Neujahrstag (01. Januar 2019)

Autorin / Autor:
Pfarrer Dr. Michael Volkmann, Bad Boll [michael.volkmann@elk-wue.de]

Josua 1, 1-9

Intention:Der Neujahrstag ist der Tag der Beschneidung Jesu. Der griechische Name Jesus kommt vom hebräischen Jehoschua, kurz Jeschua. Beide Namen bedeuten: Gott hilft, rettet, befreit. Josua, der das Volk Israel in das von Gott gegebene Land führen soll, wird von Gott gestärkt, ermutigt und an die Tora gewiesen. Jesus bekommt seinen Namen auf Geheiß des Engels Gabriel und wird beschnitten – mit Worten des Paulus aus Galater 4,4 „unter die Tora getan“ –, um Licht zu sein zu erleuchten die Völker und zum Preis des Gottesvolkes Israel. Zwei Geschichten, zwei Hauptpersonen, ein Ziel: Hilfe, Rettung, Befreiung.

Liebe Gemeinde!
Ein neues Jahr liegt vor uns wie ein offenes Land. Wohin werde ich meine Schritte lenken? Wer wird mich leiten, begleiten? Unser heutiger Predigttext, der aus zwei unterschiedlichen Bibelteilen besteht, kann uns darauf eine Antwort geben.

Lukas 2,21:

"Und als acht Tage um waren und er beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus, welcher genannt war von dem Engel, ehe er im Mutterleib empfangen war."

Josua 1,1-9:

"Nachdem Mose, der Knecht des HERRN, gestorben war, sprach der HERR zu Josua, dem Sohn Nuns, Moses Diener:
Mein Knecht Mose ist gestorben; so mach dich nun auf und zieh über den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, gebe.
Jede Stätte, auf die eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich Mose zugesagt habe.
Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang, das ganze Land der Hetiter, soll euer Gebiet sein.
Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen.
Sei getrost und unverzagt; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen, das ich ihnen zum Erbe geben will, wie ich ihren Vätern geschworen habe.
Sei nur getrost und ganz unverzagt, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, auf dass du es recht ausrichten kannst, wohin du auch gehst.
Und lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht. Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen, und du wirst es recht ausrichten.
Habe ich dir nicht geboten: Sei getrost und unverzagt? Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst."

Mose ist gestorben, als Letzter der Wüstengeneration, die das Land nicht betreten durfte. Josua soll das Volk Israel durch den Jordan in das Land Kanaan führen. Der Name ist Programm. Er ist ein Blick nach vorn, in die Zukunft. Der Name Josua bedeutet „Gott hilft, rettet, befreit“: Ein Neuanfang in Freiheit in einem weiten Land. Und die Zusage: Ich, der Herr, dein Gott, werde mit dir sein.

Mose ist tot. Jetzt bekräftigt Gott sein Wort, das er Mose gegeben hat, gegenüber Josua: Ich habe diesem Volk das ganze Land gegeben zwischen dem großen Fluss und dem großen Meer, zwischen Wüste und Gebirge. Zukunft und Hoffnung und Lebensgrundlage. Mose versprochen und zuvor schon den Vätern Abraham, Isaak und Jakob. Diesem Volk gegeben, bevor der Erste einen Schritt ins Land getan hat. Und jetzt: Auf, geh! Das ganze Land ist gegeben, Schritt für Schritt. Das Land der Hetiter, euch gegeben.

Es wird uns hier etwas Außergewöhnliches erzählt. Nämlich, dass das Volk Israel das Land nicht als seinen Besitz ansieht, sondern als eine Gabe Gottes. Diese Gabe ist verknüpft mit einer Aufgabe. Nämlich, in diesem Land nach Gottes Willen zu leben. Sichtbar für andere. Die einzigartige Verbindung zwischen diesem Volk und diesem Land steht von Anfang an im Zeichen dessen, was darin nach Gottes Willen verwirklicht werden soll.

Der Einzug ins Land führt Begonnenes weiter: ein Versprechen und eine WeisungDer Einzug ins Land ist ein Neuanfang, der weiterführt, was zuvor begonnen wurde. Da ist das Land, schon den Vätern Abraham, Isaak und Jakob sowie Mose versprochen. Und da ist die Tora, die Weisung, die Mose gegeben wurde. Gott hat ihm und dem Volk Israel gesagt: „Du sollst von ihr nicht nach rechts oder links abweichen.“

Wie hören wir das Wort Weisung heute am Neujahrstag? Erinnert uns das an die so genannten guten Vorsätze? An Wünsche anderer? Kann Weite so schnell zu Enge werden? Nein, das kann mit „Tora“, mit Gottes Weisung, nicht gemeint sein. Tora ist Weisung in die Freiheit.

