Kantate (29. April 2018)

Autor/in: Pfarrer Professor Bernhard Leube, Eislingen [leube.eislingen@web.de]

Apostelgeschichte 16, 23 -34

Liebe Gemeinde!

Der Predigttext für den Sonntag „Kantate“ steht dieses Jahr in der Apostelgeschichte. Durch die Missionstätigkeit von Paulus und seinem Kompagnon Silas im nordgriechischen Philippi bricht einer ortsansässigen Hellseherin die Kundschaft weg. Die populistische Empörung führt zu einem schnellen Urteil des Stadtgerichts über die beiden, man reißt ihnen noch auf dem Marktplatz die Kleider herunter und verprügelt sie. Lesung aus Apostelgeschichte 16, 23 bis 34:

„Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Kerkermeister, sie gut zu bewachen.
Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.
Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es hörten sie die Gefangenen.
Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab.
Als aber der Kerkermeister aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.
Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!
Der aber forderte ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen.
Und er führte sie heraus und sprach: Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?
Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!
Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.
Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und bereitete ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.“

Kirchenmusikalischer ReichtumSingen hat Konjunktur. Am Sonntag Kantate kommt damit eine ganz ursprüngliche Äußerung des Glaubens in den Blick und ins Erleben. In den Schulen wird endlich wieder mehr gesungen, in den Fußballstadien singen die Fans aus vollem Halse, bei vielen Popkonzerten singen die Besucher stundenlang alle Songs ihrer Idole mit, Helene Fischer und wie sie alle heißen. Man muss Dieter Bohlen nicht mögen, aber eins muss man ihm lassen, er hat viele junge Leute – auf seine Weise – zum Singen motiviert, auch wenn er nicht wenige von ihnen dann auf offener Bühne wieder fertigmacht.

In der Kirche ist Singen seit Jahrhunderten selbstverständlich. Aber es gibt Wellen. Flauten und Singbewegungen wechseln sich ab. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die beweisen, dass Singen gesund ist, dass es nachweislich unsere Abwehrkräfte erhöht. Und es wird über die richtige Musik in der Kirche diskutiert. Gewichte verschieben sich. Populäre Musik ist heute selbstverständlich. Brautpaare sind bei Hochzeiten gern bereit, für ihre Musikwünsche und gute Live-Musik Geld auszugeben. Große Aufführungen kosten fünfstellige Summen, die auch gestemmt werden. Wir haben eine unglaublich reiche Musikkultur. Mit technischer Hilfe ist Musik immer und überall verfügbar. An vielen Orten ist permanent Musik. Die Popkultur ist auf Neues aus, die Musikindustrie, die Plattenlabels bedienen den Markt. In den Kirchen kommen regelmäßig Hefte mit neuen Liedern heraus, bei uns in Württemberg er-scheint im Herbst das Nachfolgeheft für „Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder“. Kirchenchöre, Gospelchöre, Posaunenchöre, Kinderchöre, Jugendchöre – die Kirchenmusik stellt den größten Anteil an Mitarbeitern in unseren Kirchengemeinden. Es ist unglaublich.

Was soll in so einer luxuriösen musikalischen Landschaft die Bibel Neues sagen? Etwas, das mehr ist, als die Bestätigung oder eine Illustration dafür, was wir sowieso schon wissen?

Singen verändertDie Gefängnisgeschichte mit Paulus und Silas ist eine der der klassischen Sing-Geschichten in der Bibel. Die Musik, von der da die Rede ist, hat nichts gekostet, war völlig gebührenfrei und doch auf ihre Weise spektakulär. Aber wir sollten die Geschichte nicht vorschnell von ihrem Happy End her lesen. Sie zieht unseren Blick grade nicht auf die großen kulturellen Events, die in der Musik zu allen Zeiten möglich waren, und die in unseren Kirchen nicht zuletzt heute am Sonntag Kantate eindrücklich zu erleben sind. Der Blick geht auf Situationen, in denen Singen nicht in der Luft liegt, die nach menschlichem Ermessen ausweglos sind und in denen die Gesänge eher im Hals stecken bleiben. Man muss nicht im Gefängnis einsitzen, um das nachzuspüren. Viele kennen das: ausweglos, in Furcht, ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Man kann im Gefängnis sitzen, auch wenn man keine Gitterstäbe sieht.
Und dann erhebt jemand oder vielleicht sogar ich selbst die Stimme, ich greife zu irgendeinem Text, einem Psalm oder zu einem Lied und mache die Erfahrung, dass sich durch Singen et-was verändert, ja sogar, dass ich mich selbst verändere, dass nicht nur ich das Lied singe, sondern dass das Lied etwas mit mir macht. Kirchenmusik ist ja nicht nur Bachs Weihnachtsoratorium, schöne Orgelmusik oder das gewaltige Lutheroratorium im vergangenen Jahr. Kirchenmusik ist genauso Singen am Krankenbett, vielleicht mit wackeliger Stimme, wenn’s ans Sterben geht, Singen auf dem Friedhof oder im Gefängnis, wenn das Leben zusammengeschrumpft ist auf Letztes, Wesentliches, Entscheidendes und wir mit unseren eigenen Worten vielleicht nicht mehr weiterkommen.

