Neujahrstag (01. Januar 2017)

Autor/in: Prälatin Gabriele Wulz, Ulm [praelatur.ulm@elk-wue.de]

Johannes 14, 1 -6

Das Neue JahrAm ersten Morgen im neuen Jahr ein Wort des Abschieds.
Dabei schlagen wir heute – zumindest gefühlt – ein neues Kapitel im eigenen Lebensbuch auf. Alles um uns herum ist auf Anfang gestellt.
So scheint der Predigttext für den Neujahrstag zunächst gar nicht zu passen und ist uns dennoch so viel näher, als wir das auf den ersten Blick vermuten. Aus dem 14. Kapitel des Johannesevangeliums lese ich die Verse 1 bis 6 als Predigttext für den Neujahrstag:
„Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!
In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. Wenn`s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?
Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.
Und wo ich hingehe, den Weg wisst ihr.
Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?
Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“

Am ÜbergangDas Abschiedswort Jesu vom Weg und der Wahrheit und des Lebens begleitet uns ins Neue Jahr.
Auch wenn wir den Weg noch nicht wissen, noch keine Ahnung haben, was das Neue Jahr uns bringen wird, so sollen wir doch wissen: Jesus ist Weg und Wahrheit und Leben.
An der Schwelle, am Übergang sind diese Worte gesagt. Damals, wie heute. Und so können die Worte Jesu damals wie heute zum Trost werden für eine angefochtene und verängstigte Gemeinde. Für Menschen, die nicht wissen, wohin sie gehen sollen, die den Weg nicht kennen und die sich vor so vielem fürchten.

Der Abschied JesuJesus geht weg. Das steht fest.
Sein Weg führt nach Jerusalem. In den Tod. Und alle werden ihn verraten. Auch Petrus.
Das ist die äußere Seite der Geschichte. Das, was wir immer schon wissen.
Alle aber, die Augen haben zu sehen und ein Herz, das verständig ist, die sehen mehr. Die erkennen, dass der Weg, den Jesus geht, zum Vater führt und zu den Wohnungen, die Jesus denen bereitet, die ihm folgen.

Jesus geht weg.
Seine Gemeinde wird ihn über kurz oder lang nicht mehr von Angesicht zu Angesicht sehen. Damit bricht weg, was fester Anker des Glaubens und der Gewissheit der Gemeinde gewesen ist. Was sich dann ausbreitet, ist Leere. Eine Lücke, die nicht zu schließen ist. „Ihr werdet traurig sein“, sagt Jesus an anderer Stelle. Und die „kleine Weile“ wird den Verzweifelten wie eine Ewigkeit erscheinen.

Von dieser Dramatik des Abschieds, liebe Gemeinde, lebt das Gespräch Jesu mit seinen Jüngern. Von dieser Verzweiflung, von dieser Ratlosigkeit ist ihr Fragen geprägt. Das dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, vor allem aber nicht klein reden. Auch wenn wir uns über die Jahrtausende an die Leerstelle gewöhnt haben und uns trösten, dass auch die selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
Aber einfach ist das alles nicht.
Gegenüber den Spöttern hätten wir gerne etwas vorzuweisen. Etwas zu zeigen. Etwas, das ihren Spott und ihre Häme verstummen ließe.

Aber nun leben wir in der Situation, dass Jesus nicht da ist. Dass wir von ihm nur reden, nur erzählen können. Kein Wunder, dass uns manchmal das Herz schwer wird und der Verstand sich verwirrt und verknotet und die Wege unklar werden.
Kein Wunder, dass wir in Anfechtung geraten. Und nur zu verständlich, dass uns Thomas, der Zweifler, in besonderer Weise nahe ist. Er, der Unsichere, der, der sich nicht mit Behauptungen abspeisen lässt, sondern nachhakt und nachfragt: „Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?“

Jesus – der Weg, die Wahrheit und das Leben!Die Antwort Jesu auf diesen Einwand ist eindrucksvoll. Sie hat Geschichte gemacht und Geschichte geschrieben. Nicht immer zum Guten. Oft auch triumphalistisch und so, dass andere buchstäblich keine Luft mehr zum Atmen fanden.
„Ich bin der Weg“, sagt Jesus zu Thomas, dem Zweifler, „ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“

Zuallererst, liebe Gemeinde, ist das Trost und Vergewisserung der Gemeinde. Auch wenn die Gemeinde nicht weiß, wie es weitergehen soll, so soll sie doch wissen, dass sie den Weg nicht erst suchen oder erfinden muss. Der Weg ist schon da. Der Weg ist Jesus selbst. Wer diesen Weg gesucht und gefunden hat, der ist schon am Ziel, der ist schon angekommen.
Wer Jesus kennt, wer ihm folgt, wer ihn liebt, der wird in den Schrecken der Welt nicht verloren gehen, sondern zum Vater finden. Denn Jesus ist Wahrheit und Leben. Und wer ihn sieht, der sieht Gott.
Jesus ist also der, der die unendliche Distanz zwischen uns Menschen und Gott aufhebt. Er ist der, der uns heimbringt zum Vater. In die „Wohnungen“, die er für uns bereitet hat.
Auf diese Weise ist Jesus Weg. Und deshalb ist Jesus Weg und Ziel in einem. Wer mit Jesus geht, erlebt auf diesem Weg Vollendung und gewinnt alles. Das ganze Leben. Gewinnt alles, was er an Erkenntnis, an Liebe und Leben für ein Leben braucht.

