Judica / 5. Sonntag der Passionszeit (17. März 2024)

Autorin / Autor:
Pfarrerin Mirjam Wolfsberger, Tübingen [Mirjam.Wolfsberger@elkw.de]

1. Mose 22,1-14

IntentionIn der Geschichte der Beinahe-Opferung Isaaks steckt vieles, was unseren Widerspruch provoziert – sei es die Gewaltbereitschaft Abrahams, sein scheinbar blinder religiöser Gehorsam oder die nicht wahrgenommene zwischenmenschliche Verantwortung. Auch Gott zeigt sich in einer Weise, die unseren gängigen Gottesbildern widerspricht. Im Umgang mit der Geschichte zeigt sich jedoch zweierlei:
1.In Abrahams Erfahrung mit einem Gott, der unverständlich und abgründig bleibt, finden auch unsere Glaubenserfahrungen mit dem verborgenen und fremden Gott Platz.
2.Vertrauen birgt ein Risiko und muss immer wieder neu abgewogen werden. Und doch: ohne Vertrauen ist kein Leben möglich. Bei aller bleibenden Ambivalenz – Abraham hat sein Vertrauen nicht bereut. Gottes Verheißung für ihn wird erneuert.

Predigttext22,1 Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. 2 Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.
3 Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. 4 Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne. 5 Und Abraham sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.
6 Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander. 7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? 8 Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.
9 Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz 10 und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.
11 Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. 12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen. 13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich im Gestrüpp mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt. 14 Und Abraham nannte die Stätte »Der HERR sieht«. Daher man noch heute sagt: Auf dem Berge, da der HERR sich sehen lässt.

