Quasimodogeniti (28. April 2019)

Autorin / Autor: Pfarrer und Studienleiter Johannes Gruner, Bad Urach [Johannes.Gruner@elkw.de]

1. Petrus 1, 3 -9

1,3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten,
4 zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch,
5 die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereitet ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.
6 Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen,
7 auf dass euer Glaube bewährt und viel kostbarer befunden werde als vergängliches Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus.
8 Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude,
9 wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.


IntentionDer Glaube an Christus ist kein Selbstläufer, sondern zutiefst verbunden mit Zweifel und Widerständen. Dennoch: Es ist die Überwindung des Todes, die Mut zum Glauben im Alltag macht. Die Zukunft bestimmt die Gegenwart. Das gilt für alle Getauften – damals wie heute.

Als Schriftlesung sollte das Sonntagsevangelium gelesen werden: Joh 20,19-29.

Liebe Gemeinde!
Wer getauft ist, blickt in eine wunderbare Zukunft. Eine Zukunft, die Gott im Himmel bereithält, so sagt der 1. Petrusbrief. Unvergänglich und leicht wird das Leben sein. Die Alltagssorgen spielen keine Rolle mehr. Es wird sie nicht mehr geben. Man lebt wie neugeboren.

Ist das eine Jenseitsvertröstung? Versperrt der Blick auf eine Zukunft mit Gott den Blick auf die Wirklichkeit der Gegenwart? Für die Menschen, an die der 1. Petrusbrief geschrieben wurde, war das ganz anders. Und in seiner Folge auch für viele Christinnen und Christen der ersten Jahrhunderte. Für sie war sicher: Diejenigen, die uns mit dem Tode drohen, können uns nichts anhaben. Die Mächtigen einer Stadt oder die Vertreter des Kaisers in Rom bringen uns nicht vom Glauben an Christus ab. Sie misshandeln uns. Sie trachten vielleicht sogar nach unserem Leben, weil wir uns anders verhalten. Weil wir nicht den Stadtgöttern oder dem Kaiser Opfer bringen. Aber das macht uns keine Angst. Wir halten an Christus fest. So können wir getrost leben.

Diese Haltung erschreckt. Sie verunsichert. Das hat an anderen Orten im Römischen Reich die Herrschenden damals verunsichert und rasend gemacht. In den sogenannten Märtyrerakten der Alten Kirche oder in den Beschreibungen römischer Historiker wird das oft berichtet. Es wird berichtet, wie entsetzt die Herrschenden einer Stadt waren, dass Christen lieber in den Tod gingen, als Christus abzuschwören. Dass Christen ihrem Herrn treu blieben, auch wenn sie dafür sterben mussten. Sie waren gewiss, auf alle Fälle in der Gemeinschaft mit Gott zu bleiben. Das machte sie stark. So konnten viele Christen Ungerechtigkeit erdulden. Sie waren unabhängig. Die Autorität der scheinbar allmächtigen Herrscher kam an eine Grenze. Das war den Mächtigen klar. Und gerade darum wollten sie die Christen zwingen, Christus abzuschwören oder zumindest neben Christus auch dem Kaiser zu opfern.

Verfolgung von Glaubenden im 21. JahrhundertUns ist das hier in Europa dieser Tage unverständlich. Eine Schülerin von mir hat einmal gesagt: „Man kann doch nur so tun, als ob man dem Kaiser opfert. Glauben muss ich doch nicht an ihn. Aber dafür sein Leben aufs Spiel zu setzen? Niemals!” Es ist tatsächlich befremdlich, wenn Menschen so fest in ihrem Glauben bleiben, selbst wenn sie mit dem Tod bedroht werden. In anderen Teilen der Welt, ist das leider immer noch Alltag. Es erschüttert mich, wenn ich höre, dass z.B. in Ägypten Anschläge auf Kirchen verübt werden. Und dennoch wenden sich die Christen dort nicht von Christus ab. Es entsetzt mich, davon zu hören, dass Menschen um ihres Glaubens willen getötet oder versklavt werden. Und das im 21. Jahrhundert! Es geschieht, weil viele Menschen es nicht aushalten, wenn andere anders glauben als sie. Es werden ja nicht nur Christen unterdrückt, sondern auch Menschen mit einer anderen Religion. Und ich sehe fasziniert auf die Gläubigen, die sich davon dennoch nicht abbringen lassen, ihrer Religion treu zu bleiben.

Anfechtung gehört zum GlaubensalltagUm seines Glaubens willen von anderen verachtet zu werden, ist schon immer Alltag gewesen. Der Verfasser des ersten Petrusbriefes weist die Gemeinden in Kleinasien darauf hin. Ihr habt eine „lebendige Hoffnung”, so schreibt er. Ihr vertraut auf die Gegenwart Jesu. Ihr seid euch gewiss: Christus begleitet euch. Und da habt ihr recht. Das gibt euch Stärke im Alltag. Das lässt euch fröhlich und zuversichtlich leben. Aber dennoch: Euer Alltag kann auch ganz anders aussehen: bedrohlich. Ganz nüchtern schildert er das. Er nennt das: „Anfechtung”. Und er trifft damit genau das, was ich heute auch erlebe. Durch den Glauben wird das Leben leichter. Das hat Gott versprochen. Und das spüre ich auch immer wieder. Durch den Glauben bekomme ich einen anderen Blick auf mein Leben. Es bekommt ein Ziel: die gute Zukunft in Gottes Nähe. Sie wird kommen. Das macht das Leben hell.

