Lätare / 4. Sonntag der Passionszeit (31. März 2019)

Autor/in: Pfarrerin Christiane Wille, Esslingen [christiane.wille@elkw.de]

Johannes 6, 47 -51

IntentionDie Predigt will die Metapher von Jesus als dem Lebensbrot auslegen.
Ausgehend von der grundsätzlichen Erfahrung des gemeinsamen Essens, das trösten und versöhnen kann, werden unterschiedlichen Aspekte des täglichen Brots anhand von Luthers Auslegung der vierten Bitte des Vaterunsers im Kleinen Katechismus entfaltet. Dabei wird das tägliche Brot als Erfahrung materieller und sozialer Zuwendung durchsichtig. Die Pointe des Predigttextes zielt aber über solche Formen der Zuwendungen noch hinaus: In der Selbstbezeichnung Jesu als Lebensbrot wird auch die spirituelle Bedürftigkeit der Menschen ernst genommen. Jesus als das Brot des Lebens gibt nicht etwas, sondern sich selbst. Am Beispiel der Vesperkirchen wird aufgezeigt, wie die unterschiedlichen Aspekte des Sattwerdens – materiell, sozial und spirituell – ineinandergreifen und erfahrbar werden können.


Liebe Gemeinde,
wenn Menschen gemeinsam Brot essen, dann ist das oft mehr als einfach nur Nahrungsaufnahme.
Davon erzählt auch die Geschichte vom alten Bäcker aus der Jakobsstraße in Paris. Ein besonderer Bäcker war das, denn er wusste, dass man Brot nicht nur zum Sattwerden braucht. Er sah den Menschen an, wenn sie was auf dem Herzen hatten und deshalb erzählten die Menschen ihm auch gerne, was sie umtrieb. Da kam eines Tages zum Beispiel der Autobusfahrer Gerard in den Laden.
„Sie sehen bedrückt aus“, sagte der alte Bäcker zum Omnibusfahrer.
„Ich habe Angst um meine kleine Tochter“, antwortete der Busfahrer Gerard. „Sie ist gestern aus dem Fenster gefallen, vom zweiten Stock.“
„Wie alt?“, fragte der alte Bäcker.
„Vier Jahre“, antwortete Gerard.
Da nahm der alte Bäcker ein Stück Brot, das auf dem Ladentisch lag. Brach zwei Bissen ab und gab das eine Stück dem Busfahrer Gerard.
„Essen Sie mit mir“, sagte der alte Bäcker zu Gerard, „ich will an Sie und Ihre kleine Tochter denken.“
Der Busfahrer Gerard hatte so etwas noch nie erlebt, aber er verstand sofort, was der alte Bäcker meinte, als er ihm das Brot in die Hand gab. Und sie aßen beide ihr Brotstück und schwiegen und dachten an das Kind im Krankenhaus.
Andere Menschen betraten den Laden, Und auch ihnen drückte der Bäcker ein Stück Brot in die Hand und lud sie ein, mit ihnen zu essen und an das Kind im Krankenhaus zu denken.
An einem anderen Tag stürmten Vater und Sohn in den Laden, die miteinander in so wüstem Streit lagen, dass der Vater drohte, seinen Sohn mit einer Brechstange zu erschlagen. Auch diese beiden brachte der alte Bäcker mit seinem Brot an einen Tisch. Und ganz ohne Worte, nur beim gemeinsamen Essen konnten die beiden ihren Streit beilegen und zusammen wieder zu ihrer Arbeit zurückkehren.
Die Menschen, die beim alten Bäcker ein Stückchen Brot aßen, die wurden nicht nur körperlich satt. Sie erlebten, dass das gemeinsame Essen versöhnt. Sie erlebten wirkliche Zuwendung, körperlich und seelisch.(1)

Sattwerden (oder: Satt werden?)Auch der heutige Predigttext spricht von Brot, das körperlich und seelisch satt macht.
Ich lese aus dem Johannesevangelium, Kapitel 6, die Verse 47 bis 51:
„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben. Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch – für das Leben der Welt.“

Liebe Gemeinde,
Jesus als Brot des Lebens. Jesus als Brot des Himmels. Jesus als Brot für die Welt.
Die eben gehörten Verse stehen inmitten der sogenannten Brotrede im 6. Kapitel des Johannesevangeliums. Sie beginnt mit einem Wunder: Eine große Menschenmenge kommt zu Jesus, um ihn zu hören. Fünftausend – so wird erzählt. Diese Menschenmenge macht Jesus satt, mit ein paar Broten und ein bisschen Fisch.
Aber welches Hungergefühl hat Jesus eigentlich gesättigt? Warum geht es den Menschen mit dem, was sie von Jesus bekommen, so gut, dass sie sich satt fühlen?
Dass sie einen vollen Magen haben. Das meinen vermutlich die Menschen, die bei der wunderbaren Speisung dabei waren. Dieses gute Gefühl im Magen wünschen sie sich jeden Tag.