Liebe Gemeinde,
die Geschichte von Abraham und wie er fast seinen Sohn opfert: Als Kind fand ich Abraham mutig und sein Verhalten letztlich logisch, er hat ja einfach gemacht, was Gott zu ihm gesagt hatte. Außerdem ging die Geschichte am Ende gut aus. Es war also alles in bester Ordnung.
Heute bin ich erwachsen und 30 Jahre später habe ich sehr viele Fragen an diese Geschichte! Ich frage mich: War das wirklich nötig? Verhält sich Abraham nicht auf beängstigende Art und Weise wie ein religiöser Extremist? Und Gott? Ich erkenne ihn kaum wieder in dieser Geschichte – hat er etwa eine sadistische Seite?
Inzwischen würde ich sogar sagen, dass dieser Predigttext eine Zumutung ist. Und dass über diese Zumutung auch der gute Ausgang nicht hinwegtäuschen kann. Zwei Untaten werden in einem Atemzug geschildert. Es ist die Untat von Abraham, der fast seinen Sohn opfert auf der einen Seite und die Untat von Gott, der fast dieses Opfer fordert, auf der anderen Seite.
Ich muss an all die Mütter und Väter denken, die Kinder verloren haben. Vielleicht sogar als Opfer für eine vermeintlich größere Sache. Wie hören sie diesen Text?
Überhaupt die Mütter! Wo ist Sara in dieser Geschichte? Die Rabbinen erzählen in der jüdischen Tradition, dass Sara, als sie die Ereignisse rund um die Beinahe-Opferung Isaaks im Nachhinein erfährt, tot umfällt. Ich frage mich: Warum fällt Abraham nach Gottes Forderung, seinen einzigen Sohn zu opfern, nicht auch tot um? Wäre das nicht eine angemessene Reaktion gewesen?
Es ist eine Geschichte, an der Unerträgliches klebt. Es ist das ungute Zusammenspiel von Religion und Gewalt. Es geht um die Mehrdeutigkeit von Gehorsam, Gottesfurcht und zwischenmenschlicher Verantwortung.
Gleichzeitig ist es aber auch immer noch eine Geschichte von großem Vertrauen, von einer erneuerten Verheißung und von einem Ort, den Abraham nennt „der Herr sieht“. Wie passt das zusammen?
*
Man könnte sich fragen – wenn diese ganze Geschichte eine Prüfung für Abraham war, hat er sie denn dann eigentlich bestanden? Hat er richtig gehandelt? Oder hätte er nicht vielleicht lieber ganz klar Nein sagen sollen, als Gott ihn aufforderte, seinen Sohn umzubringen?
Die Frage hat auch Immanuel Kant, der große Philosoph, an einer Stelle mal diskutiert und für ihn war völlig klar: Das, was Abraham als Aufforderung Gottes gehört hat, kann nicht von Gott gewesen sein. Seine Begründung: Dieser Auftrag war unmoralisch – und Gott kann nicht unmoralisch handeln. Abraham hätte also laut Kant lieber ganz anders auf Gottes Prüfung reagiert. Nämlich so:
„Daß ich meinen guten Sohn nicht tödten solle, ist ganz gewiß; daß aber du, der du mir erscheinst, Gott sei, davon bin ich nicht gewiß und kann es auch nicht werden.“
Ich spüre: Diese Geschichte kratzt an meinem Gottesbild. Aber vielleicht soll sie das auch. Und vielleicht hat diese Geschichte auch an Abrahams Gottesbild nicht nur gekratzt, sondern Entscheidendes verändert.
Dafür gibt es sogar sprachliche Hinweise im Bibeltext:
Dort lässt sich ein interessanter Wechsel von der Gottesbezeichnung beobachten. Am Anfang wird Gott immer „Elohim“ genannt, am Ende „JHWH“. Man könnte deuten, dass sich darin auch eine Veränderung in Abrahams Gottesbild abbildet.
Dann könnte man das so beschreiben: An Elohim, der vorgestellt wird wie ein zorniger Berg- und Wettergott, der mit Opfern besänftigt werden muss, wie die Götter der anderen Völker eben auch, hatte Abraham bisher geglaubt. So hat er ihn sich vorgestellt.
Jetzt in Moria ist Abraham aber zu einem tieferen Verständnis Gottes gekommen. Er hat erlebt: JHWH ist anders als die anderen Götter. Er ist ein Gott, der Barmherzigkeit möchte. Keine Opfer. (Hos 6,16)
Man muss mindestens festhalten: Am Ende erzählt die Geschichte ja gerade eben nicht von einem blutigen Opfer, sondern von der Verhinderung eines sinnlosen Opfers. Gott selbst hat eingegriffen, damit Isaak nicht geopfert wird.
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Einige Kapitel, bevor diese Geschichte von Isaak erzählt wird, werden Abraham zahlreiche Nachkommen verheißen und ein Land, in dem sie wohnen sollen. Vor diesem Hintergrund ergibt diese Erzählung, wie Abraham fast seinen Sohn opfert, wenig Sinn. Gott scheint völlig entgegen seiner Verheißungen zu handeln. Er zeigt sich nicht mehr als ein Gott, der Leben schafft – sondern plötzlich als ein Gott, der das Leben bedroht.
Und ja: das ist widersprüchlich! – Ich würde sagen: es ist so widersprüchlich wie mein Leben und meine Erfahrungen von Gott auch sein können. Fast jeder Mensch, der glaubt, kann davon erzählen, dass Gott für ihn immer wieder auch unverständlich und widersprüchlich bleibt.
Warum lässt er Leid zu? Warum antwortet er nicht? Mit Luthers Worten könnte man diese Glaubenserfahrung beschreiben als Erfahrung mit dem verborgenen und abgründigen Gott. Es ist die Erfahrung, dass es da eine Fremdheit gibt zwischen Gott und mir, die sich nicht auflösen lässt, weil Gott für uns Menschen unverfügbar bleibt.
Letztlich ist es aber für mich gerade der Umgang Abrahams mit einem Gott, der für ihn unverständlich und abgründig bleibt, der ihn dann doch noch zu einem Glaubensvorbild werden lassen kann. Auch in dieser Geschichte. Abrahams unbedingter Gehorsam mag befremdlich anmuten, aber gleichzeitig muss man ihm zugestehen:
Abraham befindet sich nicht im Tunnel eines religiösen Eifers. Im Gegenteil, er bleibt auf dem ganzen Weg nach Moria ansprechbar und wach, drei Mal hält er inne und sagt „Hier bin ich.“ Das ist kein religiöser Tunnel, sondern ein genaues Hinhören. Er ist nicht mechanisch gefühllos gehorsam. Aber: er entscheidet sich, mit allem, was er hat, einem Gott zu vertrauen, den er nicht versteht.
Dieses Vertrauen macht Abraham so angreifbar und verletzlich, dass es kaum auszuhalten ist. Aber man darf auch nicht das Ende unterschlagen. Die Erzählung endet so, dass deutlich wird: Abraham hat in diesem Fall auf die richtige Karte gesetzt. Gott sieht ihn und seinen gefährdeten Sohn und sein Engel spricht ihm erneut die Verheißung vieler Nachkommen zu.
Am Ende lässt sich festhalten: Diese Geschichte ist keine Empfehlung für blinden Gehorsam. Aber vielleicht ja doch für ein gewagtes, waches Vertrauen. Weil es das braucht, um leben zu können. Um lieben zu können. Und weil auch Glauben eben heißt, immer wieder auszuhalten, dass Gott unverständlich bleibt.
Es stimmt, davon erzählt die Geschichte auch, dieses Vertrauen birgt ein Risiko. Es muss immer wieder neu abgewogen werden.
Die Geschichte lässt aber auch keinen Zweifel daran: Abraham jedenfalls hat sein Vertrauen nicht bereut. Im Gegenteil, er erlebt mitten in diesem abgründigen Geschehen, dass Gott ihn sieht und dass Gott sich sehen lässt. Sein Vertrauen war nicht umsonst.
„Und Abraham nannte die Stätte ‚Der HERR sieht‘. Daher man noch heute sagt: Auf dem Berge, da der HERR sich sehen lässt.“
Amen.

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