Karfreitag (25. März 2016)

Autor/in: Pfarrerin Bärbel Koch-Baisch, Schwäbisch Hall [Baerbel.Koch-Baisch@dasdiak.de]

2. Korinther 5, 14 -21

Liebe Gemeinde,
es ist schon eigenartig. Die Worte des Paulus scheinen so gar nicht zum heutigen Tag zu passen. Karfreitag. Wir bedenken das Leiden und den Tod Jesu am Kreuz – in der Lesung haben wir davon gehört – und dann schreibt Paulus darüber in fast unbeschwerter, freudiger Weise zum Stichwort „Versöhnung“.
Wo, liebe Gemeinde, ist denn in der erbarmungslosen Hinrichtung eines Unschuldigen etwas von Versöhnung zu sehen? Und wenn Paulus hier von der Versöhnung mit Gott redet – ist denn in diesem geschundenen Jesus am Kreuz nicht vor allem das zur erkennen, dass die Welt gerade nicht versöhnt ist mit Gott, dass Menschen gerade nicht im Frieden leben, nicht untereinander und auch nicht im Frieden mit Gott?
Ich kann den Tod am Kreuz nicht so schnell in versöhnliche Farben tauchen. Er bleibt für mich unerträglich hart und grausam – Inbegriff der Unversöhntheit, der Ohnmacht und auch Gottesferne.

Kreuz als Zeichen der UnversöhntheitNun mag der eine oder die andere vielleicht einwenden, dass es gerade durch diesen harten Tod zu der großen Versöhnung kommt, dass Jesus durch seinen Tod Gott in seinem Zorn versöhnt. Jesus leidet sozusagen den Tod, den wir verdient haben, und versöhnt dadurch Gott in seinem Zorn.

Eine Sichtweise, die mir bekannt ist. Bekannt aus vielen Passionsliedern. Bekannt auch aus langer theologischer Tradition. Doch ich kann sie so nicht mit nachvollziehen. Nicht nur, weil mir die biblischen Texte von Gott anderes nahelegen. Sondern gerade hier, in den Worten des Paulus, ist davon gerade nicht die Rede. Nicht Gott soll versöhnt werden. Paulus schreibt ausdrücklich: Wir sollen mit Gott versöhnt werden. „Gott versöhnte die Welt mit sich selber“, heißt es. Und dann die Aufforderung: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Also wir sind die Unversöhnten. Und damit beschreibt Paulus eine menschliche Wirklichkeit, die wir bis in unsere Tage schmerzlich erfahren: Menschen gehen gnadenlos miteinander um. Können so unversöhnlich sein. Im privaten, familiären Bereich. Aber auch im politischen Bereich. Uneinigkeit, die zu Trennungen führt. Zu Gewalt. Zu Kriegen.

Paulus blickt auf das Kreuz Jesu und sieht all das, sieht all unsere Unversöhnlichkeit. Er findet unsere Lebenshaltung, unser Leid, unser Versagen, alles Nicht-Gelingen, auch unsere Verschlossenheit gegenüber Gott im Blick auf das Kreuz Jesu.
Doch gleichzeitig kann Paulus das Kreuz Jesu positiv sehen. So positiv, dass mir Schmerz und das Erschrecken über die Grausamkeit auf Golgatha fast wie wegretuschiert vorkommen, wenn Paulus stattdessen von „Versöhnung“ spricht.
Was hat dieses Geschehen am Kreuz mit „Versöhnung“ zu tun?
Versuchen wir dem nachzugehen.

Das Kreuz als Zeichen des TodesFür viele Menschen heute ist das Kreuzeszeichen ein Anstoß. Zunehmend fraglich ist ihnen, warum in Kirchen, Schulen oder anderen öffentlichen Gebäuden ein solches Symbol des Todes aufgehängt ist. Offensichtlich will man auf diese Weise nicht mit dem Tod konfrontiert werden. Wir wollen nicht vor Augen haben, dass Leben nicht gelingt, dass Leben endlich ist, dass es einen unzeitigen Tod gibt. Allenfalls am Straßenrand werden sie toleriert, die Kreuze, die an Tote im Straßenverkehr erinnern.

