Quasimodogeniti (08. April 2018)

Autorin / Autor: Pfarrer Hartmut Mildenberger, Stuttgart [Hartmut.Mildenberger@elkw.de]

Kolosser 2, 8-15

Vergesst nicht, wo wir herkommenVergesst es nicht, was er euch Gutes getan hat. Vergesst nicht, wie ihr mit ihm verbunden seid. Vergesst nicht, wie er sich mit euch verbunden hat.
Wir kommen frisch von Ostern her. Vergesst es nicht, was da geschehen ist. Vergesst es nicht, wenn jetzt wieder der Alltag beginnt. Vergesst nicht: Er ist mit euch, ihr seid mit ihm.

Ganz leidenschaftlich ist der Apostel geworden. Da ist etwas Neues in eurem Leben, sagt er. Verfallt nicht in die alten Muster. Die Menschen der jungen Christengemeinde in Kolossä sind geprägt und umgeben von den damaligen religiösen Kulten und philosophischen Gedanken. Früher waren sie es auch gewohnt, sich an besonderen Ritualen zu beteiligen. Da hatten sie immer etwas tun müssen: Opfer bringen, besondere Gebete sprechen. Das war ihnen in Fleisch und Blut übergegangen. Jetzt sagen manche Wohlmeinende: Euch fehlt noch was, ihr solltet auch noch Speisegebote beachten und Feiertage und Neumonde… und das solltet ihr noch, und jenes solltet ihr auch noch.

Deshalb wird der Apostel so leidenschaftlich. Er ringt um seine Leute, er weiß, wie verletzlich der neue Glauben für sie ist. Deshalb:
Vergesst nicht, was entscheidend ist. Vergesst vor allem Christus nicht. Er ist mit euch, ihr seid mit ihm. In ihm habt ihr alles, alles, alles, was ihr braucht. Lasst euch nicht verwirren, lasst euch nicht irgendwelche Regeln auflegen. Christus genügt.

Vielleicht ist Ihnen das, liebe Gemeinde, aufgefallen beim Hören der Lesung: in jedem Satz, in ihm, in ihm, durch ihn, Er hat getan…
Vergesst nicht diesen Christus, von dem ihr herkommt. Vergesst nicht, was Jesus Christus an Karfreitag und Ostern für euch getan hat. Vergesst nicht, wo ihr herkommt, wenn ihr in den Alltag zurückkehrt.

Was hat er denn getan? Was bedeutet das jetzt? Wie ist mein Leben mit ihm verbunden? Schauen wir in den Bibeltext.

Beschneidung betrifft das ganze LebenDa geht es zuerst um das Thema Beschneidung.
Zur Zeit der ersten Christen war das eine wichtige Diskussion: Sollen Nicht-Juden, die Christen werden wollen, beschnitten werden? Damals und auch heute ist die Beschneidung im Judentum Zeichen für die Zugehörigkeit zum Volk Gottes. Sie ist Zeichen des Bundes zwischen Gott und seinem Volk Israel. Die Vorhaut über dem männlichen Glied wird bei einem gesunden Säugling am 8. Tag nach der Geburt entfernt. Auch Jesus war beschnitten. Der 1. Januar ist das Fest der Beschneidung des Herrn. Jesus war Jude, gehörte zum Volk Gottes. Noch heute lassen jüdische Eltern ihr Kind beschneiden, auch wenn sie nicht unbedingt religiös sind. Das gehört einfach dazu; wie bei uns für manche die Taufe. Diese Beschneidung tut nicht besonders weh, sie beeinträchtigt auch nicht irgendwelche Sexual-Funktionen. (Dieses religiöse Ritual hat übrigens nichts zu tun mit der unerträglichen Verstümmelung von Mädchen. Hier werden in manchen hauptsächlich afrikanischen Ländern die weiblichen Genitalien verstümmelt. Sie bedeutet einen radikalen Einschnitt in die weibliche Sexualität.)

