Judica / 5. Sonntag der Passionszeit (13. März 2016)

Autorin / Autor: Pfarrer Christof Weiss-Schaut, Bretzfeld [Christof.Weiss-Schautt@gmx.de]

Hebräer 5, 7 -9

Liebe Gemeinde!
Ich möchte heute über den Gehorsam predigen.
Gehorsam ist ein großes, gehaltvolles Wort, das in uns vielfältige, wahrscheinlich auch ambivalente Bilder wachruft. Was verbinden Sie damit?
Mir fallen Schießbefehle an der ehemaligen innerdeutschen Grenze ein. Oder die Kämpfer des sog. Islamischen Staats, mit ihrem brutalen, menschenverachtenden Morden.
Auseinandersetzungen mit der Geschichte des Nationalsozialismus kommen in mir zum Klingen. Wehrmachtsmitglieder, die Kriegsverbrechen mit Gehorsamserfüllung rechtfertigten. Sätze wie: „Ich habe doch nur meine Pflicht getan!“ „Ich musste doch die Befehle ausführen, die man mir gab, sonst hätte ich mich selbst in Gefahr gebracht.“

Gehorsam als BeziehungswortGehorsam ist ein Beziehungswort. Gehorsam wurzelt im Hören, im Horchen auf andere.
Gehorsam hat zweifelsohne mit Autorität, mit Macht und Herrschaft zu tun. Gehorsam ist meist mit Unterordnung verbunden. Gehorsam kann blind machen, das kann man vielerorts erkennen. Anordnungen, die von oben kommen, bleiben oft unhinterfragt. Aus Angst vor den Konsequenzen. Das eigene Gewissen wird ruhiggestellt.
Das bekannte Sprichwort: „Wer nicht hören will muss fühlen“, macht eindrücklich den Schatten des Gehorsams deutlich. Wer nicht gehorsam ist, wird bestraft. Erinnerungen an die Zeit der schwarzen Pädagogik werden wach.

Dass Gehorsam auch der Ausdruck einer positiven Beziehung sein kann, erfahren wir im Leben und Sterben Jesu. Wir hören Gehorsamsworte aus dem Hebräerbrief, ich lese aus Kapitel 5, die Verse 7-9:

„Und Jesus Christus hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.“

Dass Jesus gegenüber seinem Vater gehorsam ist, ist zentral. Denken Sie nur an den Philipperhymnus, den wir als Psalm miteinander gebetet haben.
Ein positiver Grundton schwingt in den Versen des Hebräerbriefs mit. Von Strafe ist nichts zu vernehmen. Der Gehorsam Jesu begegnet hier als Vorbild. Es ist ein Gehorsam, der aus Vertrauen erwächst, und nicht aus Angst.

Er wird genährt aus der Zusage am Beginn seines Wirkens: Bei seiner Taufe sagt Gott zu ihm: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ Der Gehorsam Jesu Christi hat ein anderes Vorzeichen als Angst. Jesu Gehorsam ist vertrauensvolle Antwort auf die Liebe seines mitfühlenden Vaters. Jesu Gehorsam wurzelt in der Freude an Gott und nicht in der Angst vor seinem Zorn.

Gehorsam als freier (Glaubens-)AktJesu Weg war ein Weg des Gehorsams, er lebte nach der Botschaft des Propheten Micha: Micha 6,8 „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“
Gottes Gebot war für ihn unumstößlich, nichts sollte daran verändert werden, kein Jota. Gott galt es mehr zu gehorchen als den Menschen. Deshalb war Jesus auch ungehorsam gegen menschliche Ordnungen, wenn sie es unmöglich machten, Liebe zu üben. Er hat sich in großer Freiheit über das Verbot hinweggesetzt, am Sabbat zu arbeiten und hat Menschen von ihren Krankheiten geheilt.

Als Mensch, der nur dem Willen Gottes gehorsam war, war er wirklich frei für andere Menschen, war er offen für neue Wege, für lebendige Gemeinschaft jenseits der Konventionen. Er konnte mit den Ausgegrenzten seiner Zeit zu Tisch sitzen. Aber eben deshalb wurde er verfolgt und ausgegrenzt.

Die Geschichte des Gehorsams Jesu gipfelt für mich in seinem einsamen Ringen im Garten Gethsemane unmittelbar vor seiner Verhaftung. „Ist es möglich, dass dieser Kelch an mir vorübergehe?“, fleht er Gott an. Und am Ende steht sein freies Ja zu seinem Tod: „Dein Wille geschehe, nicht mein Wille.“
Jesus sieht dabei ganz von sich selbst ab, von seinen eigenen Bedürfnissen, von seiner Angst vor dem, was ihn erwartet. Er vertraut sich ganz Gott an, auch wenn dabei seine eigenen Pläne durchkreuzt werden. Er stellt sein Leben und Ergehen ganz in den Dienst Gottes, er gibt sich hin. Er gibt mit seiner ganzen Existenz Gott die Ehre. Er gibt mit seinem Leben Gott Antwort auf seine Berufung.

Gehorsam lernen als LebensaufgabeDer Gehorsam Jesu ist ein Vorbild für uns. Mich entlastet, dass er selbst den Gehorsam gelernt hat, ihn nicht schon immer gehabt hat. Er ist in den Gehorsam hineingewachsen. Es geht nicht um ein Gehorsam-Sein, sondern um ein immer wieder neu Gehorsam-Werden, immer wieder neu, mehr und mehr gehorsam Gott gegenüber.
Wie lernt man Gehorsam?
Da ist zunächst unsere Berufung zum Kind Gottes in unserer Taufe. Das ist der Anfang unserer Lerngeschichte. Am Beginn steht das Vertrauen Gottes zu uns, unbedingt und unverdient. Dieses Vertrauen ist die stärkende Quelle unseres Gehorsams.

