Kantate (03. Mai 2026)
2. Chronik 5,2–5(6–11)12–14
Intention
Am Sonntag Kantate zeigt die Predigt den spirituellen Hintergrund unseres Singens und Musizierens zum Lob Gottes. Ausgangspunkt ist die faszinierende alttestamentliche Erzählung von der Inbetriebnahme des Salomonischen Tempels in Jerusalem. In geistlichen Liedern und geistlicher Musik künden wir von unserem Glauben und finden Gemeinschaft, Trost, Halt und Ermutigung.
Liebe Gemeinde,
singen Sie gerne? Zwischendurch auch mal für sich alleine? Oder brauchen Sie die anderen, zwischen denen Sie gesanglich so richtig in Fahrt kommen?
Musik im Tempel, dem Haus Gottes
Der unter König Salomo erbaute Jerusalemer Tempel war fertiggestellt. Bei der Einweihung erklangen zahlreiche Instrumente und Stimmen. Dann zog Gott sichtbar-unsichtbar in sein irdisches Haus auf dem Jerusalemer Zion ein. Wir hören aus dem Zweiten Chronikbuch, Kapitel 5,2-5.12-14:
„Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist. Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf 5und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten. (...)
Und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: ‚Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig‘, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke als das Haus des HERRN, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.“
Der Jerusalemer Tempel als heiliger Ort
Das war eine große Sache, dass Gott nun ein selbständiges Haus aus Stein erhielt und nicht mehr auf das Zelt der Begegnung, die Stiftshütte, angewiesen war. Anstelle des bisherigen heiligen Raums, der beweglichen Stiftshütte, war nun ein fester, heiliger Ort entstanden, eine Immobilie. Künftig opferte und begegnete man Gott in einem sehr vornehmen und prunkvollen Tempelgebäude aus Stein und Zedernholz.
Eindrückliche Einweihungsmusik
Als Bundeslade, Stiftshütte und heilige Geräte an ihrem neuen Bestimmungsort angekommen waren, begann eine große festliche Musik zur Begrüßung und zur Einweihung. Chor und Orchester umfassten vielleicht Hunderte von Menschen – oder jedenfalls sehr viele. Ebenfalls mit einer gewissen Übertreibung werden nicht weniger als 120 Priester als Blasinstrumentenbläser genannt. Was fällt auf an dieser ersten Tempelmusik? Ich möchte drei Punkte hervorheben.
Musik – zahlreich und verschieden
Rein äußerlich fanden die verschiedensten Instrumente Platz, genauso eine große Anzahl von Musikern und Sängern. Sie waren festlich-fein gekleidet, und es gab besondere Fachleute für Musik, heute würden wir sie Spezialisten nennen. Wenn wir diese Beobachtungen auf die heutige Zeit übertragen, dann haben wir in unseren Kirchen mit Recht Musik in allen Formen und Farben, gesungen und gespielt: Orffsche Instrumente, Blockflöten, klassische Streichensembles, Posaunenchöre, Bands und – natürlich – die Orgel, oft als Königin der Instrumente bezeichnet. Dazu gibt es vielerorts Chöre, manchmal sogar mehrere oder einen eigenen Kinderchor. Der antike Ausschluss von Frauen aus der Tempelmusik ist zum Glück inzwischen Geschichte. Ohne Musikerinnen und Sängerinnen wäre Kirchenmusik nicht einmal halb so künstlerisch und halb so vielfältig.
Musik –mit einer Stimme
Eine weitere Besonderheit ist: Trotz der Vielfalt und der vielen Stimmen fügte sich die Musik zu einem Ganzen. „Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN.“ Man singt und bläst und tutet nicht, wie es einem gerade einfällt. Sondern die gesamte Musik ist aus einem Guss. Sie ist einheitlich konzipiert und ergibt ein stimmiges Ganzes. Das ist ebenfalls auf heute übertragbar: Wenn wir an eine Schütz-Motette oder an eine Bach-Kantate denken – oder an ein Oratorium oder auch nur an ein Gemeindelied –, dann ist deutlich, dass die vielen koordiniert zusammenspielen und -singen. Dadurch wird Musik zu einem besonderen emotionalen und gemeinschaftlichen Erlebnis. Zu einer Kunstform – und Kunst kommt bekanntlich von „können“.
Musik – zum Lobe Gottes
Das Dritte ist: Die vielfältige gemeinsame Musik ist mit einer klaren Botschaft verbunden. Sie ist nicht einfach dahingespielt, sondern ist klingendes Lob Gottes. „Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob, lobte man den HERRN: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig.« Durch diese sprachliche Zusammenfassung, »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, wird eine dreifache Botschaft hörbar: Gott ist (1) gütig, (2) voller Barmherzigkeit (3) und das für immer.
