Lätare / 4. Sonntag der Passionszeit (15. März 2026)
Jesaja 66, 10–14
Intention
Nicht Trost predigen, trösten. Die Predigt will in den aktuellen – vermeintlich trostlosen – Zeitläufen Zuversicht spenden. Und sie sucht nach Bildern, die über die Vorstellung von Gott als Vater und auch als Mutter hinausreichen.
Madonna von Kiew
Sicher umfangen hält sie den Säugling. Winzig liegt er geborgen im Arm der Mutter. Ein Säugling – im wahrsten Sinne des Wortes. Das Kind trinkt an der Brust der Mutter. Es ist ein inniges Bild. Zart und zärtlich und es ist ein symbolträchtiges Bild. Während der Bombardierung der ukrainischen Hauptstadt Kiew hat sich die Mutter in die Kiewer Metro geflüchtet und stillt dort ruhig und gelassen ihr Kind. Ein Foto dieser Szene ist um die Welt gegangen. Und hat einer Künstlerin zur Vorlage einer Ikone gedient: die Madonna von Kiew ist zum Symbol des Widerstands und der Hoffnung geworden.
Liebe Gemeinde, in der Halbzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern werden wir heute am Sonntag Lätare mit Freude gestillt. Das kleine Ostern bricht ins dunkle Violett der Passion hinein, und hellt es auf zu einem Rosa: Freut euch an Gott, der Trösterin, freut euch an ihr, die nicht nur Hunger und Durst, nein, die „allen Jammer stillt“.
Vor Jahrtausenden spricht der Prophet Jesaja seinem Volk und der Stadt Jerusalem Trost und Hoffnung zu – und er tut dies mit weiblich warmen Bildern vom Stillen. Wir hören auf Jesaja 66,10-14:
„Freut euch mit Jerusalem und jauchzt alle, die ihr sie liebt! Seid fröhlich mit ihr alle, die ihr um sie trauert! Weil ihr saugen dürft und euch sättigen an den Brüsten ihres Trostes, weil ihr schlürfen dürft und euch erquicken an den Brüsten ihres Glanzes. Denn so spricht Gott: Ich breite bei ihr Frieden aus wie einen Strom und wie einen überschäumenden Bach den Reichtum der fremden Völker. Ihre Säuglinge sollen auf der Hüfte getragen und auf den Knien geschaukelt werden. Wie eine Mutter tröstet, so will ich euch trösten, und an Jerusalem sollt ihr getröstet sein. Ihr werdet es sehen und euer Herz wird sich freuen und eure Knochen sollen sprossen wie junges Gras. Die Hand Gottes ist wahrnehmbar an denen, die im Dienst Gottes stehen, aber Fluch denen, die Gott feindlich sind.“
Muttermilch
Während die Unverträglichkeit von Milch bei vielen Menschen in späteren Jahren zunimmt, ist Muttermilch für Säuglinge das Allerverträglichste. Die erste Milch, die nach der Schwangerschaft gebildet wird, das Kolostrum, ist ein wahrer Booster für das Neugeborene: Eiweiß, Enzyme, Vitamine, Mineralien, Wachstumsfaktoren, Aminosäuren und von der Mutter gebildete Antikörper in noch höherer Konzentration als in normaler Muttermilch, sorgen für einen guten Start und stärken die Immunabwehr des kleinen, neuen Menschleins. Muttermilch stillt nicht nur Hunger und Durst, sie wirkt antibakteriell und entzündungshemmend. Wenn die Augen verklebt, die Nase verstopft, der Popo wund, die Ohren weh sind, helfen schon ein paar Tropfen. Und auch als Badezusatz für die Hautpflege eines Säuglings ist sie heilsam.
Heilung
Heilsames und Trost und auch Essen und Trinken, das hatten die Israeliten bitter nötig zur Zeit dieses Propheten, als sie aus dem babylonischen Exil heimgekehrt sind in eine zerstörte, fremdgewordene Heimat. Nahrung für den Leib und Nahrung für die Seele braucht es, für Vertriebene, für Flüchtende und für Heimkehrende zu allen Zeiten. Wenn nichts mehr da ist vom früheren Glanz, vom sicheren Wohnen, vom auskömmlichen Sein. In Städten voller Trümmer mit zerstörten Häusern, verschüttetem Grün, zerstörten heilige Stätten und verzweifeltem Überleben. Wo ist da Platz zu wohnen? Wo ist Weite für das Spiel der Kinder? Wo ist Raum zum Schlafen zum Kochen zum Leben zum Lieben? Wo die vertrauten Nachbarn? Freunde? Verwandten? Der Bäcker? Der Lebensmittelhändler? Wo sind die nährenden Gärten, die schattigen Alleen? Wo sind Orte der Freude, des Jubels und der Lust?