Dann ist da unsere spezielle ganz persönliche Berufung, die sich in unserem Leben entfaltet, in Herausforderungen an den Weggabelungen unseres Lebens.
Es müssen ja nicht gleich so schwerwiegende Entscheidungen sein, wie bei Abraham, den der Hebräerbrief als Gehorsamsvorbild herausstellt, weil Abraham dem Ruf Gottes heraus aus seiner Heimat in die Fremde Folge leistet.

Vielleicht sind für uns eher die Mahnungen der Bergpredigt Lernanlässe für unseren Gehorsam, wie beispielsweise, die Sonne nicht über dem Zorn auf den Nächsten unter-gehen zu lassen, sondern ihm versöhnend die Hand zu reichen.
Noch viel mehr sind persönliche Krisen solche Herausforderungen. Gehorsam heißt hier oft nicht weniger, als auf die Treue Gottes zu vertrauen, weiter im Hören zu bleiben, Gottes Schweigen auszuhalten, Gott im Ohr zu liegen.

Hinzu kommen alle die Situationen, in denen wir in das Spannungsfeld zwischen Gott und Welt kommen. Und persönlich durchleben, was es heißt, „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Das sind Gelegenheiten, in denen die Konventionen unserer Mitwelt oder der Gehorsam, den Menschen und Institutionen von uns verlangen, sich dem Willen Gottes entgegenstellen. In ihnen ist unser Gehorsam gegenüber Gott gefordert.

Mir kommen Christen der Bekennenden Kirche im Nationalsozialismus in den Sinn, die im Barmer Bekenntnis gegen die Übergriffe des Staates festgehalten haben, dass Christus der alleinige Herr ist, dem sie Gehorsam schulden.
Mir kommen Widerstandskämpfer wie Georg Elser in Erinnerung, die versuchten, dem Rad in die Speichen zu fallen.
Politiker und Politikerinnen fallen mir ein, die sich gegen die Parteidisziplin wehren und durchsetzen, ihrem Gewissen folgen zu können, in Entscheidungen wie beispielsweise der Sterbehilfe.

Gehorsam lernen bedeutet, sich auf das Leben einzulassen, mit allem was es einem in den Weg legt. Gehorsam lernen heißt, sich auf das Leben einzulassen, wie auf einen Tanz. Madeleine Delbrel, eine französische Christin, umschreibt dieses Lernen mit einem Ball, bei dem wir mit dem Leben tanzen:

Wenn wir wirklich Freude an dir hätten, o Herr,
Könnten wir dem Bedürfnis zu tanzen nicht widerstehen,
Das sich über die Welt hin ausbreitet,
Und wir könnten sogar erraten,
Welchen Tanz du getanzt haben willst,
Indem wir uns den Schritten deiner Vorsehung überließen.

An uns ist es, uns von dir erfinden zu lassen,
Um fröhliche Leute zu sein, die ihr Leben mit dir tanzen.
Um gut tanzen zu können – mit dir oder auch sonst,
Braucht man nicht zu wissen, wohin der Tanz führt.
Man muss ihm nur folgen,
Darauf gestimmt sein,
Schwerelos sein,
Und vor allem: man darf sich nicht versteifen.
Man soll dir keine Erklärungen abverlangen,
Über die Schritte, die du zu tun beliebst,
Sondern ganz mit dir eins sein – und lebendig pulsierend
Einschwingen in den Takt des Orchesters, den du auf uns überträgst.
Man darf nicht um jeden Preis vorwärtskommen wollen.
Manchmal muss man sich drehen oder seitwärts gehen.
Und man muss auch innehalten können
Oder gleiten, anstatt zu marschieren.

Herr, komm und lade uns ein.
Wir sind bereit, dir diese Besorgung vorzutanzen,
Dieses Haushaltungsbuch, dieses Essen, das bereitet werden muss, diese
Nachtwache,
Bei der wir schläfrig sein werden.
Wir sind bereit, dir diesen Tanz der Arbeit zu tanzen,
Den der Hitze und dann wieder den der Kälte.
Wenn gewisse Melodien in Moll stehen, werden wir nicht behaupten,
Sie seien traurig;
Wenn andere uns etwas außer Atem bringen, sagen wir nicht,
Sie stießen uns die Lunge aus dem Leib.
Und wenn uns jemand anrempelt, nehmen wir es lachend hin,
Weil wir wissen, dass so was beim Tanz immer vorkommt.
Herr, lehre uns den Platz,
Den in dem endlosen Roman,
Der zwischen dir und uns begonnen hat,
Der Tanz einnimmt, dieser seltsame Tanz unsres Gehorsams.
Offenbare uns das große Orchester deiner Heilspläne,
Worin das, was du zulässt,
Einfach befremdliche Töne von sich gibt
Inmitten der Heiterkeit dessen, was dein Wille ist.
Wie einen Ball,
Wie einen Tanz,
In den Armen deiner Gnade,
Zu der Musik allumfassender Liebe.
Herr, komm und lade uns ein.

Ich will von Jesus lernen. Ich will mich an ihm orientieren, wie er sich in allem, was ihm widerfährt, auf den Gehorsam einlässt. Jesus steht für mich für einen Gehorsam mit offenen Augen. Für ein lernendes Leben aus der Quelle des unbedingten Ja Gottes zu mir.
Gehorsam ist nichts weniger als die freiwillige Hingabe an Gottes Willen zum Leben. Ich will mit ihm und dem Leben tanzen.
Amen.

Literaturangabe: Madeleine Delbrel, Gott einen Ort sichern, Ostfildern 2. Aufl. 2003, S. 71ff.

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