Pfingstmontag (25. Mai 2026)
Johannes 20,19-23
Intention
Die kurze Erscheinungsszene ist in der alten Perikopenordnung sicher oft in den Schatten der spektakulären Thomas-Szene geraten. Ich will - angesichts der abgeschotteten Meinungs- und Lebensstil-Blasen unserer Zeit - gerne etwas von ihrer Lebendigkeit auf mich und die Hörer wirken lassen.
Predigttext
„Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!
Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.
Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“
Die Jüngerinnen und Jünger ziehen sich mit verletzten Seelen zurück
Liebe Gemeinde! Sie haben es gehört: Der Evangelist Johannes erzählt vom Kommen des Heiligen Geistes nicht erst fünf Wochen nach Ostern, sondern am Tag der Auferstehung. Die Jünger haben sich eingeschlossen. Der Hinrichtungstod Jesu am Kreuz hat sie niedergeschlagen und ihnen die Zukunft geraubt. Was die Frauen aus dem Jüngerkreis morgens am Grab erlebt haben, ist nicht so richtig zu ihnen durchgedrungen. Und sie haben Angst, nach ihrem Rabbi als nächstes selber verhaftet zu werden.
Sie waren zusammen, sie hatten einander – wir wissen aber nicht, ob das eine Hilfe für sie war. Denn in Angst und Trauer kann es den Einzelnen zu verschiedenen Zeiten sehr unterschiedlich ergehen – auch heute in unseren Familien. Zum eigenen Schmerz muss man auch noch die Wut des anderen aushalten oder die laute Musik von der, die sich gerade dringend ablenken und Luft machen muss.
Gesprächsfetzen dringen von der Straße in die abgeschlossene Wohnung. Sie spielen ein Spiel mit der Angst und der Unsicherheit der Jünger, sie verstärken die Unruhe oder besänftigen sie ein bisschen. Die Nachrichten-Bruchstücke von draußen verstärken, was sowieso in ihrem Herzen ist. Etwas wirklich Neues kommt nicht zu ihnen herein.
Fenster zur Welt oder Möblierung unserer Lebens-“Blase“? – das Internet
Liebe Gemeinde, durch Internet und Telefon, Fernsehen und Radio haben wir heute viel mehr Fenster in die Welt als die Jünger damals. Und das hilft uns ja oft wirklich, Kontakt zu halten zur Welt draußen – zum Beispiel in Krankheitswochen. Selbst in unseren Pflegeheimen gibt es inzwischen Menschen, die im sehr hohen Alter nicht nur fernsehen, sondern sich durch Emails oder Chat-Nachrichten mit anderen austauschen.
Vor ein paar Jahren während der Corona-Epidemie war das für viele von uns lebenswichtig. Besonders die Gruppen-Chats und die Video-Calls zu zweit oder in Gruppen wurden wichtig zum persönlichen Austausch, für berufliche Absprachen und für die Ausbildung an Schulen und Hochschulen, für Vereine und Musiker. Viele von uns haben dabei Neues dazugelernt.
Vor einigen Wochen ist im Iran das Gegenteil geschehen: Die dortige Regierung hat nach Massenprotesten das Internet abgeschaltet, die Menschen konnten sich nicht mehr so gut vernetzen und die Gewaltverbrechen an den Demonstranten blieben großenteils verborgen.
Wir wissen heute aber auch, dass das Internet nicht automatisch das Fenster zur Welt öffnet. Manche bleiben in ihren künstlichen Spiel-Welten hängen. Und Google, Facebook, Instagram und TikTok schicken uns gerne solche Mitteilungen, die unsere eigene Weltsicht bestätigen. Rechte und Linke, Ökos und Verbrenner-Fans bleiben jeweils unter sich, Veganer und Schnitzelfarmbesucher ziehen übereinander her, Gender-Fighter und Gender-Hasser empören sich übereinander und bauen an ihren Feindbildern.
Wir nehmen gerne das in uns auf, was wir irgendwie schon kennen, was uns vertraut vorkommt und uns bestätigt. Nicht nur im Internet. Auch Nachbarn oder Berufskolleginnen, Mitschüler oder Vereinskameradinnen suchen gerne das Gespräch lieber mit Gleichgesinnten oder denen, die einen ähnlichen Lebensstil pflegen. Diese Neigung gab es natürlich immer schon, aber die „Blasen“-Bildung, das Sich-Bestätigen in der „Bubble“ hat wohl zugenommen. Es ist eine hohe Schwelle, es ist anstrengend, es ist mühsam, mit ganz anders gestrickten Mitmenschen ins Gespräch zu kommen. Viele versuchen das gar nicht mehr. Dabei wäre es so wichtig für unser Zusammenleben! –
Der Auferstandene mit den Wundmalen – Frieden für die aufgescheuchten Seelen und für die Welt
In die Wagenburg der Jüngerinnen und Jünger in Jerusalem tritt der auferstandene Jesus Christus herein – leibhaftig – die Wände halten ihn nicht auf. Die kreisenden Gedanken dürfen stillstehen, Gottes Wirklichkeit kommt in ihren Kreis. „Schalom – Friede sei mit euch.“ Im Orient ist das bis heute eine ganz alltägliche Begrüßung – Salam Alaykum – oder eben: Schalom alechem! Die Lähmung und Niedergeschlagenheit der Jünger wird weggeweht. Jetzt kommt frischer Wind in ihre Quarantäne.
