Karfreitag (19. April 2019)

Autor/in: Schuldekan Dr. Andreas Löw, Ludwigsburg [schuldek.ludwigsburg@elkw.de]

Johannes 19, 16 -30

IntentionDas Johannesevangelium akzentuiert das Karfreitagsgeschehen bekanntlich anders als die Synoptiker. In einer Zeit, in der Terror, Kriege, Katastrophen und vielfältige disruptive Entwicklungen den Schrei nahelegen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du uns verlassen?“ ist die johanneische Facette des biblischen Zeugnisses herausfordernd und weiterführend zugleich.

„Da überantwortete Pilatus ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.
Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.
Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): ‚Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.‘ Das taten die Soldaten.
Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.“ (Johannes 19,16-30)

„Es ist vollbracht!“ – Es ist zu Ende.„Es ist vollbracht!“, sagt Jesus am Kreuz und stirbt. „Es ist vollbracht“ – d.h. wohl zuerst: Es ist zu Ende. Und es ist gut, dass es zu Ende ist: das Spiel und der Spott der Soldaten, denen Jesus zur Geißelung von Pilatus übergeben worden war, die Schläge ins Gesicht, der Kreuzweg hinaus nach Golgatha, der Kampf mit dem Tod, das Ringen um Atem. Es ist gut, dass dies alles zu Ende ist.
Und jeder, der schon einmal den Todeskampf eines leidenden Menschen miterlebt hat, weiß, dass es gut ist, wenn es vollbracht ist. Ja, jede und jeder von uns kann heute dieses Wort „Es ist vollbracht“ auch in diesem Sinne hören, dass alles in der Welt, alles Leid und alles Leid und Geschrei, aller Schmerz und auch unser eigenes Leben einmal zu Ende geht. Man kann sich diesen Gedanken wohl nicht jeden Tag vor Augen halten. Aber gelegentlich ist es gut, es sich nüchtern klar zu machen: dass es eines Tages mit der durch Terror, Kriege und Katastrophen geprägten Welt und mit uns persönlich zu Ende geht und zu Ende ist. Das ist unsere Bestimmung. Kein Buch ist so nüchtern und klar hinsichtlich dieser unserer Bestimmung wie die Bibel. Sie vergleicht unser Menschenleben mit den Blumen, die am Morgen blühen. Wenn aber die heiße Glut aus der Wüste kommt, sind sie verdorrt. (Psalm 103,15f.) „Es ist vollbracht!“ – Es ist zu Ende. Das gilt für den Menschen Jesus von Nazareth und das gilt für jeden von uns am Ende seines Lebens.

„Es ist vollbracht!“ – Das Ziel ist erreicht.„Es ist vollbracht“ – dieser kurze Satz im Deutschen ist im Griechischen nur ein Wort: „tetelestai“. Und dieses Wort „tetelestai“ hat nicht nur die Bedeutung „es ist zu Ende“, sondern auch die Bedeutung „das Ziel ist erreicht“. Beides ist beisammen bei diesem griechischen Wort: das Aufhören und das Ans-Ziel-Kommen eines Lebens, das Aus-den-Händen-Gleiten und das Vollenden eines Lebens. Immer wieder erlebe ich bei Besuchen von Sterbenden, dass Menschen so sterben können und dürfen: dass ihr Leben zu Ende geht und dass sie ans Ziel kommen. Sie haben ihr Leben gelebt. Sie sind alt, lebenssatt und lebensmüde geworden und sie sehnen sich danach, von Gott abberufen, heimgeholt zu werden. Immer wieder erlebe ich in solchen Situationen ansatzweise, was das positiv heißen kann: „tetelestai“ – „Es ist vollbracht!“.
Aber viel häufiger erlebe ich, dass das Zu-Ende-Gehen und das Ans-Ziel-des-Lebens-Kommen, nicht zusammenfällt. Das passiert, wenn jemand, der noch jung war, plötzlich aus dem Leben gerissen wird, aber oft auch bei 80- und 90-Jährigen. Das Wissen, dass unser Leben ein Ziel hat, wird oft auch bei Älteren massiv verdrängt. Es geht nicht auf in den Herausforderungen der Familie und des Berufs, es geht nicht auf im Wohlstand und auch nicht in der Gesundheit. Dass unser Leben ein letztes Ziel hat, auch das können und dürfen wir uns heute wieder einmal klarmachen. Auch das dürfen wir heute hören und mitnehmen. Für diese Welt insgesamt und auch für jede und jeden persönlich gibt es eine Verheißung, die stärker ist als der Tod, als Elend und als Leiden. Gott schenkt uns unser Leben. Von Gott werden wir bejaht und im Leben begleitet. In Gottes Hand sind wir geborgen auch im Tod. Gott wird alles neu machen, wird einen neuen Himmel und eine neue Erde heraufführen.