„Sei stark und mutig“, ermutigt Gott Josua. Denn jetzt setzt Josua in die Tat um, was Gott schon Abraham geschworen hat. Jetzt kommt zusammen, was zusammengehört, nämlich das ganze Volk mit dem ganzen Land und mit der ganzen Tora. Gott sagt zu Josua: Sei sehr stark und mutig, die ganze Tora zu halten und zu tun. Das Wort der Tora weiche nicht aus deinem Mund. Murmle darin Tag und Nacht, bei jedem Schritt im Land: „Gegeben“. Dann wirst du es recht ausrichten, wohin du auch gehst. Ein weites Land, so das Versprechen. Eine Weisung zu Recht und Gerechtigkeit. Eine Weisung zu Gottesliebe und Menschenliebe. Eine Weisung zum Leben. Das bedeutet „Tora“. Weisung für ein weites Land, wo Menschen wohnen und wo Weitere wohnen können. Frohe Botschaft. Darum sagt Gott: „Entsetze dich nicht! Dein Gott ist mit dir in allem, was du tun wirst.“

Das weite Land als Gottes Gabe wird für uns zum Sinnbild eines neuen Jahres, das Gott uns schenkt. Es ist nicht einfach unser Besitz, sondern es steht im Zeichen dessen, was durch die Verbindung zwischen uns und der geschenkten Zeit werden soll, was verwirklicht werden soll. Ein Jahr, das uns nicht allein gehört, durch das wir zusammen mit anderen Menschen gehen werden, begleitet von Gott.

Auch Jesus lebte in diesem Land und unter der ToraDie jüdische Tradition betont bei jedem Neubeginn, dass fortbesteht, was die Väter empfangen haben: Mose empfing die Tora vom Sinai, und er gab sie Josua, und Josua gab sie den Ältesten, die Ältesten den Propheten, die gaben sie den Männern der Großen Versammlung (Mischna Avot 1,1). Diese verbreiteten die Tora im jüdischen Volk. Und so erzählt uns der Evangelist Lukas, dass auch Zacharias und Elisabeth und Josef und Maria, mit denen sein Evangelium beginnt, im jüdischen Land nach der Tora lebten. Beide Paare bekommen einen Sohn. Beide lassen ihn am achten Tag beschneiden.

Die Beschneidung ist das erste Gebot eines Vaters gegenüber seinem Sohn. Sie wird als ein „Bund“ bezeichnet. Denn die Beschneidung ist ein körperliches Zeichen für den Bund Gottes mit dem Volk Israel. Ein jüdischer Mann trägt von seinem achten Lebenstag an das Zeichen an seinem Leib, dass er in diesen Bund eingeschlossen ist. So auch Jesus. Als Sohn einer jüdischen Mutter wird er am achten Tag beschnitten und in den Bund vom Sinai aufgenommen.

Die Tora ist die Urkunde dieses Bundes. Darum schreibt Paulus an die Galater, dass Jesus „unter die Tora getan“ worden sei – eine theologische Umschreibung der Beschneidung. Der achte Tag nach dem Christfest ist der Neujahrstag. Heute ist der Tag, an dem Jesus unter die Tora getan worden ist für ein Leben in Freiheit und Weite.

Jesu Eltern hielten die Tora. Sie befolgten mit ihrem Erstgeborenen auch das Gebot des Reinigungsopfers im Tempel, wenige Wochen nach der Beschneidung. Da trafen sie auf Simeon, der das Kind auf seine Arme nahm und Gott pries mit den Worten: „… meine Augen haben deinen Heiland gesehen, das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zum Preis deines Volkes Israel“ (Lk 2,30–32). Später erzählt Lukas von Jesus (2,40): Er „wuchs und wurde stark, voller Weisheit, und Gottes Gnade lag auf ihm“. Jesus hielt und tat die Tora. Als Lehrer legte er sie aus. Denn seine Eltern hatten ihn Tora gelehrt: Recht und Gerechtigkeit, Gottesliebe und Menschenliebe, Leben.

Josua und Jesus sind Variationen desselben Namens: Gott hilft, rettet, befreitJosua und Jesus sind Variationen ein und desselben Namens. Er bedeutet: Gott hilft, rettet, befreit. Jesus ist Gottes Gabe an uns Menschen aus den Völkern, uns zur Erleuchtung. Jesus ist unter die Tora getan worden. Seine Eltern lehrten ihn Tora. Jesus hielt und tat sie. Und er selber lehrte Tora. Dieser Jesus leitet und begleitet uns im neuen Jahr, uns aus den Völkern, und, wie Simeon hervorhebt: zum Preis seines Volkes Israel. Jesus erleuchtet die Völker, um Frieden zu stiften zwischen ihnen und seinem Volk.

Vor uns liegt wie ein weites Land ein neues Jahr. Eine gute Gabe Gottes. Mit leeren Händen stehen wir vor Gott und fragen: „Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt? Ich möchte glauben, komm du mir entgegen!“ Mit diesen Worten beginnt ein Lied von Lothar Zenetti voller Zweifel und Fragen. Eine davon heißt: „Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land?“

In der dritten Strophe mündet das Fragen in ein Gebet: „Sprich du das Wort, das tröstet und befreit / und das mich führt in deinen großen Frieden. Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt, und lass mich unter deinen Kindern leben.“ (EG 382)

Dazu ist Jesus gekommen: Uns zu erleuchten und uns den Weg zu weisen zu Gott und seinen Kindern in seinem gelobten Land. Jesus ist für uns ein Josua, ein „Jehoschua“, das bedeutet: Gott rettet, hilft, befreit. Und Gott spricht: „Sei getrost und unverzagt, … denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.“

Amen.


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