Ein paar Monate vorher, auf dem See, hatten sie Angst vor ihm, als er bei Nacht über die schwarzen Wellen auf sie zukam – bis Jesus sagte: „Fürchtet euch nicht – ich bin es.“ Jetzt sagt er „Schalom“, er geht auf sie zu und zeigt ihnen seine Wunden vom Kreuz – die durchbohrten Hände, die Speerwunde an der Seite. Das ist jetzt sein „Ich bin es“ – Jesus ist der Gott, dem die Leiden der Menschen unauslöschlich eingegraben sind.
Der Evangelist Johannes erzählt: Schon hier am Ostertag hat der Auferstandene den Blick seiner Freunde über den eigenen Kreis hinaus geweitet. Das „Schalom – Friede sei mit euch“ bekommt jetzt Kraft. Denn das ist seine Mission – Gottes heilende, friedensstiftende Kraft unter die Menschen zu bringen. „Den Frieden lasse ich euch da“ hat er in seinen Abschiedsreden gesagt – jetzt geschieht das. Und ehe sie sich‘s versehen, werden die Jüngerinnen und Jünger Jesu aus Adressaten zu Akteuren: „Wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Jesu Mission in dieser Welt geht mit ihnen weiter.
Liebe Gemeinde, gerade noch haben sich die Jünger und Jüngerinnen ängstlich in ihrem Versteck zusammengekauert, und jetzt diese atemberaubende Wendung! „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Es ist einfach zu viel, zu groß, zu weit, es geht zu schnell!
Mit frischer Luft beatmet und beseelt nach draußen gehen
Damit ihnen nicht die Luft wegbleibt, bläst ihnen der Auferstandene jetzt ins Gesicht „Nehmt hin den Heiligen Geist!“ – Bei dieser Vorstellung ist uns nach den Corona-Jahren immer noch etwas unwohl, Atemfeuchtigkeit kann schließlich ansteckend sein. Andererseits hat schon mancher Angehörige oder Freund und mancher Ersthelfer der Feuerwehr durch Mund-zu-Mund-Beatmung Leben gerettet. Die Schöpfungsgeschichte in 1.Mose 2 erzählt, dass Gott dem aus Erde geformten Menschen seinen Lebensatem in die Nase bläst und dass er so zu einem lebendigen Wesen wird. In unserer gestressten und getriebenen Welt haben viele diese Lebensader neu entdeckt: den eigenen Atem spüren, beim Yoga, beim Meditieren, in einer kleinen Übung oder in gehetzten Momenten langsam und tief durchatmen und Angst und Druck abklingen lassen und die eigene Mitte spüren. Relativ wenige verbinden diese wertvolle Erfahrung mit unseren Bibeltexten. Dabei gehört beides zusammen. –
Gottes Atem belebt. Der Atem des auferstandenen Christus ist Gottes Geist. Wer seinen Hauch einatmet, kann zur Ruhe kommen und Frieden finden. Gottes Geist bezeugt uns, dass wir Gottes geliebte Kinder sind, schreibt der Apostel Paulus. Gottes Atem nimmt uns mit ins Weite. „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Gottes Schalom, der Friede Jesu Christi will weiter, will in die Welt.
In seinem Geist können wir mit Mut über die Echokammern hinausgehen, wo halt alle etwa gleich ticken und einander bestätigen. Auf jemand zugehen, der erstmal keine guten Schwingungen in uns auslöst. Das kann Mühe machen und uns in Anspannung versetzen, die eigene Sicht vom Leben zeigen und angreifbar werden. Und seine oder ihre Sicht aushalten. Darauf vertrauen, dass Gottes Geist auch in so einem mühsamen Gespräch wirkt. Und zwar bei beiden Gesprächspartnern. Wir wollen dann nicht irgendein Gesprächsergebnis erzwingen, sondern einfach für Gott und für den andern Menschen offen sein. –
Der Atem Gottes aus der Schöpfungsgeschichte bläst uns im Atem des auferstandenen Jesus neu an. Er will uns inspirieren, er kann uns begeistern für Gottes guten Willen. Erkennen, was gut für uns und für das Zusammenleben der Menschen und gut für die Erde ist. Sünde beim Namen nennen und Gottes liebende Vergebung zusagen. Menschen lösen von dem Zwang, immer die gleichen Fehler zu wiederholen. Den auferstandenen Jesus hören, seinen Worten vertrauen, zu ihm beten und zu ihm hin singen. Das Gute versuchen mit Geduld und Zuversicht und mit einem langen Atem.
Schalom – Friede sei mit euch! Amen
Predigt zum Herunterladen: Download starten (PDF-Format)