Kantate (14. Mai 2017)

Autor/in: Pfarrer Christof Weiss-Schaut, Bretzfeld [Christof.Weiss-Schautt@gmx.de]

Matthäus 21, 14 -22

Liebe Gemeinde!

Glauben Sie an Wunder?

Manchmal, wenn sich endlich doch noch etwas bewegt, wo zuvor alles festgefahren schien, sagen wir: „Es geschehen noch Zeichen und Wunder.“
Wenn sich die Dinge jedoch so entwickeln, wie wir es erwarten oder befürchten, ist das kein Wunder.
Wenn wir etwas über jemanden erfahren, was uns aufbringt, dann lassen wir denjenigen ein von ihm unerwartetes blaues Wunder erleben.
In den Medien ist man rasch dabei, Unerwartetes oder Außergewöhnliches als Wunder zu bezeichnen, das Wunder von Bern 1954 oder von Lengede 1963.

Zuweilen ersehnen wir Wunder, erflehen sie im Gebet, wenn alles hoffnungslos erscheint, „Jetzt kann nur noch ein Wunder helfen.“
Menschen scheinen Wunder für möglich zu halten.
Hin und wieder unterbrechen sie wundersam unseren Alltag.
Wann haben Sie schon mal ein Wunder in Ihrem Leben erlebt?

Von Wundern erzählt ein Abschnitt des Evangelisten Matthäus. Von Wundern und dem Umgang mit ihnen.

Matthäus 21, 14-17(.18-22)
„Und es kamen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel, und er heilte sie.
Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien und sagten: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus sprach zu ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): 'Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet'?
Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.
Als er aber am Morgen wieder in die Stadt ging, hungerte ihn.
Und er sah einen Feigenbaum an dem Wege, ging hinzu und fand nichts daran als Blätter und sprach zu ihm: Nie mehr wachse Frucht auf dir in Ewigkeit! Und der Feigenbaum verdorrte sogleich.
Und als das die Jünger sahen, verwunderten sie sich und sprachen: Wie ist der Feigenbaum so plötzlich verdorrt?
Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so werdet ihr solches nicht allein mit dem Feigenbaum tun, sondern, wenn ihr zu diesem Berge sagt: Heb dich und wirf dich ins Meer!, so wird's geschehen.
Und alles, was ihr bittet im Gebet: so ihr glaubt, werdet ihr's empfangen.“

Jesus wirkt Wunder, das ist uns vertraut. Er heilt Menschen, und er lässt einen fruchtlosen Baum verdorren.

Drei WundersichtenWas mich an diesem Abschnitt zum Nachdenken bringt, sind die drei Weisen, wie Menschen mit den Wundern Jesu umgehen.

Da sind zunächst die Kinder, die ihr Staunen herausschreien: „Hosianna dem Sohn Davids!“ Die spüren, da ist etwas Besonderes geschehen. Neugierig haben sie verfolgt, was da vor sich ging. Sie haben die Lahmen und Blinden gesehen, wie sie bettelnd dasaßen, und als Jesus zu ihnen hingegangen ist, war es auf einmal anders. Sie konnten gehen, sie konnten sehen. Wunderbar! Die Kinder ahnen, hier ist Gott am Werk: Hosianna!

Ganz anders die Erwachsenen, die Schriftgelehrten und Hohenpriester, Menschen, die Bescheid wissen, die sich auskennen in der Welt, die anderen die Welt erklären können. Sie sehen auch, was Jesus tut, aber sie staunen nicht, ihnen schwillt stattdessen der Kamm, sie ärgern sich über diese unwissenden Kinder. Ich frage mich, worin ihr Ärger wurzelt? Darf für sie nicht sein, was nicht sein kann? Befürchten sie, dass sich Menschen falsche Hoffnungen machen, dass sie sich zu viel versprechen? Oder haben sie Sorge, dass ihre Macht in Frage gestellt wird? Sie wissen doch am besten, wie menschliches Leben abläuft, sie können erklären, warum ein Mensch lahm oder blind ist, durch eigenes Versagen oder Schuld – durch die Schuld der Eltern – oder auferlegtes Schicksal durch unglückliche Umstände oder Ähnliches. Sie verstehen es zu erklären, warum die Dinge sind, wie sie sind, unabänderlich. Man muss sich in sein Schicksal schicken.

