Karfreitag (14. April 2017)

Autor/in: Pfarrerin Elisabeth Küfeldt, Ansbach [kuefeldt@web.de]

Lukas 23, 33 -49

Es geht um Rettung17 Verse nur braucht Lukas, um die schrecklichen sechs Stunden zu beschreiben, die Jesus am Kreuz hängt, und in denen er langsam, unendlich langsam stirbt.
Lukas muss ja auch niemandem die grausamen Details ausmalen, weil jeder seiner Leser damals das blutige Geschehen vor Augen hat – zu häufig wurde diese Todesstrafe vollstreckt, um jeden Aufstand gegen Rom noch im Keim zu ersticken.
17 Verse nur – mit nur wenigen Strichen wird das Geschehen entworfen – aber in diesen wenigen Sätzen leuchtet uns unter dem Schwarz des Grauens das Heil Gottes entgegen, es leuchtet das auf, worum es Gott geht an diesem Karfreitag: um Rettung.

Rette sich, wer kann„Rette sich, wer kann“ – das könnte über der Zuschauer-Menge stehen. In sicherer Entfernung stehen sie und schauen stumm zu; versteinert die einen, die mitgerufen hatten „Kreuzige, kreuzige ihn“; gelähmt von Entsetzen und Furcht die anderen, die sich als seine Jünger und Freunde bezeichnet hatten und doch alle geflohen waren, als es hart auf hart ging. Ihre Haut hatten sie gerettet, aber es fühlt sich an wie tot, als sie ihrem Herrn und Freund beim Sterben zusehen müssen.
Und eigentümlich: Um Rettung geht’s in seltsamer Einigkeit auch den Pharisäern, den Soldaten und dem einen Verbrecher am Kreuz. Hilf dir selbst – so übersetzt Luther das, was im Griechischen heißt „Rette dich selbst!“ „Wenn du kannst, du König der Juden, dann steig doch vom Kreuz und rette dich selbst!“ So spotten die Soldaten; und die Pharisäer machen‘s am spitzesten: „Andere hat er gerettet, – er rette sich selber, wenn er wirklich der Messias ist!“
Völlig klar für sie alle: In dieser Situation geht es um Rettung, und zwar um die Rettung des eigenen Lebens; auch um den eigenen Ruf als Messias, aber vor allem um die eigene Haut.
Und damit zeigen sie, dass sie Jesus nicht einmal im Ansatz kennen!

Aber Jesus geht es nicht um die Rettung der eigenen HautUm sich selber, um seinen Ruf, um sein Leben ging’s ihm doch nie! Als der Versucher ihn lockt nach vierzig Tagen Fasten, ein kleines Brotwunder zu vollbringen, um seinen hungrigen Magen zu füllen – da schickt er ihn fort. Aber wenig später, als eine Menschenmenge hungrig ist nach einem ganzen Tag Predigthören, da vermehrt er Brot – für sie.
Als die Menschen ihn voller Sensationshunger umringen, ihn zum König machen wollen, da geht er fort – um kurz darauf zu denen zu kommen, die ihn wirklich brauchen in ihrer Not.
Als er gefangengenommen wurde, mitten aus der Jüngerschar heraus, da hält er den Soldaten die Hände hin zum Fesseln – und sagt mit Blick auf seine Jünger „Aber lasst diese gehen!“
Es ging Jesus noch nie um sich, dass bei der ganzen Unternehmung Menschwerdung was für ihn herausschaut! Er hat sein Leben hergegeben für die Mühseligen und Beladenen, schon lange vor dem Kreuz! (Mt 20,28) „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“

Die Besserwisser rund ums KreuzAber die Soldaten meinen, genau zu wissen, was Jesus tun müsste, wenn er wirklich der König der Juden wäre: seine Macht zeigen. Die Pharisäer meinen zu wissen, was Gott tun müsste, wenn das wirklich sein Sohn wäre: Ihn rauspauken. Der Verbrecher am Nachbarkreuz weiß, was einzig zählt, wenn einer Macht hat: das eigene Leben retten.
Seltsam, wie bis heute Menschen immer wieder meinen, besser zu wissen, was Gott angemessen ist: Im Koran wird vehement bestritten, dass Gott seinen Propheten Jesus jemals am Kreuz hätte sterben lassen – den hat er heimlich ausgetauscht gegen einen, der ihm ähnlich sah. Aber auch etliche christliche Theologen bestreiten, dass das Kreuz zu Gottes Heilsplan gehörte – denn Gott braucht ihrer Meinung nach kein Opfer, um die Menschen zu erlösen.
Und Jesus, dort am Kreuz? Er schweigt. Er verteidigt sich nicht, argumentiert nicht mit Belegen aus den Propheten, wo doch klar von einem leidenden Gottesknecht die Rede ist. Er höhnt nicht zurück gegen die Soldaten, er ätzt nicht gegen den Verbrecher an seiner Seite. Er schweigt.

