Okuli / 3. Sonntag der Passionszeit (04. März 2018)

Autor/in: Pfarrerin Elisabeth Küfeldt, Ansbach [kuefeldt@web.de]

1. Petrus 1, 13 -21

Liebe Gemeinde,
in den alten Straßenbahnen stand in jedem Waggon ein Hinweis „Verschaffen Sie sich einen festen Halt!“ Dazu waren unter der Decke Haltestangen angebracht, zumeist mit Schlaufen dran, wo die Fahrgäste auf den Stehplätzen sich festhalten konnten. Und das war ja wohl nötig, wenn so eine Bahn über eine Weiche ruckelte oder mit Schwung in die Kurve ging; das konnte schon wacklig werden.
Verschaffen Sie sich einen festen Halt – das ist ja nicht nur in alten Zeiten in Straßenbahnwaggons nötig gewesen, das braucht eigentlich jeder von uns. Das Leben ist manchmal furchtbar holprig, mancher wird durchgerüttelt von Schwierigkeiten in der Arbeit, oder gerät in Schieflage durch finanzielle Probleme. Wo ist da Halt zu finden?
So ein alter Straßenbahnwaggon ist mal der Ort gewesen, wo zwei Männer sich über den christlichen Glauben unterhalten haben. Der eine erzählt ganz feurig, wie viel Halt ihm der Glaube gebe – da sagt der andre ganz trocken „Den Halt muss doch jeder in sich selber haben.“ Darauf die Antwort „In sich selber meinen Sie? Das probieren wir aus. In der nächsten Kurve halten Sie sich an ihrer Krawatte fest – und ich mich an der Haltestange. Dann werden wir sehen!“
In der Straßenbahn wird es ganz anschaulich: Der Halt muss außerhalb unseres kleinen Ichs liegen!

Paulus bietet Halt an in unruhigen ZeitenIn unserem heutigen Bibelabschnitt begegnen wir dem Apostel Petrus, der einen solchen Halt geben möchte. Petrus ist voller Sorge um die durchgerüttelten Christenbrüder und -schwestern in den Gemeinden Kleinasiens. Aus dem Brief, den er schreibt, können wir einiges heraushören, was den Christen zu schaffen gemacht hat. Der große Brocken war sicherlich die politische Situation, die sich massiv gegen die Christen richtete. Wie großflächig die Verfolgungen waren, die zu der Zeit der beiden Petrusbriefe über die jungen Gemeinden hereinbrachen, ist nicht sicher auszumachen – aber aus der Geschichte wissen wir, dass Ablehnung und Spott ganz schnell immer wieder in blutige Verfolgung umgeschlagen sind.
Das allein ist aber nicht alles, was Petrus beunruhigen muss. Ganz offensichtlich drohen Gefahren auch von innen! Jedenfalls schreibt Petrus von Bosheit und Betrug, von Heuchelei, Neid und übler Nachrede. Und davon, dass mancher wieder in die Verhaltensweisen, die „Begierden“, zurückfällt aus seiner vorchristlichen Zeit. Eine durchgerüttelte, gefährdete, armselige Gemeinschaft – der Petrus wieder festen Boden unter die Füße gibt.
Und uns damit auch! Armselige Gemeinden? Ja, oft genug! Durchgerüttelte Christen? Momentan in unseren Breiten nicht durch blutige Verfolgung, aber von heftigem Gegenwind gebeutelt, sobald in ethischen Fragen Stellung bezogen wird. Gefährdet? Wie die Menschen in Kleinasien, von Bosheit und Betrug, von Heuchelei, Neid und übler Nachrede? Das mag jeder einzelne entscheiden, aber von Müdigkeit und Gleichgültigkeit und Resignation gefährdet sind wir allemal!
Also, Petrus schreibt an seine Gemeinden Folgendes – und wir dürfen es mit hören:

Der Text

Darum umgürtet eure Lenden und stärkt euren Verstand, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch dargeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.
Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, in denen ihr früher in eurer Unwissenheit lebtet; sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel.
Denn es steht geschrieben (3.Mose 19,2): »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.«
Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben in Gottesfurcht, solange ihr hier in der Fremde weilt; denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.
Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt war, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn von den Toten auferweckt und ihm die Herrlichkeit gegeben hat, sodass ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.


