Miserikordias Domini (15. April 2018)

Autorin / Autor: Studienleiter Dr. Michael Gese, Stuttgart [michael.gese@elk-wue.de ]

1. Petrus 5, 1 -4

Liebe Gemeinde,
Seminare für Führungskräfte stehen heute hoch im Kurs. Wer für andere Menschen Verantwortung übernehmen will, muss solche Fortbildungen besuchen. Sie sind der Türöffner für Karriere und beruflichen Erfolg. Ob in den Unternehmen der Wirtschaft oder in der Gesellschaft oder in der Politik, überall ist Führungsverantwortung gefragt. Die Themen klingen vielversprechend: Managementtraining, persönliches Coaching, wirkungsvolle Kooperation, Tools und Techniken der Kommunikation. Solche Seminare sind begehrt und sie kosten auch entsprechend. Es geht um Effizienz, Leistungsorientierung und Erfolg.

Manager im KlosterGanz erstaunt war ich, als ich vor einigen Jahren erfuhr, dass immer mehr Manager aus den Führungsetagen großer Unternehmen nicht nur solche Kurse besuchen, sondern für einige Tage ins Kloster gehen. Sie wollen dort erfahren, was christliche Menschenführung ausmacht. Das machte mich hellhörig. Was ist daran so attraktiv, dass diese Manager die Polstersessel der Vorstandsbüros für einige Tage mit einer kargen Klosterzelle vertauschen? Beim genaueren Hinsehen merkte ich, dass schon die Bibel wertvolle Hinweise enthält, Menschen in guter Weise zu leiten und zu führen. Und dass die Worte der Bibel auch für moderne Führungsstrukturen Wertvolles zu sagen haben – nur nicht in der gestylten Sprache von Führungsseminaren.

Der PredigttextAuch im Predigttext für den heutigen Sonntag geht es um Führungsverantwortung. So heißt es im 1. Petrus 5,1-4:

"Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll:
Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist, und achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt, nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund,
nicht als solche, die über die Gemeinden herrschen, sondern als Vorbilder der Herde.
So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen."

Auf AugenhöheHier spricht einer nicht von oben herab. Er redet zu den Ältesten, also zu den Gemeindeleitern – zum Kirchengemeinderat, könnte man heute sagen. Er spricht als Mitältester, auf gleicher Ebene also. Er spricht aus seiner ihm gegebenen Verantwortung heraus. Keine Einbildung oder Hochnäsigkeit, die sich selbst für etwas Besseres hält, sondern ein tiefes, ehrliches, seelsorgerliches Anliegen ist da zu spüren: „Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie.“ Die Gemeinde ist die Herde Gottes. Ihm gehört sie, euch ist sie anbefohlen. Das ist die Grundlage für Verantwortung. Sorgfältiges Achten und Wahrnehmen steht darum an erster Stelle: Was braucht es in dieser Gemeinde, was ist gut für sie?

Drei LeitlinienUnd dann kommen drei Gegenüberstellungen, die wahres Leiten und Führen charakterisieren:
- nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt;
- nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund;
- nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde.

Freiwillig – wie es Gott gefällt, das ist das Eine: Nach sorgfältiger eigener Prüfung, in Verantwortung vor Gott diese Aufgabe antreten.
Nicht um Gewinnes willen, sondern aus Herzensgrund, das ist das andere. Weil es ein Herzensanliegen sein muss, für die anvertrauten Menschen da zu sein. Wie leicht können hohe Gehälter und Bonuszahlungen Menschen davon abbringen.
Nicht als Herren, sondern als Vorbilder, das ist das Dritte. Und gerade dieser dritte Punkt hat mich in besonderer Weise angesprochen:

Vorbild seinVorbild sein – das ist ein hoher Anspruch und zugleich eine Stolperfalle. Denn wie kann man Vorbild sein, wenn man doch selber um seine Grenzen weiß! In unserer Gesellschaft werden Menschen oft als Vorbilder ausgerufen, zu Idolen hochstilisiert. Manche Politiker wurden wie Heilsbringer gefeiert. Doch wie schnell haben sich Glanz und Glamour abgenutzt. Dann werden sie fallen gelassen und im Staub zertreten. Beispiele aus Politik und aus dem Showbusiness gibt es genug – ihre Namen brauche ich nicht zu wiederholen.

Aber woran liegt das? Warum sind Vorbilder so schnell abgenutzt? Ich glaube, es liegt daran, dass in ein Vorbild sofort alle Vorstellungen eines perfekten und vollkommenen Menschen hineinprojiziert werden. Das Vorbild wird mit Ansprüchen überladen, es wird zu einem Ideal hochstilisiert. Kein Mensch kann dem gerecht werden.

Eine VorbildgeschichteVorhin haben wir als Evangelium eine ganz andere Vorbildgeschichte gehört: Wie Jesus vor Petrus steht und ihn zum Hirten beruft. „Weide meine Schafe“, sagt Jesus zu ihm. Und ich stelle mir vor, wie Petrus plötzlich Herzklopfen bekommt. Und wie er einen Kloß im Hals hat, weil er weiß, wie wenig er zum Vorbild taugt.

