Judica / 5. Sonntag der Passionszeit (18. März 2018)

Autor/in: Pfarrer Rainer Köpf, Weinstadt-Beutelsbach [pfarrer@rkoepf.de]

4. Mose 21, 4 -9

Liebe Gemeinde,

was ist uns wichtiger: Freiheit oder Versorgung? Gott oder Wohlstand? Sein oder Haben?
Wir erleben in dieser Geschichte unzufriedene Hebräer, ein grantiges Gottesvolk. Vierzig Jahre durch die Wüste wandern und jeden Tag Manna essen – das kann einem ja auch wirklich irgendwann zum Halse raushängen. Da wird gemurrt über die eintönige Versorgung. Die Wüstenwanderer werden von ihrem Magen zum Grummeln geleitet. Daraufhin schickt Gott feurige Schlangen, die sie zwiebeln, zwicken, beißen und vergiften.

Wüste: Schule des GottvertrauensVierzig Jahre lang ist das Volk auf Wüstentour, um von Ägypten ins verheißene Land zu gelangen.
Als Kind dachte ich, dass die lange Wanderzeit vom weiten Weg zwischen Ägypten und Israel herrühre. Aber das stimmt nicht: Wenn man morgens in Kairo mit dem Auto losfährt, könnte man durchaus spätabends in Jerusalem sein. Auch zu Fuß und ganz langsam wäre die Strecke in drei Monaten zu bewältigen gewesen. Der Grund, weshalb die Hebräer solange unterwegs sind, ist nicht die Entfernung, sondern ihr Verhalten. Sie hatten vergessen, was Gott ihnen Gutes getan hatte. Die Versorgungsfragen hatten sich vor die Gabe der Freiheit gestellt. Das Murren und Schimpfen wird zum typischen Klang, der sich durch die Wüstenwanderung zieht.

Mehrfach hat Gott auf das menschliche Murren positiv reagiert, nicht mit Strafe, sondern mit einem Wunder. Als die Flüchtenden über Gott gejammert haben, weil sie am Schilfmeer in Todesnot geraten waren – hinter ihnen das mörderische Heer des Pharaos und vor ihnen der Abgrund des Meeres – da hat der Herr sie nicht verdammt, sondern ihnen einen Weg durchs Meer hindurch geöffnet. Als sie gemurrt haben, weil sie keine Nahrung hatten, da hat Gott das Nötige „reichlich und täglich“ geschenkt: Manna am Morgen, Wachteln am Abend und Wasser aus dem Felsen. Erst als das Murren auch jetzt noch nicht aufhörte, hat Gott gesagt: „Es ist genug. Die Verantwortungsträger dieser Generation sollen das Land nicht sehen. Sie werden in der Wüste sterben. Diese vierzig Jahre sollen ihnen zur Lehrzeit werden.“ „Midbar“ ist das hebräische Wort für „Wüste“. Es bedeutet auch „Schule“. Und vierzig Jahre lang reicht die Zeit einer ganzen Generation. Solange braucht man wohl, bis man wirklich etwas begriffen hat, bis man „gescheit“ geworden ist – nicht nur die Schwaben.

Aus Verdrossenheit wird VerweigerungDoch nun folgt eine Steigerung des Murrens. Die Hebräer waren schon an den Grenzen des verheißenen Landes gestanden. Sie hatten die Weinstöcke und Ölbäume Kanaans schon gerochen. Alle Sinne waren zum Empfangen bereit gewesen. Doch dann der ernüchternde Befehl Gottes: „Es geht wieder zurück in die Wüste. Ihr dürft nicht weiter.“ Da wurde das Volk verdrossen. Ursprünglich bedeutete diese Formulierung: Die Leute bekommen einen „kurzen Atem“. Jetzt ist’s zu viel. Man kriegt keine Luft mehr.

Verdrossen. In diesem hebräischen Wort schwingt zwar das Mitgefühl Gottes durch. Aber dabei bleibt es nicht, denn aus Verdrossenheit wird Verweigerung. Das Problem ist nicht, dass sie Gott anklagen, sondern dass sie sich von ihm loslösen: „Es ist alles nichts mehr, Mose nicht, Gott nicht und der ganze Weg in die Freiheit auch nicht.“ Sie sind beherrscht von der uns allen bekannten Sehnsucht nach früher. Man vergisst die Fesseln und denkt nur noch an die vollen Mägen. Man war doch wenigstens versorgt an den Fleischtöpfen Ägyptens.

Beleidigt sein ist eine SündeNicht das Klagen ist das Schlimme. Im Gegenteil. Das Alte Testament ist voll von Klageworten und -psalmen. Da erleben wir Menschen, die rennen zu Gott wie ein kleines wütendes Kind zu seinem Vater. Sie trommeln auf ihn ein, emotionalisiert und mit teilweise unverschämten Formulierungen, weil sie diesen fremd gewordenen Vater nicht verstehen. Doch das wütende Kind macht dennoch das Richtige. Es weiß auch in der Nacht keine andere Hilfe als die Adresse des himmlischen Vaters.