Die eigentliche Überschrift am KreuzAlles, was zu sagen ist, hat Jesus gleich anfangs gesagt: Vater, vergib ihnen. Das ist die eigentliche Überschrift über dem Geschehen. Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Die Soldaten wissen nicht, wen sie da angenagelt haben; die Pharisäer wissen nichts von der tiefen Liebe Gottes, die sich grade jetzt zeigt; der Schächer am Kreuz weiß überhaupt nichts von dem Leben, das wirklich zählt; die entsetzten Freunde, die sich so feig in Sicherheit gebracht haben, die wissen nicht, dass grade von Jesus der größte und entscheidendste Triumph der Weltgeschichte errungen wird. Vater, vergib ihnen.
Das ist die eigentliche Überschrift über dem Geschehen, das ist die Aufschrift, die auf das Kreuz sollte. Jedes Kreuz auf den Kirchtürmen und an den Wegrändern soll uns daran erinnern, dass Jesus bis heute am Thron des Vaters steht und für uns bittet: Vater vergib ihnen.

Jesus geht es um Rettung, schon sein ganzes Leben langJesus geht es um Rettung, schon sein ganzes Leben lang.
Noch bevor er geboren war, wurde seinem Pflegevater Joseph von einem Engel gesagt: Der wird sein Volk retten von ihren Sünden (Mt 1,21). Und als er beim Zolleinnehmer Zachäus einkehrt und dessen Bekehrung feiert und deshalb angegriffen wird von den Frommen, sagt er von sich selbst: Der Menschensohn ist doch gekommen, zu suchen und selig zu machen, wörtlich: „zu retten“, was verloren ist (Lk 19,10).
Jesus geht es um die Rettung der Menschen von ihren Sünden – und darum steigt er nicht herunter vom Kreuz. Darum hat er eingewilligt, diesen bitteren Kelch des Leidens bis zur Neige zu trinken, weil er hier am Kreuz sein Leben als Lösegeld gibt. Weil er hier die Strafe der ganzen Menschheit trägt. Er hängt hier nicht, obwohl er der Sohn Gottes ist, sondern gerade deshalb. Er ist nicht ein gescheiterter Messias, den die Römer aufs Kreuz gelegt haben, sondern am Kreuz ist er der Sieger, der dem Tod die Stirn bietet, der dem Teufel das Reich zerstört, der den verlorenen Söhnen und Töchtern die Lasten abnimmt und ihnen den Weg ebnet zum himmlischen Vater.

Der erste, der nach Hause findetUnd hier noch, auf Golgatha, erleben wir mit, wie ein solcher verlorener Sohn nach Hause findet. Während der Horizont sich verfinstert, während die Umstehenden den Eindruck haben müssen, dass die Hölle das Maul aufreißt und diesen verfluchten Fleck Erde mit den Verdammten am Kreuz verschlingt, da geht für den Schächer am Kreuz der Himmel auf, da wird die Wand ganz dünn zwischen hier und dort. Während die drei an ihren Kreuzen um Luft ringen und die gequälten Körper sich schinden um jeden Atemzug, spricht der eine, der Christus, dem anderen das Paradies zu, sie verabreden sich für die neue Welt, die für Jesus ganz genau so Realität ist wie das, was sie jetzt gerade erleben.
Für diesen Verbrecher wurde so aus dem schlimmsten Tag seines Lebens der beste, der Todestag wurde zum Geburtstag für die neue Welt – und gleichzeitig wurde er zum Wegweiser für uns. Wie denn auch für uns dieser furchtbare Tag voller Schrecken zu einem „Good Friday“ werden kann, wie die Engländer den Karfreitag nennen.

