Okuli / 3. Sonntag der Passionszeit (24. März 2019)

Autor/in: Pfarrerin Dr. Karoline Rittberger-Klas, Tübingen [karoline.rittberger-klas@elkw.de]

Jeremia 20, 7 -11

20,7 HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich. 8 Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.
9 Da dachte ich: Ich will seiner nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, verschlossen in meinen Gebeinen. Ich mühte mich, es zu ertragen, aber konnte es nicht. 10 Denn ich höre, wie viele heimlich reden: »Schrecken ist um und um!« »Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!« Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.«
11 Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.

IntentionDie Situation des Jeremia, der an seiner Aufgabe leidet, soll mit Hilfe der Kreuzestheologie für die Lebenswelt der Predigthörer/innen in doppelter Weise transparent werden: Einerseits in der individuellen Frage nach Gott in der Erfahrung von Überforderung und Erschöpfung, andererseits in der gesellschaftliche Frage nach prophetischem Handeln heute.


Liebe Gemeinde!
Der Prophet ist am Ende. Er kann und will nicht mehr. Seine Aufgabe überfordert ihn völlig. Sie ist unzumutbar. Von Anfang an hat er Gott gesagt: Lass mich! Ich bin nicht der Richtige! Ich kann das nicht – dein Prophet sein. Aber Gott war stärker, hat ihn überredet, ja man muss sagen: überwältigt. Und nun muss er eine Botschaft verkündigen, die niemand hören will: Israel ist auf dem falschen Weg. Es unterdrückt die Armen und huldigt falschen Göttern. Gottes Regeln für ein gutes Leben hat es vergessen. Darum wird Gott Israel dafür bestrafen. „Frevel und Gewalt!“ – das muss Jeremia immer rufen, wenn Gott ihn beauftragt. „Frevel und Gewalt!“ – eine solche Botschaft, findet keine Anhänger, nirgends. Im Gegenteil.
Da ist es kein Wunder, dass Jeremia am Ende ist. Er ist so sehr am Ende, dass er alles hinschmeißen will. Einfach nicht mehr daran denken, an Gott und seinen Auftrag. Einfach nichts mehr tun. Aber auch das ist ihm nicht mehr möglich. Gott bleibt stärker. Also am besten: Einfach nicht mehr da sein. „Verflucht sei der Tag, an dem ich geboren bin; …Warum bin ich denn aus dem Mutterleib hervorgekommen, wenn ich nur Jammer und Herzeleid sehen muss und meine Tage in Schmach zubringe!“, schreit er Gott etwas später entgegen.
Ja, Jeremia ist am Ende. Ausgebrannt in seiner schlimmsten Form. Ich denke, manche von uns erinnern sich, solche Sätze selbst schon einmal gesagt oder mindestens gedacht zu haben. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Am besten, ich wäre gar nicht mehr hier.
Wer kann da helfen?

Wie reagieren die Anderen?Dem Jeremia scheint niemand helfen zu können. Oder zu wollen. Selbst seine Freunde haben sich von ihm abgewandt und wollen ihm das Handwerk legen. Was sind das für Freunde?
Obwohl: Vielleicht sind uns diese angeblichen Freunde näher als wir denken? Im Leben von Jeremia ist ja tatsächlich einiges aus dem Ruder gelaufen, seit er diesen Auftrag von Gott hat. Er hat sich ein Joch auf den Nacken gelegt. Er hat Tonkrüge zerschmettert, um Gottes Zorn zu verdeutlichen. Da braucht er sich nicht zu wundern, wenn seine Freunde – sagen wir mal – irritiert reagieren. Für uns reicht ja oft schon weniger aus. Wenn die patente Tochter zum Beispiel von einem Tag auf den anderen zur radikalen Veganerin wird, um die Schöpfung zu retten, am Wochenende blass und unausgeschlafen zur Tierschutzdemo eilt und dabei ihre Ausbildung vernachlässigt – dann ist die familiäre Unterstützung für so ein prophetisches Engagement meist auch gering. Oder ein guter Bekannter, der bisher fröhlich im Posaunenchor geblasen und Tische fürs Gemeindefest aufgestellt hat: Wenn der sein Christsein plötzlich so versteht, dass er in der Fußgängerzone Mahnwachen für das ungeborene Leben hält – es kann gut sein, dass auch einige seiner Freunde versuchen, ihn davon abzubringen.
Und wenn irgendjemand heute bei seinen Aktionen Worte wählen würde, wie Jeremia sie in seinen Prophezeiungen benutzt, dann würde sich heute sowieso der sozialpsychiatrische Dienst seiner annehmen – oder gar der Verfassungsschutz.