Doch dann kommen Zeiten, die den Glauben ins Wanken bringen. Die einen fragen lassen: Stimmt es wirklich, was ich hoffe? Wenn ich mich bewusst zum Glauben an Christus bekenne, dann habe ich immer wieder eine Phase, in der ich „himmelhoch jauchzend“ durch den Alltag gehe. Aber dieser Zeit folgt meist eine Phase, in der das alles fragwürdig wird. In der ich mich frage: Stimmt denn das, was ich bekenne? Lohnt sich der Glaube an Gott?

Der Schreiber des ersten Petrusbriefs sagt: Solche Zweifel gehören aber zum Glauben an Christus dazu. Sie vertiefen den Glauben. Und so lautet auch die Erfahrung vieler Generationen von Glaubenden. Man muss selbst Antworten finden auf das, was einen im Alltag fordert. In den Gemeinden in Kleinasien, an die dieser Brief geschrieben wurde, waren es keine lebensgefährlichen Auseinandersetzungen wie zu anderen Zeiten und an anderen Orten der frühen Christenheit. Wenn wir den Brief weiterlesen, dann kommen ganz alltägliche Dinge zur Sprache, die auch heute aktuell sind. Ihm geht es darum, wie die christliche Gemeinde als Minderheit in einer ihr gleichgültig bis ablehnend gesonnenen Umgebung bestehen kann. Das Leben von Christen, das nach den Maßstäben Gottes verläuft, wurde schon immer von vielen Zeitgenossen als unmöglich angesehen. Bis heute setzt man sich dem Spott aus, wenn man bestimmte Regeln für sein Leben annimmt. Regeln, die scheinbar nicht in diese Welt passen. Man setzt sich dem mitleidigen Lächeln der anderen aus, wenn man nicht mitmischt in einer Gesellschaft, in der nur der Stärkere zum Zuge kommt oder der, der Geld hat. Wenn man den Schwächeren mitzieht und nicht einfach links liegen lässt. Wenn man nicht das Spiel mitspielt, Halbwahrheiten zu erzählen und damit andere belügt. Dann wird man oft als weltfremd und lebensuntüchtig für diese Welt angesehen.

Christsein ist keine Garantie für gesellschaftliche AnerkennungEs ist Christus, der den Alltag von Christen formt. Wir Christen leben, wie er gelebt hat. Wir begegnen unseren Mitmenschen mit der Liebe, mit der Christus uns liebt. Wir schauen freundlich auf die Menschen. Wir ermöglichen, dass auch sie ihre Gaben entfalten können. Wo Christus unser Leben bestimmt, da sind wir nicht mehr misstrauisch anderen gegenüber. Dann ist uns Hass fremd. Dann stehen wir zu unserem Glauben, ohne die abzuwerten, die anders glauben als wir. Ja, wir sind gespannt, was andere zu sagen haben über ihren Glauben. Wir müssen nicht recht haben um jeden Preis. Wir leiden, wenn andere leiden. Und freuen uns über die Erfolge der anderen.

Ist das zu einfältig? Werden wir so zu Verlierern? Nach den Maßstäben, die heutzutage herrschen, vielleicht. Ich habe oft den Eindruck, dass bei uns nur das Recht des Stärkeren zählt: Dessen, der mehr Geld hat; dessen, der mehr Macht hat; dessen, der sich in den Mittelpunkt zu stellen weiß. Und das auch innerhalb der christlichen Gemeinde. Aber in der lebendigen Hoffnung leben, die Christus wirkt, sieht anders aus. Jesus handelte selbstlos. Ihm ging es allein um den Menschen, dem er Gottes Liebe zeigen wollte. Er heilte 10 Aussätzige, selbst wenn sie ihm das nicht offensichtlich dankten. Er zeigte dadurch: So ist Gott zu uns Menschen. Er schaut darauf, dass wir leben können.

Gott gibt uns heute Kraft für den AlltagAm Sonntag nach Ostern wird der auferstandene Christus neu gefeiert. Es wird bedacht, was Ostern im Alltag bedeutet. Anfechtungen und Widerstände wird es geben. Zweifel und Müdigkeit sind normal auf diesem Weg. Aber wir Christen sind befreit von Druck und Zwang, gefallen zu müssen. Ziel unseres Glaubens ist, dass Gott an uns handelt. Von ihm erhalten wir die Kraft, den Zweifel zu bestehen und Gott zu erleben, auch wenn wir ihn nicht sehen. So gewinnen wir das Gleichgewicht in unserem Leben. So leben wir fröhlich und selbstbewusst. Nicht auf Kosten von anderen. Es ist Gott, der uns in unserem Leben begleitet und Kraft und Sicherheit gibt. – Amen.

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