Dann sind da noch die Jünger, die ereilt das Wunderbare auf ganz eigentümliche Weise. Jesus verflucht einen Baum und sofort wird sein Fluch zu ihrer Verwunderung wirksam. Sie kommen ins Grübeln: „Was ist das, was nicht sein kann!“ Sie lassen die Fragen zu, lassen sich mit ihrer Sicht der Welt in Frage stellen, sie versuchen nichts zu erklären.

Jesus reagiert unterschiedlich auf diese drei Wundersichten.

Das Lob der Kinder freut ihn. Es ist für ihn ganz selbstverständlich, dass Menschen so auf Wunder reagieren: „Ja, diese Kinder mit ihrem unverstellten Blick, die tun das einzig Richtige, sie preisen Gott.“

Die ärgerlichen und vernünftigen Erwachsenen versucht er für die Sicht der Kinder zu gewinnen, indem er gemeinsame Worte wählt, Worte der heiligen Schrift. Aber sie lassen sich nicht darauf ein, ihr Ärger, ihr Unverständnis ist zu groß. So lässt er sie stehen, weil er scheinbar keinen Sinn darin sieht, mit ihnen zusammen nach Erklärungen zu suchen, die ihnen die Augen öffnen. Da ist keine Brücke möglich zwischen ihrem Verstand und dem Unerklärlichen, Wunderbaren.

Den Jüngern wendet sich Jesus zu, doch seine große Antwort auf ihren zweifelnden Wunsch nach einer Erklärung, wird sie mehr verstört haben, als dass diese verheißungsvolle Einladung ihnen weitergeholfen hat. „Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so werdet ihr solches nicht allein mit dem Feigenbaum tun, sondern, wenn ihr zu diesem Berge sagt: Heb dich und wirf dich ins Meer!, so wird's geschehen.“

Drei Wundersichten begegnen uns hier, drei Weisen mit dem Unerwarteten umzugehen, mit Wundern im Alltag zu rechnen. Sie lassen sich vielleicht in dem Warnhinweis zusammenfassen: Vorsicht! Erwachsenwerden kann zu zunehmender Blindheit für Wunder führen.

Mit Wundern rechnenIst Wunderglaube etwas für Kinder?
Die lassen sich ja noch leicht von Nikolaus, Osterhase oder der Zahnfee überzeugen. Wenn sie stürzen und sich das Knie aufschlagen, sind sie durch gute Worte, eine heilsame Umarmung oder ein „Über die Wunde blasen“ zu trösten.

Je mehr wir wissen, wie Dinge funktionieren, wie die Welt zu erklären ist, desto weniger haben Wunder Platz in unserem Denken. Wir machen uns die Welt so, wie sie uns gefällt und einleuchtet, – machbar, verstehbar, erwartbar. Da stört das Unerwartete nur. Und selbst für die Fälle, in denen etwas nicht in unsere Raster passt, haben wir Erklärungen parat. Wenn beispielsweise bei Schwerkranken sich wider Erwarten das Blatt wendet, sprechen Ärzte gerne von Spontanremission, von Placeboeffekten, usw.

Doch das hat fatale Folgen: Wer nicht mehr mit Wundern rechnet, wer sich abhängig macht von statistisch begründeten Prognosen oder vom gesunden Menschenverstand, der verliert schleichend die Hoffnung und den Mut, der wird zum Spielball des „so war es schon immer“ oder „normalerweise verläuft das so“, der wird zum Fall, zur Nummer, verglichen mit anderen.