Hier stirbt Gottes SohnWas bedeutet es, dass Jesus, gerade einmal 30 Jahre alt, unter falsche Anklage gestellt und schuldlos verurteilt sein Sterben so deuten kann: „tetelestai“ – „Es ist vollbracht!“ „Mein Leben und Leiden ist ans Ziel gekommen!“? Aus der ganzen Passionserzählung des vierten Evangelisten wird deutlich: Hier stirbt nicht einfach ein Mensch. Hier stirbt mehr als ein Mensch. Hier stirbt Jesus Christus, Gottes Sohn.
Schon in dem Nachtgespräch mit Nikodemus hatte Jesus gesagt, dass der Menschensohn erhöht werden müsse, so wie Mose in der Wüste die Schlange hoch über dem Lager Israels erhöht hat, damit alle, die auf sie sehen, leben und nicht verderben (Johannes 3,1-21). Das gilt auch für ihn, für Jesus: Alle, die an ihn glauben, werden das ewige Leben haben. Sein Kreuz ist seine Erhöhung. Für den Verfasser des Johannesevangeliums ist Jesus der Sieger schon am Kreuz. Nicht nur Sieger über den Tod, sondern auch Sieger im Tod, ist der zu seiner Gottheit Erhöhte beim vierten Evangelisten. Anders als bei Matthäus, Markus oder auch bei Lukas ist das Kreuz für Johannes nicht der Ort der Erniedrigung, sondern der Ort der Erhöhung Jesu. Auch die Kreuzigung bezeugt im Johannesevangelium Jesu Hoheit. Deshalb erzählt Johannes auch nichts von einem Schrei der Gottverlassenheit am Kreuz (vgl. Matthäus 24,46), von keinem Todesgebet (Lukas 23,46). Sondern Jesus spricht offenbarend aus, wie sein Tod zu verstehen ist: „Es ist vollbracht!“
Johannes weiß auch von keiner Finsternis, die in der Todesstunde Jesu über das Land kommt (Markus 15,33). Vielmehr soll der ganzen Welt offenbar und deutlich werden: Die Todesstunde Jesu ist die Stunde Gottes, und am Kreuz verherrlicht Gott seinen Sohn. Am Kreuz sollen wir erkennen, wozu Gott in seiner Liebe zur Welt und zu uns Menschen fähig ist, wieviel er sich die Versöhnung mit uns kosten lässt.
„Es ist vollbracht“, sagt Jesus am Kreuz und lässt sich in die Hände Gottes fallen, aus denen uns von nun an niemand mehr reißen kann. Das ist vollbracht am Kreuz für uns, für alle und für die ganze Welt.

Letzte Worte„Tetelestai“ – „Es ist vollbracht“: von diesem letzten Wort aus, sind wohl auch die anderen Worte Jesu am Kreuz zu verstehen: Zunächst das Wort des Elends: „Mich dürstet!“ Mit diesem Wort ist Jesus allem Jammer dieser Welt nahe, tröstlich nahe.
Jeder, der dürstet, jede, die leidet, kann sich von Jesus verstanden wissen.
Aber von dem „Es ist vollbracht!“ her sind auch die Worte an seine Mutter und an seinen Jünger zu verstehen: „Frau, siehe, das ist dein Sohn!“ „Siehe, das ist deine Mutter!“
Mit Jesu Tod am Kreuz ist offenbar nicht alles abgetan und erledigt, was wir einander schulden. Ganz im Gegenteil. Neue Bindungen, neue Aufgaben werden uns durch Jesu Tod am Kreuz zugewiesen. Noch am Kreuz bringt Jesus seine Liebe zu seiner Mutter und seinen Jüngern zum Ausdruck. Er weist sie einander zu. Jetzt, wo Jesu Leben zu Ende und die Versöhnung vollbracht ist, jetzt sind wir Menschen uns gegenseitig von Christus anbefohlen. Dietrich Bonhoeffer schrieb um die Jahreswende 1942/43:
„Christus entzog sich solange dem Leiden, bis seine Stunde gekommen war; dann aber ging er ihm in Freiheit entgegen, ergriff es und überwand es. Wir sind gewiß nicht Christus und nicht berufen, durch eigene Tat und eigenes Leiden die Welt zu erlösen, wir sollen uns nicht Unmögliches aufbürden und uns damit quälen, dass wir es nicht tragen können. Wir sind nicht Christus, aber wenn wir Christen sein wollen, so bedeutet das, dass wir an der Weite des Herzens Christi teilbekommen sollen.“
„Tetelestai“ – „Es ist vollbracht.“ Dieses Wort hat Jesus gesprochen als sein Leben zu Ende ging – aber er sprach es nach dem Evangelisten Johannes so, dass es alle Welt wahrnehmen konnte, am hellen Tag.
„Tetelestai“ – „Es ist vollbracht.“ Das ist ein Wort mit dem wir heute beginnen können zu leben in Gemeinschaft mit Gott und untereinander.
Amen.

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