Okuli / 3. Sonntag der Passionszeit (03. März 2024)

Autorin / Autor:
Pfarrerin Britta Mann, Tübingen [britta.mann@evstift.de]

1. Petrus 1, 13-21

IntentionAngesichts von gesellschaftlichen und kirchlichen Umwälzungen herrscht in vielen Gemeinden eine Stimmung der Hoffnungslosigkeit. Der 1. Petrusbrief wendet sich an eine Gemeinde mitten in einer Situation der Bedrängnis und ermutigt sie mit Trost und Hoffnung. Die Predigt will aus der Minderheiten-Situation der ersten Christ:innen Ermutigung für die heutige Situation ziehen (angelehnt an die Überlegungen der Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa zum Diaspora-Begriff) und zu befreitem Handeln ermutigen.
(Zur Predigt vgl. https://www.bibelwissenschaft.de/ressourcen/efp/reihe6/okuli-1-petrus-1)


Liebe Gemeinde,
wie erleben Sie zurzeit die großen Umwälzungen in unserer Kirche? Können Sie darin eine Aufbruchsstimmung spüren oder nehmen Sie sie eher als Untergang wahr? Bestimmt ist unserer Wahrnehmung häufig durch Mitgliederschwund, schwindendes Vertrauen in die Institution Kirche, sinkende Finanzen. Überall muss gekürzt und gestrichen werden. Es schmerzt uns, manches aufgeben und aufhören zu müssen. Wie soll denn die Kirche noch weiterleben, mit so viel weniger Ressourcen, sowohl finanziell als auch an personell? Was kann Kirche als Minderheit noch tun?
Auch die ersten Christinnen und Christen erlebten ihre Situation als bedrängt, wenn auch in ganz anderer Weise. Wer sich zum Christentum bekehrte, stand häufig unter gesellschaftlichem Druck, bis hin zur Verfolgung. Christen wurden von ihrer römischen Umwelt als „fremd“ wahrgenommen, als Menschen mit befremdlichen Sitten und Bräuchen. Der Verfasser des 1. Petrusbriefs wendet sich darum an verschiedene Gemeinden in Kleinasien, um sie in dieser Situation daran zu erinnern, was Christsein ausmacht.
Hören wir den Predigttext 1. Petrus 1, 13-21:

„Darum umgürtet eure Lenden und stärkt euren Verstand, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch dargeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi. Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, in denen ihr früher in eurer Unwissenheit lebtet; sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. Denn es steht geschrieben: ‚Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.‘ Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben in Gottesfurcht, solange ihr hier in der Fremde weilt; denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt war, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn von den Toten auferweckt und ihm die Herrlichkeit gegeben hat, sodass ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.“

Leben im AufbruchDer Verfasser des 1.Petrusbriefs nennt einiges, was für ihn christliche Identität ausmacht: Umgürtet eure Lenden – das ist ein Sinnbild dafür, sich wie ein Wanderer bereit zum Aufbruch zu machen. Wer gegürtet ist, ist jederzeit bereit zum Aufbruch. Macht es euch also nicht zu bequem, denn eigentlich heißt Christsein Leben im Aufbruch, mahnt der Brief. Von Abram bis zum Wanderprediger Jesus zeigen die biblischen Texte immer wieder, dass es zum Glauben gehört, Altes hinter sich zu lassen und sich neu auf Gottes Weg einzulassen. Henning Luther, ein praktischer Theologe, drückt das so aus: Glaube verhilft uns nicht zur Verwurzelung im Dasein, sondern führt uns heraus in die die Fremde und die Entwurzelung der Heimatlosigkeit. Glaube soll nicht dazu führen, dass wir es uns in dieser Welt und ihren Strukturen zu bequem machen – auch nicht in unseren Kirchenstrukturen. Glaube soll nicht beruhigen und dazu führen, dass wir diese Welt beschönigen, sondern uns nüchtern machen, wie es im 1. Petrusbrief immer wieder heißt, uns einen klaren Verstand geben. Glaube soll uns also im Gegenteil immer wieder beunruhigen und bestürzen. Sei es, dass wir wach sind, wo unsere Kirche Machtmissbrauch begünstigt. Sei es, dass wir uns wundern über eine Welt, die auf immer mehr Wachstum und Gewinn ausgerichtet ist. Sei es, dass uns der Einfluss von Rechtspopulismus beunruhigt. Oder auch einfach, dass wir merken, wie befremdlich manche kirchliche Traditionen in unserer heutigen Zeit sind.

