Kantate (19. Mai 2019)

Autorin / Autor: Pfarrer Philippp Dietrich, Neuenstadt [pfarramt.neuenstadt-2@elkw.de]

Apostelgeschichte 16, 23-32

IntentionDas Lob Gottes hat befreiende Macht. Wenn wir singen, klingt Gottes Zukunft schon jetzt in uns an und verändert unser Leben.

Das Lob der MachtMachtvoll reckt sich der kaiserliche Arm über das Forum von Philippi. Unterhalb der Kaiserstatue thront Cornelius, einer der beiden Oberrichter in der römischen Kolonie. Alle schauen erwartungsvoll auf ihn. „Auspeitschen und dann ab in den Block“, lautet sein Urteil. Die Soldaten fesseln Paulus und Silas an den Stein, reißen ihnen die Kleider herunter und beginnen ihr grausames Werk.

Eine eigentümliche Angelegenheit, denkt Cornelius. Die beiden Juden müssen irgendwie bei einer Sklavin einen Wahrsagegeist ausgetrieben haben. Doch die Besitzer waren davon wohl nicht so angetan. Jetzt ließ sich mit der Sklavin kein Geld mehr verdienen. In ihrer Wut haben sie dann jede Menge Leute aufgehetzt und die beiden aufs Forum gezerrt. Gegen Juden sind sie hier schnell bei der Hand. Aber was kümmert‘s mich. Man muss hart durchgreifen, bevor es einen Aufruhr gibt. Die Macht dazu habe ich. Dem Kaiser sei Dank!

Paulus und Silas im GefängnisIn Apostelgeschichte 16,23-32 wird erzählt, wie es mit Paulus und Silas weiterging:
„Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Kerkermeister, sie gut zu bewachen. Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es hörten sie die Gefangenen. Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab.
Als aber der Kerkermeister aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. Paulus aber rief laut:
Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!
Der aber forderte ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. Und er führte sie heraus und sprach:
Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?
Sie sprachen:
Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!
Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und bereitete ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.“

Nächtliche GespensterLiebe Gemeinde! Mitten in der Nacht sind wir am wehrlosesten. Wenn ich nachts um drei oder vier Uhr aufwache, dann kommen sie meist wie von selbst, die Gedankenspiralen. Nächtliche Gespenster, die mich nicht mehr loslassen. Was mich tagsüber beschäftigt hat – als ein Gedanke unter vielen –, nun hält es mich ganz und gar gefangen. Etwa ein fruchtloser Streit. Oder die schwere Krankheit eines nahen Menschen. Wieder und wieder denke ich dieselben Gedanken. Und wälze ich mich dabei von der Rückenlage mal auf die eine, mal auf die andere Seite. Seziere mein Problem bis ins kleinste Detail. In diesen frühen Morgenstunden fehlt mir noch die Kraft, dem etwas Positives entgegenzusetzen. Im Gegenteil! Alles erscheint ausschließlich negativ. Hoffnungslos. So finde ich natürlich nicht in den Schlaf zurück. Da hilft nur Aufstehen.

Des Kerkermeisters TodesnotMitten in der Nacht fährt der Kerkermeister aus dem Schlaf. War das ein Erdbeben? – Die Gefangenen! Was, wenn eine der Kerkertüren aus den Angeln gehoben wurde? Er muss sofort nach den Gefangenen sehen. Schließlich hat der Oberrichter persönlich angeordnet, sie gut zu bewachen. Wehe dem, der dann versagt! – „Kerkermeister“. Das klingt so professionell und irgendwie rechtschaffen. Doch wenn sich dieser Meister auf etwas verstand, dann war es Menschen zu quälen und zu foltern. Und der Kerkermeister wusste nur zu gut, was ihm bevorstand, wenn ihm diese beiden aufrührerischen Juden entwischten. Es gab weitaus Schlimmeres als den Tod.

Die Macht des LobesPaulus und Silas beten und loben Gott. An diesem Ort der Hoffnungslosigkeit. Mitten in der Nacht. Das rohe Geschrei der Aufseher ist verstummt. In der stickig-feuchten Dunkelheit hört man nur noch das Wimmern der Gefolterten und die klirrenden Ketten derer, die sich schlaflos auf ihrem Lager wälzen. An diesem Ort singen die beiden Apostel Loblieder. Wenden den Blick weg von ihrer Ohnmacht und Ausweglosigkeit hin auf Gott. Singen von Gott, wie sie es ihr bisheriges Leben auch getan haben. Mit Psalmen und neuen Christushymnen. Ihr Gesang dringt in alle Winkel des Gefängnisses. Schwingt sich auf über Ketten und Fesseln. Schafft Verbindung durch Mauern hindurch und über sie hinweg. Verbindung mit all den Generationen, die schon vorher so von Gott gesungen haben. Und plötzlich ändert ihr Lobgesang die Verhältnisse radikal.

