Kantate (24. April 2016)

Autorin / Autor: Pfarrer Professor Bernhard Leube, Eislingen [leube.eislingen@web.de]

Kolosser 3, 12-17

Liebe Gemeinde!

Mit seinem Namen gibt der Sonntag „Kantate“ das Thema vor, Singen und Musik. Über Musik lässt sich wunderschön reden, aber Musik soll vor allem erklingen. Trotzdem muss man gelegentlich auch darüber nachdenken, was das ist, und was da geschieht. Die Bibel soll dabei nicht bloß schön ausschmücken und bestätigen, was wir sowieso schon denken, sondern eine Grundlage bilden, die eine gute Orientierung gibt. Heute haben wir einen der klassischen Bibeltexte dafür, der sogar schon „Einsetzungsworte der Kirchenmusik“ genannt worden ist. Der heutige Predigttext hat also mit dem Singen zu tun, aber er sagt noch einiges mehr. Lesung aus dem Kolosserbrief, Kapitel drei, die Verse 12 bis 17:

„So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.
Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.
Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.
Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.“

Musik – akustischer Personalausweis und Trägerin einer BotschaftWer oder was wohnt in unserer Musik von heute? In den Klangwolken, die uns tagtäglich umgeben, wabern alle möglichen Ausdrücke und Eindrücke. Musik ist mit den heutigen technischen Möglichkeiten zu einer Ware geworden, die man erwirbt, die immer da ist, mit der man sich auch selbst gut darstellen kann. Das Angebot ist so vielfältig, dass jeder sich genau nach seinem Geschmack auswählen kann, was zu ihm passt. Musik ist zu einer Art akustischem Personalausweis geworden. Sage mir, was für eine Musik du hörst, und ich sage dir, wer du bist. In der Musik wohnt heute also eine Person – und natürlich eine Emotion. Jede Person hat heute eben auch ihr Sound-Design.

Aber Musik ist nicht nur persönlicher Ausdruck, sie will immer auch beeindrucken, sie enthält Botschaften, transportiert auch Texte und lädt sie emotional auf. Da sind die Heimat-Botschaften der Volksmusik, die Liebes-Botschaften des Schlagers, es gibt die anspruchsvollen Lieder eines Herbert Grönemeyer, und da sind auch die gefährlichen Botschaften rechts-radikaler Rockmusik, die zu Gewalttaten aufstacheln und auch geführt haben – die oft schon allein in ihrer Lautstärke ein Gewaltakt sind – und da ist natürlich das über Jahrhunderte aus-gespannte Reservoir der Musik in den Kirchen. Wer oder was wohnt da drin?

Nicht um Gesangstechnik, sondern um Lebensäußerung der Gemeinde geht esIn unserem Bibeltext geht es erstmal um ganz andere Sachen, es geht um das Zusammenleben der Menschen in der christlichen Gemeinde, dass die Liebe hier den Antrieb bildet; Güte, Barmherzigkeit, Demut, Geduld bilden die Unterwäsche, die wir tragen sollen und als Mantel über allem: die Liebe. Die Gemeinde ist ein Organismus wie ein Körper, und das gemeinsame Singen ist eine sinnenfällige Darstellung, eine Inszenierung dieses Körpers. Von Musik ist da erstmal gar nicht die Rede. An keiner Stelle „Singet dem Herrn ein neues Lied!“, kein „Lobet ihn mit Posaunen!“, nichts von David, der vor dem Herrn tanzt mit Psalter und Harfe. Dafür durchweg Ermahnungen und Orientierungen für das Zusammenleben in der Gemeinde.

Aber diese Aufrufe geben dem Singen der Gemeinden den Kontext, die biblische Begründung! Singen ist biblisch gesehen keine Gesangstechnik, sondern eine Lebensäußerung der Gemeinde, auf die sie nicht verzichten kann, denn da steht ja zuvor: „Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen, indem ihr einander lehrt und ermahnt, indem ihr Gott mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern dankbar in euren Herzen singt.“ Da liest oder hört man vielleicht so drüber weg. Was ist denn das – wohnen? Was geht da vor?

Wohnungen GottesIch denke daran, mit wieviel Sorgfalt und Phantasie wir unsere Wohnungen einrichten, also uns selbst Wohnung geben; wie lange das dauert, bis wir nach einem Umzug eingerichtet sind, bis alles passt mit den Vorhängen, mit den Bildern, mit den kleinen Erinnerungsstücken auf den Fensterbänken, manchmal werden Möbel wieder umgestellt, wenn man plötzlich eine neue Idee hat. Und es kann passieren, dass manches auf Jahre hinaus provisorisch bleibt. Manche Wohnungen quellen über, da geht’s eher üppig barock zu, andernorts herrscht eher der Charme der Kargheit, der Konzentration auf ein paar wesentliche Dinge.

Wie auch immer: In seiner Wohnung kennt der Mensch sich aus, weil sie sich nicht täglich ändert; da findet man sich blind zurecht, auch nachts ohne Licht, man kennt den vertrauten Sound von Türen, wenn sie zufallen, oder den des Wassers im Bad, wenn’s ins Waschbecken rauscht. Heimat hat Konjunktur.