Gott – ein starker Held?Nun, werden Sie vielleicht sagen, Jeremia war eben ein Prophet, ein Mann Gottes. Das ist wohl richtig, aber gleichzeitig liegt genau da das Problem: Wo liegt die Grenze? Was sind die Kriterien, mit denen wir beurteilen können, ob eine wirklich eine unbequeme Prophetin Gottes ist? Und wie hätten es die Menschen in Jeremias Umgebung wissen können? Wie sollen seine Verfolger endlich einsehen, dass Gott auf seiner Seite ist? Jeremia ist sich sicher: Nur Gott kann helfen. Der starke Gott, der Jeremia überwältigt hat. Er wird auch seine Feinde überwältigen und Jeremia ins Recht setzen: „Der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.“ Davon ist Jeremia überzeugt. Das gibt ihm die Kraft, die er braucht, um Gottes Auftrag auszuführen.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – aber ich tue mich mit diesem Ende schwer. Weil ich ahne, dass es auch anders sein kann als Jeremia es erhofft. Dass manchmal denjenigen, die es gut und richtig machen, nicht geholfen wird. Dass manchmal auch die Bösen gewinnen.

Gott ist nicht stärker, aber näher als gedachtWas ist dann? Was ist, wenn Gott nicht als starker Held eingreift und die Feinde überwältigt? Ich glaube, es gibt einen Gedanken, der dann helfen kann. Wenn wir uns fühlen wie Jeremia. Am Ende, ausgebrannt, alleingelassen.
Dietrich Bonhoeffer hat diesen Gedanken in einem Gedicht formuliert. Sie finden den Text auch im Gesangbuch – als Lied unter der Nummer 547.(1)

Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.

Menschen gehen zu Gott in seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht ohne Obdach und Brot,
sehen ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.
Christen stehen bei Gott in seinen Leiden.

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit Brot,
stirbt für Christen u n d Heiden den
Kreuzestod und vergibt ihnen beiden.

Jeremia geht zu Gott in seiner Not. Bittet um Errettung – aus dem Dilemma, in das Gott selbst ihn gebracht hat, der starke, überwältigende Gott. Aber Jeremia findet seinen starken, mächtigen Gott nicht. Denn der Gott, der ihn so unwiderstehlich in seine Aufgabe gedrängt hat, ist in Wirklichkeit ganz anders, als er vermutet. Er ist ihm viel näher als er denkt. Er ist ihm nahe gerade in seiner Verzweiflung und seinen Ohnmachtsgefühlen. Gott zeigt sich dem Jeremia in seiner eigenen Verletzlichkeit.

Jeremia erwartet einen allmächtigen Gott. Darum leidet er an Gott. Gott aber leidet wie Jeremia. Und wenn wir daran leiden, was Gott uns zumutet, dann leidet er mit uns. Vielleicht auch: an uns? Auf jeden Fall aber: bei uns. Kann ich das aushalten? Oder wünsche ich mir nicht doch wie Jeremia den Starken, der schon jetzt alle Schmerzen wegbläst, den Spöttern das Maul stopft, der Verbohrtheit der anderen ein Ende macht?

Gott steht als Schwacher an der Seite von SchwachenWenn Gott so ganz anders ist, bedeutet das auch: Gott ist nicht immer auf der Gewinnerseite. Und: Wer auf Gottes Seite ist, gewinnt nicht immer. Denn Gott steht als Schwacher an der Seite von Schwachen.
Wenn ich Gott so denke, dann hilft das mir auch dabei, prophetisches Engagement heute einzuschätzen. Wie kann ich erkennen, ob jemand – egal ob Veganerin oder Abtreibungsgegner, tatsächlich von Gott begeistert für eine Sache kämpft oder nur einem Ungeist verfallen ist? Für mich ist das ist vielleicht am ehesten daran zu ermessen: Lassen sich seine oder ihre Anliegen sich mit dem Gott zusammen denken lassen, der selbst als Schwacher an der Seite der Schwachen stand? Und sind auch die Mittel, die er oder sie benutzt, damit vereinbar? Einfach ist es nicht, das zu entscheiden. Seien wir also vorsichtig in unseren Urteilen.

Gott geht auch zu mirGott steht als Schwacher an der Seite von Schwachen. Das ist nicht einfach auszuhalten. Und doch finde ich es tröstlich, weil es mir zeigt: Gott ist da. Er ist da, wenn ich selbst zu kämpfen haben – mit mir selbst oder mit anderen. Er ist da, wenn ich das Gefühl habe, mich vergeblich zu bemühen – oder in die falsche Richtung zu gehen. Er ist da, er vergibt, und er gibt neue Kraft – so wie Dietrich Bonhoeffer es beschreibt.

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit Brot,
stirbt für Christen u n d Heiden den
Kreuzestod und vergibt ihnen beiden.
Amen.

Anmerkung
1 © Gütersloher Verlagshaus

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