Drei kurze Gedanken, drei Halteschlaufen. – Und wir arbeiten uns damit im Text von hinten nach vorn.

Erster Halt: Gott ist der geniale BaumeisterDer erste Halt: Jesus, so schreibt Petrus, ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt war, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen.
Mich erinnert das an eine Großbaustelle, an der ich vorbeikam. Eine riesige Baugrube, verschiedene Ebenen in dieser Baugrube, Erdhaufen, Pfützen, tiefe Fahrrillen im Lehm, gelbe Rohre ragten an verschiedenen Stellen ohne erkennbaren Nutzen aus der Erde, Bagger und LKWs fuhren ohne ersichtlichen Plan herum, Menschen wuselten in der Gegend umeinander – einfach chaotisch. Aber dann sah ich auch: einen kleinen Trupp mit gelben Helmen und Blaumann – und einer Karte, über der sie diskutierten. Und dann Anweisungen gaben.
Hinter dem Chaos der Plan. Mitten im Chaos Menschen, die sehr wohl wissen, was draus werden soll.
Petrus erinnert seine Leute (und uns mit ihnen) daran: Bei allem Chaos, das um euch und in euch ist – da ist einer, der schon vor Grundlegung der Welt wusste, was draus werden soll. Noch vor dem Sündenfall war Gott sich im Klaren, was er tun wollte. Noch bevor eine Zelle von mir zusammengesetzt war, kannte Gott mich und meine Möglichkeiten; und meine Schuld – und Seine Lösung. Hier in dieser chaotischen Welt, in meinem traurigen Inneren, in meiner seltsamen Gemeinde, da herrscht nicht das Chaos, sondern es ist – Baustelle. Und die hat einen genialen Baumeister!

Zweiter Halt: Ihr seid losgekauft aus der Sklaverei der SündeDer zweite Halt: Petrus erinnert seine Leute an etwas, das sie eigentlich wissen – aber offenbar vergessen haben; oder das unter dem Alltagsstaub verdeckt wurde:
„Ihr wisst“, schreibt er „dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.“
Petrus greift ein Geschehen vom Markt auf, das selten, aber umso eindrücklicher war: einen Sklaven-Freikauf. Im Römischen Reich war Sklavenhandel ja völlig legitim, aber auch in Israel konnte es passieren, dass ein Mensch so verschuldet war, dass er zumindest für ein paar Jahre sich selbst als Schuldsklave verkaufen musste. Ob römischer oder israelischer Sklave – es war grauenvoll, auf dem Markt als Ware gehandelt zu werden.
Nun konnte es geschehen, dass auf dem Markt ein Mensch den Preis bezahlte – und dem Sklaven die Freiheit schenkte! Einfach aus Erbarmen! Der Freigekaufte durfte dann heim, zu seiner Familie, in sein Dorf; nicht jahrelange Fremde, sondern Heimat, nicht schuften und Demütigung, sondern mit erhobenem Haupt nach Hause gehen. Herrlich!
Das wendet Petrus auf uns Menschen an und sagt: So hattet ihr euch doch in eurer Schuld verloren, Sklaven wart ihr, von den vorherigen Generationen her schon habt ihr die Ketten böser Gewohnheiten und schlimmer Festlegungen getragen; wie viele leiden unter solchen Familientraditionen, mit wem im Dorf oder in der Verwandtschaft man nicht spricht; über welches Geheimnis man schweigt, statt das Böse ans Licht zu bringen; in wie vielen Familien ist Missbrauch oder Misshandlung ein furchtbares Erbe, was Opfer zu Tätern werden lässt, was Ehen zum Scheitern verurteilt, was als unbereinigte Schuld durch die Jahrzehnte mitgeschleppt wird. Da hilft kein Geld, kein Gold und kein Silber. Aber Jesus! Das Blut Christi, kostbarer als Gold und Wertpapiere, das schafft Freiheit. Weil Jesus am Kreuz gestorben ist, gibt es Vergebung; weil er selbst zutiefst gelitten hat, ist keiner mehr allein im Leiden; weil er auferstanden ist, gibt es auch aus solchen verfahrenen Situationen einen Neuanfang, ein heilsames Aufdecken, den Raum zur Buße auch für Sünde, die blutrot ist.
Petrus erinnert die Christen seiner Zeit (und uns mit ihnen): Vergebung ist nicht ein frommer Wunsch oder ein Gefühl, sondern durch das Kreuz Jesu eine Tatsache. Und wenn unser Leben erschüttert und durchgerüttelt wird von Versagen, Fehlleistung, eigener oder fremder Schuld, dann helfen uns keine Gefühle und Wünsche – aber eine Tatsache.