Bei aller Kritik und allem Unverständnis erzählen daneben aber viele, die schwere Zeiten durchleben, die in einer Lebenskrise sind, weil sie krank sind und nicht wissen, wie es mit ihnen weitergeht, die eine Trennung hinter sich haben oder einen lieben Menschen verloren haben, wie sie im Blick auf das Kreuz Jesu Kraft und Trost bekommen. Für sie ist es tröstlich, dass sie in ihrem Schmerz und in ihrer Trauer nicht allein sind. Sie wissen sich aufgehoben mit ihrem Kummer. Am Kreuz hat das Dunkel einen Ort.

Das alles finden Menschen im Blick auf das Kreuz Jesu: gescheitertes Leben, Krankheit, Tod. Im Tod Jesu zeigt sich unsere Unversöhntheit und auch Gottesvergessenheit. Der Blick auf Jesu Leidensweg, auf seinen Tod, legt offen, wo und wie Menschen sich gegenseitig das Leben schwer machen, ja, das Leben absprechen. Im Kreuz und am Weg zum Kreuz wird die Unversöhnlichkeit unter uns Menschen sichtbar:
Der Ärger über den, der sich um Leute kümmert, die als störend, in ihrer Lebensweise gar als schändlich, empfunden wurden.
Die Ablehnung, die die erfahren, die nach anderen Werten und Normen leben als die Mehrheit.
Die Willkür, mit der die, die Macht haben, oft mit anderen Menschen umgehen.
Der Protest, den der erfährt, der Vergebung lebt statt Strafe.
Das alles wird sichtbar im Kreuz Jesu. Und wir können die Liste noch beliebig verlängern, indem wir all das Schwere und Dunkle des Lebens einzeichnen. Alles Leidvolle und Schmerzliche. Alle Bruchstücke und Abbrüche im Leben von Menschen. Alle Sinnlosigkeit und alle Endgültigkeit.
Für den Tod. Dafür steht das Kreuz Jesu.

Kreuz als Zeichen der Versöhnung„Der Mensch sieht, was vor Augen ist“, heißt es im 1. Buch Samuel 16,7. Wir sehen das qualvolle Sterben Jesu am Kreuz, eine erbarmungslose Hinrichtung. Wo wir das Ende sehen, sieht Paulus durch diesen Kreuzestod hindurch noch anderes. Paulus selbst ist Jesus nie begegnet, er war auch kein Augenzeuge von Jesu Kreuzigung. Er versucht das, was andere ihm erzählt haben, zu deuten. Und so bringt er das Kreuz mit Gott zusammen. Er sieht den gekreuzigten Christus und sieht Gott in Christus. „Gott war in Christus“, schreibt Paulus, „und versöhnte die Welt mit sich selber.“

Auch das erscheint vielen nicht plausibel, schon zu Paulus Zeiten nicht, wenn er an die Gemeinde in Korinth schreibt, dass das Kreuz eine Torheit ist 1. Korinther 1,18.
Mit dem Verstand ist es nicht zu erklären, dass Gott im Menschen Jesus den Weg der Liebe geht. Es ist nicht erklärlich, dass ein Mensch sein Leben hingibt – es sei denn aus Liebe. Das ist nur für die Augen des Glaubens zu sehen. Wir erleben uns ängstlich und schwach, traurig und einsam und spüren doch, dass wir nicht allein sind. Dass wir in allem Leid nicht ins Bodenlose fallen, sondern gehalten sind von Gott und seiner Liebe. Und so kann Paulus dieses Geschehen am Kreuz als großes Zeichen der Versöhnung sehen. Gott kommt auf uns Menschen zu und ermutigt uns zu neuem Leben. Gott kommt uns nahe – das kehrt alle Verhältnisse um. Wir Menschen suchen die Nähe Gottes und erfahren: Gott ist schon da. Ist zu uns gekommen in unser manchmal so armes und dunkles Leben.
Gott bleibt nicht in kritischer Entfernung, er zieht sich nicht zurück. Gott wird Mensch und liefert sich den Menschen aus, wird geschlagen, verhöhnt und stirbt schließlich den Tod am Kreuz.