Psalm 136 als Beispiel
Vielleicht musizierten sie damals im Tempel einen Text wie Psalm 136. Psalm 136 beginnt mit „Danket dem Herrn; denn er ist freundlich, denn seine Güte währet ewiglich.“ Und dann folgt in 25 weiteren Versen jeweils der stereotype Refrain: „Denn seine Güte währet ewiglich.“ Bestimmt kann geistliche Musik auch klagen, bitten, danken, rezitieren, ermahnen, kommentieren oder belehren. Aber ihre Hauptfunktion ist von Anfang an, bis heute und in Ewigkeit, Gott zu loben. „Gott loben, das ist unser Amt“ heißt es in einem Kirchenlied (EG 288,5).
Gott zieht im Tempel ein
Dann geschieht etwas ganz Eindrückliches: Während die festliche Jerusalemer Tempelmusik Gottes Güte und Barmherzigkeit klar und verständlich preist, „da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke als das Haus des HERRN, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes“. Jetzt zieht Gott augenfällig und geradezu sinnlich erlebbar in sein Haus ein. Eine Wolke verbirgt Gott und schützt gleichzeitig die versammelte Gemeinde vor seiner glühenden Energie.
Gottes Herrlichkeit verhüllt und schützt
Ganz ähnlich wurde auch Mose durch eine Wolke geschützt bei seiner Gottesbegegnung auf dem Berg Sinai. Genauso wurden durch eine Wolke auch Petrus, Jakobus und Johannes geschützt bei der Verklärung Jesu auf dem Berg. In verschiedenen Kirchen und Riten ist bis heute zumindest eine Spur von Wolke erfahrbar, wenn im Gottesdienst Weihrauch verbrannt wird. Dann wird das Numinose der Gottesbegegnung gleichsam in kleiner Form dargestellt. Bei der Inbetriebnahme des Jerusalemer Tempels jedoch war die Wolke so hautnah erfahrbar, „dass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke“. Auch sprachlich wählt der Text eine verhüllende Formulierung: Er spricht von „Gottes Herrlichkeit“. „Denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.“ Zur Herrlichkeit der feierlichen Musik passt die Herrlichkeit des HERRN.
Ist da wirklich mehr ...?
Auch uns heute tritt Gott nicht ungeschützt und massiv gegenüber, sondern gleichsam verhüllt und zart wie in einer Wolke. Daher kommen wir manchmal ins Zweifeln: Ist da wirklich mehr als das, was man sieht? Begegnet mir da wirklich der Grund meines Lebens, der Schöpfer von Himmel und Erde? Zeigt sich im Kind in der Krippe von Betlehem und später im wohnsitzlosen galiläischen Lehrer Jesus von Nazareth die Hoheit und Majestät und Kraft Gottes, Gott selbst? Zeigt sich der Gott des Lebens auch im geschundenen und zu Tode gemarterten Jesus am Kreuz?
Gottes Barmherzigkeit an uns und unser Lob Gottes
Wenn es so ist und wenn wir diese Menschwerdung Gottes glauben, dann haben wir allen guten Grund zum Lob Gottes in unserem Leben. Dann können wir Gott gar nicht so viel und vielfältig singen und spielen in unserem Leben, wie wir es wollen und wie es angemessen wäre: als Dank für seine große Barmherzigkeit an uns im Laufe unseres kleinen und irdisch begrenzten Lebens. Und so loben wir mit unserer Stimme, aber auch mit unseren Gedanken und Händen und mit unserem ganzen Leben den dreieinigen Gott, der uns so wunderbar geschaffen hat und barm-herzig begleitet und erhält bis zu diesem Tag. Und der uns Leben schenkt in Ewigkeit durch seine endzeitliche Verheißung „Siehe, ich mache alles neu!“
Zusammenfassung
Liebe Gemeinde, der Tempel von Jerusalem etablierte sich für Jahrhunderte als Mittelpunkt sakraler Musik.
Kirchenmusik ist geistliche Musik zum Lob Gottes und zu unserer Erbauung heute. Sie ist (1) zahlreich und vielfältig, (2) hell und klar wie „mit einer Stimme“ und (3) erfolgt zum Lob der Güte und Barmherzigkeit Gottes.
Singen tut Menschen gut. Welche Lieder wir singen und welche Musik wir hören, sagt etwas darüber aus, wer wir sind. In geistlichen Liedern und geistlicher Musik künden wir von unserem Glauben und finden Gemeinschaft, Trost, Halt und Ermutigung. Singen verbindet und wirkt befreiend. Singen bringt Menschen nach oben: „Näher mein Gott, zu dir“. Amen.
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