Zweifel, auch Glaubenszweifel, sind nicht mehr nötig. Irrtum ist ausgeschlossen. Wir müssen uns nicht länger mit abstrakten, quälenden Fragen herumschlagen, wer Gott ist und was er wohl mit uns im Sinn hat.
Gott ist, wenn wir dem biblischen Zeugnis Glauben schenken, keine abstrakte Größe, kein letzter Urgrund, kein zeitloses Schicksal. Nein – hier in Jesus ist er da, gegenwärtig. An diesem Menschen sollen wir Gott erkennen. In ihm sollen wir Gott lieben.

Aber gibt es nicht auch andere Wege zu Gott?
Philippus fordert das im nächsten Gesprächsgang und spricht damit vielen Zeitgenossen aus der Seele. Nur ein Weg zu Gott? So absolut? So intolerant?
Philippus sagt deshalb: „Herr, zeige uns den Vater. Das genügt uns.“ Mehr braucht es für Philippus nicht. Es reicht ihm, Jesus als Lehrer zu haben. Als einen, der ihm etwas beibringt. Den Rest wird er dann schon alleine hinkriegen.
Aber Jesus ist mehr als ein Lehrer. In ihm ist Gott selbst. In ihm ist das Leben und die Wahrheit.
Und damit ist ein Anspruch erhoben, neben dem es keine anderen Ansprüche geben kann. Es ist eine einzige großartige Einladung. Ein Angebot. Eine Eröffnung, die den Verwirrten und Verstörten Perspektiven und Horizonte neu schenkt.
Als Waffe eingesetzt gegen andere ist Jesus absolut nicht tauglich. Das widerspricht ihm und seinem Leben, seiner Lebenshingabe total.
Und wir waren und sind als Christenmenschen auf dem Holzweg, wenn wir dieses Jesuswort so hörten und gegen andere verwendeten.
Da machten wir ihn, der Leben spendende Wahrheit ist, zum Instrument unserer Ansprüche. Zum Mittel unserer Selbstbehauptung und zum Beweis für unsere Wahrheit und Überlegenheit.

Jesu Wahrheit aber ist eine andere.
Nicht behauptete Wahrheit, sondern Lebenshingabe. Stellvertretendes Eintreten für die Welt, damit die Welt nicht verloren geht.
Jesus ist in die Welt gekommen, um die Welt zu retten. Und jeder, der dieses Angebot, diese Einladung hört und sich davon beschenken lässt, wird die Wahrheit erfahren. Jeder auf seine Weise.

Bei Gott gibt es viele Wohnungen!Von Jesus selbst hören wir, dass es bei Gott viele Wohnungen gibt. Das heißt: unterschiedlichste Arten und Weisen des Heimisch-Werdens.
Der ewigreiche Gott kann und will uns in unserer Verschiedenheit und Unterschiedlichkeit haben.
Das ist Ansporn für uns, Unterschiedlichkeit auszuhalten und Unterschiede, Verschiedenheit zuzulassen. Keine schlechte Voraussetzung, um das Reformationsgedenken zu begehen. 500 Jahre Thesenanschlag in Wittenberg sind nicht Grund, sich selbst zu feiern, sondern auf Christus zu verweisen.
Auf Ihn, den Weg, die Wahrheit und das Leben.

Der Weg, den Jesus mit uns im Neuen Jahr zu gehen vorhat, ist und bleibt in jeder Hinsicht offen für den Nächsten, offen für Gott und offen für das Ziel, das am Ende steht.
Mit Rechthaberei ist auf diesem Weg und mit dieser Wahrheit nicht viel anzufangen.
Wer mit Jesus unterwegs ist, bleibt im Gespräch und bleibt in Beziehungen lebendig. So anstrengend das manchmal auch sein mag, so herausfordernd sich das auch im Einzelnen gestalten mag.
Aber der Weg, den Jesus selbst gegangen ist, den er für uns voraus gegangen ist, war auch kein leichter, kein angenehmer Weg.

Was kommt also auf uns zu?
Der Weg, auf dem wir uns verändern. Die Wahrheit, durch die wir frei werden. Das Leben, das in Beziehungen lebendig ist.
Und vor allem das Wissen: Bei Gott sind viele Wohnungen, viele Behausungen, viele Orte für ganz unterschiedliche Menschenkinder. Er wird am Ende meines Weges auch Wohnung für mich haben und für all die anderen, die mit auf dem Weg sind.

Das Neue JahrSo gerüstet können wir das Neue Jahr getrost beginnen. Ein Neues Jahr mit seinen neuen Aufgaben, seinen Schrecken und seinen großen Freuden, die in Gottes Hand beschlossen sind.
Denn auch für dieses Jahr, anno Domini 2017, gilt: „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“
Amen.

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