Judica / 5. Sonntag der Passionszeit (22. März 2026)

Autorin / Autor:
Pfarrer im Amt für Kirchenmusik Frieder Dehlinger, Tübingen [Frieder.Dehlinger@elkw.de]

Hebräer 13,12-14

Intention
Die Passionspredigt will die Gemeinde ermutigen, in den vielen akuten Krisen aus Bibel und Glauben ihre eigene Identität zu spüren und aus ihr – ungeachtet von Erfolgsaussichten – eine Ethik zu leben, die den gütigen Gott bezeugt.

Predigttext
Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Predigt (nach Verlesung des Textes)
Liebe Gemeinde,
es wird Frühling - und im Frühling da will ich raus!
Draußen passiert das Leben. Draußen leuchten die Krokusse,
blühen die Märzenbecher, strecken sich die Osterglocken
und platzen bald schon die ersten Knospen auf.


(1) Wer es sehen will, Gottes Wunder der neuen Schöpfung,
wer es sehen will, muss raus gehen.
Wer dabei sein will, in Gottes schöpferischem Wirken,
muss rausgehen.

Mose am Dornbusch: weit draußen, am Rand der Zivilisation.
Mose auf dem Gottesberg: draußen und weit oben!
Und das Bundeszelt, der Ort, an dem Mose und Gott sich begegnen:
nicht mitten im Lager, sondern draußen,
mit Abstand von Gedränge und Gewusel,
weit weg vom Klappern der Kochlöffel und Rufen der Kinder,
vom Feilschen und Bieten der Kaufleute und Händler.

„So lasst uns nun hinausgehen, vor das Lager“,
schreibt uns der Verfasser des Hebräerbriefs, „lasst uns hinausgehen“.
- Aber Rausgehen, wer traut sich das?
Trauen wir uns das, dieses Maß an Eigensinn und Eigenart,
an Eigenständigkeit und christlichem Mut?
Denn ja, es braucht Mut, um hinauszugehen,
den eignen Weg zum Leben zu suchen,
den eignen Weg zu Gott.

Ich glaube ja nicht, dass Gott nur draußen zu finden ist.
Nein, Gott ist auch mittendrin,
mitten im Kinderlachen, Töpfe spülen, Feste feiern und Alltag teilen.
Gott ist doch auch mittendrin in unserm Lieben, Leiden und Verzeihen.
Doch hier, jetzt in der Passion, jetzt heißt es:
Gehen wir einen eigenen Weg. Gehen wir raus, raus vors Lager.

Klar sind wir soziale Wesen und sollen es sein,
Familienmenschen, Liebende, Kindseltern, Freunde, Vereinskameraden, Sangesbrüder, Gemeindeglieder, Bastelfrauen. Wir gehören zu Chören und Parteien, zu Communities und Whats-App-Gruppen.
Wir chatten und wischen,
kommunizieren über Statusse und Urlaubsbilder und teilen dies und das.
Wir sind soziale Wesen und sollen es sein.
Und wir setzen viel ein,
um dabei zu sein, gut dabei zu sein in der Gruppe, der Klasse, dem Team.
Wir setzen viel ein, um drinnen zu sein und eben gerade nicht außen vor.
Eine Außenseiterin, ein Einzelgänger. Wer will das sein.
Doch hier unser Text sagt:
„Lasst uns hinausgehen zu ihm vor das Lager.“
Zu ihm: also zu Christus, also zu Gott.


(2) Das ist eine alte biblische Tradition: Wer Gott sucht, geht hinaus.
Richtung Wüste. Ins Alleinsein. In die Stille. In die Einsamkeit.
Ein Lärm-Fasten. Ein Verzicht auf Umtrieb. Ein Nicht-sich-Ablenken.
Sondern Rausgehen und Sich-Sammeln, ruhig werden, Klarheit suchen.
Und dann nicht ausweichen vor der Frage:
Wer bin ich und wer will ich sein?

Fast immer in der Bibel geht die Gottesbegegnung mit einer Berufung einher. Wenn wir Gottes Gegenwart spüren.
Wenn Oberflächliches und Vorläufiges in den Hintergrund rücken
und unser Wesentliches in Gottes Licht kommt:
Wer bin ich und was soll ich tun?

Und oft genug ist das nicht sanft: Gott auf dem Berg, in der Wüste,
in der Stille. Der Gott, der draußen ist, ist Konfrontation.
Mose: er soll dies halsstarrige, unbelehrbare Volk in die Freiheit führen.
- Das ist kein Spaß.
Jona: er soll der Stadt Ninive ihre Sünden vorhalten
und Umkehr predigen.
- Er rennt davon soweit er kann.
Maria: sie soll Gottes Sohn auf die Welt bringen,
weil Gott die Mächtigen vom Thron stürzen
und die Niedrigen aufrichten will.
- So eine Revolution. Das ist doch viel zu viel, allein,
für diese junge Frau.


(3) Und auch in diesem Hebräerbrief: der Ruf, hinauszugehen vors Lager.
Und es bleibt nicht beim Hinausgehen. Es ist noch mehr:
Wir sollen die Schmach des leidenden Christus mittragen.
Die Schmach des Christus draußen am Kreuz.
Von wegen Revolution. Von wegen die Hungrigen füllt er mit Gütern. Die Schmach, das ist Gottes ganze Ohnmacht.
Das ist Jesu völliges Scheitern.
Der augenscheinliche Widerspruch zu allem,
was er geglaubt und gelebt und gesagt hat.
Gottes Sohn? Geschunden, ohnmächtig, verlassen, sterbend am Kreuz.