Gerade beim Gottesdienst ist immer wieder die Rede von Beheimatung, wie lernt man sich da auskennen – wozu natürlich auch vertraute Sounds gehören. Aber wie wird der Gottesdienst mit der Musik zu einer Wohnung Christi? Der Gottesdienst und auch die Kirche ist nicht einfach die aufwändigere Wiederholung unseres Wohnzimmers. Der liebe Gott ist uns zwar sehr zugetan, die ganze Bibel bezeugt das, aber er lässt sich nicht einfach von uns einspannen. Wir können ihn auch nicht mit Musik herbeizaubern. Deswegen gehört zum Gottesdienst immer auch etwas Fremdes, Gott lässt sich nicht einspannen. Die Wohnungen Gottes in der Welt sind nicht einfach Abbilder unserer Wohnzimmer, sondern sind irgendwie eigentümliche Behausungen.

In der Bibel wohnt Gott erstmal im Tempel in Jerusalem. „Wie lieb sind mir deine Wohnungen, Herr Zebaoth!“ – Psalm 84. Vor gut zweieinhalbtausend Jahren haben ihn die Babylonier zerstört, und dann kam das Exil. Da traten andere Töne hervor: „Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Der ganze Himmel kann ihn ja nicht fassen“ (1. Kön 12, 27). Und im Neuen Testament heißt es „Gott wohnt in einem Licht, dem keiner nahen kann“ (1. Tim 6,16).
Jochen Klepper hat diesen Text fürs Gesangbuch nachgedichtet (EG 379). Dann ist die Gemeinde der Ort, an dem Gott wohnt: „Sein Haus sind wir“(Hebr 3,6). Und schließlich jede einzelne Person: „Christus wohnt durch Glauben in unseren Herzen heißt es im Epheserbrief“ (Eph 3, 17).

„Wohnen“ und „Gewöhnung“Und nun ist das Singen eine Form des Glaubens, eine Darstellung des Glaubens. Und weil man nicht alles selbst erfinden kann, ist Vorgeformtes eine Hilfe. Ja, der Glaube kommt ohne Formeln nicht aus, wiederholbare Formeln. Das Gesangbuch, mit dem die Lieder Paul Gerhardts seinerzeit zuerst bekannt wurden, hieß „Praxis Pietatis Melica“ – auf Deutsch: „musikalische Übung des Glaubens“. Der Glaube ist etwas, das geübt werden muss, und Üben geht nur mit Wiederholung. Es ist doch schön, und es ist auch gut, wenn auch der Glaube zur Gewohnheitssache wird. Da muss nicht immer was Neues dabei sein. Singen ist für die Gewöhnung des Glaubens eine wunderbare Hilfe.

In der Sprache hängt das übrigens zusammen: „Wohnen“ und „Gewöhnung“. Gewöhnung hat bei uns einen negativen Klang bekommen. Das Gewöhnliche, ach, das Altgewohnte, das wir schon lange kennen, gibt’s nicht mal was Neues? Aber kein Mensch kann überleben ohne Gewöhnung, ohne dass er manches in seinen alltäglichen Abläufen gewohnt ist. Niemand will alle zwei Wochen seine Wohnung neu einrichten. Wo alles ständig neu sein soll, werden wir abhängig, von den vielen Erneuerern, und es wird auf die Dauer schlicht und ergreifend zu stressig.

Ausstattung für eine biblische Singpädagogik: die LiebeDoch wie kommt nun ein biblisch begründetes Singen der Gemeinde zustande? Nach alledem nicht zuerst durch ein reiches Instrumentarium, nicht einmal durch schöne Konzerte, sondern durch diese biblische Ausstattung von gegenseitigem Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld, kurz: durch die Liebe, „die da ist das Band der Vollkommenheit“. Die Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, duldet alles. Eine ungewöhnliche Singpädagogik! Und so viel übrigens auch zu dem Perfektionismus, den wir im Ohr haben durch die viele perfekte Musik, die wir heute überall und jederzeit hören können.

Die Musik in der Kirche ist wahrlich nicht immer perfekt. Viele unserer Musiker sitzen mit Herzklopfen auf der Orgelbank. Manche schlagen das Gesangbuch auf und finden die Lieder zu schwer, oder zu alt. Aber die Liebe nimmt den Stress. Sie erleichtert die Herzen. Und dem Menschen muss, damit er singen kann, das Herz leicht sein. Eine Kirche, in der die Liebe regiert, die singt auch gut, und eine zerstrittene Gemeinde singt schlecht, da kann eine A-Musikerin an der Orgel so gut spielen, wie sie will, und da kann die Band noch so gut sein. Und wer – bei allem Respekt – nur zur privaten Erbauung in den Gottesdienst kommt, und nur die Predigt des berühmten Predigers Soundso hören will, aber ansonsten an der Gemeinde kein Interesse hat, der ist jedenfalls für das Singen der Gemeinde und für die Übung des Glaubens keine Hilfe.

Singen im Gottesdienst ist eben keine Nebensache, keine Einlage und dient nicht der Unterhaltung, wie Musik heute weithin verstanden wird. Sondern im Singen predigen wir; im Sin-gen wohnt Christus. Im Singen beten wir, loben wir Gott und danken ihm. Ist uns denn bewusst, was wir sagen, wenn wir singen, was wir beten und predigen, wen wir loben, wem wir danken – mit wem wir im Singen in Verbindung sind? Es geht gar nicht vorrangig um „alte“ oder „neue“ Lieder, um Orgel oder Band, um Jazz- oder Barockstil – das ist alles möglich, und je nach dem auch angemessen – sondern: sei barmherzig, lass dir die Lasten auch von deinem Herzen nehmen, und deine Stimme hebt sich in Höhen, wie du’s nicht geglaubt hättest!
Der Friede Christi sei mit euch!

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