Lätare / 4. Sonntag der Passionszeit (06. März 2016)

Autorin / Autor: Pfarrerin Eva Ulmer, Weil der Stadt [Eva.Ulmer@elkw.de ]

2. Korinther 1, 3 -7

Liebe Gemeinde!

Wann haben Sie sich zum letzten Mal so richtig mies gefühlt? Einfach nur schlecht? Weil es mit der Beziehung nicht so klappte, wie Sie sich das wünschen. Weil die Anforderungen auf der Arbeit eigentlich Überforderungen waren. Weil Sie mit einer schlechten Diagnose zurechtkommen mussten. Oder aus welchen Gründen auch immer.

Ich hoffe, Sie hatten Möglichkeiten damit gut umzugehen. Vielen Menschen helfen da Gespräche mit anderen Menschen. Menschen, die zuhören. Einfach da sind. Manchmal auch gute Worte. Worte der Aufmunterung. Des Trostes. Vielleicht auch des Rates.
Was aber so gar nicht hilft, sind Aussagen wie „Stell dich nicht so an, das ist doch nicht so schlimm.“ Oder „Kopf hoch, anderen geht es noch schlechter“. Oder gar „sei froh, dass es dir schlecht geht, dann kannst du Gott nahe sein.“
Solche Worte klingen wie Hohn und können tief verletzen.

Dank für Gottes Trost in der TrübsalDoch sinngemäß stehen sie in der Bibel. Genaugenommen in dem Predigttext, der uns für heute gegeben ist. Paulus schreibt im 2. Korintherbrief, Kapitel 1, die Verse 3 bis 7, Folgendes:

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.
Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus.
Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden.
Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben."

„Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil.“ Dieser Vers sticht heraus aus den eben gehörten Worten. Trübsal soll gut für uns sein. Wenn es uns schlecht geht, ist das nur das Beste für uns.
Und in der Lutherbibel ist dieser Abschnitt – eindeutig nachträglich, aber durchaus ins Auge stechend – überschrieben mit „Dank für Gottes Trost in Trübsal“
Da regt sich Widerstand – zumindest bei mir.
Wieso braucht es erst Trübsal, um Gott dankbar zu sein?
Aber wir täten Paulus unrecht, ihn auf diese Worte zu reduzieren. Sein Thema in diesem Abschnitt ist nicht Trübsal, sondern „Trost“.
Ganze zehnmal kommen die Worte „Trost" oder „trösten" in diesen wenigen Zeilen vor. Ein großes Quantum Trost steckt da also drin!

Trost – was ist das?Aber, was ist das eigentlich, Trost? Auch hier gibt Wikipedia, wie nahezu immer, eine Antwort:
„Trost ist zwischenmenschliche Zuwendung an jemanden, der trauert oder anderen seelischen bzw. körperlichen Schmerz zu ertragen hat. Derjenige wird getröstet. Trost kann durch Worte, Gesten und Berührung gespendet werden. Der Schmerz und die Traurigkeit des Getrösteten sollen gelindert werden; er soll spüren, dass er nicht allein gelassen ist; seine seelische Verfassung soll gestärkt werden."(1)

Bei der weiteren Suche im weltweiten Netz stoße ich auf eine Grußkartendruckerei, die für ihre Produkte wirbt, sozusagen für digitale Trostpflaster. „Der Schmerz des Getrösteten kann bestimmt sehr gut durch eine dieser Grußkarten gelindert werden. Damit stärken Sie garantiert die seelische Verfassung des zu Tröstenden..."

Es gibt offenbar einen riesigen Bedarf an Trost in einer Welt, die immer schwieriger, immer komplizierter und – im Gegensatz zum Klima – sozial immer kälter zu werden scheint. Und wo ein Bedarf ist, da kommen dann auch schnell die Anbieter, die diesen Bedarf decken und damit ihr Geld verdienen wollen. Die ausnutzen, dass Trost zu den menschlichen Grundbedürfnissen gehört.

Jesus – solidarisch in der Trübsal und im TrostDas war damals bei Paulus nicht anders als bei uns heute. Wir brauchen Trost im Leiden, um nicht daran zu zerbrechen.
Auch im Kirchenjahr erinnern wir uns mit der Passionszeit an die Leiden Jesu. An einen, der selbst Trost brauchte angesichts des Todes.
Und wir erinnern uns, dass Jesus sich dadurch auch mit allen Leidenden solidarisiert hat. Dass er den Abstieg in die menschlichen Abgründe nicht scheute, sich nicht von uns Menschen ab-, sondern sich uns zuwendet.

Auch daran erinnert uns Paulus in unserem Predigttext heute. „Wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.“
Auch die Gemeinde in Korinth litt. Die Menschen litten an Unfrieden innerhalb der Gemeinde angesichts von theologischen Auseinandersetzungen. Sie litten daran, dass es in der Gemeinde nicht so zuging, wie es sich für Glaubensgeschwister gehört. Und Paulus litt mit ihnen und an ihnen.