Stell ich mich zu dem am Kreuz?
Mit meinem eigenen Scheitern?
Mit all dem, was ich gehofft und nicht erreicht habe?

Nun, wir wissen von Ostern.
Wissen, das Jesu Weg nicht am Karfreitag endet,
sondern mit Ostern weiter und hinaus geht bis an die Enden der Erde.
Aber davon redet der Hebräerbrief hier nicht.
Er redet von der Schmach.
Er redet vom ganzen Einsatz Jesu,
von seinem Opfer für das Volk.
Er redet davon, dass Jesus ganz und gar einstand
für das, was er war, was er sah und glaubte.
- Und anders als viele andere Kämpfer, bringt er seinen Einsatz, ohne seine Gegner zu beleidigen, zu be-schimpfen, zu verletzen oder zu töten.
Jesus bespuckt nicht, er lässt sich bespucken.
Er geht aber auch nicht weg. Er widerruft auch nicht.
Aber er schmäht nicht,
- er nimmt Schmach, Niederlage, Schmerzen auf sich.
Das ist sein Opfer. Sein voller Einsatz.
Und dadurch wird für uns alle etwas Neues möglich:
ein neuer Morgen. Ein neuer Frühling. Das Osterfest.


(4) „So lasst uns nun hinausgehen und seine Schmach teilen.“
Ob Jesus sich wohl gefragt hat, was es bringt?
Diese vielen Konflikte mit den Schriftgelehrten und Ältesten,
mit Pharisäern und Sadduzäern, mit Juden und Römern?
Sich der Vergeblichkeit und dem ganzen Hass aussetzen -
was bringt das? Wozu? Wird einer von ihnen sich bekehren?
Ob Jesus gehadert hat, auf seinem Weg hinauf nach Jerusalem,
ob sich sein Opfer lohnt?

Und wir?
Diese vielen Krisen heute. Wir waren doch schon viel weiter!
Hatten ein 1,5-Grad-Ziel verabredet, hatten ein Völkerrecht und einen
Internationalen Gerichtshof. Haben Atomwaffen abgerüstet,
Kasernen zu Schulen umgebaut und statt Waffen Weizen exportiert.
Und jetzt geht alles wieder rückwärts und die Welt taumelt.
Lohnt es sich da, einzustehen für den barmherzigen Gott?
Ist es da eine gute Idee, gegen den Wind zu stehen
und dennoch weiter Fahrradwege zu fordern
und Solar statt Gas
und Bildung statt Bomben
und Frieden nicht mit immer mehr, sondern mit immer weniger Waffen?
Lohnt es sich weiter für die Zukunft unserer Kinder und Enkel
hinauszugehen auf die Straße und in den Wind?

„Lasst uns hinausgehen vor das Lager und seine Schmach mit ihm teilen.“
Die vielen Krisen heute fordern uns heraus.
Als Menschen, die an Ostern glauben
und sich im Vertrauen üben, dass Gott unsere Gebete hört,
- als Christinnen und Christen fragen wir nicht, was sich lohnt,
sondern wer wir sein sollen vor Gott.
Nicht, dass es sich lohnt ist wichtig,
sondern dass unser Verhalten etwas vom Gott der Bibel widerspiegelt.
Wenn Gott Liebe ist, wie kann mir dann die Zukunft der Erde egal sein?
Wenn Gott Gerechtigkeit ist, dann darf das Recht nicht durch pure Macht ersetzt werden!
Wenn Gott will, dass allen Menschen geholfen wird, dann kann ich nicht sagen: „America first“ oder „Deutschland den Deutschen“.
Das sind gottlose Sätze.
Die vielen Krisen fordern uns heraus:
Wer wollen wir Christen sein?
Wer sind wir? Was ist unser Kern! Wer ist unser Gott?


(5) Herausgehen vor das Lager. Sich auf Gott ausrichten.
Horchen. Lauschen, Fragen, was von Gott kommt.
Draußen - das ist Konfrontation.
Draußen ist aber auch ein Raum der Freiheit.


(6) Unser Predigttext sagt:
„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“
Das ist ein Trost hier in unserem Text,
dass er uns immer als „Wir“ anspricht!
Nicht als Einzelne, sondern als Gemeinde gehen wir hinaus.
Nicht als Solistinnen, sondern als Schwestern und Brüder suchen wir nach der kommenden Stadt.
Nutzen wir das, dass wir nicht alleine sind.
Stärken und ermutigen wir einander.
Und natürlich sind wir Suchende!
Wir können uns doch nicht einrichten, uns abfinden,
uns gewöhnen an das, wie es gerade läuft.
Nein, wir sollen uns nicht gewöhnen an Waffen, an Gewalt,
und nicht uns arrangieren mit immer mehr CO2 und immer mehr Hitze.
Wir sollen Gott suchen.
Unsern Gott.
Der durch die Ohnmacht mächtig ist.
Der durch Schmach und Leiden geht,
der an Ostern aufersteht vom Tod,
der uns hineinnimmt in seine neue Stadt.
Amen.

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