Ostersonntag (05. April 2026)

Autorin / Autor:
Pfarrer Dr. Hans Joachim Stein, Murrhardt [hans-joachim.stein@elkw.de]

1. Korinther 15,19–28

Intention
Die Predigt will die Hoffnung wecken und nähren, dass Gott mit der Auferstehung Jesu keinen Schlusspunkt, sondern einen Anfang gesetzt hat. Dieser Anfang wird die ganze Welt verwandeln. Die Hoffnung darauf ermutigt zum Handeln.

Nicht das Ende
Sie haben ihn ans Kreuz geschlagen. Dabei hat er niemandem etwas getan. Nur Gutes: Die Traurigen hat er getröstet, die Ausgestoßenen angenommen, die Kranken geheilt. Aber die Mächtigen haben sich über ihn geärgert. Er hat ihre Ordnung durcheinandergebracht. Darum haben sie ihn verhaftet und zum Tode verurteilt. Jetzt hängt er am Kreuz.
Aber das ist nicht das Ende.
Es ist ruhig auf Golgatha. Alle sind gegangen. Die Soldaten, die Priester, die Schaulustigen. Nur ein paar Freunde sind noch da. Sie nehmen Jesus vom Kreuz ab. Sie tragen ihn fort. Hier soll er nicht bleiben, hier auf der Schädelstätte. Sie legen ihn in ein Grab und verschließen es mit einem Stein.
Auch das ist nicht das Ende.
Es ist Morgen. Früher Morgen. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Es dunkel und still. Drei Frauen gehen zum Grab. Sie wollen zu Jesus. Sie wollen ihn salben. Sie wollen ihm nahe sein. Doch als sie ankommen, ist alles anders. Der Stein ist weggerollt, das Grab ist leer. Jesus ist weg. „Er ist auferstanden“, sagt ein Engel. „So hat er es doch gesagt.“
Das ist das Ende. Den sie verurteilt und gekreuzigt haben, den sie vom Kreuz abgenommen und zu Grabe gelegt haben – er ist nicht mehr tot. Er lebt. Ein gutes Ende!

Erst der Anfang
„Nein!“, ruft der Apostel Paulus. „Das ist nicht das Ende.“ – „Aber wieso?“, frage ich. „Jesus lebt. Alles ist gut.“ – „Für Jesus schon. Aber was ist mit dieser Welt?“ – „Hm“, brumme ich. – „Genau“, erwidert Paulus. „Ostern ist nicht das Ende. Ostern ist erst der Anfang.“ Und er fängt an zu erzählen:

„Christus ist auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.
Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem.“

Ostern ist nicht das Ende. Es kann noch nicht das Ende sein. Es liegt noch so viel im Argen.
Es reicht nicht, wenn nur der eine Tote aufersteht. Alle Toten sollen auferstehen. Nicht nur das eine Grab, alle Gräber sollen leer sein. Alle Menschen, von denen wir Abschied nehmen mussten, sollen auferweckt werden zu einem neuen, ewigen Leben. Solange die Toten nicht lebendig sind, ist auch das Ende noch nicht da.
Es reicht nicht, wenn Gott nur Jesus ins Recht setzt. Allen Gewaltopfern soll Gerechtigkeit zuteilwerden, alle Täter sollen zur Verantwortung gezogen werden. Die großen Diktatoren der Weltgeschichte genauso wie die unscheinbaren Nachbarn, die bespitzelt und verraten haben. Nichts darf unter den Teppich gekehrt werden. Gott muss reinen Tisch machen. Solange keine umfassende Gerechtigkeit herrscht, ist auch das Ende noch nicht da.
Es reicht nicht, wenn der Tod nur über den einen Menschen Jesus keine Macht mehr hat. Die ganze Schöpfung soll befreit werden. Noch ächzt und stöhnt sie unter der Tyrannei des Todes. Wo immer er wütetet, verbreitet er Angst und Schrecken. Er vergewaltigt Frauen, er entführt Kinder, er liefert Familien dem Hunger aus, er lässt Zivilisten im Kältekrieg erfrieren, er verseucht Landschaften und verpestet die Luft. Dem Tod muss die Macht genommen werden, er muss verschlungen werden in den Sieg. Weg, ein für alle Mal weg muss er. Solange der Tod nicht besiegt ist, ist auch das Ende noch nicht da.
Die Auferstehung Jesu ist nicht das Ende. Im Gegenteil: Gott hat mit ihr einen Anfang gesetzt. Jetzt geht es erst richtig los! Gott hat am Ostermorgen einen Stein ins Rollen gebracht, der unaufhaltsam rollt und nicht zum Stillstand kommt, bis endlich alles gut ist. Dann hat alles Böse keinen Platz mehr. Dann muss es weichen. Verschwinden muss es. Weil Gott alles durchsetzt, alles durchdringt, alles bestimmt, alles in allem ist.

Große Hoffnung und kleine Schritte
Darauf hofft Paulus. Er hofft, dass Gott zur großen Vollendung führen wird, was er an Ostern begonnen hat. Mit weniger will sich Paulus nicht zufriedengeben. Er schreibt:
„Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.“
So will auch ich hoffen. Nicht nur für dieses Leben. Über dieses Leben hinaus, über diese Welt hinaus. Ich will nicht nur auf den nächsten Waffenstillstand hoffen, auf die nächste Hilfslieferung, auf den nächsten Sturz eines Diktators. Ich will hoffen, dass ganz und gar Frieden wird. Ein großer Schalom. Wir können ihn nicht machen. Gott muss ihn durchsetzen.
Und ich bin mir sicher: Die große Hoffnung strahlt auf mein kleines Leben aus. Wenn ich groß hoffe, kann ich im Alltag kleine Schritte gehen. Wenn ich hoffe, dass der Tod verschlungen wird, kann ich ihm heute schon die Stirn bieten. Ich kann handeln. Da, wo Menschen ungerecht behandelt werden, wo die Schöpfung mit Füßen getreten wird, wo Menschen wegschauen und meinen, man könne nichts tun. Weil ich groß hoffe, kann ich im Kleinen handeln.
Macht ihr mit? Hofft ihr mit mir? Teilt ihr meine große Hoffnung und geht mit mir kleine Schritte? Dann ist Gott schon heute ein bisschen alles in allem.
Amen.

Predigt zum Herunterladen: Download starten (PDF-Format)