Soll man also beschneiden oder nicht? Beschneidung ist nicht nötig. Dafür hat sich die Christenheit entschieden. Warum? Es geht um den ganzen Menschen, nicht um einen Teil. Nicht nur die Vorhaut wird entfernt, wenn einer zu Christus gehört, sondern der ganze irdische Mensch.
„Verbunden mit ihm, seid ihr auch beschnitten worden. Allerdings handelte es sich dabei nicht um einen äußerlichen Eingriff an eurem Körper, sondern um das Ablegen der von der Sünde beherrschten menschlichen Natur. Das ist die Beschneidung, die unter Christus geschieht.“ (V.11, Neue Genfer Übersetzung)
Vergesst also nicht, ganz und gar habt ihr euer altes Leben abgelegt. Wenn ihr zu Christus gehört, dann betrifft dies alles an euch. Euer ganzes Leben ist mit Christus verbunden. So wie Christus ganz Mensch war, so betrifft Christus jetzt euer ganzes Leben. Ihr mit ihm, er mit euch.

Taufe als Sterben und NeugeborenwerdenDeshalb zweitens: Zeichen des neuen Bundes ist nicht die Beschneidung, sondern die Taufe. Sie tritt als Zeichen an die Stelle der Beschneidung. Denn die Taufe vollzieht zeichenhaft nach, was mit Jesus geschehen ist. Er mit euch, ihr mit ihm.

Wie ist mein Leben mit Christus verbunden?
In der Taufe taucht der ganze Mensch symbolisch oder ganz real unter Wasser. Indem ein Mensch untertaucht – getauft wird, ist der ganze alte Mensch abgeschnitten. So sagt es sinngemäß der Apostel. Ihr werdet quasi begraben mit ihm. Die Taufe vollzieht das nach, was an Jesus Christus am Karfreitag geschehen ist. Ihr kehrt sozusagen in den Mutterleib zurück. Das Alte, was war, zählt nicht mehr.

Damals waren es vor allem Erwachsene, die getauft wurden.
Deshalb: Euer altes Leben ist vorbei, ihr seid mit Christus begraben worden. Erinnert euch doch, wie es war am Ostermorgen, als ihr getauft wurdet. Erinnert euch, lasst es nicht los. Abgelegt habt ihr die alten Kleider. Abgelegt habt ihr das alte Leben. Untergetaucht seid ihr. Aufgetaucht seid ihr wieder als neue Menschen. Neue Gewänder habt ihr bekommen. Weiß und rein waren sie. Eine ganze Woche habt ihr sie angehabt. Vergesst es nicht. Ihr seid quasi neu geboren. Als ihr da aufgetaucht seid aus der Taufe, da war es, wie wenn ein neues Leben für euch begonnen hat.

Christus ist auferstanden, mit ihm seid auch ihr auferstanden zu einem neuen Leben. Er mit euch, ihr mit ihm. Und dieses neue Leben beginnt nicht erst, wenn ihr gestorben seid. Dann zwar auch, denn Christus hat den Tod überwunden und ihr werdet dann aus dem Tod mit ihm auferstehen. Aber das neue Leben hat jetzt schon begonnen mit eurer Taufe.

Dies den Erwachsenen damals zu sagen, dazu war der Apostel berufen. Fallt nicht wieder ab, fallt nicht zurück in alte Abhängigkeiten. Ihr seid frei.

Das fühlt sich wie Entschuldung anWie fühlt man sich da, wenn man mit Christus gestorben ist und auferstanden ist? Drittens also: Das ist wie bei einer Entschuldung.

Ihr wisst doch, wie das ist, wenn einer Schulden hat und einen Schuldschein unterschrieben hat. So erinnert der Apostel. Ihr kennt das doch von den Sklaven unter euch. Manche von euch waren doch versklavt – oder sind es womöglich immer noch. Das belastet einen für das ganze Leben. Immer ist das da. Immer ist man in Abhängigkeit.

Der Apostel nimmt ein Bild ganz bewusst nicht aus der religiösen Sprache, sondern aus der Geschäftswelt, um zu sagen, was das Neue ist. Ihr kennt das doch, wie das einen bedrückt und belastet. Man arbeitet nur, um die Schuld abzutragen. Nichts für sich, immer unfrei. Keine Möglichkeit ist da, etwas zu gestalten. Schulden, Schulden, Schulden.