Gott als „Gott allen Trostes“ für unsIn diesem Abschnitt, der uns heute als Predigttext gegeben ist, erinnert Paulus die Gemeinde in Korinth, aber auch uns, vor allem daran, wer und was Gott für uns ist und sein will. Ein „Gott allen Trostes“.
Immerhin ist das Thema Trost nicht nur bestimmend für unseren Abschnitt, sondern ein Leitmotiv in der Bibel.
So lesen wir zum Beispiel in Jesaja 40,1 „Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott.“ Diese Worte ruft der sogenannte Deuterojesaja dem Volk Israel angesichts der Verschleppung ins Babylonische Exil zu.
Aber auch in den Psalmen ist Trost so etwas wie ein Leitmotiv. Kaum ein Mensch, der sich nicht von den Worten des 23. Psalms getröstet weiß.
Und die Liste der Bibelstellen ließe sich noch lange fortsetzen.

Beim Nachdenken über den Trost Gottes wird deutlich: Der Trost Gottes hat eine andere Qualität als menschlicher Trost.
Menschlicher Trost ist wichtig. Wir alle brauchen ihn. Aber menschlicher Trost hat seine Grenzen. Weil wir alle selbst trostbedürftig sind. Wir können nicht endlos trösten. Wir können nicht immer trösten. So gerne wir das möchten und so sehr wir uns das wünschen. Doch Gottes Trost ist weitreichender.
Gottes Trost will uns an Leib und Seele umschließen. Das hebräische Wort für Trost ist eng mit dem Wort für Gebärmutter verwandt. Das mag zunächst komisch klingen, ist aber ein durchaus wichtiges Detail beim Nachdenken über Trost.
Die diesjährige Jahreslosung erinnert uns daran. Gott verspricht „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“
Gottes Trost will unser Leben umfassen, so wie die Liebe der Mutter oder des Vaters das Kind umfasst. Der Trost Gottes will uns im Innersten anrühren. Bis ins Herz hinein.
Gottes Trost bewirkt letztendlich Shalom – Frieden an Leib und Seele.

Ob Paulus in seinem Schreiben an die Gemeinde in Korinth an den Vers unserer Jahreslosung dachte?
Das ist durchaus möglich. Als theologisch gebildeter Mann kannte Paulus die hebräische Bibel gut. Und natürlich auch die Geschichte Gottes mit dem Volk Israel, mit seinem Volk. Eine Geschichte der Befreiung, die immer wieder, bis heute, in Lobliedern erinnert und durch die Gott gepriesen wird. Und so kann Paulus, mit Trost vom Himmel getröstet in allem Leiden, den Trost auch auf Erden an die Gemeinde in Korinth – und an uns! – weitergeben.
Wer selbst die Erfahrung gemacht hat, getröstet zu werden, kann meist auch selbst gut trösten, der weiß, was der oder die andere braucht.

Eine Grußkarte aus der Druckerei, die im Internet wirbt, mag beim Trost eines Menschen hilfreich sein und stärkt vielleicht auch „die seelische Verfassung des zu Tröstenden..." Doch das ist und bleibt der vorher erwähnte menschliche Trost, der irgendwann an seine Grenzen kommt.

Loblied auf Gottes Trost – als Quelle des TrostesDoch Paulus erinnert uns vielmehr an die wahre Quelle unseres Trostes, Jesus Christus. Ihn bekennen wir mit Paulus als den Sohn des „Vaters der Barmherzigkeit", und der ist der „Gott allen Trostes". Das ist der Gott, der schon seit Generationen seinem Volk die Treue hält. Der immer wieder tröstet und zum tiefen, inneren Frieden führt.

Doch Paulus bleibt nicht beim Bekenntnis zu dem Gott allen Trostes stehen. Er singt vielmehr ein Loblied auf Gott, der tröstet. So, wie es Menschen vor ihm schon getan haben. Mirjam, die nach der Befreiung aus der Sklaverei ein Loblied anstimmt. Menschen, die in den Psalmen ihre Lebens- und Trosterfahrungen in Worte gefasst haben, die auch für uns heute noch aktuell sind.
Das Volk Israel, nachdem es aus dem Babylonischen Exil wieder nach Israel und Jerusalem zurückkam.

Und wir? Wir werden zweitausend und mehr Jahre nach diesen Ereignissen eingeladen, mit einzustimmen in dieses Loblied auf Gottes Trost. Mitten im Leiden, ja trotz des Leidens und des Elends, das unsere Welt leider immer noch bestimmt.
Wir werden eingeladen, mitten in der Passionszeit, ein wenig von der österlichen Freude zu kosten und darin mit einzustimmen.
Und das ist ein gewaltiges Quantum Trost.
Amen.

Anmerkungen: 1 https://de.wikipedia.org/wiki/Trost am 20.2. 2016.

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