Anders hier: Diese Kinder der Wüste lassen in ihrer Verdrossenheit Gott los. Sie drehen sich beleidigt um und sagen: „Mit einem solchen Vater möchten wir nichts zu tun haben.“ Beziehungsunterbrechung ist die schlimmste Form der Auseinandersetzung. Wer sich gegenseitig anschreit, redet wenigstens noch miteinander. Aber wer die Beziehung zum anderen unterbricht, der tötet in sich den anderen.

Abseits von Gott wüten die SchlangenUnd da sandte der Herr feurige Schlangen unter das Volk. Wie oft hat Gott auf die Abwendung seines Volkes mit umso größerer Zuwendung reagiert? Wie oft hat er seine Kinder gesucht wie eine Henne ihre Küken? Doch jetzt reagiert er mit einer vermeintlichen Strafe. Aber ist das wirklich eine Strafe? Ist es nicht letztlich das, was sich der Mensch selbst zufügt?

„Wir wollen raus“, schreit das Volk, „raus aus der Vaterbeziehung.“ Und dieses Mal hält Gott die Tür nicht schützend verschlossen. Er lässt sein Volk gehen. Seine Kinder dürfen das Vaterhaus verlassen und in ihr Verderben springen. Wer das Vaterhaus verlässt, gerät in eine tödliche Schlangenbrut. Von „feurigen Schlangen“ ist die Rede. Beide Begriffe erinnern uns an die Paradiesgeschichte. Dort war es eine „Schlange“, die den Menschen zum Aufruhr gegen Gottes Gebot animiert hat. Und nach dem Sündenfall verhindern die Cherubim mit dem „feurigen“ Schwert den Rückweg ins Paradies: „Ihr habt euch für die Schlange entschieden, jetzt spürt ihr, was das bedeutet. Ihr erlebt, wie viel Gift da ist und wie viel Tod.“ Das ist die Strafe: Der Mensch bekommt das, was er selber will. Abseits von Gott wüten die Schlangen

Geheilt werdenJetzt erst erkennt das Volk, was es getan hat und wie dramatisch es sich in seiner Verdrossenheit von Gott abgewandt hatte. Das Geschehen erinnert an den verlorenen Sohn, der erst im Schweinestall landen musste, um die Güte des Vaters zu erkennen. Und wie er zu seinem Vater, so kommen die Verzagten zu Mose und bitten um Barmherzigkeit: „Sei noch einmal unser Mittler. Klopf doch an der Tür. Bitte den Vater, dass er aufmacht.“ Gott lässt sich erbitten und öffnet sein Herz. Zu Mose sagt er: „Mach eine eherne Schlange und setze sie auf einen Signalstab. Und wer auf diese eherne Schlange blickt, der soll gerettet werden.“

Vielleicht hatte es das Volk anders erwartet. Gott soll doch bitte alle Schlangen beseitigen, dass wir in Ruhe leben können. Ist das nicht unser geheimer Wunsch? Dann wären wir rundumversichert und versorgt? Das tut Gott nicht. Er beseitigt nicht alles Leiden dieser Welt, aber er schafft einen Ort der Heilung und der Rettung. Er macht das, was uns Angst macht zum Gegenstand. Die Schlange, die seinem Volk Angst macht, macht er zum Gegenstand. Er nagelt sie fest und entkleidet sie dadurch ihrer Macht. Wer zu dieser Schlange aufsieht, selbst wenn er gebissen ist, wird leben, weil sie nur mehr „eine Sache“ ist. Der Blick auf die festgenagelte Schlange macht heil.

Der erhöhte MenschensohnVom heutigen Sonntag Judica an sind es nur noch zwölf Tage bis Karfreitag. Da erinnern wir uns an das Kreuz Christi. In Johannes 3 deutet Jesus seinen Tod auf dem Hintergrund dieser Wüstengeschichte und sagt: „Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben!“ (Joh. 3,14). Jesus vergleicht das Holz, auf das die Schlange gelegt wird, mit dem Holz seines Kreuzes. Inmitten der Plagen einer vergifteten Welt gibt es einen Ort des Heils. Christus entkleidet die Mächte der Finsternis. Er macht das, was uns bedroht, am Kreuz zum Gegenstand. Er nagelt den Tod fest, so verliert er seine Macht. Mitten in allem Zerbrechen gibt es einen Ort der Heilung. Wer aufblickt zum Kreuz, der wird frei von aller Giftigkeit und Bitterkeit des Herzens und kann mutig weiterwandern durch diese Zeit und Welt.

Amen.



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