Pfingstsonntag (04. Juni 2017)

Autor/in: Pfarrer Dr. Karl Hardecker, Stuttgart [Karl.Hardecker@elkw.de]

Johannes 16, 5 -15

Liebe Gemeinde,

wir könnten alle Volkshochschulen schließen, wir könnten Millionen, ja Milliarden sparen, wir könnten den Gang zu Psychologen, Psychotherapeuten sparen, wir könnten viele, vielleicht die meisten religiösen Fragen klären, wir könnten auf einen Schlag das Leben von Millionen leichter machen, wenn wir eine Antwort wüssten auf die eine Frage: wie das Leben zu bewältigen wäre.
Wer die Antwort wüsste, wer den Schlüssel kennte zu dieser Frage, wäre ein gefragter Mann, wäre ganz gewiss schnell reich und würde für diese Frage von morgens bis abends aufgesucht und befragt, um die Antwort auf diese eine Frage zu hören: wie das Leben zu bewältigen sei.
Denn zu bewältigen ist auch dies, dass wir Menschen verlieren, dass wir Abschied nehmen müssen, dass wir dazu nicht gefragt werden, dass wir dies hinnehmen müssen, obwohl wir es doch nicht wollen und dass wir damit allein gelassen werden, mutterseelenallein.

Nicht anders war es für die Jünger nach dem Tod Jesu. Sie fühlten sich allein gelassen, sie fühlten sich überfordert, und sein Abschied und Weggang lag auf ihnen wie eine riesige Last.
War da das Wort des Meisters wirklich ein Trost und eine Hilfe, wenn er sagt: „Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch?“
Was soll daran gut sein, dass er weggeht? Worin soll der Gewinn liegen, dass er nicht mehr da ist und schmerzlich vermisst wird?

Ja, einen Trost brauchen sie schon, einen Trost und einen Tröster. Ja, sie brauchen dies, dass ihnen jemand zuspricht in ihrem Innersten, ganz innen, und sie diese Stimme hören, die Stimme des auferstandenen Christus.
Aber wird dadurch nicht die Trauer noch größer? Wird der Schmerz nicht noch stärker?

Leidensgeschichten, die nicht zu bewältigen sindIn dem großen Roman „Ein wenig Leben“ beschreibt die Autorin Hanya Yanagihara die Lebensgeschichte eines Mannes, der in seiner Kindheit sexuell missbraucht wurde und dieses Trauma ein Leben lang mit sich schleppt. Keine Therapie kann da helfen, niemand vermag ihn zum Reden zu bringen. Das Leben ist für ihn eine große Last. Selbst gute und liebevolle Beziehungen, selbst die Liebe zu einem anderen Mann kann ihn nicht wegbringen von der Sucht, sich immer wieder selbst zu verletzen, selbst zu zerstören, weil er mit dieser Last nicht anders fertig werden kann. Es ist eine Leidensgeschichte, die darin ihre Tiefe und große Ehrlichkeit hat, dass es diesem Menschen, Jude St. Francis, nicht gelingt, aus seinem Leiden herauszufinden, obwohl er gute Freunde hat, die sich um ihn kümmern und die sich über seine Gefährdung im Klaren sind.
Hier vermag einer sein Leben nicht zu bewältigen, wiewohl er hunderte, vielleicht tausende von Anläufen dazu nimmt und wiewohl es Momente gibt, in denen er sich verstanden fühlt und in denen das Leben für ihn für einen Tag oder für zwei leichter und erträglicher wird. Doch als er seinen Partner, den er aufs innigste liebt, durch einen Verkehrsunfall verliert, ist ihm dadurch der Sinn seines Lebens vollends abhandengekommen. In einer nach unten sich drehenden Spirale läuft sein Leben nun auf die Zerstörung zu.
Seine Trauer ist so stark, dass sich mit ihr sein schweres Leben nicht mehr bewältigen lässt.

Wie der Geist Gottes zu helfen vermagWie ließe sich da beschreiben, dass dieser Geist Gottes uns hilft, das Leben zu bewältigen?
Sicher nicht so, dass diese Bewältigung nach Rezept verlaufen könnte, nur so, dass eine solche Bewältigung immer ein Risiko bleibt, und wenn sie gelingt, ein Geschenk Gottes ist.

Wenn Menschen über ihre Trauer reden können, wenn sie sich anderen gegenüber öffnen und von ihrer Last, die sie zu tragen haben, erzählen und berichten, dann ist hier der Geist Gottes am Werk, der Mund und Herzen öffnet und Menschen hilft, aus sich herauszutreten. Wen wundert es also, dass dieser Geist Gottes Menschen zum Tanzen bringt. Denn dieser Geist erfasst nicht nur das Herz und den Mund, sondern auch unsere Glieder dazu. Wir werden bewegt. Unsere Schwere wird leichter. Wir gehen beschwingt. Wir tanzen.
Wenn wir erfüllt sind von diesem Geist Gottes, dann müssen wir uns nicht länger verbiegen, dann endet unsere Verkrümmung, dann können wir mutig hinstehen für uns und für andere, die unseren Beistand benötigen: Kinder, die orientierungslos aufwachsen müssen, Flüchtlinge, die sich schwer tun, hier heimisch zu werden. Das erfordert Mut. Das geht nicht von selbst. Aber wenn wir so handeln, wird deutlich, was der Evangelist meint, wenn er schreibt: der Geist Gottes richtet die Welt.

Dieser Geist hilft uns dazu, Urteile und Vorurteile über andere zu überwinden und zu korrigieren. Wie häufig ist mir dies schon passiert, dass ich Menschen falsch eingeschätzt hatte, dass sich später gezeigt hat: Dieser ist ganz anders, ich habe mir ein falsches Bild von ihm oder ihr gemacht; im einen Fall habe ich ihn unterschätzt; im anderen Fall habe ich gar nicht gespürt, welche große Wärme diese Frau zu geben vermag. Ein wenig war ich dann vielleicht beschämt über mich selbst, und gleichzeitig habe ich mich gefreut darüber, dass diese Korrektur möglich war; dass ich nicht stehen blieb bei diesem Bild, das ich hatte.

Überwundene GrenzenOhne diesen Geist des Auferstandenen wären die Grenzen nie überwunden worden, die ein kleinlicher und ängstlicher Menschengeist geschaffen hat: Grenzen zwischen den Völkern, Grenzen zwischen Arm und Reich, Grenzen, die der Rassismus immer wieder zu errichten droht, Grenzen wie die Mauer damals zwischen Ost und West, Grenzen zwischen Katholiken und Protestanten.
Ohne diesen Geist wäre die Leidensgeschichte der beiden Konfessionen nicht überwunden worden; ohne diesen Geist wäre rassistisches Denken immer noch viel zu stark.

Andere Grenzen werden neu gezogen, Grenzen, die Ausdruck sind einer großen Geistlosigkeit: Grenzen zu Mexiko, Grenzen, in die sich Europa zurückzieht wie hinter einer Mauer, Grenzen, die IS-Kämpfer aufs Neue ziehen zwischen Christen und Muslimen, wenn sie Kopten blindwütig ermorden. Es sind Grenzen, die uns zeigen: Es ist dringend nötig, dass wir jedes Jahr aufs Neue, ja jeden Tag das Pfingstfest neu feiern, dass wir Gott bitten um seinen Heiligen Geist, der uns hilft, die Geistlosigkeit zu überwinden, Freunde zu finden und als Brüder und Schwestern durchs Leben zu gehen und so das Leben zu bewältigen mit Hilfe des Geistes des Gekreuzigten, der nicht tot ist, sondern lebt und lebendig macht.
Amen.



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