Jetzt stellt euch vor, da kommt einer und bezahlt den ganzen Schuldenberg für euch. Dieser Eine ist reich, hat die ganze Fülle an Geld. Und er gibt sein Geld für eure Schulden. Ihr geht hin zu euren Gläubigern, zeigt euren Schuldschein. Und euer Gläubiger ist schon ausbezahlt. Er nimmt euren Schuldschein und streicht ihn durch. Ihr seid erlöst. Und ihr könnt wieder leben, als Menschen euer Leben selbst gestalten. Freie Menschen seid ihr. Die Schulden sind bezahlt.

Das hat Christus für euch getan. Erinnert euch, vergesst es nicht, was am Karfreitag geschah. Karfreitag war Zahltag. Christus hat aus der Fülle Gottes eure Schulden bezahlt. Der Schuldschein ist durchgestrichen, er ist ans Kreuz genagelt mit Christus. Da bleiben eure Schulden auch, die fordert keiner mehr ein. Deshalb lasst euch eure Freiheit nicht nehmen. Verstrickt euch nicht wieder in neue Schulden. Lebt aus der Fülle.

Der Triumphzug des Christus imperatorHat das nur Bedeutung für das persönliche Leben? Nein, weil viertens Christus alle Mächte besiegt hat.

Ihr lebt nicht mehr unter der Macht der alten Götter, die ihr verehrt habt. Die gibt es nicht mehr. Christus hat auch die besiegt. Erledigt sind sie. Was an Karfreitag und Ostern geschehen ist, das hat nicht nur Bedeutung für euch. Das ist universal. An Ostern hat Christus gesiegt über alle Mächte dieser Welt, seien sie sichtbar oder unsichtbar. Ihr kennt es doch, wie das ist, wenn ein Feldherr vom Krieg heimkehrt. Ihr kennt die Triumphbögen. Alle Leute sind versammelt an den Straßen, und der Feldherr führt die Besiegten im Schlepptau hinter sich her.

So machte das Christus mit den Mächten. Sie sind in Ketten gelegt, er geht ihnen voran. Der Tod ist gefangen. Die Schulden sind angekettet, den Forderungen ist der Mund zugeklebt. Christus hat die Macht, die Liebe siegt, das Leben siegt.

Machtwechsel zu Christus mit jedem AtemzugLiebe Gemeinde, so ähnlich mag sie geklungen haben, die Predigt, die der Apostel seinen Leuten in Kolossä gehalten hätte.
Was bedeutet das für uns?

Ich schließe mich ihm an: Vergessen wir nicht, wo wir herkommen: von Karfreitag und Ostern. Wir sind zwar mehrheitlich als Kinder getauft worden, aber das hat sich auch an uns vollzogen. Wir gehören ganz zu Christus. Er mit uns, wir mit ihm. Quasimodogeniti heißt dieser Sonntag, übersetzt: wie die neu geborenen Kinder. Jeden Tag neu sind wir mit Christus gestorben, jeden Tag neu sind wir mit ihm zu neuem Leben auferstanden. Ja, nicht nur jeden Tag, jeden Atemzug gilt das. Ich versuche, es mit diesem neuen Vergleich zu sagen: Der Machtwechsel des Lebens vollzieht sich mit jedem Ausatmen und Einatmen. Wir werden neu geboren. „Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2.Korinther 5,17)

Welches sind die Mächte, die unser Leben binden? Krankheit und Tod, Armut und Schulden, schlechtes Gewissen und neue Versuchungen, Spielsucht und Esssucht und Trinksucht, und wie die Süchte und Abhängigkeiten alle heißen, Einsamkeit und Depression. All das ist gefangen von Christus, er ist lebendig in unserem Leben. Auch Sünde und Schuld: angenagelt ans Kreuz.