Wie wird das konkret für uns?Wie kann das zugehen? Heute, für Sie und mich?
Der erste Schritt war ganz offenbar die erschrockene Erkenntnis: Ich hab es ja nicht nur mit Menschen zu tun in meinem Leben, sondern: ich krieg es mit Gott zu tun, und zwar sehr bald. Seinen Mitgefangenen weist er zurecht „Und du fürchtest dich nicht vor Gott??“ Was auch immer er bisher geglaubt hat oder auch nicht, jetzt an der Schwelle des Todes geht ihm schlagartig auf: Ich muss mich vor Gott verantworten. Da bleiben mir meine starken Sprüche in der Kehle stecken, das ist kein Stammtischgeplauder mehr, das ist die reale Begegnung mit dem realen Gott. Und vor ihm fürchte ich mich.
Liebe Gemeinde, durch die ganze Bibel geht der heilige Schrecken, wenn Menschen es mit Gott zu tun bekommen. Das fängt auf den ersten Seiten der Bibel an, wenn Adam und Eva sich vor Gott im Garten verstecken, und geht bis in die Offenbarung des Johannes, wenn die erlösten Heiligen ihre Kronen vor Gott ablegen und auf ihre Gesichter niederfallen. Die Begegnung mit Gott ist niemals auf gleicher Augenhöhe, lassen wir uns da doch nicht einlullen. Er ist wohl der liebende Vater, ja, und tausendmal Ja, aber er ist auch der heilige unfassbare, Gott, der in einem Licht wohnt, wo niemand hinkommen kann. Und wer sind denn wir? Vor Ihm?
Das ist der zweite Schritt, den der Mann am Kreuz innerlich geht: Wer bin ich vor ihm? Ein Gauner? Ein Schurke? Nein, das wären vielleicht Bezeichnungen gewesen, auf die er zuzeiten stolz war. So wie manche stolz darauf sind, den Staat übers Ohr zu hauen. Oder er hätte es erklären können, was ihn zu seinen Untaten gebracht hat. Darin sind wir ja Meister (und damit meine ich wirklich mich mit…). Für das eine Übel ist die Erziehung verantwortlich, für das andere die augenblickliche Notlage und das dritte erklärt sich von selbst, weil alle es machen…
Der Schächer am Kreuz lässt das alles und sagt: Wir sind mit Recht verurteilt. Das gesteht er sogar dem verhassten römischen Staat zu. Ich bin schuldig, sagt er, und streckt die Waffen. Keine Ausflüchte und keine Erklärungen, keine Entschuldigungen und keine Rechtfertigung: Ich bin ein Sünder und stecke zurecht in der Patsche.

Einladung zur BeichteLiebe Gemeinde, wenn wir heute in der Beichte unsere Schuld bekennen: Wie ernst ist es Ihnen da? Wie konkret haben Sie Ihr Leben im Blick, wenn Sie sagen „Ich habe gesündigt?“ Solange das eine Floskel bleibt, solange das Worte ohne konkrete Füllung bleiben, hat das Kreuz Jesu keine Bedeutung für Sie. Wenn Sie zum Arzt gehen und nur sagen „Ich bin krank“ – kann er Sie heilen? Er wird fragen „Wie äußert sich das? Wo haben Sie Schmerzen?“ So kann uns Jesus doch auch nur dann heil machen, wenn wir ihm konkret sagen, an welchen Punkten uns Schuld drückt, wo wir versagt haben.
Ich werde nachher die Gebote Gottes vorlesen, und dann werden wir einige Zeit in der Stille haben, wo wir unser Leben im Licht dieser Gebote anschauen, wo wir dann auch mit Gott zu sprechen. Ich bitte Sie herzlich: Seien Sie offen gegenüber dem Vater im Himmel. Benennen Sie in der Stille konkret Ihr Fehlverhalten. Lassen Sie den Heiligen Geist seinen Finger auf das legen, was abscheulich ist in den Augen Gottes – und wo Er Sie heil machen will.
Dieses Reden des Heiligen Geistes hat der Schächer offenbar erlebt, und er sagt: Ich bin mit Recht in dieser Verdammnis.
Aber dann kommt das Dritte, das Entscheidende: Er wendet sich an den Einzigen, der ihm von der Verdammnis in den Himmel helfen kann, vom Tod zum Leben, von der Schuld zur Freiheit. Er sagt: „Jesus, denke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst.“ Er wirft sein ganzes Vertrauen auf den gekreuzigten Gottessohn, der ihm in seiner Not so nah ist – und von dem er doch glaubt, dass er ein Reich hat. Dass er ein König ist. Und der sagt ihm im gleichen Moment zu: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ „Was auch immer in deiner Vergangenheit war – das war vermutlich allerhand – es ist ausgelöscht. Es ist bezahlt durch meinen Tod. Es ist vergeben, vergessen, getilgt. Du darfst mit mir und allen Heiligen im Himmel sein.“
Das gilt auch uns. Wahrscheinlich müssen wir noch eine Weile warten, bis wir mit allen Heiligen im Himmel sitzen, aber dass heute unsre Schuld getilgt wird, das hat Jesus versprochen. Damals am Kreuz hat er alle Schuld aller Menschen, auch meine und Ihre, schon getragen. Und er vergibt sie in dem Moment, wo wir sie ihm bringen.
Gott sei Lob und Dank für Jesus und seine Liebe. Lob und Dank für seinen Tod am Kreuz. Gott sei Lob und Dank für den freien Weg zu ihm, dem Vater.
Amen.

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