Das tägliche BrotJeden Tag ausreichend Brot essen. Das ist ein legitimes Anliegen. Damals wie heute. „Brot für die Welt“ ist eine Forderung, die immer noch gilt. Dass Menschen hungern, schreit zum Himmel, schon damals. Vor allem aber heute in einer Zeit, in der es ausreichend Brot gibt auf der Welt. In unserem Land landen pro Jahr 500.000 Tonnen Brot auf der Müllhalde. An anderen Orten der Welt hungern 821 Millionen Menschen Und jedes Jahr sterben etwa 9 Millionen Menschen an Unterernährung. Das in einer Zeit, in der es ausreichend zu essen gibt. Es muss nur gerecht verteilt werden.
„Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“, sagt das Sprichwort. Ohne Essen und Trinken geht es jedenfalls nicht.
Aber ist mit Essen und Trinken unser Hunger wirklich gestillt? Unser Lebenshunger?
In seinem „Kleinen Katechismus“ erklärt Martin Luther die verschiedenen Bitten des Vaterunsers. Über die vierte Bitte schreibt er:
„Was heißt denn tägliches Brot?
Alles, was Not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“
Es ist nicht nur das Brot. Es ist alles, was wir zum Leben brauchen: eine funktionierende Zivilgesellschaft, Medizin, Bildung, finanzielle Unabhängigkeit, ein Beruf. Möglichkeit der Teilhabe am Leben und zwar nicht nur am biologischen, sondern auch am sozialen. Materielle und daneben auch soziale Zuwendungen brauchen wir.
Das alles gehört dazu, wenn wir im Vaterunser um unser tägliches Brot bitten.

Der Mensch lebt nicht vom Brot alleinAber das tägliche Brot ist nicht alles.
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht“ (Mt 4,4). Diesen Satz spricht Jesus im Matthäusevangelium im vierten Kapitel. Jesus antwortet da auf den Rat des Versuchers, er solle Steine in Brot verwandeln und damit unter Beweis stellen, dass er tatsächlich der Sohn Gottes ist. Vierzig Tage schon fastet Jesus in der Wüste. Wie nahe liegt da die Versuchung, das Brot höher zu schätzen als das Wort Gottes. Aber: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Dieser Satz macht deutlich: Die Sorge ums Alltägliche, um das, was zum Leben nötig ist, ist nicht alles. Die Sorge ums Alltägliche spiegelt uns vor, die Befriedigung der leiblichen Bedürfnisse könne auch unseren Lebenshunger, unsere Hoffnungen und unsere Sehnsüchte stillen. Aber das, sagt Jesus, das vermag nur das Vertrauen auf Gottes Wort.
Im Johannesevangelium sagt Jesus nun: „Ich bin das Brot des Lebens.“ Er sagt sogar: „Ich bin das Brot des ewigen Lebens.“
Jesus ist das Lebensbrot. Das ist eine Form der Zuwendung, die über alle materielle und auch soziale Zuwendung hinausgeht.
Jesus gibt nicht etwas – nicht ein Stückchen Brot, auch nicht Bildung und medizinische Versorgung, auch wenn das alles so nötig ist.
Jesus gibt nicht etwas, sondern sich selbst. Er ist das Brot. Jesus stillt meinen Lebenshunger. Meinen Hunger nach Anerkennung, meinen Hunger nach Gemeinschaft, meinen Hunger nach körperlicher und seelischer Heilung, meinen Hunger nach Liebe. Und zwar nicht für eine Weile, sondern bleibend. Und auch über den Tod hinaus – das ist die Verheißung.
Wo ist das erlebbar? Im Glauben – so lautet die Antwort des Johannesevangeliums. Im Vertrauen auf den, der von sich sagt: „Ich bin das Brot des Lebens.“ In der Erfahrung, von Gott gehalten und bewahrt zu werden.

Körperlich und seelisch satt werden – Vesperkirchen als BeispielSeit November und noch bis in den April hinein haben auch in dieser Saison wieder zahlreiche Vesperkirchen geöffnet. In Württemberg sind es dieses Mal mehr als 33. Über mehrere Wochen verwandeln sich Kirchen in Speiselokale und Cafés, in Beratungszentren, manchmal auch in Arzt- oder Tierarztpraxen, in Frisörsalons oder in Theater- und Konzertsäle.
Die Vesperkirchen machen deutlich, dass sich immer weniger Menschen eine warme Mahlzeit leisten können. Dennoch verstehen sich die Vesperkirchen nicht in erster Linie als Armutsprojekt. Sie sind vielmehr ein Begegnungsprojekt von ganz unterschiedlichen Menschen: arm oder gut situiert, einsam oder mit Familie, mit oder ohne Arbeit oder Wohnung, jung oder alt. Menschen, die sonst nichts voneinander mitbekommen. Menschen, die in der gleichen Stadt ganz unterschiedliche Leben führen. Normalerweise begegnen sie sich nicht. Jetzt sitzen hier an einem Tisch, essen gemeinsam, kommen miteinander ins Gespräch.
Dementsprechend heißt das Motto der Vesperkirche auch: „Sattwerden an Leib und Seele“. Materiale Zuwendung durch Essen und Trinken: die Sättigung des Leibes. Und persönliche Zuwendung: in der Begegnung, durch Interesse, durch ein freundliches Wort.
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.
Deshalb sind Vesperkirchen immer auch ein spirituelles Angebot. Mit der Möglichkeit zum seelsorgerlichen Gespräch, mit einem Angebot von besonderen Gottesdiensten und Andachten. Räume, in denen die Zuwendung Gottes erlebt werden kann und in denen dann vielleicht auch Vertrauen wächst in den, der von sich sagt: „Ich bin das Brot des Lebens.“
Amen.

Anmerkung:
1 Die Geschichte ist zum Teil frei erzählt nach Heinrich A. Mertens, Brot in deiner Hand, in: Man lebt nur mit dem Herzen gut, hrsg. von Angelika Büchelin, Eschbach 2009.

Wichtige Anregungen für diese Predigt sind entnommen aus:
Christoph Doll, Gottes Zuwendung ist Lebensbrot, Predigtmeditation zu Joh 6,47-51, in: a+b 73 (2019), Heft 4, 3-9; Karl Friedrich Ulrichs, Brot und Leben, Predigtmeditation zu Joh 6,47-51, in: Göttinger Predigtmeditationen 73 (2019), Heft 2, 198-202.

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