Das ist schwer zu glauben: Gott, der im Menschen Jesus gegenwärtig ist, der mit leidet, der mit stirbt. Das Kreuz auf Golgatha als Ort der Ohnmacht Gottes. Wer kann das verstehen? Wer kann das auszuhalten? Wie kann uns ein ohnmächtiger Gott helfen? Was kann uns noch Mut machen, wenn selbst Gott Opfer menschlicher Bosheit wird?
Karfreitags-Fragen. Geheimnis des Glaubens.

Gott stellt sich an die Seite derer, die leiden. Gott zeigt ihnen und uns, dass seine Liebe stärker ist als unser Hass. Diese Liebe ist es, die Versöhnung zwischen uns möglich macht – zwischen Gott und uns Menschen und dann auch zwischen uns Menschen untereinander.
„Lasst euch versöhnen mit Gott!“, bittet Paulus uns. Diese Bitte weiterzugeben und mit Leben zu erfüllen, hat er sich zur Aufgabe gemacht. „So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott.“

Von dieser Einladung auf Aufforderung des Paulus sollen wir nicht unberührt bleiben. Versöhnung will gelebt werden. In unserem privaten Alltag, in unserer Gesellschaft, in Politik und Wirtschaft. Jede in ihrem Bereich, jeder an seinem Platz – Botschafterin und Botschaft der Versöhnung. Dafür steht das Kreuz Christi. Und daher ist es gut, wenn es uns als Symbol in unserem Alltag erinnert – in Kirchen, Schulen und öffentlichen Gebäuden. Und uns zum Handeln ermutigt, wie eine kleine Geschichte anschaulich erzählt:

Bei einer Bahnfahrt saß ich neben einem jungen Mann, der bedrückt wirkte. Nervös rutschte er auf seinem Sitz hin und her, und nach einiger Zeit platzte es aus ihm heraus: Dass er ein entlassener Sträfling sei und jetzt auf der Fahrt nach Hause. Seine Eltern waren damals bei seiner Verurteilung tief getroffen, sie konnten es nicht fassen, ihr eigener Sohn! Im Gefängnis hatten sie ihn nie besucht, nur manchmal einen Weihnachtsgruß geschickt. Trotzdem, trotz allem, hoffte er nun, dass sie ihm verziehen hätten. Er hatte ihnen geschrieben und sie gebeten, sie mögen ihm ein Zeichen geben, an dem er, wenn der Zug an der kleinen Farm kurz vor der Stadt vorüberführe, sofort erkennen könne, wie sie zu ihm stünden. Hätten sie ihm verziehen, so sollten sie in dem großen Apfelbaum an der Strecke ein gelbes Band anbringen. Wenn sie ihn aber nicht wieder sehen wollten, brauchten sie gar nichts tun. Dann werde er weiterfahren, weit weg.
Als der Zug sich seiner Heimatstadt näherte, hielt er es nicht mehr aus, brachte es nicht über sich, aus dem Fenster zu schauen. Ich tauschte den Platz mit ihm und versprach, auf den Apfelbaum zu achten. Und dann sah ich ihn: Der ganze Baum – über und über mit gelben Bändern behängt. Da ist er, flüsterte ich, alles in Ordnung. Er sah hinaus, Tränen standen ihm in den Augen.
Mir war, als hätt‘ ich ein Wunder miterlebt. Und vielleicht war’s auch eins.(1)

Das, liebe Gemeinde, erkennt Paulus im Kreuz, dass Gott sich mit uns Menschen versöhnt. Der Baum ist über und über mit gelben Bändern behängt.
Amen.

Literaturhinweis:1 Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten, hg.v. Susanne Niemeyer, Hamburg. Weitere Informationen zum Buch unter www.anderezeiten.de

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