will ich schon, aber gleich in den Sportverein eintreten, Jahresgebühr zahlen und zum Vereinsfest Kuchen backen? „Bleibt in mir und ich in euch.“ Und ich denke an meine Sehnsucht, die ich trotzdem habe, nach Gemeinschaft, die stützt und trägt, nach Verwurzelung. Manchmal fühle ich mich wie ausgetrocknet und allein inmitten eines fordernden Alltags. „Bleibt in mir und ich in euch.“ Höre ich und denke, dass ich vielleicht verloren bin, irgendwo zwischen meinem Streben nach Selbstverwirklichung und meiner Sehnsucht danach, verwurzelt und beheimatet zu sein.

Was ins Feuer geworfen wird
„Bleibt in mir und ich in euch.“ Als fürsorglicher Weingärtner wird Gott hier gemalt. Er kümmert sich um seine Reben, pflegt sie, damit sie gut wachsen und Frucht bringen. Aber diese Fürsorge heißt auch: Was verdorrt ist und keine Frucht mehr bringt, wird abgetrennt und ins Feuer geworfen, damit der gesamte Weinstock möglichst guten Ertrag bringt. Das ist radikal. Ich frage mich: Gehöre ich zu den verdorrten Reben, die ins Feuer geworfen werden, oder stecke ich noch im Weinstock? Vielleicht geht es aber doch eher um die Frage: Was hindert unser Wachstum als Gemeinde, was lähmt uns, lässt uns verkümmern? Ich denke an unsere verbissenen Versuche, festzuhalten, was festzuhalten geht: Die Gemeindehäuser, die so oft leer stehen und keinen einladenden Charakter mehr haben, die Idee, wir könnten mit weniger Ressourcen dasselbe Angebot aufrechterhalten, unsere Liturgie, in der immer weniger verwurzelt sind. Ich denke an die Unwilligkeit zu richtiger Veränderung, an die Beschäftigung mit uns selbst.

In der Liebe bleiben
„Bleibt in mir und ich in euch.“ Das klingt nach einer spirituellen Übung und sicherlich kann dieses „Bleiben“ mit ganz unterschiedlicher Frömmigkeit gelebt werden. Aber es geht hier nicht um religiöse Selbstfindung. Wir in Jesus und er in uns, das führt uns gerade aus uns selbst heraus. „Bleibt in meiner Liebe“, sagt Jesus und hat mit seinem Leben deutlich gezeigt, dass das für ihn eine gesellschaftspolitische, soziale Dimension hat. Das ist eine Kirche, die Früchte bringt: Eine Kirche, die sich nicht nur um sich selbst dreht, sondern offen ist für die Bedürfnisse der Menschen um sie herum. Die Heimat sein will, Gemeinschaft stiftet, Räume schafft für überforderte und erschöpfte Menschen, die dort neu Kraft gewinnen können. Eine Kirche, die ihre Ressourcen dafür einsetzt, dass Menschen nicht hungern und frieren müssen in unserem Land. „Meine Worte bleiben in euch“ – das muss zu einer einladenden Sprache führen, die Türen öffnet, auf Menschen eingeht, nicht von oben herabkommt, nicht einengt. Eine Sprache, die versucht zu vermitteln in der aufgeheizten Stimmung in unserer Gesellschaft. Die Kirche, in der ich verwurzelt sein will, hält sich nicht an vertrockneten Traditionen fest. Sie lässt zu, dass neue Triebe wachsen können.

Stock und Reben: Beständigkeit und Erneuerung
„Bleibt in mir und ich in euch.“ Jesus entwirft die Bilder vom Weinberg nicht als Drohung. Es ist ein Versprechen: Ihr müsst euch nicht selbst verzweifelt an irgendetwas festklammern. Ich halte euch, ich sorge dafür, dass ihr Frucht tragen könnt. Ich, der Weinstock, alt und beständig, stehe unverrückbar da. Wer in mir bleibt, steht fest in Gottes Liebe und ist frei zu wachsen, sich zu erneuern, seine Früchte reifen zu lassen. Kirche ist verwurzelt in mir – das bleibt. Und auf einmal habe ich einen lebendig-fruchtigen Geschmack auf der Zunge. Kirche, das ist eine Gemeinschaft von Menschen, die nicht verbittert und ergrimmt der Vergangenheit hinterherjammern, sondern eine tiefe, ansteckende Freude in sich haben. Die verwurzelt sind, aber nicht eingeengt. Menschen, die voller Freude sind zu bleiben, die Lust haben zu wachsen – verwurzelt in der Liebe Gottes.

Vorfreude
„Bleibt in mir und ich in euch.“ Kahl reihen sich die alten Weinstöcke auf dem Weinberg aneinander, knorrig winden sie sich in die Höhe. Der Frühling ist angebrochen. Erwartung liegt in der Luft. Erste Knospen lassen sich erahnen. Noch ist es kaum zu sehen, das zarte Grün, das im Morgenlicht frisch leuchtet, sich der Sonne entgegenstreckt. „Bleibt in mir und ich in euch.“ Voller Sehnsucht strecke ich mich nach den wärmenden Sonnenstrahlen aus, taste gemeinsam mit den anderen Reben nach dem Licht, das uns zum Strahlen bringt. Ich schmecke das Wasser, das durch die Wurzeln zu mir fließt. In mir spüre ich das Leben, das mich wachsen lässt, die Kraft, die mich trägt. Fest verwurzelt kann ich wachsen. Mit freudigen Schritten läuft der Weingärtner durch die Reihen, prüft die zarten Triebe, die im Herbst schwer von leuchtenden Früchten behangen sein werden. Verheißungsvoll liegt ihr voller Geschmack auf der Zunge. Noch ist Frühling, aber ich weiß, in der Herbstsonne werde ich leuchten. Ich höre schon das Feuer knistern, das Klirren der Gläser, leises Gelächter. Wenn die Zeit der Ernte gekommen ist, werden wir gemeinsam das Leben feiern. „Bleibt in mir und ich in euch.“ Amen.

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