Osternacht (15. April 2017)

Autorin / Autor:
Pfarrer Christoph Schwethelm, Marktbreit-Gnodstadt [Pfarramt.Gnodstadt@elkb.de]

Jesaja 26, 8-19

Die Sehnsucht nach OsternLiebe Gemeinde, wir gehen heute einen besonderen Weg miteinander, den Osterweg. Es ist der Weg aus der Tiefe unseres Dorfes zur Höhe der Kirche. Es ist der Weg durch den Weg an den Gräbern unserer Lieben vorbei hin zum Ort des Gotteslobs. Es ist der Weg durch das Dunkel ins Licht, aus der finsteren Nacht in einen freundlicheren Tag.
Wahrscheinlich kennen Sie diese Erfahrung: Ganz tief in meinem Herzen wohnt eine große Sehnsucht nach dem Licht, nach der fröhlichen Helligkeit des Ostermorgens, an dem neugierige kleine und große Menschen sich auf die Suche machen nach dem, was ihnen der Osterhase oder das Leben an netten kleinen, süßen Überraschungen gebracht hat. Endlich aufatmen, endlich die Leichtigkeit des Lebens wieder spüren und Gott von ganzem Herzen, erleichtert, danken für seine Güte: Ja, das wollen wir. Danach sehne ich mich.

Unsere KarfreitagserfahrungenUnd wir teilen diese Sehnsucht mit der Frau, die neulich ihren Mann verloren hat und immer noch in ihrem Herzen darauf wartet, dass er wieder wie früher zur Türe hereinkommt und sie in den Arm nimmt und sich dann an den Tisch setzt, als wäre nie etwas gewesen, als hätte es all die Tage im Krankenhaus und das Dahinsiechen nicht gegeben.
Und wir teilen diese Sehnsucht mit dem Handwerksmeister, der sich einen soliden Betrieb aufgebaut hat. Aber er findet nicht mehr genug Mitarbeiter und sieht keinen anderen Ausweg, als den Betrieb zu schließen. Aber er hat Angst davor. Gibt es denn keinen anderen Weg?
Und wir teilen diese Sehnsucht mit den politischen Gefangenen in den türkischen Gefängnissen, deren Verbrechen es war, eine von Erdogan abweichende Meinung zu haben.
Und wir teilen diese Sehnsucht mit den Flüchtlingen, die Schreckliches erlebt haben in ihrem Herkunftsland, in Syrien, im Irak, in Äthiopien und in Afghanistan, denen aber trotzdem der nötige Schutz nicht gewährt wird und die von Abschiebung bedroht sind.
Und wir teilen diese Sehnsucht mit Jesaja und einem Teil des Volkes Israel angesichts des drohenden Untergangs und der Gefahr durch seine politischen Feinde vor 2500 Jahren.

Der Predigttext steht in Jesaja 26, die Verse 8 bis 19:
„Wir warten auf dich, Herr, auch auf dem Weg deiner Gerichte; des Herzens Begehren steht nach deinem Namen und deinem Lobpreis.
Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts, ja, mit meinem Geist suche ich dich am Morgen. Denn wenn deine Gerichte über die Erde gehen, so lernen die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit.
Aber wenn dem Gottlosen Gnade widerfährt, so lernt er doch nicht Gerechtigkeit, sondern tut nur übel im Lande, wo das Recht gilt, und sieht des Herrn Herrlichkeit nicht.
Herr, deine Hand ist erhoben, doch sie sehen es nicht. Aber sie sollen sehen den Eifer um dein Volk und zuschanden werden. Mit dem Feuer, mit dem du deine Feinde verzehrst, wirst du sie verzehren.
Aber uns, Herr, wirst du Frieden schaffen; denn auch alles, was wir ausrichten, das hast du für uns getan.
Herr, unser Gott, es herrschen wohl andere Herren über uns als du, aber wir gedenken doch allein deiner und deines Namens.
Tote werden nicht lebendig, Schatten stehen nicht auf; denn du hast sie heimgesucht und vertilgt und jedes Gedenken an sie zunichtegemacht.
Du hast vermehrt das Volk, Herr, vermehrt das Volk, hast deine Herrlichkeit bewiesen und weit gemacht alle Grenzen des Landes.
Herr, in der Trübsal suchten sie dich; als du sie gezüchtigt hast, waren sie in Angst und Bedrängnis.
Gleich wie eine Schwangere, wenn sie bald gebären soll, sich windet und schreit in ihren Schmerzen, so geht's uns auch, Herr, vor deinem Angesicht.
Wir sind auch schwanger und winden uns, und wenn wir gebären, so ist's Wind. Wir können dem Lande nicht helfen, und Bewohner des Erdkreises können nicht geboren werden.
Aber deine Toten werden leben, deine Leichname werden auferstehen. Wachet auf und rühmet, die ihr liegt unter der Erde! Denn ein Tau der Lichter ist dein Tau, und die Erde wird die Schatten herausgeben.“