Petrus schießt es durch den Kopf, wie er damals so gerne Vorbild hätte sein wollen, und wie er daran kläglich gescheitert war. Damals, als Jesus ihm schon angekündigt hatte: „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Petrus hatte das weit von sich gewiesen und seinem Herrn hoch und heilig versprochen: „Und wenn ich mit dir sterben müsste, will ich dich nicht verleugnen“ (Mt 26,35). Aber wenige Stunden später schon war alles anders. Jesus war gefangen genommen worden. Petrus wollte draußen vor dem Gerichtsgebäude den Prozess verfolgen. Da wird er von einer Magd erkannt. Und plötzlich leugnet er und schwört: „Ich kenne diesen Menschen nicht!“ Mehrfach beteuert er das. Beim dritten Mal krähte der Hahn. Petrus ging weg und weinte bitterlich. Vorbild wollte er sein und war daran kläglich gescheitert.

Doch genau diesen Petrus beruft Jesus nun nach der Auferstehung: „Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?“ Dreimal fragt er ihn. Und dreimal antwortet Petrus ihm: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.“ Und dreimal gibt Jesus ihm den Auftrag: „Weide meine Schafe!“ (Joh 21,15ff).

Eindrücklicher könnte es nicht gesagt sein, dass Jesus gerade den beruft, der eigentlich versagt hat. Gerade ihn macht er zum Hirten über seine Herde. Nicht der perfekte, der vollkommene Mensch ist das Vorbild, sondern der, der um seine Grenzen weiß, der seine Hilflosigkeit kennt und der darum ganz aus der Angewiesenheit auf Gott lebt: „Ja, Herr, du weißt alle Dinge. Du weißt, dass ich dich lieb habe!“

Als Vorbild um die eigenen Grenzen wissenVorbild sein. Das heißt nicht: Besser sein wollen als die anderen – das wollte Petrus vor seiner Verleugnung. Vorbild sein heißt vielmehr: um die eigenen Grenzen wissen und aus dem Vertrauen auf Gott leben – das ist Petrus, wie er dem Auferstandenen begegnet. So sollen wir alle als Vorbilder leben in dem Wissen, wie sehr wir der Fürsorge des Guten Hirten bedürfen. Petrus hatte begriffen, was es in Wahrheit heißt, Vorbild zu sein.

Und gerade darum ist es kein Zufall, dass diese Worte im 1. Petrusbrief stehen und sich der Autor als „Mitältester“ bezeichnet. Ganz ohne Standesdünkel beschreibt er, was wirkliches Vorbild heißt: „Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde.“

Abbas Menas – der KlostervorsteherEine uralte Ikone aus Ägypten beeindruckt mich. (https://de.wikipedia.org/wiki/Christus_und_Abbas_Menas)
Sie zeigt, was Vorbild bedeutet. Vor dem dunklen Hintergrund heben sich zwei Personen ab: Christus ist rechts im Bild und neben ihm Abbas Menas, der Klostervorsteher. So stehen sie nebeneinander – auf gleicher Augenhöhe. Jesus hält in der linken Hand das kostbare Evangelienbuch. Seine Rechte hat er liebevoll auf die Schulter des Menas gelegt. So stehen sie nicht nur nebeneinander, sondern sind miteinander verbunden. Und wer genau schaut, der sieht, dass Menas seine rechte Hand zum Segen erhebt. Er kann es, weil Jesus ihm die Hand auf die Schulter gelegt hat. So fließt der Segen Jesu durch ihn auf die Gemeinde.

Eine tiefe Wahrheit bringt diese Ikone zum Ausdruck. Kein Mensch könnte Vorbild sein, kein Mensch könnte zum Segen wirken, wenn nicht Christus neben ihm stünde und ihm die Hand auf die Schulter gelegt hätte. Und kein Gottesdienst könnte gefeiert werden, kein Segen zugesprochen werden, wenn nicht Christus gegenwärtig wäre und den Segen schenkt.

Wir alle sind VorbildDas heißt Vorbild sein für uns alle – egal, welche Aufgabe wir übernommen haben und wer wir sind in der Gemeinde. Dass wir im Auftrag Jesu handeln: „Weide meine Schafe“ – dass wir dabei um die eigenen Grenzen wissen. Und dass wir darauf vertrauen, dass Jesus neben uns steht und uns die Kraft dazu gibt.
Jesus und Abbas Menas, der Klostervorsteher. Die Ikone zeugt von einem Führungsseminar der besonderen Art. Jesus Christus ist der Erzhirte, er schenkt die Kraft zum Führen und Leiten. Er will nicht nur unser Vorbild sein. Er will durch uns hindurch wirken, will stärken, trösten und leiten.
Amen.

Lied: 391,1-4 Jesu geh voran

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