Türen öffnen sich, Fesseln fallen ab. Eigentlich könnten Paulus und Silas nun in die Freiheit fliehen. Doch das Befreiungswunder zielt noch auf eine ganz andere Rettung. Als der Kerkermeister die offenen Türen sieht und denkt, dass die Gefangenen entflohen sind, will er sich ins Schwert stürzen. Er ist verzweifelt. Paulus hingegen ist durch das Gotteslob frei geworden. Trotz geöffneter Gefängnistür bleibt er und handelt ganz als Seelsorger: „Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!“ – Eine Befreiungstat in doppeltem Sinn. Das Leben des Kerkermeisters wird gerettet. Vor allem aber: Er beginnt nun ein befreites Leben. Statt Wunden zuzufügen, wäscht er nun die Wunden der beiden Gefangenen. Statt Zellen zu verschließen, öffnet er sein Haus für diese Gefangenen. Statt sie hungern zu lassen, bereitet er ihnen einen Tisch. Statt Befehle zu brüllen, stimmt er ein ins Gotteslob. Statt ein Knecht der römischen Gewaltherrscher zu sein, begibt er sich befreit unter die Herrschaft Christi.

Kantate! Singt!Von Anfang an wird in unserer jüdisch-christlichen Tradition gesungen. Das Buch der Psalmen ist voller Aufforderungen zum Lobgesang: „Halleluja!“ – „Lobt Gott!“ so schallt es von überall her. „Tehillim“ heißen die Psalmen im Hebräischen – „Lobgesänge“. Und das, obwohl zahlreiche Klagelieder darunter sind. Doch die biblische Klage verharrt nicht bei sich selbst. Sie ruft Gottes Barmherzigkeit in Erinnerung und wendet sich zum Lob. Wenn ich mit den alten Psalmen bete, dann trete ich heraus aus meiner Not. Ich finde mich wieder in der Gemeinschaft derer, die durch die Jahrtausende hindurch schon auf gleiche Weise gebetet haben. Das lässt mich von mir selbst absehen und richtet den Blick auf Gott.

„Es gehet nicht von Herzen (spricht man), wenn ein Trauriger lachen oder ein Fröhlicher weinen soll“, bemerkt Martin Luther in einer seiner Vorreden zum Psalter. Zu Recht. Das kenne ich auch. Dass einem überhaupt nicht nach fröhlichem Gotteslob ist. Dass das „Lobe den Herrn, den mächtigen König“ allenfalls einen bitteren Geschmack im Mund verursacht, weil die Seele wie zugeschnürt ist. In einer akuten Krise will das mit dem Singen nicht so recht gelingen. Doch wer im Chor singt, der kennt auch jene andere Erfahrung: Da gehe ich beschwert und nicht besonders motiviert zur Probe. Aber durch Atemführung, Singen, Gemeinschaft und die Kraft der Musik löst sich so manches. Darum: Kantate! Singt! Wenn möglich, selbst in dunkler Zeit. Denn Gotteslob befreit.

Lobgesang befreitPaulus und Silas singen im Gefängnis. Sie loben Gott inmitten der Finsternis. Und darin wird ihr Singen zum Urbild unseres Glaubens. Noch mitten in der Nacht singen sie schon vom neuen Morgen. Im Angesicht ihres Kreuzes singen sie vom österlichen Aufstand. – 2015 hatte in den USA ein 21-jähriger Nazi in der Methodistenkirche von Charleston neun schwarze Christen während eines Gottesdienstes niedergeschossen. Der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, Barack Obama, war einer der Trauerredner. Seine emotionale Rede war solch ein neues Lied von Ostern. Inmitten der Trauer beschwor er neues Leben ohne Hass und ohne Rassismus. Und am Ende stimmte er ein Loblied an: „Amazing grace.“

Wenn ich singe, klingt Gottes Zukunft schon jetzt in mir an und verändert mein Leben. Gotteslob ist ein Schritt in die Freiheit. Auch aus meinen eigenen Gefängnissen. Etwa meinen nächtlichen Sorgen, welche mir den Schlaf rauben. Meine Familie wird’s mir zwar danken, wenn ich nicht mitten in der Nacht lauthals singe. Aber auch ein leise gesprochenes Gebet holt mich heraus aus meinen Gedankenspiralen und lenkt den Blick auf Gottes neuen Morgen. Jener Morgen, der selbst so einen rohen Klotz wie jenen Kerkermeister zu neuem Leben befreit. So dass er am Ende gar nicht anders kann, als Gott freudig jauchzend zu loben.
Amen.

Wichtige Anregungen für diese Predigt sind entnommen aus: Klaus Raschzok, Die Kraft des Lobpreises Gottes, GPM 2012/2; Ulrich Dreesmann, Kleine Nachtmusik, aub 7/2019.

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