Neujahrstag (01. Januar 2016)

Autorin / Autor: Pfarrer Markus Lautenschlager, Nürtingen [MarkusLautenschlager@gmx.de]

Jakobus 4, 13 -15 ; 4, 16-17

Liebe Gemeinde,
bereits an Neujahr ist er nicht mehr neu, sondern gebraucht: unser Terminkalender für 2016. Sei es, dass wir ihn im Kopf, auf Papier oder mit Outlook und auf dem Smartphone führen: an Einträgen herrscht kein Mangel. Geburtstage der Kinder und Enkel, der Hochzeitstag, der Todestag geliebter Menschen, Meetings, Geschäftsreisen, Fortbildungen, Urlaubszeiten, Sitzungen (für die Treuen in unseren Kirchengemeinden oft in großer Zahl) und mit der steigenden Zahl der Jahre ebenfalls zunehmend die Termine bei der Ärztin, dem Physiotherapeuten, die lange geplante Kur, die unumgängliche Operation im Krankenhaus.
Das neue Jahr ist „gebraucht“, bevor es begonnen hat. Und das Karussell der Verpflichtungen scheint sich immer schneller zu drehen, die Mußezeiten verschwinden. Liegt es nur daran, dass wir selber auch wieder ein Jahr älter wurden? Oder können auch wir uns dem Griff der gesellschaftlichen Beschleunigung, weltweiten Vernetzung, dem Konkurrenzdruck und dem Zwang zu unendlichem Wachstum und permanenter Optimierung schlicht nicht entziehen?
Wie fern und abständig erscheint uns da oft die biblische Welt. Ein freundlicher, fast wehmütiger Gruß aus einer anderen, weniger hektischen Welt. Umso erstaunlicher, dass bereits der Jakobusbrief Menschen mit vollem Terminkalender kennt; sie planen ein Jahr im Voraus: „Ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen.“ Und er kennt, ein Kapitalismuskritiker lange vor Karl Marx, das Motiv für das rastlose Streben: Wir wollen „Handel treiben und Gewinn machen“.

WeisheitUnd dann trifft der Jakobusbrief eine Entscheidung: Das Führen des Terminkalenders, die Planung der Zukunft, ist eine Frage der Weisheit. Die prophetische Kritik droht: „Gottes Gericht wird euch Kapitalisten alle vernichten.“ Die Apokalyptik macht Angst: „Diese Weltzeit wird als Ganze vergehen. Wo wirst Du die Ewigkeit verbringen?“ Die Weisheit argumentiert. Sie setzt voraus, dass auch der Gesprächspartner Sehnsucht nach einem guten, einem gelingenden Leben hat. Und sie möchte ihm dabei helfen.
Heute verhandeln wir das in der Ratgeberliteratur. Motivationstrainer schreiben Bücher mit dem Titel „Der perfekte Tag“. In der Antike war das perfekte Leben Thema der Weisheit, und zwar international, die Grenzen von Sprachen und Religionen übergreifend. Weise wollten sie alle sein, Juden wie Griechen, fromme Beter wie gottlose Spötter, Philosophen (die – wörtlich übersetzt – Liebhaber der Weisheit) wie die Rabbinen. Über die Grenzen von Religionen und Kulturen hinweg verbindet die Suche nach der Weisheit – in wechselseitigem Austausch, Anregung, Übernahme, aber auch dem edlen Wettstreit um die beste Lösung.
Dem Weisen allein, so lernten es die Schüler bei den Stoikern, sind alle Dinge zugänglich. Er macht alles gut. Er allein ist glücklich.
Und in den Sprüchen Salomos lesen wir: „Die Weisheit steht auf den Gassen und an den Kreuzungen der Straßen. Sie ruft: O, ihr Männer, euch rufe ich! Denn Weisheit ist besser als Perlen; und alles, was man sich sonst wünschen mag, kann ihr nicht gleichen“ (Sprüche Salomos 8, 2.4.11).
Und nun eben auch wir Christen. „Wer ist weise und klug unter euch?“ (Jakobus 3,13). Was ist weise im Blick auf das Führen des Terminkalenders? Wie planen wir klug unsere Zukunft?