Schlechte Voraussetzungen – und trotzdem!Paulus und Silas liegen im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses von Philippi und singen. Mitten in der Nacht, heißt es. „Betend lobpriesen sie Gott“ steht da wörtlich. Ob spontan, oder, um das Gebet dieser Zeit zu verrichten, wissen wir nicht.(1) Jedenfalls singen sie, und nicht nur meditierend vor sich hin, sondern so laut, dass sie von anderen Mitgefangenen gehört werden. Gefängniszellen sind nicht unter akustischen Gesichtspunkten gebaut wie die Elbphilharmonie. Zum Singen denkbar schlechte Voraussetzungen. Es wird vielleicht nicht besonders schön geklungen haben, CD-reif ist das sicher nicht gewesen, aber laut, es hatte Kraft, es war authentisch, wie man heute gerne sagt.

Protest gegen den TodSingen verändert Situationen, Singen verändert Menschen. Die biblische Geschichte geht mit einem Erdbeben weiter. Auch wenn die beiden das mit ihrem Singen nicht im magischen Sinn ausgelöst haben, in dieser Geschichte kristallisiert sich die Erfahrung, dass Singen etwas bewirkt, etwas in Bewegung bringt und sei es den Fluss der Tränen. Singen bewegt, ihm folgt etwas. Singen hat Er-Folg. Der Engelsgesang bei der Berufung des Propheten Jesaia bringt die Türschwellen des Tempels zum Beben.(2) Gemeinsames Singen ergibt vielleicht kein Erdbeben, aber ein Herz-Erbeben, wenn es kraftvoll ist, wenn wir Lieder singen können, die viele kennen.

Manchmal klingt unser Kirchengesang ja verhalten oder sogar kümmerlich. Manchmal werden die Menschenstimmen zugedeckt von gewaltigen Begleitinstrumenten, von Orgeln oder Bands. Wo wird eine Stimme selbständig, und das heißt doch: Wo wird die Person emanzipiert? Manchmal sind es Extremsituationen in Krankheit und Todesnähe, in denen wir mit brüchiger Stimme zu einem alten Kirchenlied greifen, weil die eigenen Worte nichts mehr hergeben. Und dann erfahren wir, dass wir mit den geliehenen Worten und dem eigenen Lebens-Atem dem großen Stummmacher Tod entgegengetreten sind und ihm nicht das letzte Wort gelassen haben.

Gefängnislieder, die ins Offene führenDas Lied „Es ist das Heil uns kommen her“ ist eines der großen Lieder der Reformation. Paul Speratus hat es im mährischen Olmütz im Gefängnis gedichtet. Aus der Reformationszeit gibt es Geschichten, in denen Menschen für das Singen der neuen Lieder ins Gefängnis kamen. Der württembergische Staatsrechtler Johann Jacob Moser, der sich im 18. Jahrhundert mit dem Herzog überworfen hatte, saß fünf Jahre ohne Anklage im Gefängnis und schrieb mit dem Ruß der Feuerstelle hunderte Liedtexte auf seine Zellenwände.(3) Das wahrscheinlich berühmteste Gefängnislied, das wir haben, ist Bonhoeffers „Von guten Mächten“.

Im Singen entstehen eigenartige Freiräume, da geht etwas auf. Der Liederdichter Rudolf Alexander Schröder schrieb einmal: „Jeder, der singt, begeht...wissend oder nicht wissend, eine magische Handlung. Er...zieht einen Zauberkreis um sich her... Alle Kunst und Dichtung ist zu einem guten Teil Magie, ist grundsätzlich Beschwörung.“(4) Wer abends am Kinderbett seine Kleinen in den Schlaf singt, vertreibt die Furcht und macht die Erfahrung, dass im Singen ein Schutzraum aus Klängen entsteht. Wer singt, überschreitet Grenzen. Angst schnürt die Kehle zu, Singen macht sie weit. Singen schafft Schutzräume und kann offensichtlich sogar Hafträume sprengen:
„Plötzlich … geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wank-ten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von allen fielen die Fesseln ab.“

Der Friede Christi sei mit euch!

Anmerkungen
1 Ps 119,62.
2 Jes 6,4.
3 S. „Großer Hirte aller Herden“ – EG Wü 591.
4 Rudolf Alexander Schröder, Die Kirche und ihr Lied, Eckart-Verlag, Berlin 1937, 27.

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