Dritter Halt: Werde aktivEin letzter Punkt aus dem Brief des Petrus, eine Möglichkeit, Halt unter die Füße zu kriegen – es ist eine Aufforderung: „Runter vom Sofa!“ könnte man sagen oder: Werde aktiv als Christ! So steht’s nicht wörtlich bei Petrus – aber gemeint ist genau das.
Bei ihm heißt es: Umgürtet die Lenden eures Gemüts (alte Lutherübersetzung, näher am Griechischen als Luther 2017!)
Die Orientalen hatten ja lange Gewänder an. Damit konnte man sitzen, stehen und würdevoll schreiten, aber weder arbeiten noch reisen. Wenn das angesagt war, hat man sich entweder ausgezogen oder „gegürtet“, die hinderliche Stoff-Fülle hochgebunden. Paulus sagt hier also: Werdet beweglich und aktiv! Kurz danach schreibt er, wie das aussehen soll: „wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein“. Mancher verbindet damit: also sollen wir alles erdenklich Schlechte lassen – aber damit bleibt eigentlich nur (das haben tatsächlich Leute gemacht!), sich auf eine Säule zu setzen und sich möglichst nicht mehr zu rühren. So ein Unsinn!
Worin besteht denn die Heiligkeit Gottes? Natürlich auch darin, dass er nichts Böses tut – aber wie viel mehr doch darin, dass er Gutes schafft! Er macht sich am Anfang der Welt die Hände schmutzig, als er den Garten Eden pflanzt und er versorgt die gefallenen Menschen mit Fellen. Und Jesus? Gott in menschlicher Person? Seine Heiligkeit war mit Händen zu fassen, wenn er die Kinder in die Arme genommen hat und Blinden einen Brei aus Erde und Spucke auf die Augen geschmiert hat; als er den Jüngern die dreckigen Füße gewaschen hat, als er das grobe Holz auf den Hügel Golgatha geschleppt hat. Die Heiligkeit Jesu war keine Vermeidungsheiligkeit, sondern aktive Liebe.
Ich fürchte, dass Trägheit und Interesselosigkeit in Gottes Augen die eigentliche Sünde unserer Zeit sind. Und: Sie höhlen unseren Glauben aus. Je theoretischer unser Glaube wird, je weniger wir ihn in unseren Alltag, in unser Tun hineinnehmen, je weniger konkreten Gehorsam wir leben – umso langweiliger und fragwürdiger und zweifelhafter wird unser Glaube.
Darum: Runter vom Sofa! Gürtet eure Klamotten hoch, dass ihr etwas schaffen könnt in Jesu Namen. Und es ist fast unausweichlich: Dann erlebt Ihr etwas mit dem lebendigen Gott, seine Hilfe, seine Freude, Segen in Fülle.
Das schenke Gott uns allen.
Amen.

Predigt zum Herunterladen: Download starten (PDF-Format)