Ostersonntag (31. März 2024)

Autorin / Autor:
Pfarrer Thomas Föll, ZfP Hirsau [Thomas.Foell@elkw.de]

1. Samuel 2,1-8

IntentionOstern macht lebendig! Die alttestamentliche Hanna und die Frauen am Ostermorgen laden uns ein, österlich zu leben und die Osterbotschaft mitzunehmen in unseren Alltag. Mit einem fröhlichen Herzen, einem erhobenen Haupt, einem kräftigen Mund und tätigen Händen. Wir sind die österliche Gemeinde! Als Schriftlesung sollte Matthäus 28,1-10 gelesen werden.


Halleluja ist unser LiedLiebe Gemeinde, für viele von uns gehören Ostern und Singen zusammen. In den Osterliedern singen wir vom Wunder des Ostermorgens, wir hören von Jesu Auferstehung, wir verkünden Gottes Sieg über den Tod, wir stimmen ein in den österlichen Jubel „Christ ist erstanden von der Marter alle. Des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis!“
Die Osterlieder erinnern uns auch an eine Grundwahrheit unseres Glaubens: Wir kommen von Ostern her! Wir sind ein Teil der österlichen Gemeinde aller Zeiten. Ostern ist in der Welt und es geht auch nicht mehr weg. Es tut gut, wenn wir uns immer wieder daran erinnern. „Gib dich nicht der Verzweiflung preis. Wir sind das Ostervolk, und Halleluja ist unser Lied.“ So hat es der frühere Papst Johannes Paul II. einmal gesagt. Gesungen wird auch in unserem Predigttext.

Gang der Frauen zum GrabSchon in der Schriftlesung aus dem Matthäusevangelium (28,1-10) haben wir gehört, dass die Frauen das Grab leer vorfanden. Anschließend begegnete ihnen der auferstandene Herr selbst. „Eilends“ und voll „großer Freude“ laufen die Frauen zurück nach Hause, um den Jüngern davon zu erzählen.
Und nun möchte ich Sie zu einer kleinen Gedankenreise einladen. Gehen wir in Gedanken mit den Frauen zurück in ihre Heimat. Unterwegs versuchen die Frauen, Worte zu finden für das Neue und Unvergleichliche, das sie erlebt und gesehen haben. Das Herz ist voll Freude, die Augen sind noch tränenfeucht, der Verstand aber folgt erst langsam. Eine der Frauen erinnert sich an eine berühmte Frau aus dem Alten Testament, Hanna mit Namen, und an ihren Lobgesang. In diesem Lied der Hanna finden die Frauen vom Ostermorgen und finden Christen aller Zeiten Worte für das Wunder von Ostern.

Hannas LiedWir hören als Predigttext zum Ostersonntag den Lobgesang der Hanna aus dem Ersten Buch Samuel Kapitel 2, Verse 1-8:

„Und Hanna betete und sprach: Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, mein Horn ist erhöht in dem HERRN. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils. Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist. Lasst euer großes Rühmen und Trotzen, freches Reden gehe nicht aus eurem Munde; denn der HERR ist ein Gott, der es merkt, und von ihm werden Taten gewogen. Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke. Die da satt waren, müssen um Brot dienen, und die Hunger litten, hungert nicht mehr. Die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hatte, welkt dahin. Der HERR tötet und macht lebendig, führt ins Totenreich und wieder herauf. Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht. Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse. Denn der Welt Grundfesten sind des HERRN, und er hat die Erde darauf gesetzt.“

Hanna, hilf uns, österlich zu lebenLiebe Gemeinde, „wer singt, betet doppelt“. So sagte es der Kirchenvater Augustinus einmal. Unser Predigttext ist gesungenes Gebet und betendes Singen. Ein Psalm außerhalb des Buches der Psalmen. Wohlgeformt sind seine Worte, aber nicht wohltemperiert, dafür aber leidenschaftlich und existentiell.
Hanna singt etwa 1000 Jahre vor dem ersten Ostern, und wir vereinnahmen ihren Lobgesang nicht. Er gehört in die Geschichte des Volkes Israel. Gerne aber setzen wir uns Hanna zu Füßen, hören ihr zu und sehen in ihr eine „Mutter im Glauben“. Ihr Lied wurde zum Vorbild für das berühmte „Magnificat“, den weihnachtlichen Lobgesang der Maria (Lk 1,46-55). Und die österliche Gemeinde findet bei Hanna Bilder und Worte, die uns einladen, „österlich zu leben“.
Mit der Bitte „Hanna, hilf uns, österlich zu leben!“ begeben wir uns in unseren Predigttext. Viele Entdeckungen warten auf uns. Vier davon möchte ich mit uns teilen. Dabei hören wir auch etwas aus dem Leben der Hanna, bevor sie ihr Loblied gesungen hat.

Das Herz reden lassen„Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn“ (2,1), so beginnt Hanna ihr Gebet. Eine erste Entdeckung ist das, nicht nur für Ostern, sondern für alle Tage des Jahres: Österlich leben heißt: das Herz reden lassen. Hanna lädt uns ein, unser Herz auszuschütten vor Gott. Hanna tat dies auch in den Jahren vor ihrem Lobgesang, und es waren auch Zeiten voll Traurigkeit und Erfahrungen von Mobbing und Abwertung mit dabei. Jahr um Jahr besucht sie das Heiligtum in der Stadt Silo, betet für sich und für andere und sucht die Nähe Gottes. Einmal sagt sie zum Priester Eli: „Ich bin eine betrübte Frau“ (1,15). Das Herz reden lassen: es hat sie nicht schwach gemacht, das auszusprechen. In ihrer dramatischen Lebensgeschichte voll Höhen und Tiefen, wie sie heute wohl den Stoff für eine Netflix-Serie abgeben könnte, wusste sie sich bei Gott geborgen, auch in den Tiefen ihres Lebens.