Wovon Jesaja träumtLiebe Gemeinde, Jesaja spricht hier vor Gott von seinen Sorgen, von seinen Nöten und Hoffnungen. Er ringt mit ihm. Er erinnert Gott dankbar an all das, was er schon für sein Volk getan hat, wie er es geführt und groß gemacht hat. Und er erzählt ihm davon, wie sehr er sich nun Frieden wünscht für sein Volk und seine Seele, und wie sehr er Gott noch viel mehr loben und preisen würde für seine neuen Wunder: Für die Erfahrung der neuerlichen Barmherzigkeit, für Kinder, die geboren werden, für Menschen, die die alte Heimat bewohnen, für die Getöteten, die wieder aus den Gräbern aufstehen.
Jesaja gibt aber auch zu, dass wir Menschen immer wieder viele Fehler machen: Da sind die Menschen, die nichts von Gott wissen wollen, die nicht einmal nach den Spuren Gottes suchen; da sind die Menschen, die rücksichtslos nur an sich selbst denken und nichts dazu lernen wollen; und die Menschen, die an ihre Grenzen der Erkenntnis kommen, die fast verzweifeln, weil sie keine Ahnung haben, wie und wo sie helfen könnten, wie sie sich einbringen könnten, um diese Welt ein wenig heller und hoffnungsvoller zu machen. Und da sind auch die Menschen, die vor uns stehen und sagen: Ich habe nicht nur die Antwort, ich bin die Antwort.
Aber das, was sie dabei zur Welt bringen, ist meist nicht mehr als heißer Wind.

Im Licht der Schrift erkennen wir uns selbstSo nacherzählt, kommt uns Jesaja ganz nahe. Wir kennen ja unsere eigenen Fehler, wir stoßen an unsere Grenzen und wissen, alleine können wir die Welt nicht so verändern, wie es vielleicht gut wäre. Und wir wissen auch, dass uns das Hemd meist näher ist als der Mantel, so dass wir oft kurzsichtig der Bequemlichkeit und dem kurzfristigen Genuss den Vorzug geben, anstatt das zu tun, was Leben verheißen könnte für die Zukunft von vielen.
O, der Karren steckt tief im Dreck. Finsternis hat die Welt ergriffen. Und selbst die Kirche schaut nur noch gebannt auf die, die der Kirche davon laufen und davon sterben, anstatt der guten Nachricht von Gott her zu vertrauen.
Jetzt kann nur noch einer helfen: der gnädige Gott, der Barmherzige, der Allerbarmer. Nur er hat die Macht, die Leichname auferstehen zu lassen, sie herauszurufen aus der Totenwelt, damit sie die Schatten wieder herausgibt und aus Schatten wieder Menschen Gottes werden.
Jesaja trägt schwer an dem Kreuz seines Volkes, aber eines kennt er nicht. Doch er träumt schon davon:
Von dem Licht des Ostertages, von dem Tag, an dem das Leben über den Tod siegt, an dem die Liebe die Gleichgültigkeit überwindet, an dem das Gotteslob lauter klingt als die Schreie der Klageweiber.

Ostern - ein unvergleichlicher "Mehrwert""Christ ist erstanden, von der Marter alle. Des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieeleis."
Auf dieses Lied, auf diesen Jubel hat Jesaja umsonst gewartet.
Aber seit seiner Verkündigung vor 2500 Jahren ist die Hoffnung der Menschen immer stärker geworden, dass eines Tages sich die Gräber öffnen, dass eines Tages der Tod seine Beute herausgeben muss.
In der Begegnung mit dem Auferstandenen hat sich für die Freunde Jesu die Sehnsucht danach in eine tiefgreifende Erfahrung verwandelt. Aus dem Sehnen ist ein Vertrauen geworden, auf das sie ihr Leben gegründet haben. Ja, ein Vertrauen, in dem sie auch gestorben sind, ohne Furcht vor dem Tod.
Weitergehen mit den Flügeln des Vertrauens
Sehnst du dich noch nach dem großen Eingreifen Gottes, oder wohnst du schon in dem Vertrauen, dass Gott wirklich der ist, der die Toten auferstehen lässt, und der die Erde dazu bringt, dass sie die Schatten wieder herausgeben muss ans Licht?
In dieser Osternacht, an diesem Ostermorgen halten wir inne auf unserem Weg. Und wir legen das Sehnen nach dem Sieg Gottes über Tod und Teufel ab und greifen stattdessen nach den Flügeln des Vertrauens: Er ist erstanden von dem Tod, hat überwunden alle Not.
Mit diesen Flügeln des Vertrauens machen wir uns dann auf den Weg und spüren: So läuft es sich leichter, als Ostermenschen, als Menschen, für die jeder Sonnenaufgang zum Erinnerungszeichen dafür wird, dass nicht der Tod und die Verzweiflung siegen werden, sondern das Leben und die Liebe.
Amen.

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