Gerade weil wir den Machtwechsel nicht immer spüren, will ich daran erinnern. Es geht mir ja nicht anders als Ihnen. Wenn eine dieser Mächte oder eine andere mal wieder in unserem Leben sich ausbreiten will, dann könnten wir Folgendes tun:
Stellen wir uns diese Macht vor, wie sie gebunden und gefesselt ist. Wie in einem antiken Triumphzug ist sie schon besiegt. Christus führt ins Leben. Oder wenn uns etwas bedrückt, dann stellen wir uns vor, wie diese Bedrückung am Kreuz Jesu festgenagelt ist. Stellen wir uns vor, wie es ist schon befreit davon zu sein. Und dann atmen wir bewusst aus, was alt ist und nicht zu Christus gehört. Dann atmen wir bewusst ein, Christus strömt in uns ein mit neuer Kraft und neuer Liebe und neuem Leben.

Vergessen wir nicht, wo wir herkommen: An Karfreitag und Osten hat Christus gesiegt, er für uns und wir mit ihm. Wir sind Quasimodogeniti, Quasineugeboren, - quasi- jeden Atemzug neu durch Christus. Amen.


AnmerkungErgänzend Vorschläge zur Liturgie mit Liedern, Lesungen und Gebeten.
Wochenspruch: Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. (1. Petrus 1,3)
Lieder, Psalm, Lesung:
Frühmorgens, da die Sonn aufgeht EG 111, 1-3.12-13
Psalm: Kolosserhymnus EG 765
Schriftlesung: Johanes 17, 9-11.15-19
Jesus Christus, unser Heiland, der den Tod überwand EG 102, 1-3
Jesus lebt, mit ihm auch ich EG 115, 1-5
Christ ist erstanden EG 99, 1-3

Eingangsgebet:
Ja, durch dich ist alles geschaffen, was geschaffen ist. Wir loben dich für das Erwachen der Natur, dass alles aufsteht aus der Erstarrung des Winters und der Kälte, – lass auch uns aufstehen, wecke uns mit deinem Wort, mit deiner Botschaft des neuen Lebens.
Ja, alles kommt durch dich – Wir danken dir für die Kinder, die neu geboren werden, und dass du neues Leben schaffst. Deine Kinder sind wir, ob klein, ob groß. Bei dir können wir das sein: Kinder, die es einfach nötig haben, dass sich einer um sie sorgt. Ja, sorg du dich um uns. Gib, was wir heute zum Leben brauchen. Du hast sie doch im Griff - die Mächte, die uns das Leben schwermachen. Du bist doch auferstanden und hast uns neues Leben geschenkt, lass es uns auch erfahren, wenigstens manchmal. So vieles bewegt uns, wir wollen es dir bringen jetzt in der Stille. [Stilles Gebet]

Fürbittgebet:
Ja, du hast die Mächte dieser Welt gefangen genommen, du hast die Schuldbriefe getilgt.
Du schenkst neues Leben, darum kommen wir zu dir, du Gott des Lebens.
Wo Krieg und Kriegsangst herrscht, da komm mit deiner Macht der Liebe und der Vergebung.
Wo wir Menschen diese Welt zerstören mit unseren zerstörerischen Möglichkeiten, da gebiete uns Einhalt. Wir verschmutzen deine Welt. Wir meinen, Kräfte zu beherrschen, deren Auswirkungen wir nicht übersehen. Vergib uns unsere Schuld, wo wir nutzlos und sinnlos auf Kosten deiner Schöpfung leben.
Wir bitten dich für alle, die gefesselt sind von Schulden und nicht über sie hinaussehen.
Lass in der Weltpolitik und im ganz kleinen zwischenmenschlichen Umgang die Politik der Entschuldung Einzug halten.
Wir bitten dich für Menschen, die am Boden liegen durch Kräfte, die ihnen zu stark werden. Trauer, Verlust, durch Drogen, durch Krankheit. Schick dein heilendes Osterlicht, und lass auch uns erkennen, wo wir gebraucht sind.
Ja, schenk es uns immer öfter, dass wir aufstehen zur Auferstehung, dass wir merken, dass du lebendig bist in uns. Unsichtbar und doch wirksam erfülle uns im Alltag. Lass uns aufstehen mit unserer lebendigen Haut und unserem lebendigen Haar. Ja, mach uns neu an Leib und Geist und Seele.
Dies bitten wir durch Jesus Christus, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schafft von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.


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