Leben aus GnadeGlaube heißt, sich einen anderen Blick auf die Welt zu erlauben. Sich befremden und beunruhigen zu lassen von dem, was vorgeht. Christen sondern sich nicht einfach ab aus Hochmut oder weil sie einen negativen Blick auf die Welt haben, sondern weil sie jetzt zu Christus gehören. Die Christinnen und Christen der ersten Jahrzehnte haben das so erlebt, als seien sie wie Sklaven losgekauft worden aus ihren alten Gewohnheiten und religiösen Bräuchen. Was für ein Bild: Wir wurden losgekauft. Das klingt für mich wie eine riesige Erleichterung: Wir können uns nicht selbst loskaufen aus falschem Lebenswandel, aus der Verstrickung in eine Lebensweise, die im globalen Zusammenhang andere ausbeutet und den Klimawandel anheizt, wir können uns nicht selbst loskaufen aus Verstrickungen in Familien, Zirkeln aus Gewalt oder Armut. Wir brauchen dazu Hilfe von außen, die uns ein neues Leben ermöglicht. Für den 1.Petrusbrief ist das das Blut Christi: Kein Geld der Welt, keine falschen Götter und Ideale können uns befreien, sondern Christus selbst, der mit uns lebt, der gestorben ist und wieder auferstanden. Gott bleibt nicht beim Tod Christi stehen: Leid und Unrecht und selbst der Tod haben nicht das letzte Wort. Aus dieser Hoffnung leben wir als Christinnen und Christen.

Nüchtern auf die Hoffnung setzen und befreit handelnDarum ermutigt der Verfasser des 1.Petrusbriefs dazu, alle Hoffnung auf die Gnade zu setzen. Weil das nüchtern betrachtet das einzige ist, was uns erlösen kann. Was uns als Christ:innen und als Kirche ausmacht, kommt nicht aus uns selbst, nicht aus unserem besonderen Engagement, nicht aus unseren Versuchen, Gutes zu tun oder unsere Kirche am Leben zu halten, sondern was uns ausmacht ist: dass wir ganz auf Gottes Gnade setzen. Mit dieser neuen Identität gewinnen wir eine gewisse Unabhängigkeit von unserer Umwelt und vielleicht auch von unserem binnenkirchlichen Denken. Das verrückt unsere Perspektiven und damit auch unsere Haltungen und unser Handeln.
Es wirft ein neues Licht auf unsere Wirklichkeit: Vielleicht können Umbrüche auch Chancen sein, sich von verkrusteten Strukturen zu befreien. Vielleicht müssen wir den Blick nicht immer nur auf die Zahlen und das Schrumpfen unserer Kirche richten, sondern können es auch anders sehen: Fremdheitsgefühle gehörten von Anfang an zum Christentum. Wie Samenkörner, die ausgestreut sind, um Frucht zu bringen, waren die ersten Gemeinden verstreut. Und wie inspirierend ist es, den Blick auch heute zu weiten und auf lutherische Kirchen außerhalb von Deutschland zu blicken: Da sehen wir viele kleine Kirchen, die trotzdem ungeheuer viel tun. Sie leben ihr Christsein und gestalten die Gesellschaft mit so geringen Mitteln, dass es für uns kaum vorstellbar ist. In Europa leben 700 Millionen Menschen; 50 Millionen gehören einer evangelischen Kirche an, 21 Millionen allein Deutschland. Die meisten protestantischen Kirchen in Europa leben schon lange als Minderheit. Und trotzdem wirken sie wie Samenkörner in die Gesellschaft hinein und tragen Früchte.
Eine neue Perspektive macht auch neues Handeln möglich. Seid heilig und fallt nicht zurück in alte Gewohnheiten, so heißt es im 1. Petrusbrief. Wir können uns darauf verlassen, dass nicht alles an uns hängt, und so befreit von der Last einer übergroßen Verantwortung handeln. Wir können immer wieder überprüfen, wie hilfreich das eigentlich noch ist, was uns bisher selbstverständlich schien; wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen; wie wir die Welt gestalten wollen. Wo wir aus Gottes Gnade heraus leben und gnädig mit uns selbst und anderen umgehen, halten wir die Hoffnung wach: Gott hat uns befreit. Deshalb muss die Welt nicht so bleiben, wie sie ist.
Amen.

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