„Rühme dich nicht des morgigen Tages; denn du weißt nicht, was der Tag bringt“
(Sprüche 27,1)
Es ist eine Binsenweisheit und doch wert, in Erinnerung gerufen zu werden: „Ihr wisst nicht, was morgen sein wird.“ Bei allem Planen, Organisieren und Absichern wird die Zukunft (zumindest auch) unverfügbar sein. Klug ist, wer mit dem Unverfügbaren rechnet. Das heißt zuerst einmal ganz schlicht: Wenn es anders kommt als geplant, ist das keine Katastrophe, sondern normal. So ist die Welt eingerichtet. Kein Grund, sich aufzuregen oder die Lust an der Arbeit oder die Liebe zu anderen Menschen zu verlieren. Weise ist, das nicht nur allgemein im Blick auf andere zu akzeptieren, sondern auch dann, wenn es einem selber passiert: „Wenn zum Beispiel der junge Sklave eines anderen dessen Trinkbecher zerbricht, dann ist man sogleich bereit zu sagen: ‚So etwas kann passieren.‘ Wisse nun: Wenn dein eigener Trinkbecher zerbricht, so musst du die gleiche Einstellung haben wie damals, als der Becher des anderen zerbrach“ (Epiktet, Handbüchlein der Moral, Nr. 26).
Für das Führen des Terminkalenders könnte das heißen: Wir lassen uns vom biblischen Sabbatprinzip inspirieren. Sechs Tage Arbeit, ein Tag Ruhe. Verplane sechs Siebtel deiner Zeit und reserviere ein Siebtel für Unvorhergesehenes: zehn Minuten von jeder Stunde, eine Stunde von jedem Arbeitstag, ein Tag in jeder Woche sollen frei bleiben von geplanten Verpflichtungen. Und vielleicht schaffen wir ja auch einmal im Leben ein Sabbatjahr. Nach 3. Mose 25 soll jedes fünfzigste Jahr ein Erlassjahr sein, ein Jahr der Befreiung für alle im Land von den Zwängen, die sich in den vorangegangenen Jahren aufgebaut haben.

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ (Psalm 90,12)Menschliches Leben ist befristet. Es wird enden. „Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr (wörtlich sogar nur „Dampf“ – die kleine Wolke, die beim Ausatmen in der Kälte für kurze Zeit vor dem Mund sichtbar wird), der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.“ Das weiß jeder – und weicht doch so gerne aus. „Heute starb der Ferdinand / morgen stirbt Klaus Peter / übermorgen trifft es Max / nur ich sterbe später“ reimt Robert Gernhardt (Hier spricht der Dichter, S. 121). Auch hier gilt also: Was im Allgemeinen keiner bestreiten würde, realisiert, wer weise ist, auch für sich. Meine eigene Lebenszeit ist befristet und damit knapp. Und was knapp ist, ist kostbar. Weise ist, dass ich die geschenkte Zeit dankbar und sorgfältig nutze. Jakobus meint: Fülle dein endliches Leben mit Gutem und mit Güte, sonst verfehlst du deine göttliche Bestimmung: „Wer nun weiß, Gutes zu tun, und tut’s nicht, dem ist’s Sünde.“
Jesus sagt: „Sammelt euch Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“ (Matthäus 6,20f).
Jeder Tag, jede Stunde des neuen Jahres ist ein Geschenk Gottes, um Schätze im Himmel zu sammeln: leuchtende Kinderaugen, ein dankbarer Händedruck, gewissenhafte Erfüllung der Pflicht und das Nutzen der Spielräume zugunsten der Menschlichkeit, in der Geduld im Leiden.

„Wenn der Herr will, werden wir sowohl leben als auch dieses oder jenes tun“
(Jakobus 4,15 Elberfelder-Bibel)
„S.c.J.“ konnte man früher unter Briefen als deren Abschluss lesen. Das ist die Abkürzung für die sprichwörtlich gewordene Redewendung „sub conditio Jacobaea“, unter der Bedingung, unter dem Vorbehalt des Jakobus. Gemeint ist eben jener Vers „Wenn der Herr will, werden wir sowohl leben als auch dieses oder jenes tun.“ Die Unverfügbarkeit der Zukunft und die Endlichkeit des eigenen Lebens gewinnen hier eine besondere Färbung. Nicht ein blindes Schicksal teilt mir den morgigen Tag und das Ende meines Lebens zu, sondern der Herr. Aus seiner Hand nehme ich Tag um Tag. Jeder Tag, der kommen wird, ist sein Geschenk. Dass ich lebe, verdanke ich seiner Treue. Er will, dass ich lebe. Heute möchte er mein Herz erfüllen mit seiner Gnade. Er will, dass ich selig werde. Heute bin ich in seinem Namen und Auftrag unterwegs. Er will, dass seine Güte durch mich Gestalt gewinnt.
Und das wäre ja nun ein ganz praktischer Ratschlag für das Führen unseres Terminkalenders und unsere Zukunftsplanungen: Ich setze zu jedem Eintrag jene drei Buchstaben „S.c.J.“ hinzu: Sub conditione Jacobaea – Wenn Gott will, werde ich leben und diesen Termin wahrnehmen: die Geburtstagseinladung, den Hochzeitstag und den Todestag, die Geschäftsreise, die Sitzung und den Arzttermin. Und ich bin gespannt darauf, darin meinem Herrn zu begegnen, seine Gegenwart, seine Güte und seinen Auftrag darin zu entdecken. Denn sowohl unsere ganze Existenz als auch alle unsere Pläne liegen in seiner Hand.
Und dann möchte sich ereignen, dass meine Seele Luft zum Atmen, mein Geist Freiheit zum Denken, meine Hände Kraft zum Tun bekommen. Und dass das Jahr des Herrn 2016 kein „gebrauchtes“, sondern in jedem seiner Tage ein funkelnagelneues wird:
„All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und große Treu; sie hat kein End den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag“ (EG 440,1).
Amen.

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