Offenheit für Gottes grenzenlose MöglichkeitenJahre vergehen. Dann aber geschieht es wie aus heiterem Himmel: Hanna, die so lange Zeit kinderlos war und dafür in der damaligen Zeit viel Spott ertragen musste, erfährt von ihrer wunderbaren Schwangerschaft, die zur Geburt ihres Sohnes Samuel führt. Und sie erfährt darin Gottes Nähe. Gott hat eingegriffen, wunderbar und unverhofft. Und Hanna beginnt zu singen: „Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils. Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist.“
Hören wir es heraus? Hanna ist verändert. Eine Frau, die bisher wohl eher unscheinbar und zurückhaltend war, findet den Mut, sich zu zeigen. Sie wird „sichtbar“ und „hörbar“. Weit geöffnet ist ihr Mund. Sie weiß: „Gott ist mein Fels.“ Als Christen denken wir an die Frauen vom Ostermorgen. Unterwegs zum Grab für einen letzten Liebesdienst, werden ausgerechnet sie zu den ersten Botinnen der Auferstehung Jesu. Sie erfahren, was auch Hanna verkündigt: Was auch immer gegen uns sprechen mag, Gott ist fest wie ein Fels, er gibt Halt in den Stürmen des Lebens. „Nichts ist so groß, Gott ist noch größer“, so hat es Martin Luther einmal gesagt. Die zweite Entdeckung: Österlich leben heißt: offen sein für Gottes grenzenlose Möglichkeiten.

Gott sieht und kennt michDie dritte Entdeckung mag uns etwas überraschen und auch irritieren. In Hannas Freudengesang mischt sich auch Wut und Schadenfreude: „Lasst euer großes Rühmen und Trotzen“, sagt sie, „freches Reden gehe nicht aus eurem Munde“. Das sind gewagte Worte in ihrem Gebet. Können wir ihr das verdenken? Es gab viele Kränkungen, und sie haben der Seele weh getan. Aber im Gebet an Gott kann Hanna ihren Schmerz aussprechen. Gerade, um etwas „loslassen“ zu können, tut es gut, es auszusprechen. Hanna weiß: Gott ist auch ein Seelsorger, er hört auch unsere Wut und unseren Schmerz. Und als Begründung nennt Hanna eine wunderschöne Gottesbeschreibung: „denn der Herr ist ein Gott, der es merkt“. Unser Gott ist ein Gott, der „es merkt“. Gott sieht nicht weg, sondern hin. Gott sieht hin. Für Hanna ist das keine Bedrohung. Es schenkt ihr Mut. „Der Herr sieht das Herz an“, so lesen wir wenig später ebenfalls im ersten Buch Samuel (16,7). Auch zum Jubel an Ostern gehört oft ein Element des Spottes. Im alten Brauch des „Osterlachens“ wird der Tod verspottet. Ähnlich in den Worten des Apostels Paulus (1 Kor 15,55): „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ Hanna lädt uns ein, österlich zu leben, und das heißt für sie: Es tröstet mich und gibt mir Kraft, dass Gott mich kennt und sieht.

In österlicher Wirklichkeit lebenEine vierte Entdeckung. In Hannas Lied folgen nun Bilder, in denen es überraschend „revolutionär“ zugeht. Was scheinbar unveränderlich ist, gilt plötzlich nicht mehr. Verhältnisse werden umgekehrt. Auch der Tod hat nicht mehr das letzte Wort. Denn Gott ist größer. Er ist Herr, und er kann erhöhen und erniedrigen, er nimmt sich der Armen an, er ist es, der „tot macht und lebendig“. Als österliche Gemeinde sehen wir darin den Blick auf eine neue Wirklichkeit. So wird es einmal sein! Und das zeigt sich schon jetzt. Österlich zu leben ist die Einladung, mit dieser neuen Wirklichkeit zu leben und sich nicht abzufinden mit den Dingen, wie sie sind. Wieder denken wir an die Veränderung im Leben der Frauen am Ostermorgen. Sie lassen Ostern in ihr Leben. Das Wissen, dass Jesus lebt, schenkt ihnen Mut und Kraft und eine neue Sicht auf die Welt.
Dazu passt auch das lebensfrohe Gedicht „Ostern“ von Gabi Hoppmann:

Aufstehen
aufspringen
neu beginnen
wieder entdecken
sich anstecken lassen
neu sich freuen
wieder lachen
ausstrahlen
handeln
Auf-er-stehen
Ihn leben lassen
Heute und allezeit.

Ostern macht lebendig! Hanna und die Frauen am Ostermorgen laden uns ein, österlich zu leben und die Osterbotschaft mitzunehmen in unseren Alltag. Mit einem fröhlichen Herzen, einem erhobenen Haupt, einem kräftigen Mund und tätigen Händen. Wir sind die österliche Gemeinde!
Resurrexit Dominus! Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! Wir sind das Ostervolk, und Halleluja ist unser Lied. Amen.

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