Es ist im ersten Augenblick verstörend, dieses pralle Bild vom Saugen und Schlürfen der sinnbildhaften Muttermilch an den entblößten Brüsten der personifizierten Stadt Jerusalem. Es ist ein starkes, körperliches Bild der Verheißung dafür, dass das Leben in Fülle wiederkommt. Das eigene Volk und die fremden Völker sollen gesättigt, getröstet und geheilt werden. Nach Zeiten der Not und Entbehrung sollen Fülle und Überfluss herrschen. Sattsein und Trost. Und Heilung für die geschlagenen, unglaublich tiefen Wunden. Aber nicht nur Kiew, sondern gerade auch Jerusalem ist aktuell ein Sinnbild für immer neue Zerstörung, für Angst und Verzweiflung. Kiew und Jerusalem sind Sinnbilder für die derzeit mehr als 60 Krisen- und Kriegsgebiete dieser Welt, in denen oft genug gerade Frauen, Mütter und Kinder ums Überleben ringen.
Ihr werdet sehen
Ihr werdet sehen, sagt Jesaja vorwärtsgewandt zum Volk. Ihr werdet es sehen, sagt Gott, die Trösterin. Ich verwandle euch: eure Trauer in Freude, eure Ängste in Mut, eure Sorgen in Zuversicht, ich lass euch grünen und blühen. Ich habe eine unbändige Freude an neuem Leben. An deinem neuen Leben. Ich juble und jauchze über jeden ersten Schrei eines Neugeborenen. Ich juble und jauchze über jeden ersten Schritt hinein ins Neue. Ich freue mich an euch, wenn ihr satt werdet an der Überfülle der Brust der Mutter. Ich juble und jauchze über alles, was Leben ermöglicht und gelingen lässt: über den Frieden, der entsteht, wenn zwei Streitende sich die Hände zur Versöhnung reichen; über den Frieden, der dann gelingen kann, wenn erstarrte Macht sich wandelt, wenn ein Miteinander gewollt ist, dass Fremde und Freunde in versöhnter Verschiedenheit beieinander leben können. Ich juble und jauchze über den Frieden, der lebt, wo gerecht geteilt wird, und alle ihren Teil am guten Leben haben. Da quillt mein Schalom über, sprudelt und fließt er euch zu.
Lätarefreude
Gott, die Trösterin, sie überrascht uns am kleinen Freudensonntag mitten in der Passion mit einer Verheißung in lustvollen, lebensprallen Worten. Mitten im verstörenden Alltag, mitten in aufwühlenden Meldungen und schlechten Nachrichten stiftet sie uns zu unbändiger Lebensfreude an. Ihr Neuschaffen weckt bei Gott selbst Jubel und Freude, und macht Lust, es ihr gleichzutun. Und macht Lust, sich von ihr in den Dienst nehmen zu lassen. Denn: Die in ihrem Dienst stehen, denen gilt diese große, satte Verheißung. Denen, die loslassen, die Gott in der Tiefe vertrauen, denen, die sich Gott lassen. Die die eigenen Sicherheiten loslassen, kommen in den Genuss der Verheißung: Gott, sie ist in um und mit ihnen, was auch immer geschieht und breitet ihre Freude aus.
Namen für Gott finden
Gottes neuschöpferisches Handeln lädt uns ein, neu schöpferisch zu werden. Uns auf die Suche zu machen nach dem leben-schaffenden, sättigenden, Frieden stiftenden Gott der Freude und des Jubels. Dorothee Sölle erzählt einmal, dass sie Namen für Gott gesammelt haben. Jede sollte einen Namen für Gott sagen: Lebendiges Wasser, Schwester, Die mir Mut macht, Die strahlenden Augen meines sieben Monate alten Sohnes, Vater und Mutter von uns allen, Alles ist möglich, Feuer.
Wie eine Mutter tröstet, so will ich euch trösten, das gehört von Anfang an dazu. Und: Wärme, Weichheit, Zärtlichkeit, Geborgenheit und Gefühlsreichtum. Umarmende, Liebesflüsterin, streichelnder Wind, strahlende Sonne, tiefes Verstehen, Fürsorge, Angstbändigerin, fester Halt, Ich bin für dich da. Wie schön, wenn auch die Mütter in Kiew das an ihre Säuglinge weitergeben könnten.
Oder – mit den Worten eines Liedes aus der amerikanischen Frauenbewegung, die einem kleinen Mädchen gelten: Möge der warme Wind dich streicheln, möge Gott lächeln, möge sie dich segnen. Amen.
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