Kann man wieder offen werden für Wunder, so wie es ein weltweit verbreiteter Kurs in Wundern nahelegt? Ich glaube schon! Man kann es einüben. Einige Hilfen kommen uns aus der Geschichte entgegen.

Die Kinder haben offensichtlich gesehen, was da im Tempel geschehen ist. Sie haben gesehen, dass ein Lahmer sich auf einmal bewegt hat. Und sie haben sich mit dem Lahmen gefreut, haben nicht nach Erklärungen gesucht, nein, sie haben über das Wunder gestaunt und Gott gelobt.
Das ist für mich eine Einladung, achtsam wahrzunehmen, was ist, den Blick auf das Anormale, das Besondere, das Außergewöhnliche zu richten und nicht alles über den Kamm des Gleichen zu scheren, am Mittelmaß zu messen.

Mich dem Einzelnen zuzuwenden, so wie er ist. Diese eine Rose wahrzunehmen in ihrer einzigartigen Schönheit.

Wunder sind wie Risse im Vorhersehbaren, wie ein Sprung, der das Normale unterbricht. Wunder stechen nicht unbedingt ins Auge. Sie können leicht übersehen werden, weil sie klein beginnen, aufkeimen, wie zarte Sprossen. Deshalb muss man das Hin-schauen, die offene, kindliche Wundersicht einüben.

Wunder können im Tempel geschehen oder auf dem freien Feld, überall wo wir uns aufhalten, so haben es die Jünger erlebt.
Vielleicht sehen wir Wunder im Vorübergehen, aus dem Augenwinkel. Wir stutzen, - hab ich richtig gesehen? – kann das sein? - wie ist das möglich?
Nun haben wir zwei Möglichkeiten, wir können es abtun – „ach was, ich habe mich getäuscht, da war nichts“ und weitergehen, oder innehalten und verweilend hinschauen, uns irritieren lassen.

Irritieren lassen ist nichts anderes, als Gottes Wirken einen Raum in unserem Leben zu gewähren, offen zu werden für sein heilsames und erlösendes Handeln. Mit IHM zu rechnen, mit seiner Hilfe, und nicht nur das als Zukunft des Lebens zu sehen, was man selbst aus eigenen Kräften vermag.

Wunder sind zweifelsohne eine Frage des Glaubens, des Vertrauens. Wir vermögen alles, aber nicht aus uns selbst, sondern durch den, der uns zugewandt ist.

Und wenn Wunder ausbleiben?Bleibt noch die spannende Frage: Kann man um Wunder bitten und wird man erhört, wenn man nur vertrauensvoll genug glaubt? So legt es Jesu Aussage nahe: „Und alles, was ihr bittet im Gebet: so ihr glaubt, werdet ihr's empfangen.“
Heißt das im Umkehrschluss, dass diejenigen, die nicht genug glauben, nicht empfangen, nicht erhört werden? So jedenfalls wird es mitunter Menschen nicht nur in frommen Kreisen gesagt, die trotz Betens nicht gesund werden. Für diese Kranken ist das meist zutiefst verletzend.

Tatsache ist: Unser Glaube im Bezug auf das Unerwartete, auf Wunder ist meist klein, so zeigt es das Glaubensbeispiel, das Jesus seinen Jüngern gibt: „Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so wird's geschehen, wenn ihr zu diesem Berge sagt: Heb dich und wirf dich ins Meer!“
Wer von uns vermag das? Wer hat solchen Glauben, der Naturgesetze außer Kraft setzt?

Glaube kann wachsen. Er wächst durch Gottes Zuwendung, durch seine Wunder, die unser Leben durchziehen.
Wenn wir zunehmend sensibel werden für Gottes Wirklichkeit, für seine Wunder, wird auch unser Vertrauen in Gottes Möglichkeiten für die Zukunft wachsen.
Amen.

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