Okuli / 3. Sonntag der Passionszeit (08. März 2026)

Autorin / Autor:
Pfarrer i.R. Harry Waßmann, Rottenburg [Harry.Wassmann@t-online.de]

Lukas 9,57-62

Intention
Jesu Worte provozieren: Unterwegs zum Reich Gottes – ganz ohne Wärmestrom? Ohne ein Dach über dem Kopf und ohne Abschiede? Ist das eine Momentaufnahme? Oder ein zeitloses Nachfolgemuster? Muss das auch heute so sein?
(Vers 51 sollte beim Verlesen des Abschnitts für die Predigt unbedingt hinzugenommen werden.)

Liebe Gemeinde,
Jesus zieht Menschen an.
Sie erleben, wie mit ihm eine Zeit der Erlösung anbricht (Lk 4,18,f):
Kranke werden gesund, Junge wie Alte.
Hungrige werden satt. Es reicht für alle. (Lk 9,17)
Frauen werden freier. (Lk 7 und 8)
Und selbst bedrohliche Naturgewalten werden gezähmt. (Lk 8)
Ein Toter (Lk 7,11 ff) und eine Tote (Lk 8,50ff) werden wieder lebendig.

Jesus vertreibt Ängste. Niemand muss sich mehr fürchten vor Bedrohungen und Nöten, vor Tod und Teufel.
Da wundert es mich nicht: Viele suchen seine Nähe. Da wär ich auch dabei. Es heißt: 5.000 folgen seinen Worten und seinen Taten (Lk 9,14). Das Reich Gottes mitten unter ihnen.
Doch Jesus macht denen, die mit ihm nach Jerusalem ziehen, keine blumigen Versprechungen. Er erinnert: Die Welt ist nicht das Paradies. Wir hören das im Evangelium für diesen Sonntag:

Lesung: Lukas 9,51+57-62
51 Es begab sich aber, als die Zeit erfüllt war, dass er in den Himmel aufgenommen werden sollte, da wandte er das Angesicht, entschlossen, nach Jerusalem zu wandern.

57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 
58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. 
59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 
60 Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! 
61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. 
62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. 

Liebe Gemeinde,
das ist wahrlich starker Tobak. Jedenfalls für meine Ohren.
Und schwer vereinbar mit einer gemütlichen und satten Lebensweise, wo immer alles verfügbar ist, was man zum Leben so braucht.

Ein Dach über dem Kopf, Zeit für Angehörige und Abschiede.
Ganz elementare Dinge sind das doch: eine Wohnung haben und Raum und Zeit für den Abschied von den ganz Nahen.

Muss, wer mit Jesus zieht, auf dies alles verzichten?
Sein Blick hat eine klare Ausrichtung:
Es geht nach Jerusalem, Ankunft zum Passahfest.

Es gibt ein Volkslied der Nachfahren der im Mittelalter aus Spanien vertriebenen Juden. Das verbindet die Sehnsucht nach Jerusalem zu reisen, mit dem Abschied von allem vorherigen im Leben:
„Mutter, ich habe alles verlassen, meine Kinder, meine Eltern, um Jerusalem zu sehen...“ (sefardisch: Me kero madre)
Aber ist es das, was Jesus kommen sieht?

Ich denke nein.
Für Jesus geht es auf seinem Weg noch um Anderes.
Jesus sagt seine schroffen Worte konkret zu denen, die mit ihm auf dem Weg nach Jerusalem sind.
Die sind von der Erwartung erfüllt: Das Reich Gottes wird offenbar werden. Hier und Jetzt (Lk 19,11). Bald ist es so weit: Der Wille Gottes geschieht wie im Himmel so auch auf Erden!
Und genau diese Erwartung spürt Jesus. Und will sie klären. Dämpfen.
Die mit ihm unterwegs sind, will er für die Realität vorbereiten, die sie erwartet:
„Macht euch nichts vor. Ja, Es geht nach Jerusalem. Und mein Weg führt zum Leben. Aber der Weg kennt Verzicht, Enttäuschungen und Leiden.
Es geht zur Kreuzigung – es geht über Golgatha zum Ostermorgen, zur Auferweckung. Da gibt es keine Abkürzung. Seht ihr das nicht? Begreift das doch!“

Liebe Gemeinde,
Jesu Forderungen sind Worte für seinen Leidensweg zum Leben.
Mit Jesus nach Jerusalem ziehen wird also nicht zum heilsamen Pilgern mit der Aussicht auf eine Wellness-Woche zum Passahfest.

Jesus schenkt allen, die mit ihm ziehen wollen, reinen Wein ein. Er verspricht keine Wolkenkuckucksheime von einer strahlenden Zukunft, in der unablässig noch mehr materieller Wohlstand verfügbar ist. Alles noch leckerer, noch spannender und noch vergnüglicher. Mit noch mehr Zeit für uns und unsere Lieben.
Jedenfalls nicht auf dem Weg, den er vor sich hat. Nicht für die, die seinen Weg mit ihm gehen wollen.
Da ist Jesus ganz klar.

Und genau darin, liebe Gemeinde, sind seine Worte uns so nah.
Denn viele von uns, sind nicht immerzu in der Komfortzone des Lebens unterwegs. Sie erfahren Angst und Leiden.
Vielleicht geht es ja uns allen so? Jede und jeder auf verschiedene Weise?!

Die Krisen in unserer Welt heute sind nicht kleiner als zu Jesu Zeiten.
Gewalterfahrungen schon gar nicht.
Frieden und Wohlstand sind zerbrechlich geworden. Wir spüren das.

Viele haben diese Erfahrung gemacht und machen sie wieder und wieder:
Es gibt eine Not – da gibt es nur noch eins:
Nicht zurückblicken – sondern nur noch nach vorne.
Wie viele Flüchtlinge haben das erlebt und erleben das immer wieder?
Wenn es drängt, ist keine Zeit für Rückblicke, keine Zeit nach dem Haus und den Seinen zu schauen. Nicht einmal Zeit für Abschiede.
Wenn es brennt, können auch Feuerwehrleute nicht in der Familie zuvor Abschied nehmen.
Es gibt Notfälle, die hebeln gewohnte Lebensmuster aus.
Da stehen Pflichten und Regeln hintenan.

Aber, liebe Gemeinde, mit Jesus geht es durch Leiden zum Leben! Es geht voran!
Nicht in den Abgrund, sondern in eine Welt, in der Frieden und Liebe und ein neues Leben aufblühen.
Das Reich Gottes bleibt das Ziel– über alles Leiden hinweg.
So oder so.

Also nicht Entbehrungen um der Entbehrungen willen.
Das nicht. Weder vor Golgatha noch danach.

Das Wirken des auferweckten Jesus geht weiter, weiter in einer Welt, die nicht das Paradies ist.
Davon erzählt Lukas nach Ostern.
Und wie das Leiden und die Hoffnung, (beides!), nicht aus der Welt sind. Hungrige werden satt und Kranke gesund. Lukas erzählt davon. Später hockt Paulus als Gefangener in Rom in einer Wohnung und verkündigt das Reich Gottes, mutig, ohne Filter oder Denkverbote. So enden Lukas’ Erzählungen.

Liebe Gemeinde,
Reich Gottes und Abgründe bleiben ineinander verwoben.
Von Menschen gemachte Höllen – kleine und große.
Lüge, Unterschlagung, Verrat und üble Nachrede quälen Menschen.
Aber das ist nicht alles. Dabei bleibt es nicht.
Daneben gibt es Paradiese auf Erden, vom Geist Jesu bewirkt.

Aber Jesus mahnt: Bleibt nüchtern!
Schaut hin, wo Bedrohungen sind.
Seht nicht darüber hinweg, eingelullt von Wohlfühlwohlstand.
Hat Jesus seine Follower abgeschreckt?
Haben sie sich von ihm abgewendet?
Kann sein. Kann nicht sein.
Davon hören wir nichts im Evangelium. Manche ziehen mit. Manche nicht.

Offenbar sind wir – jede und jeder Einzelne gefragt!

Klar wird durch Jesu Zu-Mutungen jedenfalls:
Christen gehen auf dem Weg der Passion auf Ostern zu, so wie Israel durch die Wüste ins gelobte Land. Wohlstandnarkosen helfen nicht weiter.

Übrigens: Ohne das vertraute Zuhause unterwegs auf ein Neues hin – das kann auch äußerst befreiend sein!
Selbst in Nöten und Ängsten! Wenn man nicht mehr weiß, wie es weitergeht.
Ich habe erlebt, wie sich das anfühlt, zuhause rausgeschmissen zu werden – als Schüler vor dem Abi. Es war wie ein neues Leben – fast schwerelos. Und als ich nicht weiter wusste, sind mir Christen begegnet, die haben mich nicht im Stich gelassen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
wir sind mit Jesus unterwegs, der weiß, wie das ist:
Ein Leben ohne Zuhause, ohne Obdach, ohne Beziehungspflege, mit der Angst vor Verrat und Verfolgung.

„Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester;
aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“

Jesus hat erlebt, wie das ist, wenn Menschen ihn im Stich lassen.
Der weiß, was Passion bedeutet – Leiden an und in dieser Welt in allen Facetten.
Und derselbe Jesus stellt uns hinein in Gottes Liebe.
Er macht Vertrauen und Hoffnung möglich auf den, der Himmel und Erde und uns alle erschaffen hat:

So sanft und so radikal kann Jesus sein!

Er stiftet Verbindungen über seinen Tod hinaus, wenn er am Kreuz zu seiner Mutter sagt: „Frau, das ist dein lieber Sohn!“ Und zu dem Jünger, den er liebte. „Das ist deine Mutter!“ (Joh 19,26f)

Liebe Gemeinde, auf diesem Weg gehen auch wir nicht verloren.
Niemals.
Wenn es noch so finster und abgründig wird.
Auf Jesu Spuren sind wir unterwegs auf einem Weg, der führt durch Leiden zum Leben.
Immer wieder.
Amen.

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